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Wie schon so oft während dieses Wochenendes bedeckte Daniel Cohen seinen Kopf mit dem Gebetsschal. Es war Sonntagmorgen; auf dem Programm stand die letzte Meditationsübung dieser Klausur. Aber die Hoffnung, die er zu Beginn gehegt hatte, dass vielleicht, ganz vielleicht, doch etwas daran war, die war verschwunden. Jetzt empfand er nur noch eine gewisse Verlegenheit darüber, dass er, ein Arzt, ein Mann der Wissenschaft, hierher in den Wald gekommen war, um mit dem Allmächtigen zu kommunizieren … ja, warum? Um eine ausnahmsweise Aufhebung des ewigen Gesetzes von Ursache und Wirkung zu seinem persönlichen Vorteil zu erbitten?

Gewiss, wenn er an den hohen Feiertagen zur Synagoge ging oder selbst wenn er gelegentlich einen Freitagabendgottesdienst besuchte, geschah dies angeblich zu demselben Zweck. Aber das war etwas ganz anderes. In Wirklichkeit war das eher eine Bestätigung seiner Verbindung mit der Gruppe, in die er hineingeboren worden war. Man betete dabei eigentlich nicht, sondern sprach mehr oder weniger mechanisch vorgeschriebene Gebetstexte. Es war eine gesellschaftliche Verpflichtung, etwas, was die Juden gegenseitig voneinander erwarteten.

Dies jedoch war etwas ganz anderes. Er hatte sich aufrichtig bemüht. Wenn seine Lippen sich während der traditionellen Andachten beim Rezitieren der hebräischen Gebete bewegten, flehte er in Gedanken eindringlich auf Englisch um Hilfe. Bei den Meditationen war er stehen geblieben, bis die festgesetzte Zeit abgelaufen war, ohne sich ein einziges Mal zum Ausruhen zu setzen oder sich auch nur an die Fensterbank zu lehnen. Und an den Diskussionen hatte er stets aktiv teilgenommen.

«Warum dürfen wir uns nicht hinsetzen und uns während der Meditation entspannen, Rabbi?»

«Erstens, weil Sie einschlafen könnten. Bei der transzendentalen Meditation, die durch die Maharischis populär wurde, sitzt man in einer bequemen Position …»

«Und hilft es?»

«Oh, gewiss – als Mittel zur wohltätigen Entspannung. Es gibt einen Arzt, ich glaube, von der medizinischen Fakultät in Harvard, der hat wissenschaftliche Experimente damit gemacht, mit Kontrollinstrumenten und so weiter, und der hat festgestellt, dass dadurch tatsächlich der Blutdruck herabgesenkt wird. Vielleicht haben Sie davon gehört, Doktor. Aber das ist nichts weiter als eine Entspannungsmethode; Religion ist es auf keinen Fall. Vergessen Sie nicht, dass wir die religiöse Erfahrung wollen. Und dazu braucht man einen gewissen Zustand der Spannung, der ausgeglichenen Spannung. Die Buddhisten machen es mit der Lotosposition; im Zen wird gekniet. Die jüdische Tradition dagegen verlangt meiner Meinung nach von uns, dass wir stehen.»

«Was halten Sie denn von dieser Gewohnheit, ein Wort oder einen Satz immer wieder herzusagen?»

«Von dem Mantra?» Rabbi Mezzik nickte mit dem schönen Kopf. «Einige finden, dass es ihnen hilft, sich zu konzentrieren. Es ist bewiesen, dass unsere Vorfahren sich dieser Methode bedient haben. Am Schluss des Jom-Kippur-Gottesdienstes sagen wir siebenmal Adonai Hu Elohim – Der Herr ist der Gott. Das lässt darauf schließen, dass dieser Satz möglicherweise als Mantra benutzt worden ist, und zwar nicht nur siebenmal, wie im Gebetsbuch vorgeschrieben.»

«Wozu soll die Meditation denn eigentlich gut sein?»

«Das ist schwer zu sagen, denn das ist bei jedem Einzelnen verschieden. Sie könnten zum Beispiel fühlen, dass alles mit allem anderen verbunden ist – das, was wir universelle Verwandtschaft nennen. Oder Sie spüren die grundlegende Einheit des Universums. Oder Sie erleben eine tiefe Ruhe.»

Dan Cohen erlebte gar nichts von allem. Was er erlebte, sagte er sich ingrimmig, war fades Essen, eine harte, knotige Matratze auf einer schmalen Liege mit einer viel zu dünnen Wolldecke zum Schutz gegen die nächtliche Kühle und die ständige, langweilige Gesellschaft Matthew Charns. Von Kaplan hatte er außerhalb der Gruppensitzungen nur wenig gesehen, denn der war weitgehend mit seinem eigenen Kreis beschäftigt, der aus den Vorstandsmitgliedern der Synagoge bestand und von den anderen Abstand hielt. Und der schon abgefahren war, als er an diesem Morgen zur ersten Andacht herunterkam.

«Chet und ein paar von den anderen mussten heute Morgen schon früh nach Hause zurückkehren», erklärte Rabbi Mezzik den Übrigen. «Sie müssen an einer wichtigen Vorstandssitzung teilnehmen. Immerhin haben wir aber noch einen minjen, also ist es nicht weiter schlimm.»

Niemand schien sich etwas dabei zu denken, für Dan Cohen aber war es ein weiteres jener Ärgernisse, die er an diesem Wochenende zu erdulden hatte. Während er mit dem Gebetsschal über dem Kopf dastand, fragte er sich, warum er überhaupt gekommen war. Gewiss, er hatte weg wollen von Barnard’s Crossing und von seiner Praxis. Aber warum hierher und warum hatte er überhaupt weg müssen?

Der Tod eines Patienten, so traumatisch er sich auch auswirken mochte, war in einer Arztpraxis immer zu erwarten. Auch über eine mögliche Klage wegen falscher Behandlung machte er sich keine Gedanken; er war sicher, dass seine Behandlung korrekt und vertretbar gewesen war.

Die Reaktion seiner Kollegen, vor allem der beiden älteren, war zwar unerwartet und beunruhigend gewesen, aber mit so einer Situation wurde man ganz gewiss besser fertig, wenn man blieb und sie durchkämpfte, statt einfach davonzulaufen. Es war denkbar, dass sie ihn letztlich baten, die Klinik zu verlassen. Das wäre wirklich beunruhigend, gestand er sich ein. Aber es würde nicht sofort geschehen, weil er einen Vertrag hatte, und wenn er auf Erfüllung der Vertragsbedingungen pochte, hatte er immer noch über ein Jahr Zeit, bis sie ihn hinauswerfen konnten. Bis dahin war er vielleicht in der Lage, sich eine eigene Praxis in Barnard’s Crossing einzurichten und einen Stamm eigener Patienten aufzubauen. Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, brauchte er nicht ganz hier herauszufahren und mit einem Gebetsschal über dem Kopf herumzustehen.

Aber warum war er dann hier? Wieder erinnerte er sich seiner Verlegenheit bei dem Telefongespräch mit Kestler, die umso größer gewesen war, als Lanigan mitgehört hatte. Leicht beunruhigt fragte er sich, ob der Polizeichef über die Klage wegen des Zauns unterrichtet war. Wurde die Polizei von derartigen Dingen in Kenntnis gesetzt? Unvermittelt wurde ihm klar, dass er sich im Grunde nur wegen seiner wiederholten Misserfolge Sorgen machte. Er hatte in Delmont versagt und dann in Morrisborough. Sollte das Gleiche wieder in Barnard’s Crossing passieren? Neigte er zu Misserfolgen, wie manche Menschen zu Unfällen neigten? Die in den drei Städten gesammelten Erfahrungen zusammengenommen – bedeuteten sie, dass er zum Praktizieren der Medizin ungeeignet war?

Verlor er den Glauben an sich selbst als Arzt? Ein beängstigender Gedanke schoss ihm durch den Kopf, den er jedoch sogleich zu verdrängen suchte: War es möglich, dass es damals, als er Jacob Kestler zum ersten Mal Limpidine verschrieben hatte, zu einer allergischen Reaktion gekommen war? Er hatte nicht erst noch einmal in seinen Krankenblättern nachgesehen, ehe er am Abend des Hurricanes zu ihm fuhr, sondern sich auf sein Gedächtnis verlassen. Er war sicher, dass das nicht der Fall gewesen war, aber das hatte schon Monate zurückgelegen, und er hatte es vielleicht vergessen. Und während er jetzt hier ganz allein stand, musste er zugeben, dass ihm der Gedanke gekommen war, als er von Kestlers Tod hörte. Nur hatte er sich nicht die Mühe gemacht, sich zu vergewissern, so sicher war er seiner selbst gewesen. Oder hatte er Angst gehabt?

Obwohl das Klausurprogramm für den Sonntag noch ein Abendessen und eine anschließende Zusammenkunft vorsah, beschloss er, nicht so lange zu warten, sondern direkt nach der Meditation heimzufahren. Er musste seine Unterlagen prüfen; er konnte und wollte nicht länger warten.

Seinem Zimmergenossen erzählte er eine Lüge. Er müsse noch vor dem Mittagessen einen Patienten besuchen. Dieselbe Ausrede benutzte er Rabbi Mezzik gegenüber.

«Und haben Sie Nutzen aus diesem Erlebnis gezogen?», erkundigte sich Mezzik wohlwollend.

«Ich glaube schon. Die Ruhe hat mir gut getan.»

«Und das religiöse Erlebnis? Hat Ihnen das geholfen?»

Er hätte beinahe höflich zugestimmt, aber er war noch zu deprimiert. «Leider nein, Rabbi. Es hat mich überhaupt nicht berührt. Um ganz ehrlich mit Ihnen zu sein: Ich finde, es war leeres Gerede.»

Überraschenderweise war Mezzik keineswegs gekränkt. Ja, er lächelte sogar. «So geht es den Leuten häufig beim ersten Mal.»

«Was soll das heißen, beim ersten Mal?»

Mezzik richtete den Blick in die Ferne. Dann sah er den Arzt abwägend an. «Wenn Sie einen Patienten behandeln», fragte er ihn, «wenn Sie ihm ein Medikament geben – tritt die Heilung dann sofort ein?»

«Manchmal schon. In den meisten Fällen jedoch nicht unmittelbar danach.»

«Nun, so ist es auch mit religiösen Exerzitien. Manchmal kommt es zu einer großen plötzlichen Erkenntnis, zu einer Offenbarung, zu einer unvermittelten Klarheit, als hätte jemand in einem dunklen Zimmer das Licht angemacht. Manchmal dagegen braucht es ein bisschen Zeit. Und manchmal natürlich geschieht, genau wie bei Ihren Medikamenten, überhaupt nichts. Sie haben gebetet und meditiert. Ich habe Sie beobachtet, und ich glaube – ich habe einige Erfahrung in diesen Dingen –, dass Sie aufrichtig und ernsthaft gebetet haben. Glauben Sie mir, irgendetwas wird sich draus entwickeln. Vielleicht morgen, vielleicht nächste Woche, vielleicht sogar erst nächstes Jahr, aber irgendetwas kommt bestimmt.»

Auf dem Heimweg dachte Dan Cohen an Mezziks Worte, und sein Gesicht verzog sich zu einem ironischen Lächeln. Alles nur wieder der alte Unsinn. Die Quacksalber mit ihrer angeblichen Wundermedizin hatten vermutlich dieselben Argumente verwendet. Damit gewannen sie Zeit, außer Landes zu gehen, ehe der Zorn der Düpierten sie erreichte.

Endlich daheim. Kaum hatte er seinen Wagen geparkt, da rief seine Frau ihm auch schon zu: «Dan? Telefon! Chief Lanigan ist am Apparat.»