Kapitel 26
München
Das Hinweisschild Pathologie der Universitätsklinik München schien van Cleef aus dem Nichts entgegenzuspringen. Er trocknete sich das Gesicht mit einem Papierhandtuch ab und eilte durch den Vorraum, wo die Leichen bis zu Bestattung oder Obduktion hinter verschlossenen Stahlfächern in der Kältekammer auf Rollbahren zwischengelagert wurden. An den Fächern steckten farbige Etiketten in Metallschlitzen – rosa Schlitze für weibliche, blaue für männliche Leichen. Er betrat den Obduktionsraum, wo winterliche Temperaturen herrschten. Die Wände waren wie ein altmodisches Schwimmbecken mit hellgrünen Fliesen gekachelt, und in der Luft hing ein undefinierbarer Blutgeruch wie in einer Metzgerei. Unter den Tischen lagen Schläuche, aus denen Wasser auf den gefliesten Boden strömte.
Die Leichen der beiden Männer lagen eingewickelt in weiße Plastikplanen auf einem Tisch in der Mitte des gekachelten Raumes. Auf einem kleinen Tisch daneben lag der Kopf von Andrej Heptna. Niemand blickte auf, als er in der Tür erschien.
O Gott, dachte er, das wird eine verdammt harte Veranstaltung werden. Es war das Knirschen der Knochensäge, das ihn regelmäßig erschauern ließ. Und der Geruch. Und der war heute besonders übel. Neben dem Obduktionstisch standen fünf Studenten, zu denen er sich jetzt gesellte.
Veronika Granel begrüßte sie alle mit einem kurzen Nicken.
„Nun, ich denke, wir sollten mal kurz in die Vergangenheit schauen, um das, was wir hier sehen, besser verstehen zu können“, begann sie. „Noch vor zweihundert Jahren hat es niemanden gestört, Fäkalien in die Flüsse zu leiten und gleichzeitig aus ihnen Trinkwasser zu gewinnen. Fäkaliengruben wurden manchmal jahrzehntelang nicht geleert. Früher dienten die Straßen als Abwasserrinnen für Kot und Urin. Heute bewegen sich die Abwässer unterirdisch. Der Hygieniker Max von Pettenkofer sorgte im neunzehnten Jahrhundert dafür, dass die Münchner Kanalisation mit dem damals besten Portlandzement aus England gebaut wurde. Heute bestehen die Kanalisationssysteme aus unterschiedlichen Materialien. Die dickeren Rohre unter der Straße sind entweder aus Gusseisen oder aus keramischem Material, und die großen Sammelkanäle baut man heute meistens aus Beton oder Stahlbeton.“
Veronika brachte sich vor dem Tisch in Position und zog die Plastikabdeckung von Andrej Heptna. Die Umstehenden zuckten sichtlich zusammen, und drei wandten sich zum Luftholen ab.
Der Körper verströmte einen widerlichen Geruch, als wäre er gerade der Kloake entstiegen.
Veronika räusperte sich und fragte van Cleef, ob es sich bei dem Mann um denselben handelte, den man in der Kanalisation entdeckt hatte.
Van Cleef nickte.
Damit waren die Formalitäten erledigt.
„Vor mir liegt der Körper eines mäßig trainierten, vollschlanken und gut genährten Mannes mittleren Alters“, diktierte Veronika Granel in ihr Aufzeichnungsgerät, wobei ihre Stimme von den kahlen Wänden frostig widerhallte. Das Klicken der Stopptaste des Diktaphons klang wie der letzte Herzschlag aus der Kältekammer des Todes.
„Der Feind des Betonrohrs“, fuhr sie, an die Studenten gewandt, fort, „ist ein kleines Bakterium namens Thiobazillus oxidans. Das hat es früher zwar auch schon gegeben, aber nicht in der Populationsstärke wie heute. Das liegt daran, dass die Abwässer in den vergangenen Jahrzehnten aggressiver geworden sind. Sie enthalten unter anderem mehr Schwefelverbindungen. Das Dilemma ist, dass dieses Bakterium vom Schwefel lebt und dabei fleißig Schwefelsäure ausscheidet. Die wiederum zerfrisst den Beton. Schuld ist allemal der Mensch, der zunehmend mehr Chemie im Haushalt benutzt. Waschmittel zum Beispiel enthalten Schwefel in Form von Sulfat. Außerdem wird auch mehr Fleisch konsumiert. Das bedeutet, dass sich die Bakterien noch rascher vermehren. Kein Wunder also, dass die Rohre heute schneller verrotten.“ Sie hielt einen Moment inne. „Derjenige, der das hier getan hat, hat auch mit unserem Leben gespielt, indem er den Beton gefährdete. Das, was wir hier sehen, ist nicht nur die Zersetzung eines Körpers durch Säure, sondern auch der Befall durch Milliarden von Thiobazillen in einer sehr, sehr hohen Potenz“, sagte sie nachdenklich. „Sie können über die Kanalisation durch den Beton in das Grundwasser dringen.“ Sie wandte sich jetzt an van Cleef. „Du erkennst, was hier für eine Schweinerei begangen wurde. Man hat eine hochprozentige Säure in den Kanal gekippt, die eine Leiche zersetzen sollte. Was meinst du, was geschehen wäre, wenn man den Roboter nicht eingesetzt und diese Leiche sich sozusagen in Säure aufgelöst hätte?“
Van Cleef bestätigte die rhetorische Frage mit einem finsteren Nicken.
An Andrej Heptnas Armen, Knien und Fußgelenken waren tiefe Schürfwunden mit geschwollenen Rändern zu erkennen, die auf eine Fesselung hinwiesen. Vorsichtig versuchte Veronika, die leicht angewinkelten Beine zu bewegen.
„Im Gesicht ist der Gewebedruck noch deutlich zu erkennen, die Augenhöhlen sind deutlich ausgeprägt, die Augäpfel selbst wurden ausgebrannt. In die Wangen sind tiefe Wunden gegraben, die von Fingernägeln stammen. Die Zähne sind korrodiert. Die Nase ist …“, sie beugte sich vor und betrachtete aus nächster Nähe das Gesicht des Mannes, „… trocken und verkrustet.“
Van Cleef drehte sich zur Seite. Er hatte schon viele Leichen gesehen, doch noch niemals eine, die kopflos stundenlang in Säure gelegen hatte. Er musste den Obduktionsraum verlassen. Im Vorraum schob er sich ein Pfefferminzbonbon zwischen die Zähne und rieb sich die Hände, um die Bilder des Grauens aus seinem Kopf zu verbannen. Dann betrat er erneut den Sezierraum.
Veronika hatte inzwischen Nagelproben, soweit sie noch vorhanden waren, entnommen und die Schere zusammen mit den letzten Proben in die Tüte mit den Beweisstücken gesteckt und dem zuständigen Beamten überreicht.
„Mein Gott“, murmelte sie. „Hier war mal wieder einer von der übelsten Sorte am Werk.“
Van Cleef lehnte sich an die Wand und schaute schweigend zu. Er fragte sich, ob Blut, Urin und Kot, die man im Schlafzimmer gefunden hatte, von Andrej oder von seinem Vater stammten.
„Du tust mir leid, Benedikt“, sagte sie und beugte sich wieder über den Tisch, um den Hals zu inspizieren. „Unterhalb des Sternums verläuft eine circa …“, sie nahm das transparente Lineal und hielt es neben die klaffende Wunde, „… vierzig Zentimeter lange, horizontale Schnittwunde. Tiefe der Wunde …“ Sie steckte das Lineal in den Schnitt. „Ein Zentimeter.“ Erneut schaute sie ihn an. „Es ist nicht die Todesursache.“
„Nein?“
„Nein.“
Van Cleef blickte auf seine Schuhe.
Sie trat einen Schritt zurück und forderte einen Assistenten auf, Andrejs Körper umzudrehen. Im Obduktionsraum herrschte absolute Stille.
„Siehst du das?“ Sie schien die Studenten völlig vergessen zu haben und zog einen spitzen Gegenstand aus der Haut.
„Was ist das?“, fragte van Cleef.
„Man hat Nadeln in seinen Körper gesteckt und sie dringelassen.“ Sie warf die Nadel in eine Schale.
„Aber wozu?“
„Keine Ahnung, aber da hat er noch gelebt. In fast allen Einstichlöchern finden sich Blutgerinnsel. Probleme werden uns die Verätzungen bereiten.“
„Weißt du, womit die Wunden verätzt wurden?“
„Wahrscheinlich mit Schwefelsäure. Aus der Industrie, vermute ich. Furchtbares Zeug. Einige Körperteile sind verstümmelt, an denen man ihn hätte identifizieren können. Aber er scheint nur an bestimmten Stellen verätzt worden zu sein.“ Veronika zeigte ihm die Fingerkuppen, dann öffnete sie den Mund des Toten. „Oder hier die Zähne. Sie sind ebenfalls durch die Säure komplett korrodiert. Da ist so gut wie nichts mehr übrig.“
Van Cleef seufzte. „Der Mörder wollte es uns schwermachen.“
„Ich weiß nicht so recht. Sieh dir diese alte Fraktur des Unterschenkels mal an. Wie bei dem Mann, der seit einigen Tagen vermisst wird. Hätte man uns an einer Identifizierung hindern wollen, wäre so etwas Wichtiges nicht übersehen worden.“
Er nickte zustimmend. „Warum dann die Säure?“
„Vielleicht ging der Mörder davon aus, dass die persönliche Identität nach dem Tod sowieso ihren Sinn verliert. So etwas ist bei Ritualmorden nicht ungewöhnlich.“ Veronika streifte ihre Latexhandschuhe ab und warf sie in den Mülleimer. „Ich würde sagen, es handelt sich um Andrej Heptna. Die Spurensicherung hat doch auch dieses Amulett in der Nähe der Leiche gefunden. War da nicht sein Name eingraviert? Und die DNA wird es auch bestätigen. Jetzt muss nur noch die Familie die Leiche identifizieren.“
„Er hat keine Familie mehr.“
„Oh. Gott sei Dank. Dann kannst du ihnen das ersparen. Was ist das für ein Täter, der jemandem die Augen ausbrennt, ihn danach aufschlitzt, den Kopf abhackt und den Körper verätzt?“
„Keine Ahnung. Es wird schwierig sein, ein Täterprofil zu erstellen“, sagte er nachdenklich. „Das ist einfach nur krank.“
„Warum wendest du dich nicht an Robert Hirschau? Vielleicht kann der dir helfen.“
„Das werde ich.“
Der Fotograf legte einen Film in die Kamera, und van Cleef beobachtete, wie der Mann die Schnittverletzungen sorgfältig dokumentierte.
„Sonst noch was, Veronika?“, fragte er.
„Er hat noch gelebt, als man ihm das angetan hat. Das Säurebad hat man ihm später beschert. Da war er schon tot.“
Van Cleef schaute sie entsetzt an. „Er hat noch gelebt?“
„Ja. Und jetzt kennst du auch die Todesursache.“
„Äh …?“
„Gestorben ist er an einem anaphylaktischen Schock. Ein anaphylaktischer Schock führt zu einem lebensbedrohenden Versagen des Herz-Kreislauf-Systems.“
„Er ist nicht am Halsschnitt verblutet?“
„Richtig. Der Schnitt ist nicht tief genug. Man hat die blutenden Wunden dieses Mannes mit Säure überschüttet. Das führte zu einem Herzstillstand aufgrund des Schocks.“
„Grausame Vorstellung“, murmelte van Cleef.
„Ja. Hier ging es dem Mörder darum, sein Opfer ganz und gar zu vernichten. Aber ich habe noch etwas Erfreuliches für dich.“ Sie wandte sich wieder den Studenten zu. „Ein weiteres unverwechselbares Merkmal jeder Person ist in den Zellen des Körpers enthalten: das Erbmolekül, die DNA. Seit den achtziger Jahren vollzog sich eine dramatische Entwicklung im Bereich der forensischen Wissenschaft: Der sogenannte genetische Fingerabdruck revolutionierte die Identifikationsmöglichkeiten. Winzige Spuren von Blut, Speichel oder Sperma reichen jetzt aus, um den genetischen Code eines Täters zu erhalten. Ein spezielles Verfahren isoliert die DNA aus den Zellen. Mit Hilfe bestimmter genetischer Werkzeuge lässt sich das Erbmolekül zerlegen und in Tausende unterschiedlich lange Abschnitte teilen. Diese Fragmente sortieren sich in einem elektrischen Feld nach ihrer Größe. Das sich daraus ergebende Muster ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Diese Methode hat den Forschern ein effektives Werkzeug an die Hand gegeben, einen Verdächtigen zu überführen oder auch seine Unschuld zu beweisen. Mit moderner Technik ist man dem Täter eng auf den Fersen und gewinnt immer häufiger den Wettlauf mit dem Verbrechen. Nun, wir haben hier einmal die DNA des Opfers und …“
Van Cleef hielt die Luft an. „Nein!“
„Doch. Ich bin mir sicher. Wir haben an der Leiche ein Haar gefunden, das eine andere DNA aufweist.“
„Phantastisch. Wann fängst du mit der Obduktion von Michail Heptna an?“
„Nach einer Kaffee- und Zigarettenpause. Reicht dir das?“ Sie ermahnte die Studenten: „Vergessen Sie bitte niemals: Es erfordert intelligente Denkarbeit, der Todesursache auf die Spur zu kommen. In diesem Punkt unterstützen und ergänzen wir Pathologen die kriminalistische Untersuchung der Polizei. Und aus dem Grund habe auch ich Medizin studiert.“
Van Cleef lächelte gequält und verließ den
Obduktionsraum. Er musste von hier verschwinden.
***
Starnberg
Max hatte nachts nicht schlafen können. Anna hatte mit geschlossenen Augen neben ihm gelegen, doch er hatte gespürt, dass sie genauso wenig schlief wie er selbst.
Er wusste, dass sie ein furchtbares Bild von sich selbst vor Augen hatte – ihren eigenen, völlig verdrehten Körper, der von der Decke herabbaumelte. Ja, er hatte in ihr sämtliche frisch vernarbte Wunden wieder aufgerissen, über die sie nicht sprechen wollte. Er hätte ihr genauso gut einen Schlag ins Gesicht verpassen können.
Max rieb sich die Augen. Er würde sie ausschlafen lassen und frühstückte allein mit Katharina. Und später würde er mit Kreiler reden. So konnte das nicht weitergehen.
„Wo ist Mami?“, fragte Katharina neugierig.
„Sie schläft noch. Es geht ihr nicht so gut“, antwortete er.
„Wegen dem Badezimmer? Das war nicht Mami, das war Bobby!“
Max fuhr erschrocken zusammen und sah sie entgeistert an. „Wie …?“ Er stockte, als Katharina einen Schluck Milch nahm und genussvoll ihr Rührei aß.
Doch dann schaute sie ihn an. „Papi?“
„Ja?“
„Du musst nicht böse sein mit Mami. Sie kann nichts dafür. Das war Bobby. Ich habe es gesehen. Er hat es gemacht, als du geschlafen hast.“
Er unternahm einen zweiten Versuch. „Warum macht Bobby so etwas Furchtbares? Ist es wegen Mami?“
Katharina runzelte die Stirn.
„Es ist ganz wichtig, dass Bobby eines versteht“, sagte Max. „Dr. Kreiler versucht Mami zu helfen. Deshalb war sie in der Klinik. Versteht er das?“
„Bobby hilft Mami auch. Er kann sie auch gesund machen.“
„Nein, Kleines, das kann er nicht, und ich kann Mami auch nicht helfen, das kann nur ein Arzt. Und dir kann ich nicht helfen, wenn du nicht mit mir redest.“
Katharina schwieg und stocherte in ihrem Rührei.
„Sprich mit mir, Kleines. Warum schließt du dich in dein Zimmer ein? Ich bin ganz traurig darüber.“
„Es ist wegen Bobby“, sagte sie leise.
„Wieso?“
„Er will nicht, dass du fröhlich bist.“
Da war wieder dieser seltsam traurige Tonfall, der ihm nicht gefiel und ihn immer hellhöriger werden ließ.
„Kleines, du weißt genau, dass das nichts mit Bobby zu tun hat. Das weißt du.“
Katharina nickte.
„Bobby existiert nicht“, sagte er bestimmt.
Sie schüttelte den Kopf. „Das darfst du nicht sagen.“
„Wieso nicht?“
Sie sah ihn seltsam an. „Weil du ihn damit wütend machst.“
„Was soll’s? Dann mache ich ihn eben wütend.“
Katharinas große dunkle Augen schauten ihn verschreckt an.
„Soll er eben rauskommen und mich anbrüllen. Gut, ich will ihn sehen. Wo ist er?“
„Du willst ihn sehen?“
Da war erneut dieser Unterton, diesmal jedoch eine Spur ängstlicher als zuvor.
„Ja!“
Plötzlich huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. „Ich sag’s ihm.“
„Versprochen?“
Sie nickte.
„Dann kann ich bald mit Bobby sprechen?“
„Ja“, sagte sie leise.
„Gut, dann iss jetzt dein Frühstück, Kleines. Wir müssen uns beeilen.“
„Papi? Basti sagt, dass die Hühner im Winter keine Eier legen, weil ihr Eierloch zufriert. Wo hast du die Eier für unser Frühstück her?“
Max lachte laut. Dieser Basti mit seinen Weisheiten, dachte er. Aber es war jetzt eine willkommene Ablenkung.
„Im Hühnerstall frieren die Hühner nicht, Kleines.“
„Dann hat Basti mich angelogen?“
„Nein, Schätzchen. Das hat er vielleicht nicht gewusst. Aber sag ihm einfach, dass Mami nur Eier vom freilaufenden Bauern kauft. Das versteht er.“
Katharina kicherte. „Nicht Hühnern?“
Max lachte. „Nein, sag bitte vom freilaufenden Bauern.“
Katharina nickte verschwörerisch. „Ja, das versteht Basti. Ich hab dich lieb, Papi.“
„Ich dich auch, Kleines.“