50
Als er auf dem Polizeirevier eintraf, sah der Rabbi im äußeren Büro vor dem Schreibtisch des Sergeant Akiva auf einer Bank sitzen. Er saß mit geschlossenen Augen und einem Lächeln da, als hätte er einen schönen Traum. Der Rabbi begrüßte den Sergeant und nickte fragend zu dem jungen Mann hinüber.
«Der sitzt schon seit zehn oder fünfzehn Minuten so da», erklärte der Sergeant mit leiser Stimme. «Er kam aus dem Büro des Chief und erklärte, er werde hier auf Sie warten. Er fragte mich, wo Osten ist, ging in die Ecke und blieb da stehen wie ein ungezogenes Schulkind. Dann fing er an, sich zu wiegen und zu verbeugen, als machte er Freiübungen oder hätte einen Anfall. Und die ganze Zeit flüsterte er vor sich hin. Hören konnte ich nichts, aber ich sah, wie sich seine Lippen bewegten.»
«Das ist seine Art zu beten», erklärte der Rabbi lächelnd.
«Ach, wirklich? Na ja, nach einer Weile setzte er sich hin und machte die Augen zu. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass er schläft.»
Als sich der Rabbi neben ihn setzte, öffnete Akiva die Augen und sagte mit breitem Lächeln: «Hallo, Rabbi! Ich danke Ihnen sehr, dass Sie gekommen sind.»
«Der Sergeant sagte mir, dass Sie gebetet haben.»
«Das stimmt. Ich habe immer wieder das Schma Israel gesprochen.»
«Warum das Schma Israel?»
«Weil es das einzige Gebet ist, das ich auswendig kann», sagte er schlicht.
«Warum sind Sie hier, Akiva?»
Der junge Mann schüttelte den Kopf, schien aber nicht im Geringsten verärgert zu sein. Ja, er lächelte sogar.
«Sie sehen jetzt aber völlig anders aus, als ich es mir nach Ihrem Anruf vorgestellt habe», bemerkte der Rabbi.
«Als ich anrief, war ich wirklich ausgeflippt», erläuterte Akiva. «Ich wusste einfach nicht, was los war. Es war wie ein Albtraum, als fiele alles über mich her. Und dann bekam ich Kontakt mit meinem rebbe.»
«Wie meinen Sie das, Sie bekamen Kontakt mit ihm?»
«Ich rief nach ihm, und er erschien. Ich sah ihn so deutlich, wie ich Sie vor mir sehe. Er befahl mir zu beten, dann würde alles gut werden. Also betete ich, und jetzt fühle ich mich großartig.»
«Na, das ist gut. Und jetzt erzählen Sie mir mal genau, was man hier von Ihnen will. Am Telefon sagten Sie …»
Akiva schüttelte den Kopf. «Ich weiß nicht, was sie von mir wollen. Der Chief hat mich holen lassen, und wir haben uns unterhalten.»
«Glaubt er vielleicht, dass Sie etwas wissen oder etwas getan haben?»
«Das will er nicht sagen. Er hat mich gefragt, warum ich nach dem großen Unwetter nach Hause gefahren bin. Und er hat mich nach einem Mann namens Kestler gefragt. Er muss mich mit jemandem verwechseln. Aber nur keine Angst, Rabbi; alles wird gut werden.»
«Weil Ihr rebbe das gesagt hat?», fragte Rabbi Small säuerlich.
«Ganz recht.»
Sie unterhielten sich noch eine Weile. Der Rabbi erfuhr nichts Neues von Akiva, doch als er begriff, was geschehen war, wurde er böse. Schließlich erhob er sich und ging zu Lanigan ins Büro.
«Das passt aber gar nicht zu Ihnen, Chief», sagte er vorwurfsvoll.
«Setzen Sie sich, David. Also, was passt nicht zu mir?»
«Dieses Fischen im Trüben. Wenn Sie was gegen Arnold Aptaker vorzubringen haben, dann sagen Sie es ihm, damit er Ihnen alles erklären kann. Wenn Sie Beweise für ein Verbrechen zu haben glauben, verhaften Sie ihn, damit er sich verteidigen kann. Aber ihn einfach aufzufordern zu reden, in der Hoffnung, er werde etwas Inkriminierendes sagen, das ist nicht fair, und ich glaube sogar, dass es nicht mal legal ist.»
«Ich habe ihn nicht verhaftet, und ich halte ihn nicht fest. Glauben Sie mir, David, ich versuche ihm nur zu helfen.»
«Aber er weiß nicht, was Sie ihm vorwerfen.»
«Oh, ich glaube, er weiß ganz genau, was er getan hat», antwortete Lanigan zuversichtlich. «Es besteht natürlich eine gewisse Chance, eine Chance eins zu hundert, dass es sich um einen Zufall oder einen begreiflichen Irrtum handelt. Nun gut, soll er offen mit mir sein, dann werde ich mir Mühe geben, es so zu sehen wie er.»
«Ja, warum sagen Sie ihm dann nicht ehrlich, warum …»
«Damit er sich Ausreden zurechtlegen kann?», fragte der Chief. «O nein. Wenn er unschuldig ist, wenn er es ohne böse Absicht getan hat, wenn …» Unvermittelt brach er ab und musterte seinen Besucher mit einem Blick unter den buschigen Brauen hervor. «Wollen Sie sagen, er hat keine Ahnung, worauf ich hinauswollte? Nicht die Geringste?»
Der Rabbi schüttelte den Kopf. «Handelt es sich um einen Verkehrsunfall letztes Mal, als er hier war? Hat es was mit Kestler zu tun?»
Lanigan starrte ihn an. «Denkt er das? Hat er Ihnen das gesagt?» Er grinste breit. «Der nimmt Sie hoch, Rabbi.»
«Na schön, dann holen Sie mich wieder runter.»
«Es hat allerdings mit Kestler zu tun, mit dem alten, der gestorben ist», sagte Lanigan. «Wissen Sie noch, wie ich zu Ihnen gekommen bin, weil Joe, der Sohn, behauptet hatte, er sei an der Medizin gestorben? Nun, er hatte tatsächlich Recht. Aber das war nicht Dr. Cohens Schuld. Er hatte ein Medikament namens Limpidine verschrieben.» Er zog eine Schublade heraus und entnahm ihr eine Flasche. «Hier ist es. So steht’s jedenfalls auf dem Etikett, nicht wahr? Aber drinnen in der Flasche ist nicht Limpidine, sondern Penicillin, wogegen der Alte allergisch war, darum hatte Cohen ihm auch Limpidine verschrieben. Der Fehler wurde im Drugstore von einem Apotheker gemacht.»
Lanigan lehnte sich zurück und wartete, bis sein Besucher die Information verdaut hatte. «Nun gut, Fehler kommen vor», fuhr er dann fort. «Als ich aber herumfragte, hörte ich, dass ein derartiger Fehler so gut wie unmöglich ist. Er ist ebenso unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass eine Hausfrau beim Kuchenbacken Salz statt Zucker verwendet. Und warum kann sie einen solchen Fehler nicht machen? Weil Zucker und Salz sich zwar ähnlich sehen, aber in verschiedenen Verpackungen auf den Markt kommen und in völlig verschiedenen Behältern aufbewahrt werden. Deshalb kann sie diesen Fehler nicht mal mit verbundenen Augen begehen. Also, wenn es somit kein Irrtum war, muss es Absicht gewesen sein. Oder fällt Ihnen eine dritte Möglichkeit ein?»
«Bitte weiter.»
«Die Frage ist also nun, wer würde so etwas tun?», fuhr Lanigan fort. «Offensichtlich doch jemand, der einen Groll gegen einen der beiden Kestlers hegt. Ich sage einen der beiden Kestlers, weil Dr. Cohen das Rezept durchtelefoniert hat und Kestler als den Namen des Patienten ansah. Ross McLane, der Apotheker, fragte nach dem Anfangsbuchstaben des Vornamens, und er sagte J. Aber J kann sowohl Jacob, der Vater, heißen als auch Joseph, der Sohn.»
«Ross McLane hat das Rezept am Telefon entgegengenommen?», fragte der Rabbi. «Hat er sich daran erinnert?»
Lanigan nickte zustimmend. «Sie finden es seltsam, dass er sich an ein Rezept erinnert, das er vor vielen Tagen entgegennahm? Nun, er erinnert sich daran, weil ihm der Name Kestler etwas ganz Besonderes bedeutete. Denn sehen Sie, er hegte Groll gegen den alten Kestler.»
«Also, dann …»
Lanigan hob den Zeigefinger, um anzudeuten, dass er noch nicht fertig war. «An jenem Abend waren drei Apotheker im Town-Line Drugstore, und jeder einzelne von ihnen hegte einen Groll gegen den einen oder den anderen der Kestlers. Ross McLanes Groll richtete sich gegen den Vater; Marcus und Arnold Aptaker hegten beide Groll gegen den Sohn.»
«Was für eine Art Groll?», erkundigte sich der Rabbi ungeduldig. «Bei Groll gibt es, genau wie bei anderen Dingen, eine ganze Gradskala. Der kleine Sohn meines Nachbarn hat zum Beispiel mein Kellerfenster zerbrochen, also könnte man behaupten, ich hegte einen Groll gegen ihn, aber nicht so sehr, wie wenn er die große Panoramascheibe im Wohnzimmer zerbrochen hätte. Und in keinem Fall wäre der Groll groß genug gewesen, um mich zu veranlassen, ihm Schaden zuzufügen, wenigstens keinen größeren Schaden als eine Tracht Prügel, die zwar ein ausgezeichnetes Mittel für seine Charakterentwicklung gewesen wäre, die aber wiederum bei seinen Eltern einen Groll gegen mich ausgelöst hätte, da sie von einer Bestrafung bei Kindern nichts halten, was wiederum überhaupt erst dazu geführt hat, dass er mein Fenster zerbrochen hat.»
«Meinen Sie den kleinen Damon?» Lanigan lachte. «Von dem muss ich mir allmählich eine ganze Akte anlegen. In ein paar Jahren wird er vermutlich offiziell polizeinotorisch werden. Doch dieser Groll gegen die Kestlers kommt von Schlimmerem als einem zerbrochenen Keller- oder Panoramafenster.» Er berichtete kurz über die Schwierigkeiten, die jeder der drei Apotheker mit den Kestlers gehabt hatte. «Sie sehen also», fasste er zusammen, «dass jeder von ihnen einen guten Grund hatte, entweder den alten Kestler zu hassen oder den jungen.»
«Und weil Sie meinen, Arnold hätte den stärksten Groll gehegt, deshalb verdächtigen Sie ihn?»
«Aber nein, David! Zuerst verdächtigte ich McLane, vor allem, als wir feststellten, dass Marcus Aptaker vorn im Laden Kunden bediente und dass McLane die Rezepte anfertigte. Aber da wusste ich noch nicht, dass Arnold da gewesen war. Ich war überzeugt, den Schuldigen erkannt zu haben. Aber ich wollte nicht überstürzt handeln, vor allem, da Aptakers Geschäft möglicherweise darunter leiden würde und wo er doch im Krankenhaus lag. Als daher McLane einmal in einer anderen Angelegenheit herkam, bat ich ihn hier in mein Büro, und wir unterhielten uns eine Weile. Wir kamen auf den Grund zu sprechen, warum er seinen Laden verloren hatte, und er machte keinen Hehl aus seinem Hass auf Kestler.» Er rutschte, um die Bedeutung der nun folgenden Sätze zu betonen, auf seinem Schreibtischsessel nach vorn. «Und er zögerte keinen Augenblick zuzugeben, dass er sich, als er feststellen musste, dass das Rezept, das er am Telefon entgegennahm, für Kestler war – er erinnerte sich ganz genau –, dass er sich da gesagt hat, er würde lieber zur Hölle fahren, als für ihn ein Rezept anzufertigen, und dass er es Arnold überlassen hat. Also, wenn er nun Kestler etwas hätte antun wollen, dann hätte er bloß ein anderes Medikament zu nehmen und anschließend zu behaupten brauchen, es wäre das, was Cohen ihm durchtelefoniert hätte. Wie hätte der Doktor beweisen sollen, dass das nicht der Fall gewesen ist?»
Der Rabbi schwieg; er dachte über die Beweise nach. Und dann fiel ihm plötzlich wieder ein, dass sich die Geschichte, die ihm Dr. Muntz erst kurz zuvor erzählt hatte, ebenfalls am Abend des Unwetters abgespielt hatte. «Jetzt will ich Ihnen mal was sagen», begann der Rabbi. «Ich werde Ihnen ein paar Informationen geben, die Ihren Schlussfolgerungen den Hals brechen. Vor nicht einmal ganz einer Stunde war Dr. Alfred Muntz bei mir zu Hause. Und erzählte mir unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit – aber ich denke, die gegenwärtige Situation rechtfertigt den Vertrauensbruch –, dass auf das Rezept, das er Safferstein für seine kranke Frau ausgestellt hatte und das dieser am selben Abend im Town-Line Drugstore anfertigen ließ, ganz und gar nicht das Medikament ausgegeben worden war, das er verlangt hatte. Auch in diesem Fall war das Etikett richtig, die Pillen jedoch falsch. Nun hat nach Ihren eigenen Worten aber McLane das Safferstein-Rezept angefertigt, also hat er denselben Fehler gemacht, den, wie Sie sagen, Arnold bei dem Kestler-Rezept gemacht haben soll. Sie behaupten, ein derartiger Fehler sei genauso unwahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass eine Frau Salz mit Zucker verwechselt. Wenn aber zwei Frauen Seite an Seite in derselben Küche arbeiten und eine zum Kuchenbacken Salz statt Zucker nimmt, während die andere an ein Fleischgericht Zucker statt Salz gibt, dann muss man, ganz egal, wie unwahrscheinlich es ist, dennoch annehmen, dass ebendieser Fehler gemacht wurde, vor allem, da zwei derartige Fehler noch unwahrscheinlicher sind als einer. Wenn es sich bei dem gegenwärtigen Fall nicht um Zufall handelte, müssen wir annehmen, dass eine Verschwörung stattgefunden hat, dass McLane und Arnold flüsternd eine Absprache getroffen haben, während Safferstein wartete, dass sie sich verabredet haben, die Medikamente, die zwei verschiedene Ärzte zwei verschiedenen Patienten verschrieben hatten, von denen sie gegen den einen, Mrs. Safferstein nämlich, gar nichts hatten, zu vertauschen. Und das ist Unsinn.»
Lanigan grinst breit. «Vielen Dank, David. Ihre Ausführungen erklären, wie Arnold es gemacht hat. Ich muss zugeben, das hat mich ein bisschen gestört. Mir schien, dass der junge Aptaker ein ungeheures Risiko einging, indem er die falschen Pillen einfüllte, während McLane nur einen Schritt entfernt von ihm saß. Da McLane das Rezept am Telefon entgegengenommen hatte, wusste er, was in die Flasche gehörte, die Arnold füllte. Aber jetzt weiß ich, wie er es gemacht hat. Ich danke Ihnen. Sie haben beide die Etiketten getippt und sie auf die entsprechenden Flaschen geklebt. Dann lenkt Arnold McLanes Aufmerksamkeit ab und vertauscht die Flaschen. Anschließend füllt jeder die vor ihm stehende Flasche, und Safferstein bekommt Kestlers Medikament, während Kestler Saffersteins bekommt.»
«Aber was auf Arnold zutrifft, trifft genauso auf McLane zu», wandte der Rabbi ein. «McLane kann Arnolds Aufmerksamkeit abgelenkt haben.»
«Das hat er aber nicht getan. Erst vorhin berichtete Arnold mir, er habe eine Flasche Hustensaft umgestoßen und McLane sei in die Toilette gegangen, um einen Aufwischlappen zu holen. Ich möchte hinzufügen, dass McLane nicht so getan hat, als wisse er nicht, wer Kestler war. Und McLane hat auch nicht am nächsten Tag die Stadt verlassen.»
«Aber wenn’s darum geht, dass die Medikamente vertauscht worden sind, kann jeder, der die beiden Flaschen in Besitz hatte, es getan haben. Safferstein hätte …»
«Also, das passt nun wieder gar nicht zu Ihnen, David», sagte Lanigan vorwurfsvoll.
«Was denn?»
«Den Verdacht auf einen Ihrer Leute zu lenken, um einen anderen zu retten.»
«Ich wollte lediglich die Möglichkeiten aufzählen», entgegnete der Rabbi kalt.
«Ja, aber Safferstein gehört nicht dazu. Und warum nicht? Weil er Kestler gar nicht kannte, weder den Vater noch den Sohn. Und Kestler kannte Safferstein nicht. Sie hatten nie etwas miteinander zu tun. Außerdem konnte Bill Safferstein überhaupt nicht wissen, was geschehen würde, wenn er Kestler das für seine Frau bestimmte Medikament zuspielte.»
Der Rabbi schwieg. Dann fragte er: «Werden Sie Arnold Aptaker verhaften?»
Lanigan überlegt. «Noch nicht. Vielleicht gibt es doch eine Erklärung. Sehen Sie sich doch an, wie es bei McLane war. Ich dachte, ich hätte ihn, und er hat sich da rausgewunden. Vielleicht hat der junge Aptaker auch so ein Glück. Ich werde nochmal mit ihm sprechen. Aber vielleicht, wenn Sie zuerst mit ihm sprechen würden …» Er sah den Rabbi fragend an.
«Ich bin bereit, va banque zu spielen.»
«Ganz davon zu schweigen, dass Ihre Beschuldigung vor Gericht nicht standhalten würde.»
«Wieso nicht?»
«Weil Sie keinen Beweis dafür haben, keinen stichhaltigen Beweis, dass Kestler an dem Medikament gestorben ist», antwortete der Rabbi. «Es wurde keine Autopsie vorgenommen und …»
«Mit dem, was ich bis jetzt habe, kann ich mir sofort die Genehmigung für eine Exhumierung beschaffen. Glauben Sie mir, David.»
«Na schön. Ich werde mit ihm sprechen.»
Während Lanigan sie durch die offene Tür im Auge behielt, setzte sich der Rabbi neben Akiva und erklärte ihm leise, was gegen ihn vorlag. Zuerst war der junge Mann entsetzt und ungläubig, als der Rabbi fertig war, zeigte er sich jedoch wieder zuversichtlich und gelassen.
«Der liegt völlig falsch», erklärte Arnold. «Ich habe Kestler nicht gehasst. Er tat mir Leid. Ich muss zugeben, dass ich zuerst, als es passierte, sauer war, und anschließend auch noch eine Zeit lang. Ich träumte von Rache. Und wissen Sie was? Zuerst hatte ich furchtbar viel Heimweh, und wenn ich dann an alles dachte, was passiert war, warum ich nicht zu Hause sein konnte, dann malte ich mir aus, wie ich es ihm heimzahlen wollte, alle möglichen Methoden. Aber kein einziges Mal dachte ich daran, ihm auf ein Rezept das falsche Medikament zu geben. Es kam mir einfach nicht in den Sinn. Es ging gegen meinen Berufsinstinkt, nehme ich an. Als ich mich dann Reb Mendel und der chavura anschloss, merkte ich, dass jener Hass, den ich für Kestler empfand, eigentlich ein Hass auf mich selber war. Denn er war ich und ich war er, da wir alle Teil derselben Einheit sind. Verstehen Sie?»
«Und als Sie auf dem Rezept J. Kestler lasen?»
«Nichts. Nicht mehr als bei jedem anderen. Natürlich erkannte ich den Namen. Aber nichts. Keine Reaktion. Wissen Sie, manchmal stößt man auf ein Rezept für jemanden, den man kennt, und dann sagt man sich: ‹Hm, Bill muss eine schwere Erkältung haben.› So ungefähr, aber mehr auch nicht.» Er tätschelte den Arm des Rabbi. «Hören Sie, machen Sie sich keine Sorgen um mich. Ich habe nichts Böses getan, also wird schon alles gut werden. Sie werden es sehen.»
Aus dem Dienstzimmer im Keller kam ein Polizist herauf. Er ging an der Tür zum Büro des Chief vorbei, dann machte er plötzlich Halt und kam zurück. «He, Arnold! Ich hatte dich nicht erkannt. Was machst du denn hier?»
«Hallo, Purvis», antwortete Arnold lächelnd.
«Kennen Sie ihn?», rief Lanigan aus seinem Büro. Er kam an die Tür.
«Arnold Aptaker? Sicher. Wir sind zusammen zur High School gegangen. Als ich ihn das letzte Mal sah, hatte er einen Bart wie ein alter Rabbi …» Er wurde rot. «Verzeihen Sie, Rabbi, es ist mir nur so rausgerutscht.»
«Schon gut, Officer. Nur sind es heutzutage die Jungen, die Bärte tragen.»
«Und wann war das, Purvis?», wollte Lanigan wissen.
«Als ich ihn das letzte Mal sah? In der Nacht nach dem großen Sturm. Ich fuhr an der Auffahrt von Route 1 A Streife, um die vorbeikommenden Wagen vor den heruntergefallenen Ästen auf dem Highway zu warnen. Da kam dieser Wagen in einem irrsinnigen Tempo …»
«Er ist also zu schnell gefahren?»
Der Polizist wurde rot, denn er befürchtete, getadelt zu werden, weil er Aptaker keinen Strafzettel gegeben hatte. «Na ja, nicht richtig zu schnell, oder vielleicht nur ein bisschen zu schnell. Ich meine, nicht so schnell, dass er ein Strafmandat verdient hätte, aber immerhin so schnell, dass er vermutete, ich wollte ihn anhalten. Also pfiff ich, ließ ihn halten und ging hinüber. Und dann stellte sich raus, dass wir uns kannten.»
«Wohin wollten Sie, Arnold?», fragte Lanigan.
«Er sagte, er wollte nach Philadelphia», erklärte der Polizist eifrig.
«Und um wie viel Uhr war das?»
«Na, so ungefähr drei Uhr morgens, würde ich sagen.»
«Um drei Uhr am Donnerstagmorgen, und er sagte, er wolle nach Philadelphia? Kommen Sie herein, Purvis.» Lanigan trat beiseite, um den Polizisten einzulassen, und drückte hinter ihm die Bürotür ins Schloss.
«Also, Purvis, dies ist sehr wichtig. Erzählen Sie mir so genau wie möglich, was er gesagt hat.»
«Himmel, Chief, das war vor zwei Wochen. Ich bin einfach hingegangen, als er hielt, und habe so das Übliche gesagt … Sie wissen schon, ‹Wo brennt’s denn?›, oder so. Und er antwortete, er müsse möglichst schnell nach Philly. Dann erkannte er mich, und dann erkannte ich ihn auch. Vielleicht habe ich noch ‘n Witz über seinen Bart gemacht. Das hätte wahrscheinlich jeder getan.»
«Natürlich.»
«Dann kamen wir ins Reden über die Leute, die wir auf der High School kannten, und was die jetzt machen, und er fragte mich nach meinem Bruder Caleb, und ich sagte ihm, der sei jetzt bei der Lokalzeitung. Dann holte er seine Brieftasche raus und gab mir einen Fünfer …»
«Wollte er Sie bestechen?»
«Aber nein, Chief, keineswegs! Sie kennen mich doch. Wenn ich vermutet hätte, dass er mich bestechen wollte, ich hätte ihn da rausgeholt aus seinem Wagen und sofort aufs Revier gebracht.»
«Natürlich.»
«Nein, das Geld war für ein Abonnement des Courier. Sie wissen doch, Caleb hat sich da so eine Werbung ausgedacht, damit die Ehemaligen, die nach Florida umgezogen sind, den Kontakt mit der Stadt nicht ganz verlieren. Das hatte ich zufällig erwähnt, und daraufhin hat er mir den Fünfer gegeben.»
«Ich verstehe. Er wollte regelmäßig Neues aus unserer Stadt erfahren.»
«Ja, das war’s.»
Lanigan riss die Tür auf und rief dem Dienst habenden Sergeant zu: «Sergeant, verhaften Sie diesen Mann!»
«Mit welcher Beschuldigung, Sir?»
«Mord an Jacob Kestler.»
Während Akiva draußen in Haft genommen wurde, erklärte Lanigan in seinem Büro dem Rabbi: «Da ist nun ein junger Bursche, der seine Eltern seit mehreren Jahren nicht mehr gesehen hat und endlich wieder einmal hier auftaucht. Er kommt am Dienstagabend und fährt am Donnerstag wieder ab. Das ist ein ziemlich kurzer Besuch für eine so weite Fahrt. Man sollte doch meinen, dass er wenigstens bis Samstag geblieben wäre. Nun, und das hat mich ein bisschen argwöhnisch gemacht. Nun aber stellt sich sogar heraus, dass er mitten in der Nacht abgefahren ist. Er arbeitet am Mittwochabend im Geschäft, und ein paar Stunden darauf ist er unterwegs nach Philadelphia. Vor Gericht wird eine Flucht immer als Schuldbeweis gewertet.»
«Aber …»
«Einen Moment, da ist noch mehr», sagte Lanigan. «Ich habe mir natürlich Gedanken darüber gemacht, warum er diesmal gekommen ist. Ich meine, wenn er etwas verbrochen hatte und geflohen war, warum kam er dann zurück? Nun, das hätte er nur getan, wenn er überzeugt gewesen wäre, dass er nichts zu befürchten hatte. Falls wir über Kestlers Tod Ermittlungen anstellten, wäre das nicht in die Zeitung von Philadelphia gekommen. Wahrscheinlich nicht einmal in die Zeitungen von Boston. Woher konnte er es also wissen? Warum ging er dieses Risiko ein? Nun, Officer Purvis sagte mir gerade, Ihr junger Freund habe ihm fünf Dollar für ein Abonnement des Courier gegeben. Was halten Sie davon?»
Der Rabbi versuchte Akiva in der Zelle unten im Keller gut zuzureden. «Sie müssen sich einen Anwalt nehmen. Sonst schaden Sie sich selbst.»
Akiva schüttelte den Kopf. «Ich will keinen Anwalt.»
«Und warum nicht?»
«Weil der mir bloß im Weg wäre und alles verpatzen würde. Er würde mir sagen, was ich tun soll, oder er würde Anträge stellen, und das würde nur hinderlich sein.»
«Hinderlich – wofür?»
«Für den natürlichen Ablauf der Dinge.»
«Aber wenn Sie morgen vor den Richter kommen, wird man Ihnen einen Anwalt zuteilen, wenn Sie keinen haben.»
«Der Richter wird ihn mir zuteilen, Rabbi. Dagegen kann ich nichts machen, aber dann ist es wenigstens nicht so, dass ich mir selber einen genommen habe, weil es mir an Glauben mangelt.»
«Wie ist es denn mit Ihrer Mutter, Akiva? Wollen Sie nicht wenigstens die anrufen? Oder soll ich vielleicht zu ihr gehen?»
«Sie ist zu Besuch bei meiner Tante in Boston und kommt erst morgen wieder zurück.»
«Haben Sie die Telefonnummer? Wenn Sie wollen, rufe ich dort an.»
Wieder schüttelte der junge Mann den Kopf. «Nein, die würde nur die ganze Nacht vor Kummer nicht schlafen. Oder wahrscheinlicher noch sofort angelaufen kommen. Nein, die wird es noch früh genug erfahren.»
«Was wird mit dem Laden?»
«Morgen muss McLane aufschließen. Er hat einen Schlüssel.»
Der Rabbi versuchte es auf einem anderen Weg. «Warum wollten Sie mitten in der Nacht nach Philadelphia?»
«Darüber möchte ich nicht sprechen, Rabbi.»
«Dann sagen Sie mir, warum Sie den Courier abonniert haben.»
Akiva lachte. «Ich habe überhaupt keine Zeitung abonniert, Rabbi. Ich wollte nur Joe Purvis bestechen. Er war zwar sehr freundlich, aber ich fürchtete immer noch, er werde mir trotzdem einen Strafzettel geben. Falls ich ihm jedoch Geld anbot, und er war unbestechlich, dann wäre es umso schlimmer für mich gewesen. Doch als er mir von seinem Bruder erzählte, der Abonnenten warb, gab ich ihm fünf Dollar für ein Abonnement. Ich war überzeugt, er werde das Geld behalten. Und war ganz schön überrascht, als dann tatsächlich die Zeitung kam.»
«Es wäre besser gewesen, Sie hätten das nicht getan», sagte der Rabbi düster. «Ich muss Sie leider jetzt verlassen. Wenn ich irgendwas für Sie tun kann …»
«Ja, das können Sie wirklich, Rabbi. Wenn Sie mir ein siddur vorbeibringen könnten …»
«Ich soll Ihnen ein Gebetbuch bringen?»
«Sicher. Ich möchte auch mal ein paar andere Gebete sprechen, nicht immer nur das Schma Israel.»