52. Beerdigung
Lucy, 43, Sensor Stufe 10
Erykah sang. Während des gesamten Fluges sang sie eine ungewohnte, simple Melodie, getragen von fremden Worten. Es klang afrikanisch. Ein Schlaflied vielleicht, mit unendlich vielen Strophen. Sie klopfte sich dazu leise auf die Schenkel, ab und zu schlug sie mit ihren Fingerknöcheln gegen die blecherne Haut des Helikopters. Es war ein langsames, fast schleppendes Tempo, ein dumpfer Rhythmus. Wir hörten nur Bruchstücke davon, das Lied wurde übertönt von lauten, knatternden Fluggeräuschen. Ich nahm die vereinzelten Töne wie in Trance wahr. Evelyn, die neben mir saß, sah konzentriert aus dem Fenster, um Katyas Leiche in meinen Armen auszublenden. Auch ich versuchte, all das gedanklich von mir fernzuhalten, was eine größere Dichte und Schwere besaß als die Wolken, die wir auf unserem Flug streiften. Fliegen war ein Wunder. Losgelöst von der Erde zu sein. Ich spürte die immensen Kräfte, die für dieses Wunder nötig waren. Die rasende Rotation, mit der sich das schwere Ungetüm gegen die Erdanziehungskraft aufbäumte. Welche Anstrengung doch nötig war, um sich zu erheben.
Der Flug war unruhig, aber kurz. Erykah stimmte ihr Lied zum vierten Mal an, als Marc begann, Pete zu dirigieren: »Siehst du das alte Windrad auf dem Feld da unten links? Dahinter ist ein Hügel. Schau, dass du da runterkommst. Zwischen den Heuschobern.«
Der Landeplatz war in unmittelbarer Nähe von Johnnys einsam gelegenem Haus. Johnny, ein alter Freund von Marc, wartete schon mit seinem Kombi. Seit der gemeinsamen Zeit in Südamerika stand er in Marcs Schuld und hatte versprochen, uns mit seinem Boot nach Kuba zu bringen. Er umarmte Marc, drückte uns die Hand. Er verlor kein Wort über die Leiche oder über die Tatsache, dass wir mit einem Militärhelikopter landeten. Mit vereinten Kräften legten wir Katya in den Fond des Kombis. Ich setzte mich dazu. Marc nahm neben Johnny Platz. Pete, Erykah und Ev drängten sich auf den Rücksitz.
Es war kurz vor acht, als wir Johnnys Haus erreichten. Das einladende kleine Holzhaus lag auf einer Anhöhe mit Blick aufs Meer und besaß nach Süden, zur Seeseite hin, einen großen Garten. Johnny lenkte den Wagen über einen Kiesweg zur anderen Seite des Gebäudes. Von dort aus konnte man den Garten überblicken, der zum Sandstrand hin langsam in eine Dünenlandschaft überging. Als ich aus dem Kombi kletterte, sah ich einen Baum, der am linken Rand des Geländes auf einem kleinen Hügel stand. Er war noch ein wenig höher als der, auf dem das Haus gebaut war, und trotzte dort offensichtlich schon seit Jahrzehnten den Stürmen, die vom Meer her das Land überfielen. Pete beobachtete mich. Dann nahm er Johnny beiseite und wechselte einige Worte mit ihm. Der nickte nur und verschwand. Pete ging zum Wagen, hob Katya vorsichtig heraus und trug sie zu dem Hügel. Wir folgten ihm – ein kleiner, verlorener Trauerzug. Johnny kam mit drei Schaufeln und einem großen, groben Leinenlaken, mit dem wir Katya behutsam zudeckten. Ich wählte den Platz, machte den ersten Spatenstich. Glücklicherweise war die Erde nicht gefroren. Vom Meer her blies ein für Januar relativ milder Wind. Dann gruben wir abwechselnd. Johnny hielt sich fern. Das ging ihn nichts an. Er kehrte ins Haus zurück und kochte Kaffee. Wir mussten bald los.
Als die Erde über Katya den Hügel wieder rundete, zogen sich auch die anderen zurück. Nur ich blieb noch, rückte die Grassoden zurecht, die ich behutsam ausgehoben hatte, und nahm Abschied, soweit man von jemandem Abschied nehmen kann, der in einem ist. Ich setzte mich neben das Grab und begann zu sprechen: »Oh Schwesterchen, Schwesterchen, mein Kirschlein. Zimmerst dir ein neues Haus ohne Fenster, kannst die Sonne nicht aufgehen sehen und den Mond nicht und das Meer nicht rauschen hören, das dir zu Füßen liegt. Wer wird jetzt mit mir sprechen, wenn ich Kummer habe, wer wird mir zuhören? Der Kuckuck hört auf zu rufen, aber ich werde nie aufhören zu rufen.«
Dann erhob ich mich, streichelte die harte Rinde des Baumes und ging zum Haus. Es war kurz vor neun. Jeder nahm seinen Kaffee, dankbar auch die Portion Rühreier, die Johnny vorbereitet hatte. Wir versammelten uns mit Tassen und Tellern im winzigen Wohnzimmer vor dem Fernseher.
»Guten Morgen, meine Damen und Herren. Hier spricht Pamela Mitchum von WCRK aus Washington. Um es vorwegzunehmen: Es ist ein guter Morgen. Die blutigen Ereignisse, die in den letzten sechsunddreißig Stunden unsere Hauptstadt sowie auch einige weitere Teile unseres Landes erschüttert haben, nähern sich ihrem Ende. Wir können nicht umhin, Sie nach einer vom Vizepräsidenten verhängten kurzfristigen Nachrichtensperre nunmehr darüber zu unterrichten, dass unser Präsident, und mit ihm achtzehn Kongressmitglieder, am vorgestrigen Abend um zwanzig Uhr dreißig einem Sprengstoffanschlag der Stadtguerilla zum Opfer gefallen sind. Die darauffolgenden erbitterten Kämpfe um das Weiße Haus konnten die Terroristen für die Dauer von einigen qualvollen Stunden zu ihren Gunsten entscheiden, als sie das Regierungsgebäude besetzt hielten. Kleinere Scharmützel um das Pentagon dauern zur Stunde noch an. Glücklicherweise gelang dem Vizepräsidenten und einem großen Teil des Krisenstabs die Flucht in eine unbekannte Kommandozentrale, von der aus agiert wurde, bis das Militär die Situation unter Kontrolle hatte. Dies ist inzwischen der Fall. Uns wurde mitgeteilt, dass der Angriff der Stadtguerilla und weiterer verbündeter terroristischer Splittergruppen zurückgeschlagen werden konnte. Nichtsdestotrotz werden diese Tage als die ›Schwarzen Tage von Washington‹ in unsere Geschichte eingehen. Wir können jedoch davon ausgehen, dass die öffentliche Ordnung bald umfassend wiederhergestellt sein wird.«
Wie in Trance stand ich aus meinem Sessel auf. Pete sah mich nicht an. Ich war froh, dass er mich nicht ansah. Sein Gesicht war versteinert. Ev schien erleichtert zu sein, dass alles wieder gut war. Sie war so jung.
Fast gleichmütig, als wollte ich nur kurz frischen Kaffee holen, verließ ich das Zimmer. Ich ging in den Garten zum Baum auf dem Hügel, langsam, versunken, mit starrem Blick. Dort setzte ich mich neben das Grab auf die Erde, zog die Beine unter meinen Körper. Ich schaute in den Himmel. Dann betrachtete ich meine Füße. Ich war barfuß. Ich wusste nicht, wieso ich barfuß war.
»Was machst du?«, fragte Katya.
»Ich betrachte meine Füße«, sagte ich. »Siehst du die blauen Adern auf der Innenseite? Sie sehen aus wie Flüsse.«
»Du hast schöne Füße«, sagte Katya.
»Schau mal das Meer. Es hat die gleiche tiefblaue Farbe wie die Adern meiner Füße.« Ich lachte leise. »Vielleicht schwimmen kleine Fische in mir. Oder Aale. Oder Moränen. Hässliche Fische.«
Katya gab keine Antwort.
Ich schaute auf meine Füße. Der linke Fuß zitterte heftig. Ich wusste nicht, warum er das tat. Obwohl es sicher nicht wärmer war als etwa fünf Grad Celsius, war mir nicht kalt.
»Ich will sterben. Alles ist besser als diese … endlose Nacht. Verstehst du, Katya?«
»Es gibt nichts zu verstehen«, sagte Katya.
Ich hob den Kopf und schaute aufs Meer. Das Wasser, das an den Strand rollte, war viel heller als das Wasser weiter draußen. Lapislazuli und Ultramarin. Ich konnte das Meer nicht hören. Dazu war es zu weit weg. Aber ich konnte es sehen. Konnte es riechen. Es roch nach Tang. Und Salz. Gleichmäßig rollten die Wellen in der Ferne heran, bauten sich auf, bis sie brachen und als weiße Gischt auf den Sand geschwemmt wurden, um dann wieder ins Meer zurückzukehren. Ein ewiger Kreislauf.
Ich hörte ein Räuspern.
»Ich bin’s«, sagte Ev neben mir. Ich schaute hoch. Ev sah entspannt aus. Sie setzte sich neben mir ins Gras. Ich schaute aufs Meer.
»Es ist alles wieder gut«, sagte Ev.
Pete, Marc und Erykah kamen aus dem Haus auf uns zu.
»Wir müssen aufbrechen«, sagte Marc.
»Es ist nicht wieder gut«, sagte ich zu Ev. »Die Frau im Fernseher hat gelogen.«
Pete nickte. »Die Nachrichtensperre dauert anscheinend an. Keine Bilder. Nicht ein einziges. Kein gutes Zeichen. Sie wollen die Bevölkerung ruhig halten. Panik vermeiden. Aber im Internet gibt es private Camcorderaufnahmen. Sieht nicht gut aus. Viele Tote.«
»Wir müssen los«, sagte Erykah.
»Ich muss zurück«, sagte ich.
Erykah schüttelte den Kopf. »Du kannst nichts tun. Das wäre Wahnsinn.«
»Schmelzer hat mir mal ein deutsches Gedicht vorgetragen. Von Goethe. Es ging um Geister, die man ruft und nicht wieder loswird«, sagte ich.
»Du kannst nicht zurück, begreif doch! Wie willst du es überhaupt schaffen?«
Pete sah mich an. »Sie schafft es mit mir. Wir nehmen den Helikopter.«
Ich nickte Pete dankbar zu.
Marc zögerte keine zwei Sekunden. Er umarmte Ev. »Du wirst mit Johnny und Erykah per Boot das Land verlassen. Wir sehen uns, wenn Lucy, Pete und ich zurück sind.«
Ev schrie auf und trommelte mit den Fäusten gegen Marcs Brust, gegen seine Schultern. Sie schlug ihn, so fest sie konnte, und schrie und weinte. Marc hielt ihr die Hände fest.
Pete widersprach Marc: »Du gehst mit Erykah und Ev. Sie brauchen dich.«
»Ich habe noch eine Rechnung offen.«
»Wir werden sie für dich begleichen. Das verspreche ich«, sagte Pete.
Marc sah in Evs tränenüberströmtes Gesicht und nickte langsam.
Erykah schaltete sich ein: »Was ist das bloß für ein Schwachsinn! Keiner fährt oder fliegt zurück. Das hat überhaupt keinen Sinn! Warum sind wir nicht gleich dort geblieben und haben uns abknallen lassen? Weil wir überleben wollen!«
»Alles ist anders«, wandte ich ein.
»Nein, ist es nicht! Es war dein Plan, du hast ihn gemacht. Halte dich dran!« Erykah wurde langsam wütend.
»Das stimmt nicht. Nichts stimmt mehr. Ich habe begriffen, dass ich den Plan nicht gemacht habe. Ich bin ein Teil des Plans.«
Ich las in Erykahs Blick, dass sie aufgab. Sie verstand. Sie würde nicht weiter versuchen, mich umzustimmen.
Ich umarmte die drei. Auch Pete verabschiedete sich stumm. Wir winkten Johnny zu, der am Bootsanleger seinen Außenbordmotor überprüfte. Dann gingen wir zum Helikopter.