«Nimm lieber deinen Regenmantel mit», riet Miriam. «Wenn der Sturm kommt …»

«Ich war eben auf der Veranda», antwortete der Rabbi. «Es ist absolut warm draußen. Außerdem gehe ich ja nur vom Wagen zum Haus.»

«Ich sehe eigentlich nicht ein, warum du überhaupt hin musst. Kestler ist nicht mal Gemeindemitglied.»

«Darum lasse ich es mir angelegen sein, ihn regelmäßig zu besuchen. Die Pflicht, die Kranken zu besuchen, ist allen Juden auferlegt, aber die Gemeinde schiebt sie auf den Rabbi ab und betrachtet das als Sonderdienstleistung für die Mitglieder. ‹Komm in unsere Gemeinde, und du bekommst freie Krankenbesuche von unserem Rabbi.› Der Besuch bei einem Nichtmitglied weckt in mir die Illusion, dass meine Krankenbesuche alle freiwillig sind. Außerdem ist Kestler ein so unbelehrbarer alter Schuft, dass ich es als echte mizwe empfinde, ihn zu besuchen.»

Sie lachte. «Kommst du anschließend gleich nach Hause?»

«Ja … Nein, ich glaube, ich schaue noch bei den Kaplans rein. Er hat an jedem Mittwoch Empfang, und ich bin noch nie da gewesen.»

«Aber …»

«Mort Brooks deutete heute Morgen an, dass Kaplan und seine Gruppe irgendeine Gemeinheit planen.» Er lächelte. «Vielleicht schnappe ich einen Hinweis auf.»

 

Dr. Muntz riss das oberste Blatt von seinem Rezeptblock und reichte es Safferstein. «Es handelt sich um eine Infektion», sagte er. «Ich verschreibe ihr Penicillin, viermal am Tag, vier Tage lang. Und sie muss alle Kapseln nehmen. Das ist wichtig. Möglicherweise fühlt sie sich nach dem zweiten oder dritten Tag besser, aber sie muss die Kapseln weiter nehmen, bis die Flasche leer ist. Verstanden, Billy?» Die blassblauen Quellaugen des Arztes starrten Safferstein durchdringend an.

«Ja, natürlich. Sie muss alle nehmen», antwortete Safferstein. «Ich werde sie sofort besorgen.»

Dr. Muntz warf einen Blick auf die Uhr. «Die Drugstores sind jetzt schon geschlossen. Es hat aber bis morgen Zeit.»

«Der Town-Line Drugstore hat noch geöffnet.»

«Ja, das stimmt, glaube ich. Dann geben Sie ihr die erste Kapsel heute Abend.»

Safferstein half ihm in seinen Regenmantel.

«Kommen Sie heute Abend zu Chet, Billy?», erkundigte sich Dr. Muntz.

«Tja, ich glaube, lieber nicht. Wo Mona sich nicht wohl fühlt. Aber Sie gehen doch sicher hin.»

«Natürlich. Chet rechnet mit mir. Ich bin der offiziell anerkannte Agnostiker und Zyniker. Er braucht meine Opposition, damit seine Versammlungen ein bisschen Pfeffer kriegen.» Er lachte. «Oder vielleicht bin ich das abschreckende Beispiel.»

Safferstein grinste. «Ich hatte das Gefühl, dass Sie nur so tun.»

«O nein, bestimmt nicht», protestierte der Arzt hastig.

Safferstein hielt ihm die Haustür auf. «Dann versäumen Sie aber etwas, Al», sagte er ernst. «Wissen Sie, seit ich mich der Gruppe angeschlossen habe, fühle ich mich so sicher, als könnte ich überhaupt nichts falsch machen. Ich habe ein paar große Geschäfte ins Auge gefasst, und alle haben sie geklappt.»

Der Arzt lachte abermals. «Wenn Sie meinen, Billy. Wenn Sie meinen.»

 

Auf Dr. Cohens Klingeln öffnete ihm Mrs. Kestler, Joes Ehefrau. Sie war blond, füllig, verblüht und erinnerte ihn an das kleine Mädchen, das in der Grundschule neben ihm gesessen hatte. Die war rosig und weiß gewesen, pummelig und blond, und immer hatte ihn der Gedanke ein wenig bedrückt, dass sie jetzt wahrscheinlich wie Mrs. Kestler aussah. Mrs. Kestler war sanft und träge, und er hielt es für sicher, dass sie von ihrem Mann eingeschüchtert und von ihrem Schwiegervater ausgenutzt wurde. Als sie das letzte Mal zur Untersuchung gekommen war, hatte sie ihn gebeten, auch einen Wassermann zu machen, weil ‹Joe geschäftlich viel auf Reisen ist, und Sie wissen ja, wie es ist, wenn Männer nicht zu Hause sind›.

«Er ist oben, Doktor», sagte sie. «Joe ist bei ihm.»

«Schon gut, ich kenne den Weg.»

Die Untersuchung dauerte nicht lange. Nachdem Dr. Cohen fertig war, nickte er dem Sohn zu, er möge ihn hinausbegleiten. Als sie die Treppe hinunterstiegen, sagte Joe Kestler: «Himmel, ging das aber schnell! Ihr Ärzte habt es wirklich gut.» Joe war ein großer, kräftiger Mann mit eisengrauem Haar auf seinem kugelförmigen Kopf und der platten Nase eines Berufsboxers.

«Ihr Vater hat eine Infektion des Harntraktes», erklärte Dr. Cohen mit berufsmäßiger Unpersönlichkeit.

«Klingt übel. Was werden Sie machen? Können Sie ihm eine von diesen Wunderdrogen verschreiben, Penicillin oder so?»

«Ihr Vater ist allergisch gegen Penicillin, deshalb gebe ich ihm stattdessen Tetracyclin. Das wirkt genauso. Er soll viermal am Tag eine Kapsel nehmen. Und er muss sie alle nehmen, auch wenn sich die Infektion nach ein bis zwei Tagen bessert. Das ist wichtig. Am besten fängt er sofort damit an.»

«Haben Sie Ärztemuster dabei, Doc?»

«Ärztemuster? Nein, ich trage keine Ärztemuster mit mir herum. Ich schreibe Ihnen ein Rezept.»

«Wo soll ich denn um diese Zeit noch ein Medikament herkriegen? Die Drugstores sind genauso schlimm wie ihr Ärzte. Die machen am Mittwoch alle früh zu.»

«Ich glaube, der Town-Line Drugstore hat noch geöffnet», antwortete Dr. Cohen steif.

«Dahin gehe ich nicht.»

«Wollen Sie sagen, Sie kaufen dort nicht?»

«Ganz recht. Ich setze keinen Fuß da rein», erklärte Kestler.

«Aber jetzt, wo Ihr Vater krank ist …»

Kestler schüttelte den Kopf wie ein Boxer, der sein Gehirn wieder klar kriegen will. «Ganz egal.»

Dr. Cohen überlegte. «Vielleicht habe ich zu Hause ein Ärztemuster.» Dann kam ihm eine andere Idee. «Und wenn ich das Rezept durchtelefoniere, und die liefern es hierher?»

«Hauptsache, ich muss da nicht hin. Aber hören Sie, Doc – sehen Sie lieber erst zu Hause nach, ob Sie da noch ein Ärztemuster haben. Ich kann ja hinter Ihnen herfahren.»

«Das ist nicht nötig. Ich muss später noch einmal fort, dann kann ich es Ihnen vorbeibringen. Wenn ich keine Ärztemuster habe, werde ich das Rezept durchtelefonieren.»

«Okay, Doc. Aber sehen Sie erst nach, ob Sie noch Ärztemuster haben, ja?»

 

Am Bordstein vor dem Town-Line Drugstore waren ein halbes Dutzend Wagen geparkt. Drinnen drängten sich die Kunden, warteten ungeduldig darauf, dass jemand ihnen das Geld abnahm und ihre Einkäufe verpackte. Es war natürlich der heraufziehende Sturm, der allen Sorgen machte. Taschenlampen und Batterien wurden gekauft, kleine Erste-Hilfe-Kästen und Aspirin, Zigaretten und Schokolade. Der gesamte Vorrat an Kerzen – das Geschäft führte eine Sortiment von feinen Zierkerzen – war ausverkauft.

Marcus Aptaker war vorn im Laden; er war der Einzige, der Kunden bediente. Lächelnd, höflich und geschickt eilte er von einem Teil des Ladens zum anderen. Jedes Mal wenn er in den Hintergrund hinüberblickte war er von einer stillen Freude erfüllt, denn dort sah er seinen Sohn in einem weißen Kittel neben Ross McLane in der Rezeptur arbeiten. Früher hatte ihm Jimmie, ein Schuljunge, beim Bedienen geholfen, aber der lieferte jetzt Waren aus, die letzten für diesen Abend, und würde nicht noch einmal zurückkommen.

Bill Safferstein kam herein, blickte sich um und schritt zielbewusst auf den Besitzer zu, der gerade frei war. «Hören Sie, Aptaker, ich möchte …»

«Tut mir Leid, Mr. Safferstein», sagte Aptaker mit einer Handbewegung zu den wartenden Kunden hinüber, «nicht jetzt. Wie Sie sehen, habe ich sehr viel zu tun. Ich habe keine Zeit, mit Ihnen zu sprechen.»

«Oh, deswegen bin ich nicht hier. Es handelt sich um meine Frau. Sie ist krank. Könnten Sie mir das hier geben?»

Aptaker warf einen Blick auf das Rezept. «Das wird aber ein paar Minuten dauern.»

«Macht nichts, ich warte.» Er sah sich um. «Wie ich sehe, haben Sie einen zweiten Apotheker eingestellt!»

«Mein Sohn», erklärte Aptaker stolz. Dann eilte er davon, weil ein Kunde nach ihm gerufen hatte.

 

Jackie war widerspruchslos zu Bett gegangen und schon fast eingeschlafen, ehe ihn seine Mutter richtig zugedeckt hatte. Leah blickte im Zimmer umher, machte das Fenster zu und löschte das Licht. Dann spülte sie das Abendbrotgeschirr, stellte es fort und ging ins Wohnzimmer. Dort studierte sie das Fernsehprogramm in der Morgenzeitung; es enthielt zwar kaum etwas, das sie interessierte, aber sie schaltete den Apparat trotzdem ein. Es gab viel Rauschen, das Bild wackelte, und es schneite auf dem Schirm. Sie versuchte es mit den anderen Kanälen, immer mit demselben Resultat, und stellte den Fernseher ärgerlich ab.

Vom Tisch nahm sie ein Buch, in dem sie während der letzten paar Tage gelesen hatte, aber sie konnte sich nicht konzentrieren und merkte, dass sie immer wieder denselben Satz las. Als sie feststellte, dass sie die Worte nur anstarrte, klappte sie das Buch zu und warf es auf den Tisch.

Sie wanderte im Zimmer umher, rückte hier ein Bild zurecht, dort einen Sessel. Sie sah, dass das Barometer auf dem Kaminsims niedrig stand. Als sie drauf klopfte, ging es noch weiter herunter. Sie ging zum Fenster und starrte auf die Straße und das dahinter liegende Meer hinaus. Sie war ruhelos, wollte irgendetwas tun, wusste aber nicht was.

Läge Jackie nicht da oben, wäre sie nicht ans Haus gefesselt. Dann könnte sie in den Wagen steigen und über dunkle Landstraßen fahren, bis sie vielleicht zu einer Imbissbude kam, wo sie eine Tasse Kaffee trinken konnte. Dort gab es einen Lastwagenfahrer, der das College absolviert hatte, mit einem am Hals weit offenen blauen Arbeitshemd und einer frech auf den Hinterkopf geschobenen Mütze, der mit seiner Tasse Kaffee an ihren Tisch kommen würde … Oder sie konnte barfuß im Dunkeln am Strand entlangschlendern, und das Wasser würde warm sein, sie würde aus den Kleidern schlüpfen und schwimmen gehen – schön lange. Sie würde sich auf den Rücken drehen und sich treiben lassen und das Geräusch eines anderen Schwimmers hören …

Plötzlich wurde es taghell im Zimmer: Ein greller gezackter Blitz hatte im Wasser eingeschlagen. Dem Blitz folgte unmittelbar das Krachen von Donner, und im Haus gingen die Lichter aus. Dann kam der Regen. Leah lief zum Fenster. Die Straßenlaternen waren auch ausgegangen. Sie trat auf die Veranda hinaus und blickte die Straße hinauf und hinab. Alle Häuser waren dunkel, nur hier und da entdeckte sie in einem Fenster flackerndes Licht, weil die Leute Kerzen angezündet hatten. Sie ging wieder hinein und tastete sich in die Küche, wo sie einen Kerzenstumpf fand. In seinem Licht versuchte sie ihre Eltern anzurufen, aber es kam kein Rufzeichen, nur schwaches Summen. Wieder im Wohnzimmer, zog sie sich einen Hocker zum Fenster, kniete sich drauf, stützte die Arme auf die Fensterbank und starrte die Regentropfen an, die vom Straßenpflaster hochsprangen.

 

Ross McLane nahm den Anruf entgegen, da er in der Rezeptur dem Telefon am nächsten war. Da er schwer hörte, neigte er schon normalerweise dazu, laut zu sprechen, am Telefon jedoch konnte man ihn im ganzen Laden hören: «Town-Line Drugstore … Wer? … Ach so, guten Abend, Doktor. Was kann ich für Sie tun? … Augenblick mal … So, legen Sie los … jawoll … Jawoll … Kestler, jawoll. Anfangsbuchstaben des Vornamens? J … Hab ich … Minerva Road siebenundvierzig? … Hm-hm … Okay … Himmel, nein, ich glaube nicht. Der Laufjunge ist schon weg … Ich glaube nicht, aber warten Sie mal ‘nen Moment. Ich frage.» Er legte die Hand über den Hörer und rief laut: «He, Marcus, Dr. Cohen ist am Telefon. Er will wissen, ob wir heute Abend noch was liefern können. Nach Minerva siebenundvierzig.»

«Sagen Sie nein.»

Ins Telefon sagte McLane: «Hören Sie, Doktor, es ist einfach unmöglich. Wir haben furchtbar viel zu tun und müssen noch sehr lange arbeiten. Wir haben einen Haufen Rezepte für das Kinderheim. Es ist einfach niemand hier, der …» Abermals deckte er die Hand über den Hörer. «Er sagt, es ist wichtig, Marcus.»

«Hören Sie, wenn Sie wollen, kann ich’s ja hinbringen», erbot sich Safferstein.

«Kennen Sie ihn?», erkundigte sich Aptaker.

«Nein, aber wenn es so dringend ist … Ich wohne ebenfalls in der Minerva Street. Nummer siebenundvierzig liegt am Weg.»

 

«Es gießt in Strömen», sagte Dr. Cohen, der aus dem Fenster sah. «Sollte mich nicht wundern, wenn die Kaplans alles absagten. Ich meine, bei einem Hurricane …»

«Ich habe die Nachrichten gehört, als du weg warst», berichtete seine Frau. «Es heißt, dass der Sturm auf See hinauszieht und dass wir ihn nur am Rand mitkriegen. Das letzte bisschen. Es soll ungefähr in einer Stunde vorbei sein.»

«Ob es der ganze Sturm ist oder das letzte bisschen – es ist auf alle Fälle schlimm genug. Ich glaube, ich gehe lieber nicht zu den Kaplans und bleibe zu Hause.»

Seine Frau war nicht seiner Ansicht. «Ich weiß nicht, Dan. Al Muntz schien es für wichtig zu halten, nach dem, was du mir erzählt hast.»

«Und wenn sie’s nun wirklich abgesagt haben? Ich käme mir furchtbar dumm vor, wenn ich bei diesem Wetter hinfahren würde und es gebe gar keine Party.»

«Hätten sie dann nicht angerufen?»

«Sicher, aber vielleicht haben sie das schon getan, und wir waren den ganzen Tag nicht da.»

«Dann ruf du sie doch an.»

«Ja, ich glaube, das werde ich tun.» Er nahm den Hörer. «Kein Rufzeichen», verkündete er. Trotzdem wählte er, bekam aber keine Antwort. Er drückte mehrmals auf die Gabel, dann wählte er das Amt. Er lauschte aufmerksam, den Hörer fest ans Ohr gepresst. Schließlich legte er ihn wieder auf. «Funktioniert nicht. Komisch, als ich vor ein paar Minuten den Drugstore anrief, war es noch in Ordnung. Vielleicht hat der Blitz einen Transformator getroffen, oder die Leitung ist runtergekommen.»

«Pass auf, Dan, ich werde dir sagen, was du tust. Du fährst hin. Wenn das Haus hell erleuchtet ist und eine Menge Wagen draußen stehen, weißt du, es ist alles in Ordnung, und gehst rein. Wenn das Haus aber dunkel ist oder ganz normal erleuchtet und wenn keine Wagen draußen stehen, weißt du, dass der Empfang abgesagt ist, und kommst nach Hause.»

«Ja, du hast Recht. Das werde ich tun.»

 

Sorgfältig steckte Safferstein die beiden schmalen Umschläge, jeder mit einem etikettierten Pillenfläschchen, in die Tasche seines Regenmantels. Da es jetzt regnete, schlug er den Kragen hoch und lief rasch hinaus zu seinem Wagen. Kaum hatte er den Wagen in Gang gesetzt, als ein Blitz alles ringsum taghell erleuchtete. Unmittelbar darauf folgte ein Donnerschlag. Und dann öffnete der Himmel seine Schleusen, und der Regen kam in dicken Tropfen herunter, die auf dem schwarzen Asphalt der Straße tanzten. Das Wasser rann über seine Windschutzscheibe – so dicht, dass die Scheibenwischer es nicht bewältigen konnten. Die Windschutzscheibe beschlug; er stellte den Defroster an, ohne Erfolg. Er hielt unter einer Straßenlaterne und stellte den Motor ab. Lange kann das ja nicht dauern, dachte er.

 

«Also, das ging wirklich schnell», sagte Mrs. Cohen zu ihrem Mann, als er zur Haustür hereinkam und den Mantel abwarf. «Alles dunkel, nicht wahr?»

«Ich bin gar nicht hingekommen. Da liegt ein Baum quer über der Straße, direkt an der Ecke. Ich musste das ganze Stück bis zur Baird Street zurücksetzen, ehe ich wenden konnte.»

«Ach, die große alte Ulme? Ein Jammer! Vielleicht solltest du die Polizei verständigen.»

«Wie denn? Durch Rauchzeichen?»

 

«Was ich erreichen möchte, ist Einstimmigkeit», drängte Chester Kaplan. «Also, wir sind alle einer Meinung, dass es sinnlos ist, wenn die Synagoge den Goralsky-Besitz behält und verwaltet, nicht wahr?»

Die Antworten kamen sofort von allen Seiten.

«Na klar. Wer macht sich schon gern die Mühe, Miete zu kassieren?»

«Oder Reparaturen durchführen zu lassen oder einen leer stehenden Laden zu vermieten.»

«Man kann die Verwaltung aber doch auch einer Immobilienfirma übertragen», meinte Abner Fisher.

«Ja, und die stecken dann zehn Prozent der einkommenden Gelder ein.»

«Fünf Prozent», berichtigte Fisher.

«Na schön, fünf Prozent. Dafür tun sie aber nichts weiter, als die Mieten zu kassieren. Ich weiß Bescheid. Ich stimme Ihnen zu, Chet, wir sollten den Besitz verkaufen. Aber können wir das unter den Bedingungen von Goralskys Testament?»

«Ihr könnt mir glauben, das ist okay», versicherte Kaplan rasch. «Das Testament lautet – und ich zitiere wörtlich: ‹Der Synagoge vermache ich den Geschäftsblock, bekannt als Goralsky-Block, mit dem daran angrenzenden Gelände.› Dann gibt er die Grenzen an, und dann heißt es – passt auf: ‹damit die Synagoge ein jährliches Einkommen daraus erwirtschaften kann, das zu den allgemeinen Ausgaben beiträgt, oder um davon ein Gebäude zu errichten, wie etwa eine jüdische Schule oder eine ständige Wohnung für den jeweiligen Rabbi, oder für jeden anderen Zweck, der den Interessen und dem Vorteil der Synagoge dient›. Also, wie ich es sehe, ist diese letzte Klausel entscheidend. Wir können den Besitz verwenden, wie wir es für richtig halten, vorausgesetzt, es dient den Interessen und dem Vorteil der Synagoge. Stimmt’s, Paul?»

Paul Goodman, ebenfalls Anwalt, nickte. «So verstehe ich es auch.»

«Und ich würde sagen, den Block verkaufen und mit dem Geld ein Grundstück für eine permanente Klausur erwerben dient eindeutig dem Interesse und dem Vorteil der Synagoge», fuhr Kaplan fort. «Und der beste Zeitpunkt zum Verkauf ist jetzt, da wir ein Gebot bekommen haben, das wir so schnell nicht wieder bekommen werden.»

«Tja, aber ich möchte doch gern wissen, warum Bill Safferstein einen so hohen Preis für den Besitz bietet», erklärte Abner Fisher, der häufig den advocatus diaboli der Gruppe spielte.

Kaplan wandte sich dem Fragesteller zu; seine Miene drückte freundliche Offenheit aus. «Ich weiß es nicht, Abner. Ich weiß nur, was ich einigen von euch bereits gesagt habe. Ich erzählte Bill Safferstein von der letzten Klausur. Er war nämlich nicht dabei, versteht ihr? Der Monsignore kam, und wir fingen an zu reden, und er sagte, die Kirche sei bereit, das Grundstück zu verkaufen. Also, der Preis, den er mir nannte, das war geschenkt. Ich sagte zu Bill, wir könnten alles für hunderttausend kaufen und einrichten. Und er sagte zu mir: ‹Wissen Sie was, ich gebe ihnen hunderttausend für den Goralsky-Besitz.› Ich dachte, er macht Witze, aber er schrieb sofort einen Scheck über tausend Dollar aus, als Anzahlung auf sein Kaufgebot. Mehr weiß ich nicht. Vielleicht ist das seine Art, eine Spende für die Synagoge zu machen.»

«Ach was!», höhnte Abner Fisher. «Billy Safferstein ist ein netter Kerl, und auch großzügig, aber so viel Geld für einen Block heruntergekommener Läden auf den Tisch zu blättern, von denen einer sogar noch leer steht …»

«Ich habe kürzlich ein Schreiben vom Drugstore bekommen, in dem Aptaker um Erneuerung seines Mietvertrags bittet», warf Kaplan ein.

«Na schön, gibt es eben einen guten Laden im ganzen Block. Aber das erklärt immer noch nicht …»

«Bill arbeitet immer so», meldete sich Paul Goodman. «Haben Sie jemals mit ihm gepokert? Wenn er eine Glückssträhne hat, nützt er sie bis zum letzten Rest aus. Wenn der Einsatz zum Beispiel einen Dollar beträgt, sagt er: ‹Kommt, hängen wir die Korinthenkacker ab›, und erhöht auf fünf. Und genauso kauft er Immobilien. Als ich den Harrington-Besitz liquidieren musste, bot er fünfundsiebzigtausend für das Land, während die anderen nur einiges über fünfzig boten. Natürlich bekam er den Zuschlag. Dann teilte er das Land in ungefähr hundert Parzellen auf, verhökerte sie für durchschnittlich dreitausend pro Stück und machte einen ganz schönen rebbach dabei. Als er es gekauft hatte, sagte ich ihm, er hätte es für zwanzigtausend weniger bekommen können. Und wisst ihr, was er mir antwortete? ‹Ich mache niemals den Versuch, einen Besitz so billig wie möglich zu erwerben. Auf diese Weise konkurriert man nur mit den anderen Käufern. Sie treiben sich gegenseitig in die Höhe, und ehe man sich’s versieht, bezahlt man mehr, als man beabsichtigte, und mehr, als das Ganze wert ist. Ich berechne immer, was ein Besitz für mich wert ist, und das biete ich dann. So entmutigt man die Konkurrenz, zieht ihr sofort den Boden unter den Füßen weg.›»

«Tja», sagte Kaplan, «ich weiß nur, dass es ein verdammt guter Preis ist, und wenn wir den nicht akzeptieren, sollten wir alle zum Psychiater gehen und uns den Kopf untersuchen lassen.»

«Ich gebe zu, dass der Preis gut ist, und ich finde, wir sollten verkaufen», meinte Fisher. «Aber ich möchte wissen, ob dieses Grundstück oben in Petersville ein guter Kauf ist und ob es genau das Grundstück ist, das wir uns als permanente Klausur wünschen.»

«Sie sind doch schon da gewesen, Abner. Sie kennen es.»

«Ja, aber ich war dort in Klausur. Ich hab’s gesehen, aber ich habe es nicht geprüft, wie ich es tun würde, wenn ich es kaufen wollte.»

«Aber natürlich, Abner. Deswegen organisiere ich für dieses Wochenende eine Klausur. Das gibt uns Gelegenheit, uns das Grundstück eingehend anzusehen. Wir können uns an Ort und Stelle entscheiden und, wenn wir zurück sind, am nächsten Sonntag bei der Vorstandssitzung offiziell darüber abstimmen.»

«Und es wird eine richtige Klausur?»

«Worauf ihr euch verlassen könnt. Rabbi Mezzik wird auch da sein, und die rebbezen wird uns das Sabbatmahl auftischen und die Kerzen segnen. Am Sonnabend dann sehen wir uns das Grundstück an und treffen unsere Entscheidung …»

«Sie wollen am Sabbat Geschäfte machen, Chet?»

Kaplan grinste. «Das ist ein religiöses Geschäft. So was kann man auch am Sabbat machen.»

 

Ein Streifenwagen der Polizei kam vorbei, bremste und hielt direkt vor ihm. Der Streifenpolizist im gelben Regenmantel stieg aus und kam herüber. Mit der Taschenlampe leuchtete er durchs Fenster. «Ah, Mr. Safferstein! Irgendetwas nicht in Ordnung?»

Safferstein kurbelte das Fenster herunter. «Doch, doch, alles klar, Officer. Es hat nur so stark geregnet, dass meine Scheibenwischer es nicht mehr schafften. Und dann beschlug die Windschutzscheibe. Darum habe ich angehalten und ein bisschen gewartet.»

«Wollen Sie Ihren Wagen stehen lassen und sich von uns heimfahren lassen?»

«Nein, nein, es lässt ja schon nach. Ich werd’s schon schaffen.»

«Können wir sonst noch was für Sie tun?»

«Nein, danke … Na ja, vielleicht doch. Ich habe versprochen, diese Pillen abzuliefern …»

 

Mrs. Kestler spähte besorgt zum Fenster hinaus und sagte zweifelnd: «Es hat etwas nachgelassen, Rabbi, aber es gießt immer noch ganz schön. Wollen Sie nicht lieber noch ein bisschen warten?»

Doch er hatte es eilig, zu Kaplans zu kommen. «Nein, es geht schon», antwortete er. «Ich laufe schnell rüber. Mein Wagen steht direkt vor dem Haus.»

Der Rabbi öffnete die Tür, blieb sekundenlang im Schutz der Veranda stehen und rannte dann die Stufen hinab, den Fußweg entlang zu seinem Wagen. Er hatte auf der Beifahrerseite einsteigen wollen, die direkt am Borstein lag, um dann auf den Fahrersitz hinüberzurutschen, aber es war abgeschlossen. Während er nach den Schlüsseln suchte, rüttelte ein plötzlicher Windstoß die Äste der Bäume und überschüttete ihn mit dem Wasser von ihren regenschweren Blättern. Bis auf die Haut durchnässt, erinnerte er sich, dass das Schloss nicht recht funktionierte und man eine ganze Weile mit dem Schlüssel arbeiten musste, um es von außen öffnen zu können. Als er um den Wagen herum zur Fahrerseite hastete, trat er mitten in die tiefe Pfütze, die sich in der Gosse gebildet hatte, und stieß einen sehr wenig rabbinerhaften und höchst uncharakteristischen Fluch aus.

Endlich hinter dem Steuer sitzend, aber durchnässt und unbehaglich, dachte er: «Am besten fahre ich erst nach Hause und ziehe mich um, sonst kriegt Miriam noch Zustände.»

Obwohl der Sturm beträchtlich nachgelassen hatte, rauschte der Regen weiterhin in Bächen herab. Safferstein musste fast bis zum Ende der Straße fahren, ehe er fünfzig Schritt vom Haus der Kaplans entfernt einen Parkplatz fand. So schlug er den Kragen hoch und trottete, die Hände tief in die Taschen versenkt, an der Reihe der Wagen entlang zurück. Vor dem Haus angekommen, eilte er die Stufen zur schützenden Veranda hinauf. Dort blieb er stehen und lauschte auf die Geräusche drinnen. Er sah, dass die Tür angelehnt war, stieß sie auf und trat ein.

Sofort fand er sich in einer Atmosphäre männlicher Fröhlichkeit und Kumpanei. Die große Halle, der anschließende Wohnraum und das Esszimmer dahinter wimmelten von Männern, die in Gruppen herumstanden, sich unterhielten, lachten, diskutierten. Als sie Safferstein entdeckten, begrüßten sie ihn freundschaftlich.

«Hi, Billy!»

«Hallo, Billy, alter Knabe!»

«He, da ist Bill Safferstein.»

Dem Ton ihrer Begrüßung entnahm er, dass Kaplan ihnen bereits von seinem Angebot, den Goralsky-Block zu kaufen, Mitteilung gemacht hatte und dass sie einverstanden waren.

Er zog den Mantel aus und sah sich nach einem Platz um, wo er ihn aufhängen konnte. In der Halle türmten sich auf mehreren Stühlen andere Mäntel, doch da seiner nass war, mochte er ihn nicht obenauflegen.

Kaplan begrüßte ihn und flüsterte ihm zu: «Alles klar.» Er nahm ihm den Mantel ab. «Der ist nass», sagte er. «Am besten hängen wir ihn in den Schrank.» Kaplan drapierte ihn über einen Bügel, schob die vielen Mäntel im Schrank zusammen und hängte Saffersteins Mantel dazu. «Wie geht’s Mona? Etwas besser?»

«Ich habe ihr gerade ein Medikament geholt, und weil das Fahren bei dem Wetter so mühsam war, dachte ich mir, ich schaue hier herein, bis es ein bisschen nachgelassen hat.»

«Aber natürlich. Kommen Sie, trinken Sie ein Bier.»

«Lieber einen Kaffee, wenn Sie haben.»

«Aber sicher. Kommt sofort.»

«Hören Sie, kann ich Ihr Telefon einmal benutzen?»

«Da drüben.»

Er wählte seine eigene Nummer. Das Mädchen kam an den Apparat. «Hilda? Wie geht’s Mrs. Safferstein? … Ah, gut. Wenn sie aufwacht, sagen Sie ihr, ich habe wegen des Gewitters bei den Kaplans Halt gemacht und komme später.»

 

Mrs. Kestler beugte sich übers Geländer und rief ihrem Mann im unteren Stockwerk zu: «Joe, komm schnell! Dein Vater … Er klingt furchtbar.»

Er rannte die Treppe hinauf. «He, Pa, was ist denn? Wie geht’s dir?» Seine Frau fauchte er an: «Steh nicht so blöde rum, ruf den Arzt an!»

Sie hastete hinunter. Er hörte, wie sie wählte und dann sprach, aber er konnte nicht verstehen, was sie sagte. Er ging ebenfalls hinunter. Die Hand über der Sprechmuschel, drehte sie sich zu ihm um. «Es ist der Auftragsdienst. Sie wollen wissen, was los ist, dann wollen sie Dr. Cohen benachrichtigen.»

Er riss ihr den Hörer aus der Hand und schrie hinein: «Hören Sie, Miss, mein Vater verträgt die Pillen nicht, die Dr. Cohen ihm verordnet hat. Sehen Sie zu, dass Sie ihn finden, und sagen Sie ihm, er soll sofort seinen Arsch hierher bewegen. Kapiert?» Er knallte den Hörer auf die Gabel.

«Aber Joe, so hättest du nicht mit denen reden sollen. Du weißt genau, dass die aus lauter Bosheit vielleicht …»

«Das soll sie wagen! Der häng ich eine Klage an, dass sie im Hemd dasteht. Geh rauf und kümmere dich um ihn. Ich warte hier unten beim Telefon.»

«Ach Joe, ich habe Angst!»

«Angst? Wovor?»

«Ich weiß nicht. Er sieht so … so komisch aus.»

«Verschwinde! Ich will hier sein, wenn der Doc anruft. Dir kann er ja doch allen möglichen Scheiß verkaufen.»

Zögernd ging sie auf die Treppe zu. Als das Telefon schrillte, blieb sie stehen.

«Ja? Wer?»

«Ich bin Dr. DiFrancesca», erklärte die Stimme in der Leitung. «Dr. Cohen ist nicht zu erreichen. Sein Apparat scheint nicht in Ordnung zu sein. Ich vertrete ihn. Was ist los?»

«Also, er hat ihm diese Pillen verschrieben, und jetzt kriegt er keine Luft mehr.»

«Aha. Ich denke, wir schaffen ihn ins Krankenhaus. Ich verständige die Polizei, die werden dann den Krankenwagen schicken. Und im Krankenhaus werde ich ebenfalls Bescheid sagen, dass er kommt.»

«Aber was ist, wenn sich sein Zustand unterwegs verschlimmert?»

«Nun … Na gut. Ich werde den Krankenwagen bitten, mich abzuholen, und komme gleich mit.»

 

«He, Chet, haben Sie noch mehr von diesen Karten?»

«Sicher, Howard – jede Menge. Nehmen Sie nur.» Chester Kaplan reichte ihm einen Stoß vervielfältigte Zeichnungen von der Route zu dem Camp, in dem die Klausur abgehalten werden sollte. «Aber Sie kommen doch ganz bestimmt, nicht wahr?»

«Hätte ich Ihnen einen Scheck über fünfundzwanzig Dollar gegeben, wenn ich nicht die Absicht hätte zu kommen?»

Da der Regen ein wenig nachgelassen hatte, brachen eine ganze Reihe Gäste auf, um die Atempause auszunutzen. Mit viel gutmütiger Witzelei begaben sie sich in die Halle, um ihre Mäntel und Hüte zu holen.

«Pass auf, Bert, such dir den besten aus!»

«Wissen Sie genau, dass Sie einen Mantel anhatten?»

«Also vergesst nicht, Jungens», rief Kaplan ihnen nach, «wir fahren Punkt halb drei hier ab. Aber wenn ihr uns verpasst, werdet ihr bestimmt leicht hinfinden, wenn ihr euch nach dieser Karte richtet.»

Als Safferstein sich auch erhob, rief ihm Dr. Muntz zu: «Wollen Sie schon gehen, Bill?»

«Na ja, ich … Bleiben Sie denn noch?»

«Gewiss. Kommen Sie her, setzen Sie sich noch ein bisschen.»

Kaplan kam zu ihnen. «Warum die Eile, Bill? Edie macht gerade ein paar Sandwiches. Wir trinken noch eine Tasse Kaffee und unterhalten uns eine Weile.»

«Na ja, gut. Wie sieht’s denn aus?»

«Es klappt, würde ich sagen. Meiner Meinung nach dürfte es bei der Abstimmung am Sonntag keinerlei Schwierigkeiten geben.»

«Wunderbar!»

«Ich hab ein paar Briefe von Leuten, die sich für den leer stehenden Laden interessieren. Einer kommt von einer Farben- und Tapetenfirma …»

Safferstein schüttelte den Kopf.

«Und dann ist da ein Brief vom Drugstore wegen des Mietvertrags.»

«Was ist damit?», erkundigte sich Safferstein rasch.

«Sein Mietvertrag läuft anscheinend aus, deshalb hat er an Goralsky geschrieben und um Verlängerung gebeten. Der Alte hat sie ihm zugesagt und auch die entsprechenden Formulare ausgefüllt. Aber ehe er unterzeichnen konnte, ist er gestorben.»

Safferstein lächelte zufrieden. «Ach, wirklich?»

«Was soll ich also in dem Fall tun?»

«Schreiben Sie Aptaker und erklären Sie ihm, dass ich den Besitz übernehme. Er soll sich mit mir in Verbindung setzen.»

«Okay.»

 

Marcus Aptaker drehte den Schlüssel im Schloss und rüttelte dann am Türknauf, um sich zu vergewissern, dass richtig abgeschlossen war.

«Gute Nacht, Ross», sagte er. Und dann, zu seinem Sohn: «Kommst du, Arnold?»

«Geh nur vor, Dad. Ich habe den Wagen hier und komme dann später nach.»

Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, aber es war neblig, und als Akiva die Küstenstraße entlangfuhr, traf er immer wieder auf dicke Nebelschwaden, die seine Scheinwerfer kaum durchdrangen. Als er sich dem Haus am Strand näherte, sah er, dass die gesamte Gegend im Dunkeln lag, nicht nur die Häuser, sondern die Straßenlaternen ebenfalls. Ihm kamen Zweifel. Vielleicht war Leah mit dem Jungen beim Herannahen des Sturms zu ihren Eltern gefahren und war immer noch dort. Oder, wenn sie zu Hause geblieben war, schlief sie vielleicht, und wenn er dann klingelte …

Doch da entdeckte er die Silhouette am Fenster, wie sie das Meer beobachtete. Er stellte den Wagen ab, überquerte die Straße und hoffte, dass sie ihn durchs Fenster erkannte.

Sie machte die Tür auf, ehe er nach der Klingel greifen konnte. «Was machst du denn hier?», fragte sie. «Was willst du?»

«Ich habe ein paar Mal versucht, dich anzurufen, aber das Telefon funktionierte nicht. Ich habe mir Sorgen gemacht. Du wohnst direkt am Wasser. Da hab ich gedacht, ich fahr mal schnell her und sehe nach, ob alles in Ordnung ist.»

«Der Strom ist ausgefallen», erklärte sie, «und die letzte Kerze, die ich hatte, habe ich aufgebraucht.» Sie trat beiseite, um ihn einzulassen.

Er tastete sich ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa. Sekunden später fühlte er die Polster nachgeben, als sie sich neben ihm niederließ. Ihr Oberschenkel schmiegte sich eng an den seinen, und zuerst dachte er, sie habe im Dunkeln den Abstand falsch eingeschätzt. Dann lehnte sie sich plötzlich an ihn. Und dann lag sie auf ihm, drückte sich ihr Mund fest auf den seinen.

Später, als sie auf dem schmalen Sofa eng nebeneinander lagen, murmelte sie: «Es war so lange her!»

«Bei mir auch», antwortete er heiser.

 

Das Telefon läutete. Chester Kaplan rief quer durchs Zimmer: «Nimm doch bitte mal ab, Al.»

Dr. Muntz nahm den Hörer ab. «Hier bei Kaplan», meldete er sich. «Wer? … Ist nicht hier. Einen Moment, bleiben Sie dran.» Er deckte die Sprechmuschel zu und rief zu Kaplan hinüber: «Das ist für Dan Cohen. War der heute Abend hier? Ich habe ihn nicht gesehen.» Wieder sprach er ins Telefon. «Nein, er war nicht hier. Hören Sie, wer ist denn da? … Oh, Sie sind’s, John. Ich dachte mir doch, dass ich Ihre Stimme erkannt habe. Was ist los? … Was? … Augenblick.» Er hob den Kopf. «He», sagte er, «seid mal leise da drüben, ja? Ich kann nichts verstehen.»

Sofort wurde es still im Zimmer; alle Augen wandten sich ihm zu.

«Und da haben sie Sie angerufen? … Hmmm … Hmmm … Hmmm … Tja, so geht’s eben manchmal. Tut mir Leid, dass Sie reingezogen worden sind … Ja, Wiederhören.»

«War das John DiFrancesca?», erkundigte sich Dr. Kantrovitz. «Was ist passiert?»

«Ein Patient von Dan Cohen ist gestorben. Sie konnten Dan nicht erreichen, daher hat der Auftragsdienst John angerufen. Er sagt, es war vermutlich eine Reaktion auf ein Medikament, das Dan verschrieben hat, und …»

«Wer war’s denn?»

«Der alte Kestler.»

«Großer Gott!» Der Aufschrei kam von Safferstein.

Alle wandten sich zu ihm um. Sein Gesicht war aschgrau.

«Was ist los, Billy?», fragte Kaplan.

«Das war möglicherweise meine Schuld. Vielleicht habe ich die Pillen vertauscht.»

«Was reden Sie da?»

Bill erklärte, dass er sich bereit erklärt hatte, das Medikament bei den Kestlers abzugeben. «Ich hatte also zwei Umschläge, einen mit dem Medikament, das Al Mona verschrieben hatte, und einen für Kestler. Vielleicht habe ich Kestler den für Mona gegeben.»

«Wie ist das, Al?», wollte Kaplan wissen. «Hätte das, was du Mona verschrieben hast, Kestler schaden können?»

«Es war Penicillin», antwortete Dr. Muntz. «Wenn Kestler allergisch dagegen war …» Er brach ab, als sei ihm eine Idee gekommen. «Haben Sie Mona die für Kestler bestimmten Pillen gegeben?»

«Nein, ich bin wegen des Wetters direkt hierher gekommen.»

«Dann müssen Sie den zweiten Umschlag ja noch haben», erklärte Muntz. «Sie brauchen also nur nachzusehen, ob die Pillen, die Sie noch haben, Kestlers oder Monas sind.»

«Ja, genau – das ist richtig! Sie stecken in meiner Manteltasche.» Safferstein eilte in die Halle, wo Kaplan seinen Mantel in den Schrank gehängt hatte. Die anderen folgten. Er nahm einen Mantel heraus und schob die Hand in eine Tasche. «Sie sind fort», sagte er entsetzt. «Die Pillen sind fort!»

«Sehen Sie in den anderen Taschen nach.»

«Ich weiß genau, dass ich sie in diese Tasche gesteckt habe.» Aber er begann trotzdem zu suchen. Er zog ein Paar Handschuhe heraus und starrte sie verwundert an. «Das sind nicht meine. He, das ist ja gar nicht mein Mantel! Irgendjemand muss meinen Mantel verwechselt haben.»