47. Klärungsbedarf

Pete, 36, Geheimagent

Wir hatten den Whitehurst Freeway hinter uns gelassen, den Potomac über die Francis Scott Key Bridge überquert. Marc verringerte das Tempo, rollte langsam auf die Straßensperre zu. Die Jungs waren noch im Aufbau begriffen, zogen gerade drei Schranken quer über die Fahrbahn. Ein Streifenbulle schwenkte die Kelle, auf der in digitaler Leuchtschrift das Stopp aufblinkte. Zwei Polizeiwagen versperrten zusätzlich die Auffahrt zum Lee Highway. Marc ließ die Fensterscheibe herab und grüßte. Ein junger, trotz Ölzeug tropfnasser Polizist trat ihm entgegen. »Sie dürfen die Stadt leider nicht verlassen. Es hat einen Großalarm gegeben. Bitte fahren Sie zurück und bleiben –«

Ich beugte mich über Marc und reichte meinen Ausweis durch. »Lassen Sie uns durch, und zwar schnell. Sondereinsatz, wir haben es verdammt eilig!«

Der Polizist schaute ratlos auf meinen Ausweis, leuchtete mit seiner Stablampe in mein Gesicht und ging zu einem seiner Kollegen, mit dem er einige Worte wechselte. Der nahm den Ausweis, setzte sich in einen der Polizeiwagen und gab die Daten in seinen Computer ein. Das Ganze dauerte nicht mal zwei Minuten, dann kam der Jüngere wieder und gab mir meine Papiere zurück. »Okay, fahren Sie. Eine Scheißnacht, nicht wahr?«

»Das kann man wohl sagen«, erwiderte ich. Doch Marc fuhr die Scheibe schon wieder hoch und manövrierte den Lieferwagen durch die von den Polizisten geöffneten Schranken. Die erste Hürde war genommen. Wir waren raus aus der Stadt, raus aus dem Distrikt Maryland.

Es dauerte nicht einmal zwei Stunden, bis wir in der Nähe von Woodstock ankamen. Marc fuhr nun langsamer, denn die Straßen waren durch überfrierende Nässe glatt geworden. Wir hatten den Highway längst verlassen, bewegten uns auf wenig befahrenen Routen. Seit der Straßensperre hatte ich kein Wort gesprochen. Ich sah auch nicht nach hinten zu den Frauen, die sich absolut still verhielten. Ich hatte genug damit zu tun, meine Fassung und den Überblick wiederzuerlangen. Erst jetzt, wo wir in die Ruhe der North Mountains eintauchten, konnte ich langsam wieder einigermaßen kontrolliert denken. Ich forderte Marc barsch auf, in den nächsten Waldweg einzubiegen. Nach etwa zwei Kilometern fand er eine Abzweigung. Wir holperten ein paar hundert Meter zwischen riesigen Tannen, dann tat sich eine freie Fläche auf, in deren dunkler Weite sich das Licht unserer Scheinwerfer verlor. Marc schaltete Motor und Licht aus, kletterte aus dem Wagen, ging um ihn herum und öffnete die Seitentür. Ich hatte mir direkt nach dem Aussteigen eine Zigarette angezündet und stand mit dem Rücken zu Lucy und den anderen, die mit steifen Gliedern aus dem Blechkasten kletterten. Ev fiel Marc in die Arme und knutschte ihn glücklich ab. Katya fluchte ein wenig und lief ein paar Meter zum Waldrand, um hinter einem Baum zu pinkeln. Erykah vertrat sich die Beine, ging ruhelos auf und ab. Lucy trat schweigend neben mich. Ich ignorierte sie. Nach einer Weile fragte sie mich nach einer Zigarette. Ihre Stimme klang brüchig. Ich hielt ihr die Schachtel und das Feuerzeug hin, sah sie aber nicht an. Lucy inhalierte tief den Rauch und schaute zum Himmel. Es hatte vor etwa einer Stunde aufgehört zu regnen. Vereinzelte Sterne glitzerten zwischen den schnell dahinjagenden Wolken.

»Die kalte Gleichgültigkeit des Universums«, flüsterte sie.

Ich gab keine Antwort.

»Es war so nicht geplant«, fügte sie nach einem weiteren Zug an ihrer Zigarette hinzu.

»Ach was«, entgegnete ich mit einer Mischung aus Spott und Aggression. »Wie war es denn geplant?«

»Der Präsident. Nur der Präsident.« Ihre Stimme zitterte vor Angst und Schuld. Abrupt wandte ich mich zu ihr um, griff mit beiden Händen nach ihren Schultern und schüttelte sie wütend. »Wieso, verdammt noch mal? Was hast du dir dabei gedacht? Ich sollte dich schlagen! Erschießen sollte ich euch! Euch alle!«

»Dann tu’s doch!«, schrie sie zurück und begann zu weinen.

Marc schob Ev sanft von sich und trat zu uns. Er griff nach meinem Oberarm, um mich von Lucy wegzuzerren. Ich schnellte herum und versetzte ihm einen harten Schlag aufs Kinn, sodass er zu Boden ging. Ev stürzte zu ihm, doch Marc rappelte sich schon wieder hoch. Ich stand da, wartete begierig auf das geringste Anzeichen von Marcs Gegenwehr, um endlich Dampf abzulassen. Ich war blind vor Wut und Enttäuschung.

»Da drüben ist eine alte Scheune. Hat jemand eine Taschenlampe?«, rief Erykah dazwischen. Marc, der mir gegenüberstand und seinen Impuls zurückzuschlagen erbittert niederkämpfte, entspannte sich.

»Lass uns in die Scheune gehen, Pete. Die Frauen frieren, es geht ein Scheißwind hier. Lass uns reden, verdammt.«

Ich drehte mich um und stapfte zur Scheune, die Fäuste noch immer geballt. Marc ging zum Wagen, nahm eine Thermoskanne aus dem Handschuhfach und eine Taschenlampe und leuchtete durchs Dunkel. Die Scheune war knappe fünfzehn Meter entfernt, ihr Äußeres stark verwittert, die Holzlatten des Tores von unten her angefault. Doch drinnen war es trocken und windgeschützt. Marc legte seine Lampe auf den Querpfeiler eines Stützbalkens, sodass der Lichtkegel einen großen Teil des Raumes erfasste. Sie setzten sich in einer Ecke auf die dort gestapelten Strohballen. Ich blieb stehen. Katya reichte Zigaretten herum, Marc die Thermoskanne mit dem immerhin noch lauwarmen Kaffee.

»Ich höre«, sagte ich knapp.

Lucy stand auf. Ihr Gesicht war verschlossen, die Züge versteinert, die Haltung verkrampft. Ihre Augen schwammen in Tränen. Sie ging hinaus. Ich rief ihr sauer hinterher: »Hey, ich wollte etwas von dir hören!« Doch die Tür schlug mit einem dumpfen Klappern hinter ihr zu.

»Lass sie in Ruhe, Pete«, mischte sich Katya ein. »Kannst du dir nicht vorstellen, wie sie sich fühlt? Sie weiß genau, was sie dir angetan hat. Glaubst du, es macht ihr Spaß? Du bist ein Idiot!«

»Dann erklär du mir doch bitte schön, was genau ihr mir angetan habt! Und vor allen Dingen, was ihr all den anderen angetan habt, die jetzt pulverisiert im Kleinen Sitzungssaal liegen.«

»Ich mache es kurz.« Katya schien die Ruhe selbst, obwohl auch sie von den Ereignissen garantiert mitgenommen war. »Lucy, Erykah und ich verspürten die letzten Monate einen ständig sich verstärkenden Alarm, der zuerst nicht zu differenzieren war. Schließlich wurde uns klar, dass die Gefahr, die sich uns auf einer breiten Basis darstellte, vom Präsidenten ausging. Pete, du weißt sehr wohl, dass das keine Hirngespinste sind. Schließlich hast du Kenntnis von der ›Endlösung‹, aber du hast keinen Schimmer, wie die Auswirkungen davon sein werden. Gewesen wären. Wir ja. Wir haben sie gesehen. Gefühlt. Gerochen. Gespürt. Jedenfalls –«

»Moment mal«, unterbrach ich. »Woher wisst ihr von der Endlösung?«

»Lucy wollte dir an Heiligabend eine Nachricht auf dem Computer hinterlassen. Als sie mit den besten Absichten in deine aktuelle Datei einstieg, erschien der Text. Reg dich nicht auf! Sie hat nicht geschnüffelt. Außerdem waren wir schon vorher überzeugt, dass der Präsident das Land, die Demokratie …«

Ich unterbrach sie mit einem höhnischen Lachen. »Seit wann so patriotisch? Hör auf, sonst muss ich kotzen!«

Katya fuhr ungerührt fort: »… uns alle zugrunde richten wird. Dieses Antiterrorprogramm war lediglich die Bestätigung, die wir brauchten, um unseren eigenen ungeheuerlichen Visionen trauen zu können.«

»Warum hat Lucy mir das verschwiegen?« Ich war unglaublich wütend.

»Du hast in diesen Tagen nur erzählt, dass du wie verrückt ein neues Programm ausarbeitest. Was hätte sie dir sagen sollen? Mach du deinen Job, und hilf dem Präsidenten, das zu verwirklichen, was wir als Auslöser einer nationalen Katastrophe voraussehen? Wir sabotieren das inzwischen, stör uns nicht dabei? Ich bitte dich, Pete!«

»Und was hast du mit der ganzen Scheiße zu tun, Marc?«

Katya wollte weiterreden, doch Marc zog es vor, seinen Teil der Verantwortung selbst zu tragen. »Lucy, Katya und Erykah haben mich gebeten, meine Kontakte zur Stadtguerilla zu nutzen, um den Präsidenten zu eliminieren. Ausschlaggebend für mich war dabei, Ev zu befreien. Lucy und Katya hatten mir erzählt, dass du die diesbezüglichen Pläne zurückgestellt hattest, weil es im Moment zu gefährlich sei. Wegen der ungeklärten Beschattung, des Auftriebs an Geheimdienstaktionen und was weiß ich. Die Beschattung war übrigens durch die Stadtguerilla erfolgt. Conrad, der Boss der Guerilla, misstraute mir und hat mich observieren lassen. Die wussten über einen Spitzel schon seit Längerem über das Rattenprogramm Bescheid. Auch über den geheimen Kongress. Aber das nur am Rande. Ich habe Kontakt zu Con aufgenommen, wir haben den Anschlag auf den Präsidenten geplant. Gleichzeitig habe ich unsere Flucht organisiert. Allerdings hat Conrad offensichtlich sein eigenes Süppchen gekocht und nicht nur das Rednerpult des Präsidenten präparieren lassen, sondern den ganzen Saal hochgenommen. Ich hätte wissen müssen, dass ich ihm nicht trauen kann. Insofern habe ich die größte Schuld.«

»Und was läuft sonst noch?«

»Was meinst du?«, fragte Marc verständnislos.

»Wie du bei meinem Telefonat mit dem Weißen Haus sehr wohl gehört hast, wurden meine Leute gerade beschossen. Die Guerilla ist bei einem Großangriff.«

Marc schüttelte den Kopf. »Davon weiß ich nichts. Ich bin davon ausgegangen, dass Con sich nach erfolgter Aktion ins Ausland absetzt und sich an einem Strand im Ruhm des Präsidentenmörders sonnt. So größenwahnsinnig, dass er glaubt, mit seinen Leuten das Weiße Haus zu kapern, kann er nicht sein! Dachte ich zumindest. Aber er scheint seine Chancen nutzen zu wollen.«

»Er hat keine! Vermutlich sind deine alten Kumpels inzwischen schon alle gevierteilt. Diese beschissene Amateurtruppe glaubt doch nicht, dass sie sich mit den Geheimdiensten und dem Militär gleichzeitig anlegen kann!«

»Da bin ich mir inzwischen leider nicht mehr so sicher. Conrad hat angedeutet, dass diverse Terrorgruppen unter seinem Kommando vereint sind. Vermutlich ist er jetzt komplett durchgedreht. Das sehen wir ja gerade deutlich genug, oder?«

Ich runzelte die Stirn und griff zu meinem Handy. Doch ich bekam keine Verbindung.

»Was habt ihr nun vor?«, fragte ich.

»Wieso ihr? Was ist mit dir?«, fragte Katya zurück. »Du kannst nicht wieder nach Washington. Die machen kurzen Prozess mit dir. Wegen Hochverrats. Keiner wird dir glauben, dass du nichts gewusst hast. Deine Affäre mit Lucy ist längst nicht so geheim, wie ihr denkt. Du hast Evs Akten gefälscht, um sie ins Programm zu nehmen. Auf deine Verbindung zu Marc werden sie auch kommen, wenn sie lange genug suchen. Und dann auf dessen Verbindung zur Guerilla. Du bist dran, Pete, und ich kann für uns alle sprechen, dass uns das am meisten leidtut. Wahrscheinlich ist es das Einzige, was uns leidtut. Vor allem Lucy. Aber sie hatte keine andere Wahl, als dich zum Mitkommen zu zwingen.«

»Scheiße. Du redest nur Scheiße.« Ich stand auf und ging hinaus. Die Nacht war undurchdringlich, die Wolkendecke hatte sich geschlossen.

»Lucy?«, rief ich.

»Hier.«

Ich sah sie erst, als ich dicht vor ihr stand, fast wäre ich über sie gestolpert. Lucy saß im nassen Gras auf dem Boden und stierte vor sich hin.

»Du holst dir eine Erkältung.«

Lucy lachte bitter auf. Ihre Schultern begannen zu zucken, ihr ganzer Körper bebte. Ich sah, dass sie mit Mühe ihren inneren Aufruhr zu unterdrücken suchte. Es gelang ihr nicht. Qualvoll brachen sich Schmerz und Verzweiflung Bahn, ein Stöhnen kam über ihre Lippen. Ich zog sie hoch und brachte sie zum Auto, setzte sie nach vorne auf den Beifahrersitz, kletterte daneben und schloss die Türen. Sie ließ alles einfach so geschehen. Ich zündete zwei Zigaretten an und gab ihr eine davon. Erst jetzt wagte sie, mich anzuschauen.

»Erschieß mich. Tu mir den Gefallen, erschieß mich.« Im Licht der aufglimmenden Zigarette wirkten ihre Augen wie glühende Kohlen.

»Warum? Weil du Scheiße gebaut hast? Weil du schuld bist am Tod einer Menge Unschuldiger? Am sicheren Tod von Franks bestem Freund Paul zum Beispiel, den wir vor dem Saal haben stehen lassen. Deshalb? Oder weil du schuld daran bist, dass mein Leben von einer Sekunde auf die andere nicht mehr existiert? Erschieß dich doch selbst.«

Sie schaute mich nur an. Ich betrachtete sie eine Weile und spürte zu meiner Überraschung, wie meine Wut verflog und einer überbordenden Zärtlichkeit für diese Frau wich. Zuerst ärgerte ich mich darüber, ich wollte wütend sein, ich wollte sie am Boden sehen. Stattdessen schloss ich sie in die Arme und küsste wieder und wieder ihr Haar, ihre tränenüberströmten Wangen, die kalten Ohren, alles, wohin mein Mund nur fand. Ich hörte mich, wie ich ihr Worte zuflüsterte, die das Gegenteil von dem sagten, was ich ihr an den Kopf werfen wollte oder sollte. Tröstliche, liebevolle Worte und dann erst mit leisem Vorwurf die Frage: »Warum hast du mir nicht vertraut? Wie konntest du denken, dass ich für dieses Programm arbeite?«

Sie schälte sich überrascht aus meinen Armen. »Hast du das denn nicht?«

Ich erzählte ihr von den Maßnahmen, die ich mit Snyder und March ergriffen hatte, um den Präsidenten genau an diesem Abend zu stürzen. Als Lucy klar wurde, dass die von ihnen initiierte Gewaltaktion eine unblutige Lösung des Problems verhindert hatte, brach eine neue Woge der Verzweiflung über sie herein.

»Jetzt reiß dich mal zusammen, Lucy. Wir können es nicht mehr ändern. Lass uns sehen, dass wir heil da rauskommen. Nur dann hat dieser Wahnsinn einen Hauch von Sinn, okay?«

»Du hast recht.« Sie warf den Kopf in den Nacken, öffnete das Fenster und atmete ein paarmal tief durch. Dann strich sie mit einer festen Bewegung ihre Haare nach hinten.

»Lass uns wieder in die Scheune gehen«, sagte sie energisch.

Die anderen atmeten erleichtert auf, als wir Hand in Hand eintraten.

»Es ist noch Kaffee da, wollt ihr?«, fragte Katya und bot uns die Thermoskanne an. Lucy nahm sie dankbar. Ich rief March an und informierte ihn, dass Conrad viel mehr Leute unter seinem Kommando hatte, als wir dachten. Sie würden einiges aufbieten müssen, um den Angriff zurückzuschlagen.

Als ich auflegte, sahen mich die anderen fragend an.

»In Washington herrscht Krieg. Auch das Pentagon liegt unter Beschuss. Dennoch hat Walcott die Zeit gefunden, seine Schergen auf Lucy, Katya, Erykah und Ev anzusetzen. Von dir, Marc, weiß er noch nichts. Er weiß ebenfalls nicht, dass ich mit euch unterwegs bin. Das ist unsere Chance. March gibt keine Fahndung nach mir raus, damit wir möglichst weit kommen.«

»Warum tut er das?«, fragte Erykah.

»Schätze, er fühlt sich uns trotz allem verpflichtet, weil wir Frank und ihn rechtzeitig gewarnt haben. Außerdem hasst er Walcott. Und er hat im Moment andere Sorgen. Zu guter Letzt weiß ich mit Sicherheit, dass der Tod des Präsidenten ihm durchaus in den Kram passt. Die anderen Leichen werden ihn dabei nicht sonderlich stören. Dazu ist March zu pragmatisch. Wo gehobelt wird, da fallen Späne, würde er sagen. Ich soll dich grüßen, Lucy.«

Lucy nickte. Dann sagte sie zu den anderen: »Pete hat nicht für das Programm gearbeitet. Er, March und Snyder haben selbst einen Plan entwickelt, den Präsidenten aus dem Verkehr zu ziehen. Wir sind ihnen nur zuvorgekommen. Und waren dabei etwas zu gründlich.«

Die nun eintretende Stille nervte mich. »Genug gequatscht. Wir müssen los. Wie sieht euer Fluchtplan aus? Ich hoffe, der ist intelligenter als das, was ihr bisher geleistet habt.«