27. Albträume

Lucy, 43, Sensor Stufe 10

Ich wachte auf. Schweißgebadet. Tränen strömten über mein Gesicht, aus dem Mundwinkel lief mir ein dünner Speichelfaden. Mein Atem ging keuchend, ich bekam kaum Luft. Mit zittrigen Fingern suchte ich nach dem Schalter der Bettlampe. Langsam zog ich die Beine unter der Daunendecke hervor und stellte sie auf den Boden. In gebückter Haltung schleppte ich mich zum Fenster, stützte mich auf der Kommode ab, griff nach meinem Hals, hielt mir den Kopf. Dann schob ich das Fenster, so weit es ging, nach oben. Mir war schwindlig, wurde schwarz vor Augen, die Lippen begannen zu kribbeln. Nach einer Minute zwanghaft ruhigen Durchatmens ging es besser. Ich konnte mich aufrichten, empfand die eiskalte Luft als wohltuend. Nach drei weiteren Minuten war ich einigermaßen bei mir. Ich schloss das Fenster und ging zur Küche. Schon vom Wohnzimmer aus konnte ich sehen, dass dort Licht brannte. Katya saß am Küchentisch und trank. Offensichtlich schon seit einer ganzen Weile. Vor ihr stand eine Flasche Wodka. Ihr Blick war glasig. Als ich hereinkam, blickte sie kurz auf, drehte sich nach hinten zum Schrank, nahm ein weiteres Glas heraus und goss einen zweiten Wodka ein. Sie schob ihn über den Tisch zu mir.

»Du siehst aus, als könntest du auch einen brauchen.«

Ich nahm das Glas und leerte es in einem Zug.

»Noch einen«, sagte ich und setzte mich zu ihr.

Katya goss nach.

»War’s so schlimm?«, fragte sie.

»Es wird immer schlimmer, immer deutlicher.«

»Bei mir auch.«

Wir schwiegen kurz. Dann fragte ich: »Was hast du gesehen?«

»Köpfe. Mit herausgepickten Augen. Abgetrennte Köpfe. Auf Lanzen. Und wieso bist du wach?«

»Rate mal. Ich halte das nicht mehr lange aus …« Als ich nach meinem zweiten Wodka griff, verschüttete ich die Hälfte.

Katya nickte abwesend. »Ich bin auch völlig mit den Nerven runter. Jede Nacht das Gleiche. Es sind keine Träume, ich habe es auch tagsüber. Es überfällt mich ganz plötzlich, ein faulig-metallischer Geschmack auf der Zunge, der Geruch von Kot und Urin, Leichen, die in ihren Exkrementen liegen, der süßliche Gestank der verwesenden Leiber. Es würgt mich, jeder Luftzug, den ich einatme, bringt mich erneut zum Würgen, aber die Luft erreicht nicht die Lunge, als hätte ich Löcher im Kehlkopf, durch die sie wieder ausströmt, es zieht in meinem Hals, und wie bei einer Zwangsneurose beuge ich mich mit dem Kopf zu ihnen, schnuppere an ihrer aschfahlen Haut, streiche mit den Fingern über die wächsernen Gesichtszüge. Dann berühre ich mich selbst, und auch meine Haut ist stumpf und kalt, fühlt sich taub an. Nur an der Unterlippe, da spüre ich, wie mir eine Fliege aus dem Mund kriecht. Oder in ihn hinein, ich weiß nicht.«

Ich goss mir nach, kippte runter. »Was sollen wir bloß machen? Was sollen wir machen?« Ich saß da, schlang die Arme fest um mich und wiegte meinen Oberkörper hin und her.

»Wenn wir es genau wüssten …«, flüsterte Katya.

Ich schaute sie wütend an. »Ich bin mir sicher, ich bin mir todsicher!«

Katya schwieg.

»Wir bringen ihn um«, sagte ich plötzlich ganz ruhig.

Katya schaute die Wand an und kreiste mit ihrem rechten Zeigefinger um den Rand ihres Glases. »Daran habe ich auch schon gedacht. Wir müssen mit Erykah reden. Vielleicht drehen wir beide durch.«

Ich nickte. »Ja, wir müssen mit Erykah reden.«

»Was, wenn sie keine Ahnung hat?«

»Wir werden sehen.«

»Aber wir müssen etwas tun! Nicht wahr, Lucy, wir tun etwas?« Katya war verängstigt, hilflos. Ich war wie ihre große Schwester. Ich musste entscheiden.

»Ja, wir tun etwas«, versprach ich. »Lass uns jetzt wieder ins Bett gehen. Wir brauchen Schlaf.«

Sie weigerte sich, ins Bett zu gehen. Aus Angst, dass es wieder anfing.

Ich kramte eine Schachtel Zigaretten aus der Schublade und zündete mir eine an.

»Ich frage mich, wozu ich jeden Tag durch den Park laufe wie eine Bekloppte, wenn ich doch nicht mit dem Rauchen aufhöre.«

»Die fünf Jahre, die wir noch haben, kannst du locker rauchen. Ich glaube nicht, dass du an den Folgen deiner Nikotinsucht abkratzt. Genauso wenig wie ich. Gib mir auch eine.« Katya lächelte, dankbar, dass ich noch bei ihr blieb. »Ich habe dir nie erzählt, wieso ich im Knast gelandet bin. Und ich war dir immer dankbar, dass du mich nie danach gefragt hast.«

Ich blies nachdenklich den Rauch aus. »Ich werde dich auch jetzt nicht fragen. Oder musst du es unbedingt loswerden?«

Sie schüttelte den Kopf. »Belassen wir’s dabei. Ist mir lieber, du magst mich weiterhin.«

»Wie kommst du darauf, dass ich dich mag?« Ich versuchte ein Grinsen.

»Pass auf, ich erzähle dir jetzt eine Geschichte. Auch ich bin in einem katholischen Haushalt aufgewachsen. Mit der Praxis war es allerdings bei uns weniger weit her als mit der Theorie. Wenn meine Großmutter nicht gewesen wäre …«

»Ah, die sagenumwobene litauische Gräfin!«

»Von ihr habe ich mein spezielles Verständnis für Religion. Ein bisschen Katholizismus, aufgeweicht durch eine gehörige Prise Weltoffenheit und gewürzt mit litauischer Naturverbundenheit.«

»Und wie stellt sich diese Mixtur dar?«, fragte ich.

»Wenn ich sterbe, musst du mich litauisch beerdigen. Weißt du, wie du das machen musst?«

»Keine Ahnung, aber ich fürchte, du wirst es mir jetzt erklären.«

»Ich habe dir mal erzählt, dass die Seele einer litauischen Frau in einen Baum oder einen Vogel wandert, die Seele einer bösen Frau in eine Eule. Wohin die Seelen der Männer wandern, habe ich vergessen. Bestimmt in Schweine oder Esel oder so was. Egal. Bevor es so weit ist, muss die Leiche der Frau aufgebahrt werden, etwa drei Tage. Sie trägt ihre Hochzeitskleidung. Falls vorhanden. Kannste bei mir vergessen, das wird nix mehr … Also, die Seele hat den Körper zwar schon verlassen, bleibt aber noch im Haus, bis auch der Körper das Haus verlässt. Man muss deshalb sehr ehrerbietig und leise sein während dieser drei Tage. Die Körper wurden früher verbrannt, inzwischen gibt es aber auch Erdbestattungen. In den drei Tagen wird gesungen und gebetet, natürlich ist die Totenklage reine Weibersache. Hör zu, ein Auszug aus der Klage um die Mutter.«

Sie schloss die Augen, versuchte sich offenbar an die Stimme ihrer Großmutter zu erinnern: »O Mütterchen, Kirschlein, o mein Mütterchen, du Wandrerin. O, mein Mütterchen baut eine Heimat aus weißen Brettlein, ohne Glas die Fensterchen, ohne Tür. Du wirst die aufgehende Sonne nicht sehen und nicht ihren Untergang. Wer wird jetzt so lieb mit mir sprechen, wer so lieb mich belehren? Mütterchen, wer wird mich schützen, wenn ich klage? Der Waldkuckuck wird aufhören zu rufen, aber ich werde nie aufhören zu rufen.«

Sie öffnete die Augen wieder und machte eine Pause.

Ich war bewegt von der einfachen Schönheit dieser Sätze, von der Liebe, die sie ausdrückten.

Sie sprach weiter: »Bei den Totenklagen werden alle guten Taten der Verstorbenen gepriesen. Das würde bei mir relativ schnell gehen. Man bittet die Toten, die Familie weiterhin zu besuchen, um sie zu beschützen. Tatsächlich besucht eine verstorbene Litauerin ihre Familie auch regelmäßig, und zwar in den Ferien. Süß, nicht wahr? Deshalb wird zu Beginn der Ferien immer das ganze Haus geputzt, denn die Toten sollen es hübsch haben. Wenn man sie nicht respektvoll behandelt, sind sie nämlich in der Lage, immenses Unheil über die Familie zu bringen – wie beispielsweise Unfruchtbarkeit. An Weihnachten kommen die Geister übrigens auch zu Besuch. Deswegen gehen Litauer an Weihnachten nie sehr weit weg von ihrem Haus. Sie haben Angst, feindlichen Geistern zu begegnen. Apropos Weihnachten! Am Heiligabend wurde bei uns immer der Tisch mit Heu bedeckt. Nach dem fleischlosen Essen, zu dem auch Nachbarn geladen wurden, zog jeder unter der Tischdecke einen Heustängel hervor, um die Zukunft vorherzusagen. Ein langer Stiel bedeutete langes Leben, ein ganz kurzer besagte, dass diese Person nächstes Jahr nicht mehr mit am Tisch sitzen würde.«

»Interessante Methode«, fand ich. »Aber die Fehlerquote muss ziemlich hoch gewesen sein, oder?«

»Sei nicht so schrecklich statistisch, Lucy, hier geht es um Spiritualität!«, tadelte sie mich. »Doch zurück zu den Beerdigungen. Die folgende Geschichte wird dir besser gefallen: Ganz früher, wenn ein Mann gestorben war, vorzugsweise ein wohlhabender Mann, dann wurde all seine Habe vom Haus weg Richtung Feuerbestattungsstelle in mehreren kleinen Haufen ins Freie gelegt, und zwar in größeren Abständen voneinander. Der größte und wertvollste Haufen befand sich vor seinem Haus. Wenn der Kerl nun eingeäschert war, dann stürzten sich alle Männer auf ihre Pferde und galoppierten zu seinem Haus. Wer zuerst an einem Haufen angelangt war, durfte die Sachen behalten. Deswegen waren schnelle Pferde bei litauischen Beerdigungen früher sehr beliebt.«

»Hübsch«, kommentierte ich trocken. »Aber wir sollten trotzdem nicht so viel von Beerdigungen reden. Mir ist eh schon reichlich düster zumute.«

Sie nickte und goss noch zwei Wodka ein.