45. Auf der Flucht

Marc, 32, Aussteiger

Der Wagen schlingerte kaum merklich. Die Fahrbahn war durch den Regen glitschig geworden. Mit jedem Block, den wir zwischen uns und das Weiße Haus brachten, wurde der Regen stärker und stärker, bis sich in einem Wolkenbruch alle Schleusen öffneten. Als würden tonnenweise Nägel vom Himmel geschüttelt, prasselten die Wassertropfen hart und metallisch auf das Chassis des Lieferwagens, liefen in Sturzbächen Scheiben und Seitenwände herunter, um sich dann auf die Fahrbahn zu ergießen. Die Geräuschkulisse, die uns umflutete, besaß etwas Gespenstisches. Ich warf einen kurzen Blick nach hinten auf die Frauen. Sie kauerten frierend unter Decken und in Schlafsäcken, versuchten mühsam, in den Kurven das Gleichgewicht zu halten. Sie sprachen nicht, sie schauten sich nicht an. Sie starrten vor sich hin, jede für sich. Ev schlang meinen Parka um ihren zitternden Körper.

Ich schlängelte den Wagen konzentriert durch den abendlichen Verkehr. Es ging flüssig voran, nur einige rote Ampeln unterbrachen für kurze Zeit die Fahrt. Mit Sirenengeheul und Blaulicht rasten Rettungsfahrzeuge in entgegengesetzter Richtung an uns vorbei. Ich wollte zügig vorwärtskommen, aus der Stadt heraus, allerdings nicht so schnell fahren, dass wir Aufsehen erregten. Dennoch ging es um Minuten. Sicher würden die Straßensperren bald errichtet sein. Ich beugte mich nach vorne, klebte mit der Nase fast an der Windschutzscheibe, um vergebens die durch das Wetter verminderte Sicht auszugleichen. Je weiter wir kamen, desto leiser wurde das Gejaule der Sirenen. Bald waren nur noch der helle Lärm des Regens, das Brummen des Motors, das gelegentliche leise Klicken des Blinkers und die gleichmäßig hin- und herschrubbenden Scheibenwischer zu hören. Die Geräusche der anderen Fahrzeuge, deren Scheinwerfer sich ihren Weg durch den Wolkenbruch bahnten, wurden fast vollständig verschluckt. Nur wenn unser Lieferwagen von einer schnelleren Limousine überholt wurde, schnitt ein nasses ›Wusch‹ durch den Wind, und Spritzwasser klatschte gegen die Karosserie.

Petes Handy klingelte.

»Geh nicht ran«, sagte ich bestimmt. Pete schaute mich wütend an, nahm den Anruf entgegen und schaltete auf Lautsprecher, damit wir alle mitbekamen, was wir angerichtet hatten.

Wir hörten eine heftig atmende Stimme, die hastige Wortfetzen aus der Kehle keuchte und krächzte: »Hey, Pete, hier Frank. Wo steckst du, verdammt noch mal? Was ist überhaupt los? Der ganze Saal ist in die Luft geflogen, hier liegen überall Leichen rum! Wieso hast du mich zum Tor geschickt?«

»Halt die Luft an, Frank. Ist March bei dir?«

»Ja. Er steht hier neben mir. Und wo bist du?«

»Unterwegs. Gib mir March!«

March klang etwas gepresst, aber immer noch kontrolliert: »Wo sind Sie, Pete? Schaffen Sie sofort Ihren Arsch hierher!«

»Das geht nicht, March. Wie sieht’s bei Ihnen aus? Kann ich einen kurzen Lagebericht haben?«

Eine unglaubliche Kakophonie drang durch den Hörer – das Geprassel des Regens, das Pfeifen des Windes, Sirenen, Schreie, Kommandos, Gehupe. Auch March sprach nun weitaus lauter und nicht mehr ganz so kühl und unbeteiligt wie gewöhnlich: »Sie wissen sehr gut, wie es hier aussieht. Ich schätze, dass Ihre Freundin Lucy daran beteiligt ist. Und die anderen beiden auch. Wieso haben die keinen Alarm gegeben? Alle, die im Saal waren, sind jetzt Hackfleisch. Hier herrscht das reinste Chaos. Was haben Sie damit zu tun, Himmelherrgott noch mal? Sind die Sensoren bei Ihnen?«

»Hören Sie mir zu, March, ich hatte keine Ahnung! Ich weiß immer noch nicht, was genau passiert ist. Aber ich werde es bald wissen, darauf können Sie Gift nehmen. Dann melde ich mich.«

»Wenn Sie es nicht gewusst haben, wie konnten Sie dann Frank und mich warnen?«

»Lucy hat mir aufgetragen, das zu tun. Warum hätte ich so eine Scheiße inszenieren sollen? Wir hatten ganz andere Pläne!«

»Die sind jetzt überflüssig. Ich glaube nicht, dass die Sendung unter diesen Umständen ausgestrahlt wird. Wir haben im Moment andere Sorgen.« March machte eine Pause, redete offensichtlich mit einem anderen. Dann schrie er: »Die drei Weiber gehören auf den elektrischen Stuhl, und da werden sie auch landen!« Nach einer weiteren kurzen Pause fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu: »Nach den Sensoren ist gerade eine Fahndung raus. Die Straßensperren sind in wenigen Minuten errichtet. Flughäfen und Bahnhöfe werden überwacht. Die Fahndung nach Ihnen, Pete, habe ich bislang zurückgehalten. Das kann ich in diesem Chaos noch ein paar … verdammt, was ist –«

Wir hörten einen Aufschrei, ein Pfeifen, noch eines, ein dumpfes Knallen, dann ein ohrenbetäubendes Krachen.

»Pete, hier wird geschossen. Später –«

Die Verbindung brach ab. Pete klappte sein Handy zusammen. Er legte es auf das Armaturenbrett, zog langsam seine Luger aus dem Halfter, betrachtete sie interessiert, als sähe er sie zum ersten Mal. Dann drückte er mir die Mündung an die Schläfe. Ich ließ die Augen nicht von der Straße.

»Marc«, begann Pete mit betont sanfter Stimme. »Du hast mich reingelegt, benutzt, verarscht. Deine alten Freunde sind am Werk, nicht wahr? Was haben sie vor? Los, red schon!«

»Ich habe keine Ahnung. Ich habe die Finger drin, ja. Wegen Ev. Aber was genau passiert ist, weiß ich ebenso wenig wie du. Erschieß mich oder warte, bis wir aus der Stadt raus sind. Dann können wir reden. Und du kannst entscheiden, was du machen willst.«

Pete ließ die Waffe sinken und steckte sie wieder ein. »Dann leg mal einen Zahn zu, es wird langsam eng.« Schweigend fuhren wir weiter.