Kapitel 8
München – Nacht von
Sonntag auf Montag
Für einen Chefarzt der Neurochirurgie und Psychiatrie des Kreiskrankenhauses München-Bogenhausen waren der Dienst und die Visite am Abend normalerweise ein Segen, doch heute Abend sollte sich Jörg Kreiler darin täuschen.
Eine Flut von Anrufen hielt ihn pausenlos auf den Beinen: Eine Hirnblutung, ein Schädelhirntrauma und die Intensivstation meldete einen frischen Apoplex.
Um elf Uhr zog er sich in sein Büro zurück. Er legte sich für einen Moment auf die Couch und starrte an die Decke. Seine Beine fühlten sich wie gelähmt an, sein ganzer Körper war reglos. Er war erschöpft und deprimiert. Warum rackere ich mich auch so ab? Für wen machst du das, Jörg Kreiler?
Er hatte auf der neurochirurgischen Intensivstation die Hirnblutung eines Patienten zwar stoppen können, aber er wusste nicht, ob der zweiundvierzigjährige Mann und Vater von zwei kleinen Kindern die Nacht überleben würde. Er war fachlich versiert, aber manchmal war das nicht genug. Manchmal kamen die Patienten zu spät und manchmal auch er, wie damals bei seiner geliebten Katharina. Ihr Leben hatte er nicht retten können.
Es war nach Mitternacht, als er schließlich die Klinik verlassen konnte.
„Sie rufen mich an. Ich meine, falls Veränderungen eintreten, lassen Sie es mich wissen.“
Die Assistenzärztin nickte. Auch sie war erschöpft. „Wir halten Sie auf dem Laufenden. Sehe ich Sie morgen?“
Er schaute sie an. Sie war hübsch, aber brünett und kräftig. Er stand auf schlanke blonde Frauen, wie Katharina eine gewesen war.
„Nein, ich habe morgen den ganzen Tag in meiner Praxis zu tun. Der Terminkalender ist voll. Bis Mittwoch, Frau Kollegin.“
„Auf Wiedersehen, Herr Professor.“
Als er die Klinik verließ, hatte es aufgehört zu regnen. Am Himmel war ein Streifen mit Sternen zu sehen. Er zitterte vor Erschöpfung, als er vom Parkplatz des Krankenhauses fuhr.
Einige Stunden später schreckte ihn das Telefon von seiner Couch auf. Er schaute auf die Uhr. Fünf Uhr morgens! Am anderen Ende meldete sich Anna, aufgebracht und spürbar erschöpft.
„Anna, beruhige dich. Was ist denn passiert?“
Er schnappte sich eine Packung Marlboro und schob sich eine Zigarette zwischen die Zähne.
Geduldig hörte er zu, wie sie tränenerstickt von dem nächtlichen Vorfall berichtete.
„Komm zurück“, sagte er zärtlich und blies eine Rauchwolke ins Zimmer. „Komm zu mir. Es sieht so aus, als würden die Erinnerungslücken sich allmählich schließen. Du brauchst unbedingt psychologische Betreuung. Weine nicht. Wie schnell kannst du denn in München sein?“ Er hörte ihr einen Moment zu. „Gut, dann ruf mich sofort an, wenn du angekommen bist. Und jetzt trocknest du deine Tränen und nimmst eine Valium-zwanzig. Es sind die kleinen blauen Tabletten, die ich dir vor deiner Abreise verschrieben habe. Danach wirst du ruhiger sein, okay? Und lass morgen Nacht Katharina zwischen euch schlafen. Das wird dir und der Kleinen nicht schaden.“
Wenig später beendete er das Gespräch und legte
den Hörer auf. Er erhob sich, nahm einen tiefen Zug aus seiner
Zigarette und blickte auf die Straße. Die Morgendämmerung begann
sich auf Zehenspitzen in den Tag zu schleichen, im Osten färbte ein
schwacher Lichtstreifen den Himmel.
***
Italien, in derselben
Nacht
Ein Vogel mit schwarzen Schwingen flog dicht über Max’ linke Schulter hinweg. Er schreckte zurück, ging in die Hocke und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren. Das schwere Bündel in seinen Armen entglitt ihm und fiel mit hartem Aufschlag auf den mit Laub übersäten Weg.
Einen Moment lang blieb er geduckt hocken und zuckte zusammen, als der Rabe zurückkehrte. Doch dieses Mal flog der Vogel höher und war schon bald aus seinem Blickfeld verschwunden.
Was hatte es zu bedeuten, dass ein Rabe ihm so nahe kam? Sei vernünftig. Denk keine verrückten Sachen über Vögel. Doch die Furcht erwies sich als hartnäckig, und sein Verstand raste wie eine Billardkugel durch einen Irrgarten entsetzlicher Erinnerungen. Er begann zu zittern und zwang sich, seine Gedanken in logische Bahnen zu lenken. Der Rabe war bloß ein Vogel. Anna hatte ihn wohl schon mit ihrer Wahnvorstellung angesteckt.
Er ließ sich auf den feuchten Boden sinken. Anna … Er konnte immer nur an sie denken und das, was ihn für immer mit seiner Frau verband: ihre gemeinsam verbrachten Jahre mit all den unzähligen Erinnerungen, ihre Liebe, ihre Ehe, Katharinas Geburt. Alles andere hatte er verdrängt. Er wollte nichts über den Psychopathen wissen, der sie vor Jahren in seine Gewalt gebracht hatte, aber vor allem wollte er nicht wissen, was dieses Monster mit ihr angestellt hatte. Doch seit heute Nacht wusste er, dass sie beide noch immer mit Jakobs Schatten lebten …
„Ich habe gedacht, dass mein Erinnerungsvermögen wie ein Puzzle wäre und dass sich ein klares Bild ergäbe, wenn sich die Lücken schließen, aber das ist bis heute nicht geschehen“, hatte Anna gesagt.
Es gab keine reale Gefahr mehr für seine Frau, und doch war ihm in letzter Zeit unbehaglich zumute gewesen. Irgendetwas ging in ihr vor. Wenn er sie auf dieses Gefühl ansprach, wich sie ihm aus und wies ihn zurück. Er konnte sie nicht erreichen. Und heute Nacht hatte Anna Arko, ihren Rottweiler, erschossen, der sich im Garten herumgetrieben hatte. Und sie war überzeugt, dass es dieser Psychopath gewesen war.
Verdammt noch mal, dachte er. Du bist kein kleiner Junge mehr, Max Gavaldo. Du bist fünfunddreißig und ein Mann. Führ dich nicht auf wie ein Kind.
Er sagte sich, dass es die frische morgendliche Herbstbrise war, die ihn frösteln ließ – nicht sein Grauen oder sein Aberglaube. Und auch nicht, dass er erst in der vergangenen Nacht geträumt hatte, ihm wären sämtliche Haare ausgefallen. Er schauderte bei dem Gedanken daran.
Annas Erinnerungsvermögen war zurückgekehrt, und sie versuchte das hier in Italien vor ihm zu verbergen. Manchmal klang ihre Stimme so fremd wie die einer anderen Frau.
Er war blind gewesen und anscheinend immer noch nicht erwachsen genug zu sehen, dass seine Frau den Versuch unternahm, sich mit jenem Teil der Vergangenheit, in dem sie von Jakob in einem dunklen Raum gequält worden war, auseinanderzusetzen. Sie hielt diese Erinnerungen vor ihm zurück, sie versteckte sie wie Alpträume, die im tiefen Schlaf vergraben blieben, um sich zu schützen.
Er schauderte. Ein Käfer krabbelte über die karierte Wolldecke, und ein leichter Blutgeruch drang in seine Nase. Er wischte den Käfer weg, erhob sich, nahm das Bündel wieder auf und ging tiefer in den Wald.
Als Begräbnisplatz für Arko hatte er eine Stelle mit Aussicht im Sinn gehabt. Sein Freund Benedikt van Cleef, Leiter der Mordkommission München, hatte ihm einmal erklärt, dass Mörder ihre Opfer häufig an solchen Stellen vergruben, deshalb hatte er nach einem Ort Ausschau gehalten, den nur er selbst wiederfinden konnte und wo die Kennzeichen Anna nicht sofort ins Auge stechen würden.
An der gewählten Stelle angelangt, legte er den Hund zur Seite und wappnete sich für die nächste Aufgabe, das Graben. Der Boden war hier nicht so hart wie an anderen Stellen im Wald, dennoch fiel es ihm schwer, schließlich war er diese Arbeit nicht gewohnt.
Seine Hände in den Lederhandschuhen waren schweißnass. Er griff nach dem kleinen Spaten. Vom knirschenden Klirren des ersten Stoßes ins Erdreich wurde ihm schwindlig, doch er riss sich zusammen. Er blickte auf die harten Muskeln seiner Arme, seine schlanken Hände, die Füße in den Stiefeln, zwängte seine Kraft in ein Geschirr erinnerter Bewegungen – einstechen, nachtreten, heben und schwingen, einstechen, nachtreten, heben und schwingen. So hatte es ihm sein Vater beigebracht. Schließlich verfiel er in einen von jeglichem Denken losgelösten Rhythmus, einen vertrauten Takt.
Als er Arkos Körper in das ausgehobene Loch bettete und mit Erde bedeckte, weinte er. Er weinte nicht um den Hund, obwohl er ihn gemocht hatte, er weinte um Anna, um die Frau, in die er sich vor Jahren verliebt hatte und die von Tag zu Tag seltsamer wurde.
Als das Grab gefüllt war, sammelte er Blätter und verteilte sie auf der Oberfläche, so dass der Platz mit seiner Umgebung verschmolz. Er trat zurück und betrachtete ihn aus verschiedenen Blickwinkeln. Als er sicher war, dass das Grab auch von Anna nicht gefunden werden konnte – die bestimmt danach suchen würde –, packte er den Spaten weg und ging den Weg zurück.
Eine Stunde später schenkte er sich einen Cognac ein und beobachtete das Feuer im Kamin. Mit seinen Gedanken in der Morgendämmerung zu sitzen erschien ihm irgendwie erträglicher, als ruhig im Bett liegen zu müssen. Immer wieder drängte sich ihm Annas Bild auf, wie sie vor dem Fenster stand und in die Nacht hinausschrie. Er liebte seine Frau, sie war für ihn von unwiderstehlichem Zauber. Seltsam, dass ihm erst heute Morgen auffiel, dass er nur zwei Empfindungen kannte: heiße Sehnsucht und unbändigen Ehrgeiz. Er war ein brillanter Manager mit einem todsicheren Spürsinn für Neuerungen, steckte voller Ehrgeiz und wollte die Welt erobern. Aber nur mit Anna an seiner Seite.
Ich werde ihr sagen, dass sie den Hund getötet hat, dachte er. Und ich werde nicht zulassen, dass sie je wieder sagt: Das Böse lebt mitten unter uns.
Er gestattete sich zum ersten Mal, seine Gedanken der Angelegenheit zuzuwenden, die er die ganze Zeit aus seinem Bewusstsein verdrängt hatte. Er hatte an alles denken wollen, nur an eines nicht – an den Mann, der für Annas desolaten Zustand verantwortlich war und der das alles ausgelöst hatte: Jakob.
Er musste wissen, was dieser Kerl seiner Frau angetan hatte, und am besten sofort. Er griff zum Hörer und wählte die Rufnummer von Benedikt van Cleef, aber am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand. Enttäuscht legte er auf. Wenig später schlief er erschöpft auf der Couch ein.