11

Am Nachmittag wanderte Akiva von einem Ende des Strandes zum anderen und erneuerte seine Bekanntschaft mit der Küste. Es war Ebbe, und nach einer Weile zog er Stiefel und Socken aus und hängte sie sich an den verknoteten Schnürsenkeln über die Schulter. Er ging am Wasser entlang, ließ die Zehen im feuchten Sand spielen und genoss die weiche Kühle. Er kam zu den Felsen der Landzunge, glatte, runde Buckel, hier und da von tiefen, schmalen Kanälen durchzogen, in die das Wasser sogar jetzt, bei Ebbe, hineinflutete und beim Zurückweichen der Wellen zögernd wieder herausgesogen wurde. Die Wellen hatten kleine Teiche in den Vertiefungen der Felsen hinterlassen, in denen gelegentlich eine winzige Elritze gefangen war und hin und her schoss, bis eine Welle kam, die hoch genug auflief, um sie wieder zu befreien.

Akiva setzte sich an den Rand eines solchen Teiches und planschte mit den Füßen im Wasser, um den Sand abzuspülen. Dann hielt er sie steif ausgestreckt, damit die Sonne sie trocknete und er wieder Socken und Stiefel anziehen konnte. Als er so dasaß, rückwärts auf die Arme gestützt, und zum Horizont hinüberblickte, empfand er einen inneren Frieden, wie er ihn lange nicht mehr erlebt hatte. Soweit er sehen konnte, war er ganz allein am Strand.

Er fand, es sei eine gute Zeit, sich hier, innerlich und äußerlich ungestört, der Meditation hinzugeben. Er setzte sich auf und manövrierte seine Beine in die Lotosposition. Das fiel ihm nicht leicht, doch mit ein bisschen Mühe gelang es ihm, die Füße gegen die Oberschenkel zu legen. Die Arme ausgestreckt, mit Daumen und Zeigefinger einen Ring bildend, schloss er die Augen. Bilder zogen ihm durch den Kopf, und dann, als seine Atmung langsam und regelmäßig wurde, sah er nichts mehr außer einer Art warmem Glühen, die Wirkung der hellen Sonne auf seinen geschlossenen Lidern.

«He, was machst du da?»

Als er die Augen aufschlug, sah er einen kleinen Jungen, fünf oder sechs Jahre alt, mit einem Eimerchen in der einen und einem alten Löffel in der anderen Hand vor sich stehen.

Akiva lächelte. «Ich denke», antwortete er.

«Warum hast du deine Hände so?»

«Ich glaube, weil ich dann besser denken kann. Wohnst du hier?»

«Hm-hm. Da drüben.» Mit einem Nicken zu einem der Häuser auf der anderen Seite der Straße hinüber, die am Strand entlang verlief. «Du, bringst du mich rüber? Ich darf nicht alleine.»

«Klar. Du musst nur kurz warten, bis ich meine Socken und Schuhe angezogen habe. Wie bist du denn hierher gekommen?»

«Meine Mommy hat mich gebracht.»

«Und was hättest du getan, wenn ich nicht hier gewesen wäre?»

«Och, meine Mommy kommt nach einer Weile und holt mich ab.»

Wieder in Stiefeln, stand Akiva auf und streckte die Hand aus. «Komm, gehen wir.»

Der kleine Junge ergriff vertrauensvoll seine Hand, und dann kletterten sie gemeinsam über die Felsen zur Straße, wo sie stehen blieben, um eine Reihe von Autos vorbeizulassen. Als sie eine Lücke entdeckten und hinübergehen wollten, kam eine Frau aus dem gegenüberliegenden Haus.

«Warum hast du nicht gewartet, Jackie?», rief sie laut. «Ich wollte dich gerade holen.»

«Der Mann hat gesagt, er bringt mich rüber», schrie er zurück. Er ließ Akivas Hand los, schoss über die Straße und lief die Stufen zur Veranda hinauf. Akiva jagte hinter ihm drein.

Die Frau musterte Akiva argwöhnisch, dann lächelte sie zerstreut. An den Jungen gewandt, sagte sie: «Na los, Liebling, bedank dich bei dem Mann, geh hinein und nimm dir Milch.»

Der Kleine streckte die Hand aus, und Akiva stieg die Stufen hinauf, um sie zu ergreifen. «Danke», sagte der Junge, machte kehrt und lief ins Haus.

«Der ist aber gut erzogen», sagte Akiva.

«Na ja …»

«Sie sind … du bist Leah Kaplan, nicht wahr?», sagte er zögernd.

«Ach, kennen wir uns? Kaplan war mein Mädchenname.»

«Wir waren zusammen in der Schule», erklärte Akiva. «In einem Jahr haben wir in Französisch nebeneinander gesessen.»

Sie musterte ihn unsicher. «O ja, Sie sind … du bist Aptaker, Arnold Aptaker.»

Er lächelte. «Das war mein Mädchenname», erwiderte er. «Jetzt heiße ich Akiva Rokeach.»

«Dieser Bart – wenn der nicht wäre, hätte ich dich sofort erkannt. Was versteckst du dahinter?»

«Wer versteckt hier was? Ein Bart ist natürlich; Rasieren ist unnatürlich.» Es war, als wären die Jahre von ihnen abgefallen und sie wären wieder in der High School, wo geistreiche Bemerkungen zum Gesprächsstil gehörten.

«Nur weil er wächst, muss man ihn nicht unbedingt wachsen lassen», erwiderte sie schnippisch. «Was ist mit Finger- und Zehennägeln? Ich habe immer das Gefühl, ein Mann mit Bart verbirgt etwas. Entweder ein weiches Kinn oder eine Narbe oder einen Minderwertigkeitskomplex.»

«Nun, ich nicht. Er ist … er ist religiös.»

Jetzt erst bemerkte sie die jarmulke, die er trug. «Ach, so einer bist du!» Sie musterte ihn, die Stiefel, die geflickten Jeans und die Drillichjacke. «Alles andere an dir sieht aber nicht sehr religiös aus.»

«Religion drückt sich nicht in der Kleidung aus», belehrte er sie von oben herab.

«Nur in den Käppchen, wie?»

«Das ist was anderes. Das ist eine Kopfbedeckung. Eigentlich genügt jeder Hut, aber dieses Käppchen beweist, dass man es wegen der Religion trägt und nicht nur, um den Kopf warm zu halten oder ihn vor der Sonne zu schützen.»

«Aha. Na, ich muss mich um Jackie kümmern. Komm rein, wenn du willst.»

«Tja, ich …» Aber er folgte ihr doch ins Haus und in die Küche, wo Jackie mit einem Glas Milch am Tisch saß. «Schmeckt’s, Jackie? Magst du Milch?», erkundigte er sich, um etwas zu sagen.

Der Kleine nickte scheu und leerte das ganze Glas, als wolle er es ihm damit beweisen.

«Und jetzt rauf mit dir und gebadet», sagte Leah. Gehorsam stand der Junge auf und ging zur Treppe. «Willst du dem Mann nicht gute Nacht sagen?», rief sie ihm nach.

Er kam zurück und ging zu Akiva. Abermals streckte er die Hand aus. «Gute Nacht», wünschte er.

«Mann, du hast ihn wirklich gut erzogen», sagte Akiva bewundernd.

«Ich gebe mir Mühe. Was ist, möchtest du eine Tasse Kaffee? Er ist schon fertig. Ich trinke ihn sonst immer, wenn Jackie seine Milch trinkt.» Sie stellte zwei Tassen auf den Tisch und dazu einen Teller mit Plätzchen. «Nur zu, nimm dir», drängte sie. Und als er zögerte, sagte sie lächelnd: «Keine Angst, sie sind koscher. Ich habe sie selbst gebacken.»

«Wirklich?» Er griff nach einem Keks. «Wieso kochst du koscher?»

«Weil ich es so gelernt habe.»

«Und warum findest du das hier dann komisch?» Er tippte an die gehäkelte jarmulke auf seinem Kopf.

Sie grinste. «So koscher bin ich nun auch nicht erzogen worden.»

Er grinste zurück, kein bisschen gekränkt. «Hast du die ganze Zeit hier in der Stadt gewohnt?», fragte er.

«Ja, bis auf die Jahre, als ich auf dem College war.»

«Ist dein Mann auch von hier? Kenne ich ihn vielleicht sogar? Ich meine, ist es einer von unserer Schule?»

Sie schenkte Kaffee ein. «Er kommt eigentlich aus Boston. Goldstein, Fred Goldstein. Kennst du ihn?»

Er schüttelte den Kopf.

«Wir haben uns letztes Jahr scheiden lassen», erklärte sie leichthin.

Er hatte sie so gesehen, wie er sie von der High School kannte. Jetzt musterte er sie aufmerksam. Sie sah nicht besonders gut aus, wie er fand, sogar beinahe unscheinbar. Doch ihr Gesicht verriet eine Selbstbeherrschung und Sicherheit, die er merkwürdig fand. Sie hatte eine hohe Stirn und breite Wangenknochen, doch da ihre braunen Augen ebenfalls weit standen, war ihr Gesicht nicht unproportioniert. Er stellte fest, dass kaum etwas Feminines an ihren Zügen war, außer der sanft gerundeten Wangenlinie, die zu einem energischen Kinn verlief. Sie starrte ihn ebenso aufmerksam an, und er senkte den Blick.

«Mann, das muss schwer für dich gewesen sein», sagte er. «Mit dem Kind und so. Das tut mir Leid.»

«So was kommt immer wieder vor», antwortete sie achselzuckend. «Die Hälfte meiner Mitschülerinnen, die geheiratet haben, sind entweder geschieden oder leben getrennt. Jedenfalls kommt es mir so vor. Das ist diese Zeit. Die Menschen brauchen einander nicht mehr.»

«Was willst du damit sagen?»

«Es stimmt wirklich. Die Männer haben immer geheiratet, weil sie eine Frau brauchten – eine Frau, die für sie kochte, putzte und nähte, mit der sie ins Bett gehen konnten. Heutzutage ist es ein Kinderspiel, sich selbst zu versorgen. Man braucht bloß was aufzuwärmen, das man fertig gekocht im Laden kauft. Und kein Mensch flickt heute noch. Das ist nicht mehr nötig. Wer stopft heute noch seine Socken? Und Sex ist auch leicht zu haben. Warum sollte ein Mann heiraten?»

«Wie ist es aber mit den Frauen? Die müssen doch immer noch heiraten, oder?»

Sie schüttelte den Kopf. «Nicht mehr als die Männer. Früher brauchten sie einen Mann, der sie versorgte, während sie ihm den Haushalt führte. Jetzt können sie arbeiten gehen. Und die Hausarbeit ist so vereinfacht, dass sie auch, wenn sie von neun bis fünf arbeiten, trotzdem noch für sich selbst kochen und waschen können. Als die Menschen einander brauchten, neigten sie eher dazu, zusammenzubleiben. Heutzutage heiraten sie, weil sie sich einfach haben wollen. Und wenn sie sich nicht mehr haben wollen, gibt es keinen triftigen Grund mehr für ein weiteres Zusammenleben, vor allem, weil man gewöhnlich aufhört, einen Menschen haben zu wollen, sobald man anfängt, einen anderen haben zu wollen.»

«Ist es bei dir auch so gewesen?», fragte er.

Sie lächelte verkniffen. «Was glaubst du denn? Er hat wieder geheiratet, sobald die Scheidung rechtskräftig wurde.»

«Und der Junge, vermisst er seinen Vater nicht?»

«Natürlich vermisst er ihn, aber darüber kommt er bald hinweg. Sein Vater war ohnehin häufig geschäftlich verreist, manchmal eine ganze Woche lang; also ist er es gar nicht unbedingt gewöhnt, ihn jeden Tag um sich zu haben. Kinder sind flexibel. Hast du auch Kinder?»

Er schüttelte den Kopf. «Ich bin noch Junggeselle.» Dann lachte er. «Bis vor acht oder neun Monaten, als ich nach Philadelphia kam, war ich nirgends lange genug, um zu heiraten.»

«Aha, ein Streuner.»

«So könnte man sagen.»

«Und warum bist du in Philadelphia geblieben?»

«Da bin ich zur Uni gegangen. Und bin geblieben, weil ich Kontakt mit Reb Mendels chavura bekam.»

«Und Religion.»

«Ich habe gefunden, was ich gesucht hatte», antwortete er schlicht. «Ich habe jetzt eine Vorstellung vom Sinn des Lebens, das Gefühl, ein Ziel zu haben, eine Bestimmung.»

Sie freute sich, dass er ihr nicht mit dem gleichen Sarkasmus geantwortet hatte. Trotzdem konnte sie eine weitere Spitze nicht unterdrücken. «Und jetzt, da du den Sinn des Lebens entdeckt hast, willst du hier predigen?»

«O nein! Ich bin ja erst ein Anfänger bei Reb Mendel. Ich würde niemals vorgeben, Experte zu sein. Ich bin nur einige Tage bei meinen Eltern zu Besuch.»

Sie plauderten – von Leuten, die sie aus der Schule kannten, und dem, was aus ihnen geworden war; von Leahs Plänen, im nächsten Jahr eine Lehrstelle zu übernehmen, damit ‹ich finanziell nicht von Fred abhängig bin›; von seinem Leben auf der Straße, ehe er sich in Philadelphia niederließ, und den verschiedenen Religionsarten, die er ausprobiert hatte, bevor er zu Reb Mendels chavura gestoßen war. «Wenn man in eine neue Stadt kommt, lernt man am schnellsten Leute kennen, indem man zu einer von diesen religiösen Zusammenkünften geht.»

Dann rief Jackie von oben herunter: «Ich habe gebadet, Mommy!»

«Ich komme, Liebling!»

«Tja, ich sollte wohl auch jetzt gehen», sagte Akiva.

«Ach so, ja. Ich hab mich gefreut, dich wieder zu sehen.» Sie ging zur Treppe. «Es macht dir doch nichts aus, wenn …»

«Ich finde schon allein hinaus.»

Als er am Strand entlang zu seinem Wagen zurücktrottete, dachte Akiva über diesen Besuch nach. Er war ein kleines bisschen enttäuscht darüber, dass sie ihn nicht gebeten hatte, sie anzurufen, aber zugleich ziemlich erleichtert. Er sagte sich, dass es ja doch keinen Sinn habe, in Barnard’s Crossing mehr Bindungen zu knüpfen, als unbedingt nötig waren.