21

 

Als Farber wieder zu sich kam, saß er gegen die Wand gelehnt, die Knie an die Brust gezogen, den Kopf auf den Knien, soweit von der Masse des aufgefalteten, hochgeklappten Diagnostikators entfernt, wie das Zimmer es zuließ.

Liraun hatte vor Stunden aufgehört zu schreien.

Er bewegte den Kopf, und mit der langsamen Bewegung kamen Schmerz und Übelkeit, und mit dem Schmerz kam er wieder etwas weiter zu Bewußtsein.

Zuerst hatte er sich völlig durch die Unterlippe gebissen; dann, als das nicht ausreichte, ihn davor zu schützen, die Schreie mit anhören zu müssen – und er hatte sie noch lange gehört, nachdem sie in Wirklichkeit längst verstummt waren –, hatte er die Zähne geöffnet und tief in seine Hand gebissen, seine Kiefer um die Hand geschlossen, und dann, als er sie immer noch hörte, hatte er zweimal den Kopf mit aller Gewalt gegen die Wand gerammt. Das hatte auch nicht viel geholfen, aber es hatte alles ein wenig weiterweggetrieben, und schließlich hatte sein Gehirn die einzige Lösung für ihn gefunden, indem er sich einfach abkapselte, alles ausschloß, ihn ausschloß, den Laden dicht machte.

Jetzt weiß ich, wer der Optin war, dachte er, und dann hörte er auf zu denken, denn es schien eine nutzlose Beschäftigung zu sein, jetzt, da er tot war, nach dem Ende der Welt.

Er versuchte wieder, sich aufzurichten, und dann, als sei es von der Bewegung losgerissen worden, stieg ein Bild von Liraun vor seinem inneren Auge auf – zu seiner Überraschung kein Bild davon, wie sie ausgesehen hatte, als sie schrie, statt dessen ihr Gesicht, wie es in jenem Augenblick, bevor der Schmerz sie überwältigt hatte, aussah. Jener seltsame Ausdruck, der gleiche Blick, mit dem Jacawen von ihm gegangen war. Er konnte nun sagen, was es war:

Mitleid.

Mitleid.

Mitleid.

Er setzte sich gegen die Wand.

Liraun hatte vor Stunden mit dem Schreien aufgehört.

Zitternd versuchte er es noch einmal. Als er so da stand, ein Vakuum, wurde er sich nach und nach eines Geräusches bewußt, das so anhaltend war, daß er es bis zu diesem Augenblick nicht bewußt wahrgenommen hatte.

Babygeschrei.

Von etwas getrieben, das er nicht verstand, begann er den Raum zu durchqueren. Der Boden fühlte sich seltsam und rauh unter seinen Füßen an.

Irgendwie hatte er es geschafft, sie in den Diagnostikator zu bekommen, während sie schrie und besinnungslos zuckte. Es war ihm sogar gelungen, sie anzuschnallen. Ferri hatte dann, wie vereinbart, übernommen und die Waldos über die Fernkontrolle bedient, und er hatte getan, was er tun konnte. Es war nicht genug gewesen.

Glücklicherweise war Lirauns Gesicht zur Wand gekehrt.

Ferri hatte sich an der wunderbaren genetischen Anpassungsfähigkeit der Cian begeistert, aber irgendwo waren auch dieser Anpassungsfähigkeit Grenzen gesetzt. Sie hatte in einer unglaublichen kurzen Zeit aus im Wasser entstandenen Humanoiden Landbewohner gemacht, aber der für das Überleben notwendige, wahnsinnige Zeitdruck bei dieser Umstellung führte auch unausweichlich zu biologischen Fehlern und Mängeln. Eine Konsequenz dieser gewaltsamen Evolution war eine drastische Verengung der Hüften und des Beckens, verursacht durch die Veränderungen des Skelettes, die notwendig waren, um den Cian einen aufrechten Gang an Land zu erlauben. Generation auf Generation hielt sich aufrechter, aber gleichzeitig bekamen die Frauen immer größere Schwierigkeiten bei den Geburten – besonders da Mehrfachgeburten die Regel blieben. Schließlich wurde das Becken in den meisten Fällen zu eng, um überhaupt noch eine normale Geburt zuzulassen. Bei ihrer Anpassung an das Leben auf dem Land hatte die Gattung hoch gespielt und verloren – sie befand sich in einer evolutionären Sackgasse. Soziale Anpassung konnte sie noch eine Zeitlang retten, nachdem der erste primitive Genius zu einem Feuersteinmesser gegriffen und seinen Kindern durch Erfindung des Kaiserschnittes in die Welt geholfen hatte. Aber das Universum spielte noch einen letzten bösen Trick aus: Eine langsame Mutationskette im Metabolismus der Frauen vernichtete die das Vitamin K produzierenden Bakterien des Körpers, und zwar durch eine regelmäßig in den letzten Monaten der Schwangerschaft eintretende Veränderung der Darmflora. Die Frauen hörten nach einem Kaiserschnitt nicht mehr auf zu bluten – sie erlitten einen Blutsturz und starben. Sie mußten einen unglaublich furchtbaren Preis dafür bezahlen, aber ihnen blieb keine andere Wahl. Die Cian zahlten ihn mit dem Leben ihrer Frauen und sicherten so das Überleben ihrer Art.

So erklärt es jedenfalls Ferris Hypothese, die zur Zeit weitgehend anerkannt wird und die Farber tatsächlich ein wenig von dem Ruhm einbrachte, den er immer suchte. (Ironischerweise wurde Farber jedoch noch viel »berühmter«, als die ganze Geschichte schließlich herauskam, und heute ist Ferris Name nur einigen Gelehrten und Spezialisten ein Begriff.) Ferris Hypothese blieb jedoch bis heute eine Hypothese. Etwas Sicheres weiß noch immer niemand – und die Cian sind in dieser Sache trotz einiger sozialer Veränderungen neueren Datums schweigsam wie immer.

Später erklärte Ferri seine Theorie Farber haarklein. Aber damals, als der Diagnostikator blitzte und schrillte, während Farber versuchte, sich den Schädel einzurennen, war Ferri selbst nicht in Farbers Haus gekommen – es hätte nur eine einzige mögliche menschliche Hilfe gegeben, aber Ferri leistete sie nicht. Ferri war schlaflos, teilnahmsvoll, mitleidend, aber nicht in dem Maße, daß er es riskiert hätte, selbst hinüberzugehen. Er verbarg sich weiter hinter seiner Maschine.

Farber umrundete das Ende der Maschine. Sie hatte in Bodenhöhe ein gepolstertes Fach ausgefahren, und in diesem Fach lagen die Babies, denen Liraun mit ihrem Tod das Leben geschenkt hatte. Sie schrien ohne Ausnahme. Mit den Waldos hatte Ferri sie zum Atmen gebracht und sie gesäubert, und sie schienen gesund zu sein – bei der Geburt viel weiter entwickelt, als es terranische Säuglinge waren, hatten sie die Augen offen und unternahmen die ersten Krabbelversuche. Möglicherweise schrien sie auch eher vor Angst und wegen mangelnder Fürsorge als vor Hunger: vier Mädchen und zwei Jungen, rote, nackte Wesen, die maunzten und aneinander stießen wie ein Wurf Kätzchen. Farber studierte sie lange, während das Tageslicht den Raum überflutete. Sein Gesicht war wie versteinert. Einmal hob er den Fuß, um sie zu zertreten – er Heß ihn wieder sinken. Er war noch sehr lange still, und dann nahm er, noch immer mit versteinertem Gesicht, einen der Jungen auf den Arm. Seinen Sohn. Farber hob ihn ans Licht. Er schien beinahe gar nichts zu wiegen, aber er krabbelte vergnügt auf Farbers Arm. Er hatte drei Paar Brustwarzen. Er schrie wild. Farber hielt ihn für einen Augenblick mit steifen Armen, dann begann er zögernd, ihn zu wiegen, zu schaukeln, und während er dies tat, dachte er mit einem neuerwachenden, praktischen Teil seines Geistes, der bereits jenseits aller Trauer die Zukunft zu planen begonnen hatte, daß er besser bald die Ziehamme holen ging; die Babys mußten sicher bald gefüttert werden, er mußte sich um ergänzende Nahrung für sie kümmern und um etwas zum Anziehen … Seine Bewegungen nahmen nach und nach eine sanfte Autorität an, während er, ohne es zu merken, zu dem Schaukeln summte.

Nach einer Weile hörte das Baby auf zu schreien und schlief friedlich in Farbers Armen ein.