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Marcus Aptaker war zum ersten Mal aufgestanden. Das war ein ungeheurer Fortschritt, und er war selbstverständlich euphorisch.

«Oh, du bist ja nicht mehr im Bett, Marcus», begrüßte ihn Rose. «Hat der Arzt dir erlaubt, dass du im Sessel sitzen darfst?»

«Zum Essen und anschließend auch noch ein paar Minuten», antwortete er mit Genugtuung. «Morgen dann ein bisschen länger, und in einigen Tagen darf ich rund ums Bett marschieren. In einer Woche kann ich entlassen werden, aber ich muss natürlich noch eine Zeit lang das Haus hüten.»

«Das ist schön, Marcus.»

Ihre Reaktion ließ die Herzlichkeit und Freude vermissen, die er von ihr erwartet hatte. Und als er sie dann näher betrachtete, fand er sie ungewöhnlich bedrückt. «Stimmt irgendwas nicht?», erkundigte er sich.

«Ob was nicht stimmt? Nein, alles in Ordnung.»

«Sei ehrlich, Rose. Was ist passiert? Irgendwas im Geschäft?»

«Das ist das Einzige, woran du denkst – das Geschäft.»

«Dann ist es was anderes. Arnold?»

Jetzt konnte sie nicht mehr an sich halten. «Ach, Marcus, er geht mit einem Mädchen», verkündete sie in tragischem Ton.

«Na und?»

«Aber es ist ihm Ernst. Er will sie heiraten.»

«Das ist normal. Er ist achtundzwanzig. Da wird es Zeit, dass er heiratet. Vielleicht bringt ihn die Verantwortung zur Ruhe.»

«O ja, zur Ruhe bringt sie ihn bestimmt», klagte sie bitterlich. «Sie hat ein Kind, einen fünfjährigen Jungen.»

«Ist sie Witwe?», fragte er vorsichtig.

«Schlimmer, Marcus. Geschieden!»

«Ich verstehe. Etwa eine ältere Frau?»

«Nein», musste sie zugeben. «Sie ist ungefähr in Arnolds Alter. Sie ist mit ihm zur Schule gegangen.»

«Dann ist sie aus Barnard’s Crossing. Kennen wir sie?»

Jetzt kam der Knalleffekt. «Sie ist Kaplans Tochter.»

«Kaplan?»

«Der Präsident der Synagoge, der dir den Brief geschrieben hat.»

«Dann wissen wir wenigstens, dass sie aus einer guten Familie kommt», sagte er vernünftig. «Ich kenne ihn nicht persönlich, aber man kann wohl annehmen, dass ein Mann, der kein anständiger Mensch ist, nicht zum Präsidenten gewählt wird.»

«Das stört dich gar nicht? Du liegst seinetwegen im Krankenhaus, und es stört dich nicht, dass dein Sohn seine Tochter heiraten will?»

«Möchtest du denn, dass es mich stört, Rose?», fragte er spöttelnd. «Er hat den Brief geschrieben, weil der Vorstand dafür gestimmt hat. Ich bin überzeugt, dass er nicht persönlich gemeint war. Wie wäre das auch möglich, da er mich ja nicht einmal kennt?»

«Und dass das Mädchen geschieden ist und einen Sohn hat?», fragte sie hartnäckig.

Er schüttelte nachdenklich den Kopf. «Es ist nicht mehr so wie früher, Rose. Heutzutage hat das nichts zu bedeuten. Die Hälfte aller Ehen werden geschieden. Deine eigene Nichte ist geschieden, und die hat zwei Kinder.»

«Aber sie ist ein nettes Mädchen, und ihr Ehemann war unmöglich.»

«Nun, vielleicht ist dieses Mädchen auch ein nettes Mädchen, und vielleicht war ihr Mann unmöglich.»

«Wenn sie ein nettes Mädchen wäre, würde sie ihn nicht schon nach einer Woche heiraten wollen.»

Er zuckte die Achseln. «So sind die jungen Leute heute nun mal. Wenn sie einen Entschluss gefasst haben, führen sie ihn sofort aus. Wer weiß? Vielleicht ist es besser so. Deine Nichte ist über ein Jahr mit dem Mann rumgelaufen, ehe sie ihre Verlobung bekannt gegeben hat. Und dann, nach zwei Kindern, fand sie ihn plötzlich unmöglich. Man kann sich also auch irren, nachdem man länger gewartet hat.»

«Aber …»

«Wenn Arnold heute Abend herkommt, werde ich mit ihm reden», erklärte Marcus seiner Frau. «Ich werde ihn nach dem Mädchen fragen, nach ihrem Kind, nach seinen Plänen. Wenn mir gefällt, was er sagt, werde ich versuchen, ihm zu helfen.»

«Wieso – helfen?»

«Wenn er es ernst meint, wenn er sich wirklich binden will, werde ich alles arrangieren, dass er das Geschäft übernehmen kann.»