Kapitel 14
München
Benedikt van Cleef machte sich auf den Weg zur neurologischen Station des Kreiskrankenhauses Bogenhausen. Er fand, innerhalb eines Krankenhauses gab es keine zwei Disziplinen, die weniger miteinander gemein hatten als Neurologie und Pathologie. Und heute musste er beide aufsuchen.
In all den Jahren seiner Tätigkeit als Leiter der Mordkommission hatte er nur wenige Pathologen getroffen, die nicht nach demselben Muster gestrickt waren: verschlossene, vor sich hin murmelnde Typen, die sich mit totem Fleisch auf dem Seziertisch, den Abstrichen im Labor und im Kühlhausambiente der Leichenhalle im Souterrain wohler fühlten als mit lebenden, atmenden Patienten. Doch es gab auch eine Ausnahme: Veronika Granel. Trotz der täglichen Konfrontation mit dem Tod war sie eine einfühlsame Frau geblieben.
Er kannte die schlanke Pathologin mit dem graumelierten kurzen Haar seit vielen Jahren. Nach einer abendlichen Obduktion hatten sie gemeinsam in der Kneipe ein Bier getrunken, und seitdem nannten sie sich beim Vornamen. Er war angetan von der exzellenten Arbeit dieser attraktiven Frau und wusste, dass sie ihn ebenfalls schätzte. Von ihr hatte er vieles über die Gerichtsmedizin erfahren, was in einem Lehrgang der Polizei nicht vermittelt wurde.
Sie glaubte, dass alle Psychotherapeuten überaus zartbesaitete Naturen waren, die der Anblick von Blut abstieß. Und nun war er auf dem Weg zu einem von ihnen, Professor Jörg Kreiler. Auf ihn traf Veronikas These allerdings nicht zu. Er war ein hartgesottener Neurochirurg, in dessen Operationssaal das Blut der Kopfverletzungen traumatisierter Unfallopfer floss. Eine Menge Blut. Kreiler genoss allerdings ebenso einen hervorragenden Ruf als Psychiater.
Veronika Granel hatte heute Morgen angerufen und von einem Anruf Kreilers berichtet. Sie mochte ihn nicht besonders.
„Es ist etwas in seinen Augen … Ich kann es dir nicht erklären, Benedikt. Sei auf der Hut“, hatte sie gesagt.
Auch er fragte sich, welchen Grund Kreiler haben konnte, wegen einer Hypnose-Therapie eine Pathologin zurate zu ziehen? Weil eine teuflische Wendung des Schicksals Anna Gavaldo in eine gequälte, zerstreute Frau verwandelt hatte? Er mochte sie, allerdings war auch ihm aufgefallen, dass sie sich in letzter Zeit seltsam benahm. Und gestern Abend … Vielleicht konnte Kreiler ihr tatsächlich helfen.
Veronika glaubte allerdings nicht, dass er mit ihm nur medizinische Details erörtern wollte, sondern dass er etwas Genaues über die Art und Weise erfahren wollte, wie Annas Schwester gestorben war. Das Bild von ihr – wie sie aufgefunden wurde – war ein übler Belag auf Kreilers Gehirn, das wusste Benedikt. Aber half es ihm herauszufinden, was in der Hypnose real und was eine Fiktion war? Er hatte Max und Anna nie gestattet, den Polizeibericht über Katharinas Folter und Tod zu lesen, ebenso wenig hatte er ihnen damals Einblick in Annas Akte gewährt. Als Anna Wochen später sein Büro betreten hatte, um sich für ihre Rettung persönlich bei ihm zu bedanken, hatte er die Kommentare seiner Kollegen mitbekommen: So eine schöne Frau in den Händen des Psychopathen, der vorher ihre Schwester umgebracht hatte! Schaut euch diese Augen an, dieses lange blonde Haar und diesen Körper!
Anna Gavaldo war damals achtzehn gewesen, klein, zart, temperamentvoll, redselig, blond, eine blauäugige Elfe – bis Nicolas Giacomo Corelli ihr zauberhaftes Wesen zerstört hatte.
Er betrachtete das Schild an der Eingangstür der neurologischen Station 3 D: Die ihr hier eintretet, lasst alle Vernunft fahren. Nur dann bist du die Quelle des Trostes.
Als er ins Sekretariat ging und an das Pult trat, blickte Kreilers Mitarbeiterin auf.
„Sie sind bestimmt Kommissar van Cleef“, flötete sie und richtete den Blick auf die Karte, die er ihr reichte.
Er nickte.
„Professor Kreiler erwartet Sie bereits.“ Sie drückte den Knopf der Sprechanlage. „Kommissar van Cleef ist da.“
„Er möchte hereinkommen, Biggi.“
Sie zeigte auf die holzvertäfelte Tür. „Bitte, Herr Kommissar“, hauchte sie und rollte mit den Augen.
Wow! Bitte, Herr Kommissar! Was drei Worte und ein vielversprechender Augenaufschlag bewirken konnten! Er lächelte sie im Vorbeigehen an.
Drinnen reichte Jörg Kreiler ihm jovial die Hand. „Ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, Herr Kommissar.“
Van Cleef nickte. „Die Worte, draußen auf der Tafel … interessant. Sie werden nichts dagegen haben, wenn ich mich von Berufs wegen nicht daran halte.“
Kreiler warf ihm ein abwartendes Lächeln zu.
„Welche Patienten behandeln Sie hier eigentlich, Professor?“
„Alzheimer im fortgeschrittenen Stadium, arthrosklerotische Senilität, eine Gruppe von Demenzen oder einfacher gesagt, nicht diagnostizierte Verwesung der Seele.“
Van Cleef schmunzelte wider Willen.
„Wir Neurologen nennen es auch den Gemüsegarten“, schob Kreiler nach.
Wirklich feinfühliger Haufen, diese Neurologen, dachte van Cleef.
„Mit anderen Worten: Wir versorgen leere Augen, schlaffe Münder und vollgesabberte Kinne. Fröhlich, immer fröhlich. Die Schwestern nennen die Patienten ‚Schatz’ und ‚Süße’ oder ‚mein Hübscher’. Das oberste Gebot lautet: Redet mit denen, die nie antworten.“
„Ja, ich weiß. Meine Mutter starb vor Jahren an den Folgen von Alzheimer“, sagte van Cleef leise.
„Das tut mir leid. Unglücklicherweise sind wir heute immer noch machtlos gegen diesen Zerfall der Hirnmasse. Vielleicht können wir in einigen Jahren hoffen –“
„Ja, vielleicht“, unterbrach ihn van Cleef. „Sie haben sich mit einer ungewöhnlichen Bitte an mich gewandt, Professor. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie Akteneinsicht, um Frau Gavaldo zu helfen?“
„Richtig. Ich werde sie hypnotisieren. Während der Sitzung werde ich mit Hilfe von gezielten Suggestionen und Trance-Szenarien und Symbolen ihre Einstellungen, ihr Erleben und ihr Verhalten, was die traumatischen Geschehnisse betrifft, umlenken. Deswegen sollte ich erfahren, was damals mit ihr geschehen ist.“
„Ich verstehe. Sie versetzen sie in diesen, äh, Trance-Zustand und erfahren, ob eine gewisse, äh, Persönlichkeitsspaltung vorliegt.“
Kreiler nickte.
„Aber was geschieht, wenn sie Dinge sieht, die sie gar nicht sehen will?“
„Dann wird die Trance behutsam und gründlich zurückgenommen, und Frau Gavaldos Wahrnehmung wird wieder von innen nach außen gelenkt“, antwortete Kreiler.
„Und wie lange dauert so was?“
„In der Regel nur einige Minuten.“
„Sind Sie sicher, dass Sie das Richtige tun? Wird es ihr nicht schaden? Ich meine, sie hat genug durchgemacht. Und diese Akte … Es sind gebündelte Grausamkeiten.“
„Ich kann Sie beruhigen. Im Rahmen meiner ärztlichen Schweigepflicht darf ich Ihnen keine Details über Frau Gavaldos Gesundheits- und Gemütszustand nennen. Aber so viel kann ich Ihnen sagen: Ihr geht es nicht besonders gut. Ich halte die Hypnose für unabdingbar. Wenn ein Therapeut erfahren genug ist und flexibel vorgeht, sprechen die meisten Patienten gut auf Hypnosetechniken an. Und …“ Kreiler blinzelte ihm direkt ins Gesicht, und er musste unwillkürlich an eine Schlange mit spiralförmig sprühenden Augen denken, „… Herr van Cleef, ich bin eine Kapazität auf diesem Gebiet.“
Benedikt wurde es zu bunt. „Sie hätten genauso gut sagen können, dass Sie über gottähnliche Fähigkeiten verfügen“, bemerkte er sarkastisch.
Kreiler musterte ihn kalt. „Gottähnliche Fähigkeiten?“
Van Cleef hielt seinem Blick stand.
„Damit Sie nur einen vagen Hinweis darauf bekommen, Herr Kommissar, wie talentiert jemand sein muss, um ein neurochirurgisches Team zu leiten: Ich bin Facharzt für Neurologie, Psychiatrie, Neurochirurgie und Unfallmedizin. Ich ein ausgebildeter Psychoanalytiker und Psychotherapeut. Ich wurde belobigt von fünf Gesundheitsbehörden in Europa. Also frage ich Sie: Wenn ein Mann in die Kirche geht und auf die Knie fällt und zu Gott betet, dass seine hochschwangere Frau aufgrund eines Autounfalls ihre Babys nicht verliert oder kein akutes Gehirntrauma wegen des postoperativen Schocks davonträgt, was glauben Sie, wen er da anfleht?“
Van Cleef wurde kreidebleich. Er verstand die indirekte Anspielung auf Mathildas Schwangerschaft.
„Also, nur zu, Herr Kommissar! Gehen Sie in die Kirche, zünden Sie eine Kerze an, und mit ein bisschen Glück wird alles gut. Aber wenn Sie dort auf der Suche nach Gott sind, dann war er gerade im Operationssaal Nummer vier. Und er mag es gar nicht, kritisiert zu werden. Sie fragen mich, ob ich gottähnliche Fähigkeiten habe? Ich werde Ihnen etwas sagen: Dort bin ich tatsächlich Gott!“
Meine Güte, diese Weißkitteleitelkeit, dachte Benedikt. Wenn sie in der Mordkommission auch so übertrieben auf ihre Ehre bedacht wären, wären sie wahrscheinlich mehr mit ihren Profilneurosen als mit dem Lösen der Fälle beschäftigt. Wie kam er eigentlich darauf, den Doktor mit einer Schlange zu vergleichen? Weil diese skulpturale Wandleuchte hinter Kreilers Rücken ihn mit ihren vier Farbfeldern in einen seltsamen Zustand versetzte?
„Schon gut“, sagte er, wohlwissend, dass er einen empfindlichen Nerv getroffen hatte. „Ich habe die Akte dabei, kann sie Ihnen aber nicht dalassen. Daher mache ich Ihnen einen Vorschlag. Ich habe noch einen Termin in der Pathologie. Ich wäre in etwa einer Stunde wieder bei Ihnen. Werfen Sie in der Zeit einen Blick hinein. Offene Fragen könnte ich danach mit Ihnen erörtern. Ich muss aber eines klarstellen, Professor Kreiler: Ich stimme nur zu, weil ich bemerkt habe, dass Frau Gavaldo tatsächlich etwas … verwirrt scheint und …“
Kreiler unterbrach ihn. „Vielleicht noch eines zu Ihrer Information, Herr van Cleef. Der Hypnosezustand ist keineswegs etwas Unnatürliches, das nur künstlich herbeigeführt werden kann. Jeder von uns ist sogar recht oft in Hypnose, zum Beispiel jeden Morgen, wenn man sich verschlafen aus dem Bett rollt. Wir befinden uns dann in einem Zustand zwischen Wachbewusstsein und Schlaf. Das Gehirn sendet in diesem Bereich sogenannte Alphawellen aus. Dies ist genau der Zustand, der normalerweise auch unter Hypnose erreicht wird. Im Bereich der Delta- und Thetawellen befinden wir uns im natürlichen Schlaf oder bei sehr geringer Frequenz im Koma. Dieser Bereich kann durch Hypnose nur in sehr seltenen Fällen erreicht werden, da dazu ein extremes Stadium der Tiefenhypnose notwendig ist.“
Van Cleef seufzte.
Kreiler beugte sich ein wenig zu ihm vor. „Vielleicht so viel: Frau Gavaldo kam gestern in meine Praxis und glaubte, ihren Peiniger Jakob gesehen zu haben.“
„Okay, okay, Sie haben mich überzeugt.“ Van Cleef sah sich um, zog einen Stuhl vor Kreilers monströsen Schreibtisch und setzte sich. „Vielleicht sollte ich Ihnen etwas über den Mörder Corelli erzählen“, fragte er versöhnlich.
„Entschuldigung, Herr van Cleef, aber ich möchte mir erst mal ein völlig eigenes, unbefangenes Bild machen. Ich hätte daher gern vorher die Akte studiert.“
Du überheblicher Neuronenklempner, dachte Benedikt. Wenn mir Annas Wohl nicht so wichtig wäre, würde ich dir einen ordentlichen Tritt verpassen.
„Wie Sie meinen“, antwortete er gedehnt. „Ich will keineswegs Ihrem kompetenten Urteil vorgreifen.“
Er ruckte geräuschvoll mit dem Stuhl nach hinten und erhob sich. Gedankenverloren starrte er einen Moment auf die auffällige Wandleuchte.
Kreiler hob die Augenbrauen. „Haben Sie noch etwas auf dem Herzen?“
„Nein, nein“, sagte van Cleef, „es ist Ihre Wandleuchte. Sie hat ein erstaunlich beruhigendes Licht.“
„Es ist eine Spezialanfertigung. Das Licht unterstützt die Hypnosetherapie.“
„Ja, Professor. Alles ist irgendwie programmierbar in Ihrem Metier, besonders der Mensch. Wir sehen uns“, sagte er und warf beim Hinausgehen Kreilers Mitarbeiterin eine flüchtige Grußhand hin, bevor er sich zu Veronika Granel aufmachte.
Als er über den Flur zum Treppenhaus lief, wurde er das Gefühl nicht los, Anna soeben verraten zu haben. Das Gespräch hatte einen faden Beigeschmack hinterlassen. Im Treppenhaus blieb er vor dem Fahrstuhl stehen. Warum traute er Kreiler nicht über den Weg? Weil der Psychiater ihn an eine zischend säuselnde Schlange erinnerte, die ihre Opfer mit rotierenden Pupillen hypnotisierte und sich anschließend einverleibte? Und dann dieses Licht. Ein sinnliches Rot, ein beruhigendes Blau, ein stärkendes Orange. Die mystische Kraft der sprudelnden Farben übertrug sich auf den Betrachter. Eine Schlange greift nur an, wenn sie in Gefahr ist, dachte er.
Mit einem dumpfen Brummen öffnete sich die Fahrstuhltür. Sein Gefühl täuschte ihn eigentlich nie. Auch Kreiler hatte sich während ihres Gesprächs unwohl gefühlt.
Ihm fiel der Kinofilm mit Antonio Banderas ein, den er sich neulich mit Mathi angesehen hatte: Als Orpheus seine Frau aus der Unterwelt zurückbrachte, aus der Hölle, sagte man ihm, er dürfe nicht zu ihr zurückblicken, ganz gleich, was geschehe, doch schließlich konnte er dem Klang der Stimme nicht widerstehen, die seinen Namen rief, so wandte er sich um und verlor sie für immer.
Weg hier!, dachte er, betrat den Fahrstuhl und drückte energisch den Knopf für das Erdgeschoss, wo sich die Pathologie befand.