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Bei seinem üblichen Besuch im Krankenhaus ging Rabbi Small auch zu Marcus Aptaker.

«Guten Tag, Rabbi», sagte Aptaker höflich. «Nett von Ihnen, dass Sie mich besuchen.»

«Wie geht es Ihnen?», fragte der Rabbi freundlich, als er sich einen Stuhl ans Bett zog.

Aptaker taute ein wenig auf. «Ach, wissen Sie, ganz gut. Nur ziemlich schwach bin ich noch.»

«Kam diese Herzgeschichte ganz plötzlich, oder hatten Sie sich schon länger nicht wohl gefühlt?»

Aptaker schüttelte müde den Kopf. «Ich weiß es nicht. Vielleicht war es schon einige Zeit im Anzug, und ich habe es nicht gemerkt. Hier heißt es, dass es von der nervösen Spannung kommt. Na ja, ein Geschäftsmann steht heutzutage ständig unter Spannung, vor allem bei uns im Drogenhandel, wo man morgens, wenn man den Laden aufmacht, nicht weiß, ob nicht so ein verrückter Hippie reinkommen und mit dem Revolver um sich schießen wird. Man lernt allmählich, damit zu leben, aber wahrscheinlich staut sich das alles auf. Und der Brief, den ich von Ihnen und Ihren Leuten gekriegt habe, hat natürlich auch nichts besser gemacht.»

«Ein Brief von uns?», fragte der Rabbi verständnislos. «Von der Synagoge, meinen Sie? Was für ein Brief?»

«Den Brief von Ihrem Synagogenvorstand. Da sind Sie doch Mitglied, oder nicht?»

«Ich … ich nehme auf Einladung des Vorsitzenden an den Sitzungen teil. Richtiges Mitglied bin ich nicht.»

«Heißt das, dass Sie nicht mit abstimmen?»

«Doch, wenn ich anwesend bin, stimme ich ab, aber …»

«Nun, in dem Brief steht, es sei ein einstimmiger Beschluss des Vorstands, also müssen Sie auch dafür gestimmt haben.»

«Glauben Sie mir, Mr. Aptaker, ich weiß nichts von einem Brief an Sie. Was steht denn drin?»

«Dass Sie meinen Mietvertrag nicht erneuern können, weil Sie den ganzen Block verkaufen.»

«Ich wusste nicht mal, dass Sie um eine Verlängerung des Mietvertrages eingekommen sind.»

«O doch, Rabbi! Sehen Sie, als mein Mietvertrag allmählich auslief, schrieb ich an Mr. Goralsky und bat ihn um Verlängerung. Er antwortete mir, ich sei ein guter Mieter, er sei bereit, mir einen neuen Vertrag für fünf Jahre und eine fünfjährige Option zu denselben Bedingungen wie den alten zu geben, und er werde mir die Formulare zur Unterschrift zusenden.»

«Und das hat er nicht getan?»

«O doch, er hat sie mir zugeschickt», antwortete Marcus. «Aber sie enthielten eine Klausel, dass ich meine Schaufensterscheiben versichern müsse. Also, die hatten wir in den vorangegangenen Verträgen immer ausgestrichen, weil ich die Schaufensterscheiben immer selber bezahlt habe. Darum schrieb ich ihm und bat ihn, er möge diese Klausel ausstreichen.»

«Und er weigerte sich?»

Aptaker schüttelte grimmig den Kopf. «Nein. Er starb. Ich wollte an Ben, seinen Sohn, schreiben, aber dann benachrichtigten mich die Anwälte, dass Goralsky den Block der Synagoge vermacht habe, also schrieb ich an Ihre Leute und hörte wochenlang kein Wort. Das hätte mich nicht weiter beunruhigt, wissen Sie, denn da es sich um eine Organisation handelte, dachte ich mir, dass eine Verzögerung nur natürlich wäre. Und außerdem hatte ich der Synagoge eine Kopie von Goralskys Brief geschickt. Und gestern bekam ich dann die Antwort. Von Chester Kaplan – das ist Ihr Präsident, nicht wahr? Er schreibt mir, der Block sei an William Safferstein verkauft worden, mit dem müsse ich mich in Verbindung setzen.»

«Haben Sie das getan?», fragte der Rabbi.

«Ich habe den Brief erst gestern bekommen. Außerdem, was hätte das noch für einen Sinn, wo er doch immer hinter mir her war, ich solle ihm das Geschäft verkaufen?»

«Safferstein will Ihr Geschäft kaufen?»

«Er wollte. Jetzt hat er das nicht mehr nötig. Jetzt braucht er bloß ein paar Monate zu waren, bis mein Mietvertrag ausgelaufen ist, und kann ihn einfach so übernehmen.»

«Aber warum sollte Mr. Safferstein Ihr Geschäft erwerben wollen? Er ist doch Immobilienmakler.»

«Nun, er will es eben. Während der letzten Monate hat er mich mindestens ein Dutzend Mal gefragt. Wissen Sie, er hat da einen Schwager, der auch Apotheker ist, und der bittet ihn ständig um ein Darlehen, das er dann nie zurückbekommt. Aber da es sich um den Bruder seiner Frau handelt, kann er ihn auch nicht abweisen. Darum hat er sich gedacht, dass er mein Geschäft kaufen und seinen Schwager hineinsetzen will. Und da er hinter meinem Laden her ist, weshalb sollte er dann meinen Mietvertrag verlängern?»

«Aber wenn Sie ihn nicht mal gefragt haben …»

Aptaker schüttelte den Kopf. «Das brauche ich nicht. Und selbst wenn er es täte – ich würde ihn niemals darum bitten. Denn das wäre Betteln. Er würde mich ja doch abweisen.»

«Aber wenn Safferstein doch immer wieder zu Ihnen gekommen ist, obwohl Sie ihn schon das erste Mal abgewiesen hatten …»

Aptaker grinste. «Das ist was anderes. Das ist Geschäft. Sie als Rabbi kennen sich da möglicherweise nicht aus, aber das geht folgendermaßen. Angenommen, jemand sagt, er will Ihr Geschäft kaufen. Dann fragen Sie nicht sofort, wie viel er bietet, weil Sie nicht allzu eifrig wirken wollen. Außerdem wollen Sie vermeiden, dass die Leute erfahren, wie interessiert Sie an dem Verkauf sind, weil das darauf schließen ließe, dass Ihr Geschäft nicht gut geht, und das könnte wiederum Ihrem Kredit schaden. Darum weichen Sie zunächst mal aus. ‹Warum sollte ich ein gut gehendes Geschäft verkaufen?› Oder: ‹Warum wollen Sie einen Drugstore kaufen, wo Sie nicht mal Apotheker sind.› Sehen Sie, man verhandelt anfangs einfach nicht ernsthaft. Also, jedes Mal, wenn er reinkommt, um sich eine Zeitung oder ein Päckchen Zigaretten zu kaufen, stellt er mir wieder diese Frage. Es stört ihn nicht, dass ich ihn abweise, weil er auch ein Geschäftsmann ist und weiß, wie der Hase läuft. Aber dann sucht er mich zu Hause auf. Das bedeutet, er meint es ernst. Also muss ich ernsthaft mit ihm verhandeln.»

Aptaker hatte auf dem Rücken gelegen, jetzt aber drehte er sich auf die Seite, um den Rabbi ansehen zu können. «Ich erklärte ihm, warum ich nicht verkaufen könne. Sie müssen wissen, dass ich mein Geschäft nicht als etwas betrachte, mit dem ich machen kann, was ich will. Ich habe es von meinem Vater geerbt und muss es an meinen Sohn weitergeben. Ich meine, so was ist nicht wie ein Job, den man einfach verlassen kann. Wenn man ein Geschäft hat, für das man sein Leben lang gearbeitet hat, und vor einem der eigene Vater, und wenn man seinen Sohn hat ausbilden lassen, damit er es einmal übernimmt, dann verkauft man nicht einfach an einen Fremden, nur weil der einem ein paar Tausend Dollar bietet. Nein, dann ist das eine Familienangelegenheit. Darum sagte ich ihm, ich müsse das erst noch mit meinem Sohn besprechen und sehen, wie der darüber denkt.»

«Und Safferstein kam wieder zu Ihnen, um Sie zu fragen, ob Sie von Ihrem Sohn gehört hätten?»

«Ganz recht, Rabbi. Aber bei einer solchen Angelegenheit kann man nicht einfach einen Brief schreiben. Man muss sich zusammensetzen und die Sache gemeinsam besprechen.»

«Wenn also Safferstein sich erkundigen kam, antworteten Sie ihm, Sie hätten noch nichts von Ihrem Sohn gehört.»

«Hm-hm. Denn eigentlich hatte ich vor, mir einmal ein Wochenende frei zu nehmen und Arnold in Philadelphia aufzusuchen, wo er arbeitet.»

«Aber war er denn nicht erst vor ein paar Tagen hier?»

Aptaker wurde puterrot. «Ja, aber da hatten wir keine Gelegenheit zu einem Gespräch. Er musste plötzlich nach Philadelphia zurück.»

«Und nun?»

«Tja, jetzt ist es mehr oder weniger gleichgültig», antwortete Marcus düster. «Mein Mietvertrag läuft aus, und Safferstein wird mir vielleicht ein Angebot für meinen Warenbestand machen. Höchstwahrscheinlich aber werde ich alles an einen Auktionator verkaufen müssen.»

«Haben Sie die Korrespondenz über diese Angelegenheit, Mr. Aptaker? Ich meine, die Bitte um Verlängerung und …»

«Selbstverständlich. Ich bin ein sehr methodischer Mann, Rabbi. Ich habe eine Akte mit allen Briefen, die ich erhalten, und den Durchschlägen aller Briefe, die ich geschrieben habe.»

«Könnte ich die mal sehen?»

«Warum nicht? Glauben Sie, dass Sie etwas für mich tun könnten?», erkundigte sich Marcus eifrig. Dann, resignierend: «Glauben Sie mir, es ist aussichtslos. Alles ist vollkommen legal. Es war eben mein Pech, dass Goralsky ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt starb.»

«Trotzdem würde ich mir, wenn ich darf, gern Ihre Korrespondenz ansehen.»

«Aber gern, Rabbi. Erinnern Sie mich bitte daran, wenn ich wieder draußen bin.»

«Könnte ich sie nicht vorher schon haben? Vielleicht kann Ihre Frau …»

«Na schön. Der Aktenhefter ist im Geschäft. Wenn Rose heute Abend kommt, sage ich ihr, dass sie ihn für Sie ausgraben soll.»