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«Sag mal, Miriam, kennen wir einen jungen Mann namens Rokeach?», fragte der Rabbi seine Frau, als er nach Hause kam. «Akiva Rokeach? Erinnerst du dich, ob ich jemals diesen Namen erwähnt habe?»

Miriam war klein und besaß die straffe Figur eines jungen Mädchens. Sie hatte große blaue Augen und ein freies, offenes Gesicht, das ohne das feste, energische Kinn naiv gewirkt hätte. Die Masse der auf dem Kopf aufgetürmten blonden Haare drohte ihr auf die Schultern zu fallen, als sie jetzt heftig verneinend den Kopf schüttelte. «So einen Namen hätte ich bestimmt nicht vergessen. Klingt israelisch.»

«Ein Israeli ist er auf keinen Fall. Dazu ist sein Hebräisch zu schlecht. Und sein Englisch hat nicht die Spur eines Akzents.» Er berichtete ihr über das Zusammentreffen beim Tempel.

«Er muss ja nicht unbedingt ein sabra sein», meinte Miriam. «Vielleicht ist er emigriert und zu einem kurzen Besuch zurückgekommen. Viele von den Auswanderern nehmen israelische Namen an. Oder übersetzen ihre Namen ins Hebräische. Hat Rokeach auf Hebräisch irgendeine Bedeutung?»

«Aber ja. Es bedeutet Drogist. Apotheker.»

«Apotheker? Wie wär’s denn mit Aptaker? Das heißt doch auch Apotheker, nicht wahr?»

«Auf Russisch, glaube ich. Weißt du, ich möchte wissen …»

«Der Besitzer des Town-Line Drugstore ist ein Mr. Aptaker. Könnte das vielleicht sein Sohn sein?»

«Weißt du, Miriam, du könntest Recht haben. Erinnerst du dich noch, vor ein paar Jahren …»

«Natürlich. Als Jonathan mitten in der Nacht diesen schrecklichen Anfall bekam und du den Arzt rufen musstest …»

«Und der rief Mr. Aptaker zu Hause an, und dessen Sohn ging in den Laden, holte die Medizin und brachte sie uns.» Bei dem Versuch, sich die äußere Erscheinung des jungen Aptaker in Erinnerung zu rufen, kniff er angestrengt die Augen zusammen. «Damals hatte er natürlich keinen Bart, und die Haare trug er kurz geschnitten. Ja, möglich wäre es.»

«Ich habe ihn nicht gesehen.» Miriam lächelte bedauernd. «Ich war bei Jonathan. Er wollte mich nicht fortlassen.»

«Und ich habe ihn danach auch nicht mehr gesehen», sagte der Rabbi. «Als ich ein paar Tage später hinkam, um die Medizin zu bezahlen, war er fort. Wenn ich mich recht erinnere, sprach ich nur mit seinem Vater, und der verhielt sich ziemlich steif und abweisend. Ich hatte das Gefühl, er nähme es mir möglicherweise übel, dass wir ihm so viel Mühe gemacht haben, nachdem wir normalerweise nicht dort kaufen.»

«Nun, wenn’s wirklich Aptakers Sohn ist, kannst du ihm jetzt, wo er wieder da ist, immer noch danken.»

«Ich glaube nicht, dass er ‹wieder da ist›. Nur zu Besuch, hat er gesagt. Vielleicht kommt er zur Abendandacht, dann kann ich nochmal mit ihm sprechen. Ich hätte es ja heute Morgen getan; ich hatte das Gefühl, dass er mich sprechen wollte. Aber dann kam Kaplan mit seiner üblichen Geschäftigkeit und drängte mich hinaus.»

«Du magst ihn wohl nicht allzu sehr, wie, David?»

«Wen – Kaplan? Ach, er ist gar nicht so übel.» Sein Gesicht verzog sich zu einem säuerlichen Lächeln. «Obwohl er mir besser gefallen hat, als er noch nicht zum Präsidenten gewählt worden war.» Er lachte kurz auf. «Seit seiner Wahl scheinen wir einander Konkurrenz zu machen. Der Präsident soll sich als Verwaltungsdirektor der Gemeinde betätigen, während der Rabbi sich um das religiöse Leben zu kümmern hat. Gewöhnlich stehen wir an entgegengesetzten Fronten. Sie wollen die Gottesdienste verkürzen oder einige der Gebete durch moderne Poesie ersetzen oder verlangen, die Synagoge soll in der nationalen Politik Partei ergreifen.»

«Aber dir ist es bis jetzt immer gelungen, ihnen die Köpfe zurechtzusetzen», warf sie ein.

«Gewiss. Aber damals waren wir in Opposition. Ich vertrat die religiöse Seite, während sie die säkulare vertraten. Bei Kaplan jedoch …»

«Er will beides zugleich sein, nicht wahr – Präsident und Rabbiner?»

Er nickte grimmig. «So ungefähr. Er gibt jede Woche einen Empfang mit religiösen Diskussionen und Vorträgen. Alle paar Wochen geht er mit einer Gruppe hinaus aufs Land und in ein Lager, wo er in einer Art Klausur Gebete, Meditationen und religiöse Diskussionen veranstaltet.»

«Und dagegen hast du Einwände? Wie hat doch meine Tante Gittel immer gesagt? ‹Ist es ein Nachteil, dass die Braut hübsch ist?›»

«Man kann nach rechts und nach links vom rechten Weg abweichen», gab ihr Ehemann zurück. «Und man kann Regeln so peinlich genau befolgen, dass man den Grund, aus dem sie geschaffen wurden, aus den Augen verliert. Wo jedoch der Fehler allein in der Übertreibung liegt, wird eine Kritik nahezu unmöglich. Das ist wie bei diesen Fluglotsen, die keinen richtigen Streik ausriefen, sondern die Flughäfen lahm legten, indem sie Dienst nach Vorschrift machten. Was sollte man denen sagen? Befolgt die Vorschriften nicht? Kann ich zu Kaplan und seiner Gruppe sagen, seid nicht so religiös? Bei der letzten Vorstandssitzung schlug er vor, die Synagoge solle ein Grundstück in New Hampshire kaufen und dort eine ständige Klausur einrichten. Diese neue Mode der Klausuren und der Sondergruppe oder Kommune oder chavura – wie man sie auch nennen mag –, die sich aus der Welt und der Gesellschaft zurückzieht, um ihre kostbaren Seelen zu erweitern, steht in krassem Gegensatz zum traditionellen Judentum.»

«Für junge Menschen ist sie aber attraktiv», stellte Miriam fest. «Ich habe gelesen …»

«Was hat das für einen Sinn, junge Menschen zum traditionellen Judentum anzuwerben, indem man es einfach verändert? Wenn sie sich dann erst dafür interessieren, ist es kein Judentum mehr. Sondern etwas anderes, das nur eine oberflächliche Ähnlichkeit damit hat. Ich habe auch davon gelesen. Da gibt es etwa eine Gruppe, die Rosch-Haschana mit einem kerzenbesteckten Geburtstagskuchen für die Welt feiert. Ich bitte dich! Eine andere, unten in Florida, wollte von einer Firma, die an den Film wilde Tiere ausleiht, einen Löwen mieten, um zu sehen, ob er sich neben ein Lamm legen würde. Was hat es für einen Sinn, junge Menschen anzulocken, wenn sich herausstellt, dass die alle verrückt sind? Manche sind in der neochassidischen Bewegung. Dieser Akiva kann durchaus dazugehören, so, wie er sich beim davenen vor und zurück wiegte. Diese Leute machen sich die größten Sorgen darüber, dass die mesusa richtig am Türrahmen befestigt wird und dass sie von einem Schreiber auf echtem Pergament geschrieben worden ist. Sonst soll sie angeblich nicht wirksam sein. Und alle zusammen sind so selbstgerecht und so überheblich gegenüber dem, was sie als ‹etabliertes Judentum› bezeichnen, als hätten wir während der letzten zweitausend Jahre nichts weiter als die Äußerlichkeiten der Religion beachtet und innerlich überhaupt nicht begriffen, um was es geht. Genau die gleiche Einstellung hat übrigens auch zu der jüngsten Entwicklung in unseren Colleges geführt.»

«Puh! Ich hatte keine Ahnung, dass du dich so darüber aufregst.»

Er zuckte die Achseln. «Mag sein, dass die Pferde mit mir durchgegangen sind. Wahrscheinlich deswegen, weil ich mir gedacht habe, als dieser Akiva, wenn er es wirklich ist, uns damals mitten in der Nacht die Medizin gebracht hat, dass das eine richtige mizwe war. Und ganz bestimmt eine weit frommere Tat als die Teilnahme an der heutigen Morgenandacht.»