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Liraun war nun eine Mutter von Shasine, und ihr Aufstieg von einer Leibeigenen zur höchsten Kaste dieser Gesellschaft veränderte ihr Leben drastisch. Sie hatte dieses Thema mit Farber diskutiert, als sie zuerst beschlossen hatten, Kinder zu haben, aber wie immer war vieles, was sie gesagt hatte, rätselhaft und in obskure Allegorien gehüllt gewesen, und nichts davon hatte Farber auf die Totalität des Wechsels vorbereitet.

Nach dem Gesetz war Liraun nun für den Verlauf ihrer Schwangerschaft Haushaltsvorstand geworden, repräsentierte ihn gegenüber der cianischen Gesellschaft und hatte rechtmäßigen Anspruch auf Besitz und Güter. Das bedeutete nicht, daß nun Farber zum Leibeigenen degradiert worden war; sein Status war nicht verringert worden – nur war Lirauns Status ungeheuer gestiegen. Theoretisch besaß nun Liraun über Farber einige Autorität, doch in der Praxis ließ man Mann und Frau diese Probleme selbst regeln, und die meisten gelangten zu einem erträglichen Kompromiß. Aber solange Farber mit Liraun verheiratet war und solange Liraun eine Mutter von Shasine war, waren keine seiner Handlungen für den Haushalt bindend. Sie besaßen keinerlei Rechtmäßigkeit. Er durfte weder Verträge abschließen, die den gesamten Haushalt betrafen, noch einen Teil des Eigentums veräußern oder vergeben, noch ein Haus ohne Lirauns Zustimmung mieten – ebenso wie es Liraun vor der Schwangerschaft verboten gewesen war, diese Dinge zu tun. Eigentlich ging es Farber immer noch besser, als es Liraun gegangen war. Vor ihrer Erhöhung hatte sie absolut keine Rechte gehabt, wurde als unterlegen und unter Farbers Herrschaft stehend betrachtet. Farber zumindest behielt seine Rechte als erwachsener Bürger, wenn auch von ihm erwartet wurde, daß er sich in kommunalen Angelegenheiten Lirauns Urteil beugte, weil sie ja nun ein höheres Wesen war: »Eine-die-in-Harmonie-eingegangen-ist.«

Das war bestürzend.

Auch war es Liraun nicht mehr erlaubt, für den Lebensunterhalt zu arbeiten. Als Mutter von Shasine gehörte sie zum Rat, der zusammen mit der Loge der Älteren Shasine regierte. Eine der ersten Dinge, die man von ihr verlangte, war die Kündigung. Sie mußte dem Rat zu jeder Stunde, ob Tag oder Nacht, zur Verfügung stehen und durfte keine andere Pflicht haben, die mit diesem einzigen, alles überragenden Zweck in Konflikt geraten könnte. Man erwartete daher von ihrem Mann, daß er sie unterhielt, und es drohten harte Strafen, wenn er dies nicht tat. Und Farbers regelmäßiges Stipendium von der terranischen Co-Operative reichte nicht für sie beide, selbst wenn man den kleinen Betrag noch hinzurechnete, den er von Ferri als »Forschungsassistent« bekam.

Das war beunruhigend.

Farber stellte sich, überraschend auch für ihn, dieser Herausforderung. Er kam von der Flasche ab und nahm keine Pillen mehr. Er riß sich mit einem fast hörbaren Klicken zusammen. Und ging hinaus, um sich einen Job zu suchen.

Es war unten bei den Docks, eine körperliche Tätigkeit: Entladen von Eisschiffen.

Die Kalten Wesen schienen bleiben zu wollen – die Fruchtbare Erde war mit Eis verschlossen und in Schnee und Stille gehüllt. In den Nächten brannte der Wintermann am Himmel. Seine ganze schreckliche Größe konnte man nun über dem Horizont sehen. Der Aome war schließlich zugefroren. Jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit – alles kalt und still wie der Tod, ein rosa Hauch begann gerade, die Nachtschwärze aufzulösen, der letzte der winzigen Monde rollte herab zum Horizont wie eine kleine Marmorkugel – konnte Farber den Fluß als eine stumpfe, metallische lange Linie sehen, eine geschweißte Naht, die die unsichtbare Welt zusammenhielt. Wenn ihn die Zahnradbahn von der Altstadt hinabgebracht hatte, konnten seine Blicke das zunehmende blaue Zwielicht durchdringen, und er sah das erste der breiten schwarzen Eisboote aus dem Westen herannahen, auf vier langen Beinen wie ein Wasserkäfer auf einem terranischen Fluß, nur mechanisch und riesig. Wenn der Aome zufror, dann tat er es bis zum Grund hinab und blieb so bis zum Frühlingstauwetter. Währenddessen spielte sich der Schiffahrtsverkehr auf dem Eis ab. Dieses Eis war so hart wie Stein und an vielen Stellen spiegelglatt, außer dort, wo der Wind die Oberfläche mit Schnee bestäubt hatte. Man konnte sich keine bessere Straße vorstellen. Der Aome umrundete den Fuß der Neustadt von Aei ungefähr zwanzig Meilen lang, und jede Meile davon war mit einem Dock bestückt, und jedes Dock auf jeder Meile summte vor Handel, ob im tiefen Winter oder im Sommer.

Mitte des Vormittags, wenn die Sonne für diese Jahreszeit am höchsten stand, sah das Eis grüngrau anstatt blau aus, wie in der Morgendämmerung, und auf der Oberfläche zeichneten sich verwickelte Hieroglyphen von den Kufen der Eisboote ab. Manchmal, wenn Feuerfrau besonders intensiv schien, schmolz der oberste Zentimeter des Eises, und die schnell dahingleitenden Eisboote spritzten zu beiden Seiten Wasser und Matsch hoch in die Luft.

Einmal sah Farber, wie ein Eisboot auf dem Eis auf eine Unregelmäßigkeit traf, einen zerklüfteten, hochgekippten Block, der drei Fuß hochragte. Der Stoß jagte zwei der Kufen hoch in die Luft – das Boot glitt gefährlich auf den beiden verbliebenen dahin, einen endlosen Augenblick lang, aber das war für die spiralförmigen Stabilisatoren zu viel, und es kippte über. Das Boot drehte sich zweimal sehr schnell, ließ die Kufen kreischen, machte ein Geräusch wie eine Million Blechbüchsen, die von einer Hundemeute gezogen werden, sprang in die Luft und kam hart auf, glitt und rollte weiter.

Dann explodierte es. Das brennende Wrack schmolz ein Loch ins Eis und bohrte sich sechs Fuß tief in den Harsch. Als das Feuer erstarb und das Eis wieder schmolz, blieb der Schiffsrumpf in einem Winkel von fünfundvierzig Grad aus der Eisoberfläche herausstehen. Flaggen und Fackeln markierten zwei Tage lang das Wrack, bis cianische Arbeitstruppen es beseitigen konnten.

Das war ein ungewöhnlicher Vorfall; häufiger wurden Unfälle nur um Zentimeter verhindert – wenn überhaupt –, und das tagtäglich. Bei den meisten waren Fußgänger beteiligt. Die Arbeiter am Fluß begannen ihre Arbeit mit der Morgendämmerung, doch um die Mittagszeit waren auch viele andere Bürger auf dem Eis, viele von ihnen auf dem Weg zu den großen Salzwassersümpfen auf der anderen Seite des Aome. Es waren Jäger auf der Suche nach Eidechsen, Schnäppern und Schlammteufeln, Töpfer in der Hoffnung, bestimmte seltene Tonsorten und Erden für bestimmte zeremonielle Keramiken zu finden, heilige Männer auf dem Schattenpfad, die die Einsamkeit suchten, um sich die Anstrengungen zu erleichtern, Sykopathie mit der Harmonie zu finden, Wahnsinnige, Gescheiterte auf dem Lichtlosen Pfad, die Degradierung und Schmerz suchten, Gruppen junger Frauen, unterwegs, um Eidechseneier und Winterpilze zu suchen, Spaziergänger und Touristen. Alle gingen über die Verkehrsstraßen auf dem Fluß, alle der Gefahr ausgesetzt, mit den Eisbooten zu kollidieren, die gelegentlich so nahe kamen, daß alle auseinander spritzten und sich über das ganze Eis verteilten.

Am meisten gefährdet – und am unaufmerksamsten – waren die Horden kleiner Kinder, die am späten Nachmittag erschienen, um auf dem zugefrorenen Fluß zu spielen. Sie liefen über die Eisfläche, rodelten auf ihren Bäuchen, liefen Schlittschuh, spielten Eisschießen mit langen Stöcken und flachen Keramikscheiben. Keine dieser Vergnügungen waren von Terra importiert worden, wie Farber zunächst vermutet hatte, sondern hatten sich unabhängig davon hier entwickelt, wie es fast unvermeidlich auf jeder Welt geschehen würde, wo es die Kombination verspielter, humanoider, zweifüßiger Kinder und Eis zum Spielen gab. Unvermeidlich oder nicht, die Kinder waren während der langen Dämmerstunden nahezu unsichtbar und bereiteten den Eisbootkapitänen erhebliche Kopfschmerzen. Es war ein sonderbarer Zug in der Rassenpsychologie der Cian, daß sie keinen Versuch unternahmen, Privatpersonen vom Eis fernzuhalten oder ihnen das Recht streitig zu machen, die lebhaftesten Verkehrsstraßen zu überqueren. Natürlich bedeutete dies auch, daß die eislaufenden Spaziergänger sich selbst überlassen wurden, aber wenn sie nichts dagegen hatten, eine Kollision mit einem Zehn-Tonnen-Eisboot zu riskieren, dann hatten die Kapitäne auch nichts dagegen, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie gaben sich damit zufrieden, die Nebelhörner zu blasen, wenn Kinder zu dicht an die Hauptstraßen herankamen, und die Kinder riefen ungestört und unbeeindruckt zurück. Das dumpfe, trauernde Klagen der Nebelhörner und die fernen, schrillen Schreie der Kinder tönten ständig in Farbers Ohren, wenn er arbeitete.

Es war eine schwere, harte und unter Zeitdruck stehende Arbeit, die Eisboote zu be- und entladen und die Waren zu den Lagerhäusern und Stapelplätzen zu schaffen. Es war eine Art Arbeit, die auf Terra von Robotermaschinen verrichtet wurde, aber in Shasine lief nichts automatisch, es sei denn, es war absolut unvermeidlich. Farber war immer schon ein kräftiger Mann gewesen, aber diese Robustheit war das Ergebnis von Badekuren und Hallensport – er hatte niemals zuvor einen Job gehabt, bei dem es auf körperliche Arbeit ankam, und das Tag für Tag. Zu seiner Schande fand er die Arbeit erstaunlich hart. Die erste Woche verschwamm in Müdigkeit, war ein Alptraum, durch den er wie ein bleigliedriger Automat stolperte. Er war um mehr als einen Kopf größer als die größten der cianischen Arbeiter und konnte schwerer heben als sie, aber ihre Belastbarkeit war unglaublich. Jeder einzelne von ihnen stellte ihn in den Schatten und arbeitete leicht und locker weiter, wenn er schon erschöpft zusammensackte und niedergeschlagen in der arktischen Luft herumkeuchte. Er war stärker als sie, aber er hatte nicht ihre Ausdauer, und das allein zählte.

Anstatt ihn zu verspotten, waren seine Arbeitskollegen freundlich und ermutigend zu ihm, waren mitleidig, ohne herablassend zu sein. Sie erteilten ihm Ratschläge für die Arbeit bei kaltem Wetter und gaben Tips, wie man am besten schwere Güter auslud.

Grimmig folgte Farber ihnen.

Wochen vergingen, und allmählich gewöhnte sich Farber an seinen Job. Er gewöhnte sich an die Schnelligkeit, und die Arbeit fiel ihm leichter. Er verbrannte sein überschüssiges Fett und wurde schlanker als er jemals zuvor gewesen war – eigentlich war er schon fast mager zu nennen. Aber das Fleisch, das an ihm blieb, war zäh, fest und hart wie Eisen. Er war niemals gesünder gewesen.

Und er war auch glücklicher als jemals zuvor nach dem Verlassen der Erde, wenn er auch lange Zeit benötigte, dies zu bemerken. Zunächst betrachtete Farber seinen Job als rauhe, degradierende Notwendigkeit, aber langsam versöhnte er sich damit und bezog nun einen Gutteil Befriedigung daraus. Es war harte, ehrliche Arbeit, die ihn an Sonne und frische Luft brachte – wichtiger aber war, wenn er dies auch nie verbalisierte, daß er sie mit seinen eigenen Händen bewältigen konnte, gewissermaßen Ordnung in das Chaos schnitt. Die Arbeit gab ihm das Gefühl, er könne sein Schicksal in die Hand nehmen, und diese Sicherheit – ob Illusion oder nicht – tötete einiges von der Panik darüber ab, daß er in einer Umgebung lebte, die er nicht begriff. Zum ersten Male hörte er auf, gegen Weinunnach anzukämpfen. Auch begann er überhaupt erst jetzt, den Planeten als Weinunnach zu akzeptieren, anstatt im Geist auf »Lisle« zu bestehen. Ein Großteil der Spannung verließ ihn, als er dies tat, als habe er eine Last abgesetzt, von der er gar nicht gespürt hatte, daß er sie trug. Er betrachtete seine Arbeitskollegen nicht mehr als fremde Gestalten und knüpfte auch Freundschaften mit ihnen an. Es war eine entspannte, freundliche Clique – wenn auch Shasine ein deutlich definiertes Kastensystem kannte, so hatte man doch nicht das Gefühl eines ausgeprägten Klassenbewußtseins bei einem individuellen Cian, wie man es bei einem Engländer oder Hindu kennt. Körperliche Arbeit war hier keine verachtete, niedere Angelegenheit wie auf der Erde; überwiegend ging nicht mehr oder weniger Prestige damit einher als bei allen anderen Berufen. Daher stammte der Gleichmut der Arbeiter, die keinen Grund hatten, sich irgend jemandem in ihrer Gesellschaft unterlegen zu fühlen. Farber kam mit ihnen besser aus als mit den Tausend Familien oder den düsteren Schattenmännern, den Aristokraten wie Jacawen. Er merkte, wie er der täglichen Arbeit froh entgegensah.

Er war zufrieden, das wurde ihm klar.

Auch Liraun schien glücklicher zu sein, wenn auch immer noch ein Hauch von Traurigkeit sie umfing. Viel von ihrer unerklärlichen Unzufriedenheit und Wildheit war verschwunden oder war zumindest zu Asche heruntergebrannt. Sie hatte die Rolle akzeptiert – oder hatte sie einfach resigniert? –, die sie zu spielen hatte. Damit ging eine neue Ernsthaftigkeit einher. Ihre Ehe war eine normale Sache geworden. Sie gingen entspannter miteinander um und wurden toleranter. Liraun war mit ihren Pflichten beim Rat vollauf beschäftigt, aber nicht so sehr, daß sie nicht viel Zeit mit ihrem Mann verbringen konnte. In den ersten Monaten der Schwangerschaft liehen sie sich oft Reittiere und eine Meute Hunde von Lirauns Vater aus – lange, schlanke Fleischfresser, die irgendwie wie riesige Spottmäuse aussahen, aber nicht so hinterhältig waren – und gingen in den großen Salzsümpfen südlich von Aei auf die Jagd. Nur selten fingen sie etwas, aber es machte ausreichend Spaß, durch das weite Marschland zu reiten, wenn die Luft schneidend kalt war und der Himmel blendend und sie das klagende Muhen ihrer schlangenartigen Reittiere und das schrille Yip-yip-yip der Meute hörten und mit hohlem Eisengeklapper über die groben Steinbrücken trabten, die die höheren Landstreifen miteinander verbanden, umgeben von grünlichem Eis, Schnee und endlosen Meilen schlanken, winterkahlen Schilfes, und nur auf riesige Herden silberschuppiger Eidechsen stießen, die bei ihrem Näherkommen donnernd in den Himmel aufstiegen, um dort hartnäckig zu kreisen und zu schluchzen, bis die Eindringlinge wieder außer Sichtweite waren. Manchmal zogen sie auch ohne die Meute los und drangen tief in das Sumpfgebiet ein, um Jäger und Pilzesammler zu meiden, und Liraun ging dann schwimmen – es war immer noch eiskalt, aber gelegentlich zog Liraun die Kleider aus, schlug ein Loch in das milchige Eis, welches hier über dem brackigen Salzwasser dünner war, und stieß wie ein Eisbrecher durch die flachen Teiche, verschwand in Schilftunneln über den Gezeitenkanälen und kam auf der anderen Seite voller Harsch wieder zum Vorschein, spritzte und schrie und machte ein entsetzliches Theater, scheuchte Dutzende von winzigen, otterähnlichen Wesen in Panik vor sich her, lachte, als Eidechsen und Rotfinnen hysterisch aufflogen. Farber hielt die Tiere und beobachtete sie, lachte liebevoll, amüsiert, nachdenklich mit. Sein Atem bildete in der kalten Luft Wölkchen und kondensierte zu Frost auf seinen Lippen. Wenn sie wieder auftauchte, schüttelte sie sich das Wasser vom Körper wie ein Hund und nahm ein rauhes Tuch, um die Eisstücke abzustreifen, die sich auf der Haut gebildet hatten.

Manchmal liebten sie sich dann auf einem Bett aus knisterndem Schilf, das sie über den gefrorenen Boden streuten. Liraun war immer belustigt, wenn Farber sich nicht ausziehen wollte. Manchmal sahen sie auf dem Rückweg nach Aei einen der Sumpfbewohner, die entfernte Verwandte der Cian waren: knochige, zwergenhafte Menschen mit knochenweißer Haut in zerlumptem Fell und kunstvoll gearbeiteten Schnee-Eisen. Das Haar war zu zwei enormen bienenkorbartigen Hügeln aufgetürmt und lackiert, das Gesicht war blau und orange bemalt, eine Reihe von gerade erbeuteten Schnäppern oder Rotfinnen hingen mit dem Kopf nach unten vom Lederband über die Schulter. Die Augen waren hell und scharf, wie aus schwarzem vulkanischem Glas. Ruhig und ernst und mit großer Würde beobachtete sie der Sumpfmensch, wenn sie vorbeiritten. Dann hob er die Faust zu einer Begrüßung – nicht schmeichelnd oder ehrerbietig, sondern eine ungebeugte, aber respektvolle Anerkennung ihrer Gegenwart. Die Sumpfmenschen hielten die Cian für Geister. Wofür sie Farber hielten, kann niemand sagen. Für den Geist eines Geistes vielleicht.