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Im Gegensatz zu den drei Kollegen der Gemeinschaftspraxis war Dr. Daniel Cohen, das jüngste Mitglied der Medical Clinic von Barnard’s Crossing, praktischer Arzt. Und wenn auch die anderen, wie es in einer Kleinstadtpraxis unumgänglich ist, zum großen Teil Fälle allgemeiner Art übernahmen, war Alfred Muntz Herzspezialist, Ed Kantrovitz Internist und John DiFrancesca Facharzt für allergische Erkrankungen.

Mit seinem kurz geschorenen Haar, dem Querbinder und der Sportjacke wirkte Dr. Daniel Cohen wie ein Collegestudent der vorigen Generation. Aber er war keineswegs ein junger Mann, der gerade seine Assistentenzeit hinter sich hatte; er war zweiunddreißig Jahre alt und praktizierte schon seit geraumer Zeit. Zuvor hatte er eine Praxis in Delmont gehabt, die er nach zwei Jahren jedoch aufgab, um eine neue in Morrisborough zu eröffnen, wo er ebenso erfolglos blieb. Trotzdem war er ein guter Arzt, der eine ausgezeichnete Ausbildung genossen hatte und ein guter Diagnostiker war. Außerdem war er ein aufrichtiger, freundlicher Mensch.

Vielleicht sogar ein wenig zu freundlich, wie ein ehemaliger Studienkamerad meinte. Er aß mit einem Kollegen zu Mittag, als Dans Name fiel. «Nehmen wir doch mal den Durchschnittspatienten. Der ist nicht auf der Suche nach Freundschaft. Er hat Schmerzen und macht sich Sorgen. Er braucht die Gewissheit, dass sein Arzt genau weiß, was mit ihm los ist, und dass er ihn heilen wird. Ich will nicht sagen, dass ein Arzt kalt und reserviert sein soll. Obwohl, sehen Sie sich Jack Sturgis an – und Sie wissen, wie groß seine Praxis ist –, dieser Mistkerl ist so absolut eklig, dass es schon wieder Vertrauen einflößt. Die Leute glauben, wenn man es sich leisten kann, so eklig zu sein, muss man ungeheuer viel können. Was ich damit sagen will: Der Patient muss zu seinem Arzt aufblicken. Während Dan Cohen so was wie ein guter Onkel ist, der einem rät, sich bei Arthritis mit Hühnerfett einzureiben. Verstehen Sie, was ich meine?»

«Ja, aber was ist mit Godfrey Burke?», entgegnete der andere. «Der ist ‘n verdammt freundlicher Kerl, lacht und albert mit den Patienten rum, und sehen Sie sich dessen Praxis an!»

«Himmel, Godfrey Burke ist ungefähr einsneunzig und muss mindestens zweieinhalb Zentner wiegen. Wenn ein Hüne von einem Mann wie der nicht freundlich wäre, würde er sich alle Patienten vergraulen. Aber er ist freundlich, als täte man ihm Leid, als wäre man ein junger Hund oder so, den es wieder gesund zu machen gelte. Ich meine, Dan ist so was wie der altmodische Hausarzt, der die ganze Nacht bei einem Patienten mit Lungenentzündung wacht und auf die Krise wartet. Tja, dieser Typ ist heutzutage ausgestorben. Die Menschen sind argwöhnisch. Wenn man zu besorgt um sie ist, meinen sie, da müsste irgendein Haken sein, man wüsste nicht, was mit dem Patienten los ist, und man wolle das bloß nicht zugeben. Oder man habe vielleicht eine falsche Diagnose gestellt und die falsche Medizin verschrieben.»

Dr. Cohen grübelte selbst am meisten über das Problem nach. Es gab einige Gründe, die er anführen konnte. In Delmont waren die Mediziner eine geschlossene Gruppe gewesen, die ihm keinen Zugang zu den Krankenhauseinrichtungen gewährten, entweder weil er ein Fremder war oder einfach, um keine neue Konkurrenz heranzuzüchten. Aber warum hatte es in Morrisborough dann auch nicht besser geklappt? Er sagte sich, der Grund dafür sei, dass er der einzige Jude am Ort war. Andererseits waren die zum größten Teil aus Yankees bestehenden Einwohner immer freundlich gewesen, wenn er sie auf der Straße traf. Warum waren sie aber nicht in seine Praxis gekommen?

Aber das gehörte der Vergangenheit an. Hier, in Barnard’s Crossing, wo er sich vor knapp einem Jahr niedergelassen hatte, ging es ihm gut. Es war ein ideales Arrangement. Die Klinik besaß ausgezeichnete Einrichtungen mit genügend Parkmöglichkeiten. Es gab einen Buchhalter, der sich um die Rechnungen kümmerte, eine medizinisch-technische Assistentin, die Elektrokardiogramme, Blut- und Urinanalysen machte, und sogar eine geprüfte Krankenschwester, die Grippeimpfungen vornahm und bei kleinen chirurgischen Eingriffen assistieren konnte.

Und auch die Stadt war ein angenehmer Ort zum Leben, mit einer großen, aktiven jüdischen Gemeinde. Er selbst war Mitglied der Synagoge, seine Frau gehörte dem Frauenverein an, und die beiden Kinder besuchten die jüdische Schule. Sein Kollege Al Muntz war eng mit Chester Kaplan, dem Gemeindepräsidenten, befreundet. Muntz hatte sogar angedeutet, wenn er Wert darauf lege, könne er gegen Ende des Jahres Mitglied des Vorstandes werden. «Das wäre sehr gut für Ihre Praxis, Dan. Ed und ich sind beide Vorstandsmitglieder.» Er lachte. «Himmel, wenn ich könnte, würde ich auch John DiFrancesca hineinbringen.»

«Aber ich bin nicht besonders religiös.»

Dr. Muntz war stämmig, mit einem fleischigen Gesicht und blassblauen, vorquellenden Augen. Wenn er sie weit öffnete, hatte man den Eindruck, er sei erschrocken oder erstaunt. Jetzt öffnete er sie weit. «Bin ich vielleicht religiös?», fragte er, als sei dieser Vorwurf eine Beleidigung.

«Nun ja, ich meine, als Vorstandsmitglied muss man doch sonnabends zum Gottesdienst gehen, nicht wahr?»

Muntz lachte rau. «Ich wüsste nicht, wer das verlangt. Wer das auch sein mag, er müsste ziemlich lange warten. Ich selbst gehe natürlich an den hohen Festtagen und ziemlich regelmäßig auch zum Freitagabendgottesdienst. Aber am Sonnabend? Hören Sie auf! Chester Kaplan, ja – der geht. Der geht jeden Tag, morgens und abends.»

«Er ist schließlich der Präsident», sagte Dan.

«Deswegen nicht. Er ist der erste Präsident seit Jake Wasserman, der geht. Er ist auch gegangen, ehe er Präsident wurde. So ist er nun mal. Ihm gefällt’s. Ihm gefällt’s wirklich. Wenn’s nach ihm ginge, würde er eine richtige schul aus der Synagoge machen. Und das ist auch ein Grund, warum ich Sie im Vorstand haben möchte: um ein gewisses Gleichgewicht zu erreichen.»

«Sie wollen mich in den Vorstand holen, damit ich gegen Ihren Freund Kaplan opponiere, der mich zum Mitglied ernennen wird?»

«Nein.» Mit einer weit ausholenden Geste unterstrich Muntz die Verneinung. «Bei den meisten Fragen werden Sie mit Chet übereinstimmen. Aber er ist ein Enthusiast und hat eine ganze Gruppe von Anhängern im Vorstand. Also, ich finde, wenn ein paar Männer eine Art religiöses Hobby haben und zusammenkommen wollen, um zu beten und über religiöse Fragen zu reden – von mir aus. Wir leben in einem freien Land. Aber das muss doch nicht heißen, dass gleich alle bei ihnen mitmachen. Ich habe zum Beispiel nichts gegen Briefmarkensammler, aber ich möchte wirklich nicht, dass sie Direktor bei der Post werden. Ja, und Sie sind genau der Mann, den wir im Vorstand brauchen, um das Gleichgewicht herzustellen. Ich habe Sie Chet empfohlen. Aber Sie müssen ihm natürlich selbst zeigen, dass Sie daran Interesse haben. Sie kommen doch heute Abend – nicht wahr?»

«Sie meinen, zu Kaplan? Ich weiß es nicht. Ich hatte mit meiner Frau verabredet, dass wir mal rausfahren und uns das Herbstlaub an den Bäumen ansehen. Sie hat eine Tante in North Adams, die wollten wir zum Abendessen besuchen. Sozusagen den Tag ausnutzen.»

Muntz schüttelte missbilligend den Kopf.

«Na ja, ich dachte, diese Einladung würde an alle Gemeindemitglieder geschickt …»

«Ganz und gar nicht, Dan! Es ist zwar ein offener Empfang, aber nicht jeder bekommt eine persönliche Einladung.»

Dr. Cohen überlegte. «Sicher, wir könnten eher zurückkommen. Ich meine, wenn’s draußen dunkel ist, kann man die Herbstfarben ohnehin nicht mehr sehen.»

«Ich an Ihrer Stelle würde das machen», sagte Muntz. «Sie tun sich selbst den größten Gefallen damit.»