Kapitel 28
Starnberg
Eine Woche später erwachte Max Gavaldo schweißgebadet aus einem Traum. Im gedämpften Licht des Morgengrauens, das das Schlafzimmer in matte Schatten hüllte, und mit Anna neben sich fühlte er sich wieder wohl.
Er stand auf. In seinem Traum hatte Anna hektisch irgendwelche Figuren und Wörter auf einem rosafarbenen Papierbogen ausradiert. Als er ins Badezimmer ging, gab sie im Schlaf einen Laut von sich, ein leises Grunzen, das auf tiefe Zufriedenheit schließen ließ.
Er stellte sich unter die Dusche und ging im Geist seinen Terminkalender durch: die für zehn Uhr angesetzte Marketingsitzung. Es würde einige Diskussionen über den Biocell-Etat geben, in erster Linie wegen einer neuen Produkteinführung des Herzpräparats Procell in Russland, und danach würde er Katharina von der Schule abholen; Anna hatte am Nachmittag einen Termin bei Jörg Kreiler.
Er überlegte, was noch alles geschehen könnte, und war so in Gedanken versunken, dass er erschrocken zusammenfuhr, als er plötzlich durch die beschlagene Scheibe der Duschkabine Anna erkannte, die mit dem Rücken zu ihm stand.
„Könntest du bitte Katharina wecken? Es ist schon nach sieben“, rief er ihr zu.
Anna antwortete nicht, oder er konnte sie wegen des rauschenden Wassers ohnehin nicht verstehen. Der heiße Wasserstrahl, der auf ihn niederprasselte, fühlte sich so gut an, dass er am liebsten den Rest des Tages darunter verbracht hätte …
Abrupt drehte er die Dusche ab. Anna war verschwunden.
Er trat aus der Kabine und griff mit einer Hand nach einem Handtuch.
„Anna?“
Nichts.
Ein Blick auf seine Armbanduhr auf dem Granitwaschbecken sagte ihm, dass er zwei oder drei Minuten zu spät dran war, also nichts, worüber man sich Sorgen machen musste. Er holte tief Luft, dann ging er ins Kinderzimmer.
„Katharina?“
Das Bett war leer.
„Kleines, wo steckst du? Aufstehen! Wo bist du denn? Wir haben jetzt keine Zeit für Versteckspielen. Wir sind spät dran!“
Als er schließlich das Schlafzimmer betrat, lag
Anna noch immer in ihrem Bett und schlief tief und fest. Neben ihr
lag Katharina, lutschte am Daumen und starrte ihn mit großen
dunklen Augen an.
***
Dieses eine Wort, das immer wieder an ihre Ohren drang, fräste sich durch Annas Träume und ließ sie in sich zusammenfallen, bevor es sie endgültig in den Wachzustand beförderte.
„Katharina … Zwei …“
In der Ferne hörte sie Max’ Stimme. Sie war jetzt wach genug, um festzustellen, dass sie die Decke nach oben gezerrt hatte und ganz erhitzt war, völlig durcheinander und absolut nicht in der Lage, aufzustehen oder sich auch nur zu bewegen. Sie öffnete ein Auge gerade so weit, dass sie Max zwischen ihren vom Schlaf verklebten Wimpern erkennen konnte. Er stand mit einem Handtuch um die Hüften direkt vor ihr.
„Anna? Ich habe geglaubt, du bist im Badezimmer. Ich … Ach, vergiss es.“
„Wo ist Katharina?“
„Sie ist im Bad und putzt sich die Zähne.“
„Komm mal her, leg dich einen Moment zu mir. Ich fühle mich schrecklich.“
Max gab keine Antwort.
„Max …?“
„Anna, dafür ist es zu spät. Möchtest du dich noch ein bisschen ausruhen?“
„Okay“, erwiderte sie, obwohl die einzige Bewegung, die sie zustande brachte, das Schließen des einen Auges war.
„Katharina hat morgen …“
Sie hörte den Rest des Satzes nicht mehr. Die Konturen begannen wieder zu verschwimmen, und erneut umhüllte sie watteweicher Schlaf. Vor dem Fenster des auf der gegenüberliegenden Seite des Flurs liegenden Zimmers baumelte ein Glasprisma. Es war das Fenster, durch das morgens die Sonne als Erstes hereinfiel. Während Anna wieder in Tiefschlaf versank, schien die Sonne durch die Baumwipfel und sandte einen Strahl durch das Prisma, auf dem sich ein kleiner Regenbogen bildete, der auf den Kalender an der gegenüberliegenden Wand fiel, auf den sie eine kleine Geburtstagstorte mit sieben brennenden Kerzen gezeichnet hatte. Diese auf Katharinas bevorstehenden Geburtstag hinweisende Torte war es, was sie als Erstes sah, als sie zwei Stunden später die Augen erneut öffnete.
Sie hielt einen Augenblick den Atem an. Sonne, Ostfenster, das Prisma, der Regenbogen, der genau über der Geburtstagstorte stand, waren der Beweis, dass Gott existierte, dachte sie. Gott hatte offenbar ein persönliches Interesse an ihr.
Der Regenbogen schob sich vorwärts, über den Kalender hinweg, bis er schließlich in ihrem offenen Kleiderschrank verschwand.
Irgendein Geräusch bahnte sich seinen Weg durch den Korridor, von dem sie jedoch nur einen Teil wahrnahm. Oder kam das Geräusch aus dem Schrank?
„Max?“
Nein, Max ist fort, dachte sie. Katharina ist fort. Es ist neun Uhr.
Eine kleine, dunkle Murmel rollte aus dem Schrank auf sie zu.
Murmel, murmel, murmel.
Etwas Graues, Schlangenförmiges kroch heraus. Sie erkannte die alte Frau vom Straßenrand, die ihre Schwester so oft gewarnt hatte. Die Alte setzte sich in ihren alten bodenlangen Röcken und ihrer grauen Wolljacke, die sie mit großen Sicherheitsnadeln zusammenhielt, auf ihr Bett, verdrehte die Augen und flüsterte: „Ich weiß, wer du bist. Er wird auch dich kriegen.“
Anna schlug die Hände vors Gesicht. „Geh weg! Du bist böse, eine Lügnerin.“
Jetzt stieg auch Jakob aus dem Schrank und kam auf sie zu. Sie schaute direkt in seine hinter dunklen Brillengläsern liegenden schwarzen Augen. Auch er setzte sich aufs Bett und lächelte.
Er flüsterte: „Sie kann dich nicht hören, mein Engel. Der Wind übertönt deine Worte.“
Das Gesicht der Alten verzog sich zu einer Fratze mit glühenden Augen. Sie stand auf, schlich wieder zum Schrank und kroch hinein. Plötzlich drehte sie sich noch einmal um.
„Ich komme wieder, Mädchen. Hüte dich vor
Max!“
***
„Anna, beruhige dich doch!“, rief Max und schüttelte sie.
„Ich … Ich habe das niemals geträumt. Es war Katharina, die diese Träume hatte. Die alte Frau am Straßenrand hat immer nur sie angesprochen, niemals mich. Ich kannte sie noch nicht mal. Irgendetwas stimmt nicht. Warum träume ich Dinge, die Katharina geträumt hat? Warum?“, rief sie.
Er fuhr sich mit den Händen durchs Haar. „Anna, ich halte das nicht mehr aus.“
Seine Worte klangen hart und kalt. Sie spürte seine Erschöpfung, und in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass auch Max glaubte, sie fiele allmählich dem Wahnsinn anheim.
„Ich bin nicht wahnsinnig“, blaffte sie ihn an.
„Du bist aber auf dem besten Wege!“, schrie er jetzt. „Ich halte das nicht mehr aus. Das alles ist einfach verrückt, vollkommen verrückt und irre!“
„Und von dir behauptet man, du seist skrupellos, karrierefixiert und machtsüchtig!“
„Wer behauptet das? Dein Hirngespinst von Jakob?“
Anna ballte ihre Fäuste. „Hau ab. Verschwinde. Geh in dein Labor oder vergnüg dich irgendwo!“
Sie starrten sich an.
„Niemals gehe ich wieder in eine solche Klinik, kapiert? Einen anderen Arzt, ja, aber keine Klinik.“
Max spürte plötzlich ihre entsetzliche Angst und ihre Verzweiflung, nicht nur den Boden unter den Füßen, sondern auch ihn zu verlieren.
„Es tut mir leid“, wimmerte sie leise.
Schon wieder war er es, der ein schlechtes Gewissen hatte. „Nein, mir tut es leid, dass ich dich angeschrien habe. Komm, beruhige dich. Ich werde dich in eine andere Klinik bringen. Diese Hypnosesitzungen scheinen dir nicht zu bekommen. Wir werden einen zweiten Arzt konsultieren. Jörg Kreiler ist anscheinend nicht in der Lage, dir zu helfen.“ Er nahm sie in den Arm. „Warum bringst du Katharina nicht für zwei Tage zu Mathi?“, versuchte er sie zu besänftigen. „Sie würde sich freuen, und du könntest dich besser entspannen, während ich in Warschau bin.“
„Es ist immer noch da draußen, Max, und es will mich töten.“
„Es?“
„Ja. Jakob ist tot, das weiß ich. Aber irgendetwas beeinflusst meine Gedankenwelt. Ich weiß nicht, was es ist.“
Max sah sie entsetzt an. „Du hast gar nichts verstanden von dem, was ich gesagt habe. Mein Gott, du bist völlig irre!“
Er nahm seinen Mantel und schlug wenig später
die Haustür hinter sich zu.
***
Am Abend schaute Anna Katharina beim Zeichnen zu. Das Bild zeigte einen großen, schwarzen Schwarm oder ein Spinnennetz. Sie konnte es nicht so genau erkennen und fragte.
„Was malst du denn da, Kleines?“
„Das ist ein böser, sehr böser Wolf.“
„Ein Wolf? Hm … Okay, ein Wolf. Freust du dich auf die kommenden zwei Tage mit Mathi?“
„Ja. Wir gehen Babysachen einkaufen, und ich darf sie aussuchen, hat Mathi gesagt.“
Später im Kinderzimmer plapperte Katharina munter drauflos. „Morgen male ich viele Tierbilder, genauso viele wie Basti. Basti möchte später nicht arbeiten. Lieber wird er Bauer.“
„Dann werden wir unsere Eier bei Basti kaufen“, sagte Anna und gab ihrer Tochter einen Gutenachtkuss.
„Wo ist Papi?“
„Er hat noch eine Besprechung im Büro.“
„Mit dem Computer?“
„Ja, auch.“
„Gute Nacht, Mami.“
Sie betrachtete das kleine Grübchen unter Katharinas linkem Mundwinkel. „Gute Nacht, Kleines.“
Die Ähnlichkeit mit Jakob ist wirklich bemerkenswert, sagte die Stimme in ihrem Kopf.