36. Neuigkeiten
Josh Boyle, 22, Terrorist
Vernehmungsprotokoll PS-OK 343/M1: Conrad hatte mich mal wieder den ganzen Tag herumgescheucht, damit ich ihm Kippen, Getränke und sonst was besorgte. Er behandelte mich immer wie einen Laufburschen. Deswegen war ich an diesem Abend auch anwesend. Conrad hing auf einem widerlich-altrosa Sofa und rauchte eine Kippe – was natürlich verboten war, worum er sich aber einen Dreck scherte. Seit er aus dieser verlausten Bude in New York, die er vor einiger Zeit Marc als angebliches neues Hauptquartier der Stadtguerilla vorgestellt hatte, ausgezogen war, fühlte er sich anscheinend wie ein Obermacker vom Establishment. Er sah auch fast so aus. Selbst im Ambiente dieses bekackt vornehmen Washingtoner Hotels wirkte er nicht deplatziert. Die Tarnung des heruntergekommenen Arbeitslosen im ölverschmierten Overall hatte er gegen das Outfit des erfolgreichen Geschäftsmannes mit Laptop im Metallköfferchen eingetauscht. Stand ihm gut. Er sah zwar uncool, aber verdammt erfolgreich aus. Das war er auch. Durch den jüngsten Zusammenschluss mehrerer terroristischer Splittergruppen unter seinem Kommando waren Größe und Durchschlagskraft seiner Organisation mehr als versechsfacht worden. Auch die finanzielle Rückendeckung reichte endlich an die Größenordnung seiner Pläne heran. Das untrügliche Gefühl, kurz vor dem entscheidenden Wendepunkt in seiner Karriere eine Handbreit von der Emanation seiner Macht entfernt zu sein, bereitete ihm offenbar eine Art körperlicher Lust. Ich hatte den Eindruck, es machte ihn geil. Er wollte es allen zeigen. Den beschissenen Zombies von Durchschnittsbürgern, deren höchstes Glück darin bestand, Chips fressend vor der Glotze zu verfaulen. Den arroganten Wichsern von der Regierung, die annahmen, sie wären die einzigen Egoisten mit ausreichend Intellekt und Skrupellosigkeit, um die Lemminge über die Klippe hüpfen zu lassen. Und Marc wollte er es zeigen, diesem moralisierenden Weichei, der ihn enttäuscht und verraten hatte. Ihm am allermeisten. Einmal hatte er zu mir gesagt, wenn er erst an der Macht wäre, würde er ihn zu sich kommen lassen. Sich mit ihm versöhnen, ihn in die Arme schließen, ihm den Bruderkuss geben und ihm dann die Hände abhacken und die Beine brechen lassen. In unerträglicher Erwartung dieses großen Moments saß er auf dem Sofa, scharrte ungeduldig mit den Beinen und hinterließ auf dem rosa Polster schwarze, schmutzige Streifen mit seinen Stiefeln. Reflexartig zog er sie aus und grinste. Er gestand uns halb amüsiert, halb ärgerlich, wie tief doch alte, durch Zuckerbrot und Peitsche eingebrannte Erziehungsmuster im Unterbewusstsein wurzelten. Er, verantwortlich für den gewaltsamen Tod Hunderter Menschen, fühlte sich beim beschuhten Herumlümmeln auf einer billigen Chippendale-Fälschung von den strafenden Blicken seines längst verstorbenen Vaters ertappt. Wie lächerlich.
»So ist es bequemer. Ich hoffe, du erträgst den Gestank meiner Socken, Alter«, sagte er zu seinem Gegenüber.
»Kein Problem«, erwiderte der Besucher grinsend. »Aber zur Sache: Die Wohnung ist angemietet. Du kannst, wenn du willst, morgen in deine neue Luxushütte einziehen. War kein Problem. Als die Oma hörte, dass ihr neuer Mieter für die Regierung arbeitet, war sie begeistert.«
»Gut«, sagte Conrad knapp.
Eine schnelle und erfolgreiche Erledigung seiner Aufträge bedurfte keiner lobenden Erwähnung, sondern war selbstverständlich. »Und was gibt es Neues von Marc und der Rattenfront?«
Sein Gast warf einige Fotos auf den Tisch, die mit einer digitalen Infrarotkamera aufgenommen worden waren. Sie zeigten Pete Fowler und Evelyn Karner beim Betreten einer Bar in der vorangegangenen Nacht. Er nahm die Fotos und betrachtete sie eingehend.
»Ich habe sie nie gesehen. Aber es passt nur so zusammen: Das Girlie muss seine Stiefschwester sein. Marc war damals völlig fertig, als die Kleine in den Knast kam. Dass die jetzt bei den Ratten gelandet ist, kann kein Zufall vor. Hast du darüber schon was in Erfahrung gebracht?«
»Nein. Ich habe null Ansatzpunkte, um das Gespräch auf die Neue zu bringen. Das wäre zu auffällig. Woher sollte ich was über sie wissen?«
»Ja, schon gut. Gibt es sonst noch etwas?«
»Alles ziemlich heikel. Ich konnte noch nichts über die Verbindung von Marc zu diesem Secret-Service-Mann herauskriegen. Marc ist bislang ein Tabuthema. Gar nicht existent. Aber irgendwas läuft, das ist sicher. Dieses Rattenseminar sieht zwar nach außen hin unauffällig aus, aber ich bin mir ganz sicher, dass was dahintersteckt.«
»Ein paar Fakten wären nicht schlecht, mein Lieber«, wies Conrad seinen Spitzel zurecht.
»Kommt noch. Das wird dir gefallen: Wenn das Rattenseminar vorbei ist, also übermorgen, sollten die Weiber eigentlich zurück in dieses ominöse Lager …«
»… von dem wir ebenfalls noch immer nichts Genaues wissen«, unterbrach Conrad sauer.
»Jetzt hör mir doch mal zu! Die hochrangigen Ratten bleiben alle in Washington!«
Nun war Conrads Aufmerksamkeit geweckt.
»Es ist irgendein Politikertreffen geplant. Mitte Januar wird der Präsident mit einigen wichtigen Mitgliedern der Regierung hier in Washington konferieren. Die Ratten sollen dieses Meeting absichern. Scheint supergeheim zu sein …«
Conrad pfiff leise durch die Zähne. Endlich mal was Interessantes. Großmütig lächelnd, wandte er sich seinem Gast zu. Der Junge war ihm plötzlich wichtig. Der Wichtigste im Moment. Denn er war dran. Verdammt dicht dran. Als Einziger.
»Gut gemacht, Nicolas. Weiter so«, lobte er ihn.