All das ereignete sich gut zwei Jahrzehnte nach der »Expansion«, als ein Team der Silber-Enye die Erde für den galaktischen Handel erschlossen hatte, indem man sie »überredete«, der Handelsallianz beizutreten, mit dem gleichen Zynismus und der gleichen Gleichgültigkeit gegenüber den Auswirkungen auf die Eingeborenenkultur mit der Perrys{1} Kanonenboote Japan erschlossen hatten.
Tatsächlich waren die Auswirkungen auf die Erde immens. Der Schock traf eine Erde, deren Technologie den Menschen noch nicht aus seinem Sonnensystem befreit hatte, deren Städte von einer Reihe »taktischer« und beinahe letzter Kriege verwüstet waren und deren Biosphäre verdreckt und vergiftet war.
Obwohl er erst ein Kind gewesen war, als die Enye kamen, erinnerte Farber sich noch genau an die allgemeine Spannung, die Furcht, die Menschenansammlungen in den Straßen seines kleinen deutschen Heimatdorfes, die fast die halbe Nacht damit verbrachten, erwartungsvoll in den Himmel zu starren. Am stärksten waren ihm die furchtsamen Stimmen seiner Eltern im Gedächtnis geblieben, die undeutlich durch die Schlafzimmertür zu ihm hereindrangen, während er schlaflos auf seinem Bett lag, das staubige Mondlicht auf dem rissigen Holz des Fensterrahmens beobachtete und über die Welten jenseits des Himmels nachdachte, die endlosen Tiefen, in die man hinauf- und hinausfallen konnte, ewig fallen … Einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag lang hingen die sieben eiförmigen Raumschiffe – jedes über einen Kilometer im Durchmesser und sowohl unseren Waffen als auch unserem Verständnis der Naturgesetze spottend – am Himmel über Stockholm, Rio de Janeiro, Chikago, Addis Abeba, Tokio und Ulan Bator. Dann entstiegen ihnen die Enye mit ihrem Handelsangebot, dem Geschenk der Sterne.
In den Monaten darauf flackerten überall auf der Erde Kleinkriege auf, schwelten und verloschen wieder, Regierungen stürzten, Nationen lösten sich als erkennbare politische Gebilde auf. Als das Schießen endlich aufhörte, schlossen sich die Überlebenden zusammen und gründeten hastig die Terranische Co-Operative, deren Mitglieder von der Versuchung umgetrieben wurden, sich von dem großen Kuchen draußen im All ein hübsches Stückchen für die Erde abzuschneiden.
Die Menschen zogen hinaus zu den Sternen, zunächst als zahlende Passagiere auf fremden Raumschiffen, später dann in mit Menschen bemannten Schiffen, die man zu phantastischen Preisen von anderen Welten erworben hatte. Man richtete terranische Handelsmissionen auf einigen dieser anderen Welten ein, während gleichzeitig die Enye – und später die Jejun – auf der Erde ihre Missionen einrichteten, die hauptsächlich mit »antikem« Terra-Schmuck und primitiver Eingeborenenkunst ihr Exportgeschäft betrieben.
Inmitten dieses Treibhausklimas von schnellen Veränderungen und eines gewaltsamen Neubeginns wuchs Farber auf, und während er aufwuchs, bekam er seinen Teil vom habgierigen Geist dieser Zeit mit. Für viele war die Ankunft der Enye ein Wunder, eine Intervention Gottes, die um fünf vor zwölf kommende Erlösung einer Zivilisation, die vor dem unaufhaltbaren und unwiderruflichen Abstieg in Barbarei und Degeneration stand, den nichts anderes hätte verhindern können. Die allgemeine Antwort auf diese Erlösung bestand in einer unbekümmerten Erleichterung und einem plötzlichen Glauben an die eigene schicksalhafte Bestimmung. Plötzlich, als es schon am dunkelsten ausgesehen hatte, war der Himmel wieder frei – tatsächlich würde der vergiftete graue Himmel der Erde nie mehr die Grenze sein, jetzt, nachdem die Kavallerie der Aliens im letzten Augenblick zur Rettung unserer Rasse erschienen war. Wenn es irgendwelche Scham darüber gab, daß man die Enye gebraucht hatte, um aus der Grube herausgezogen zu werden, die man sich selbst gegraben hatte – und die herablassenden, verachtungsvollen Enye mit ihrer groben Art machten es dem terranischen Ego bestimmt nicht leicht –, dann ließ uns gerade diese Scham nur noch härter arbeiten und höhere Ambitionen entwickeln, um sie auszutilgen. Und dazu gehörte es vor allem, besser zu feilschen als die anderen. Von einem Tag zum anderen hatte die »Offenbarung des Schicksals« wieder eine Bedeutung. Man glaubte mit einem naiven, fast religiösen Optimismus an diese »Offenbarung«, wie es ihn als ernstzunehmende politische Kraft seit der halbvergessenen, betrauerten fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr gegeben hatte. Es war eine neue Zeit der Räuberbarone, in der jene Mächte aus der dritten Welt, die früher am meisten unter dem Kolonialismus gelitten hatten, nun am begierigsten darauf waren, hinauszuziehen und sich ihr eigenes Kolonialreich in den Himmel zu schneiden.
Nach einer langen Phase des Atheismus lebte Gott wieder, und Gott half all denen, die sich selbst halfen.
Wie viele seiner Zeitgenossen – besonders jene, die als Heranwachsende hohe Punktzahlen in den Eignungsprüfungen erreichten und denen daher der Dienst bei der Co-Op offenstand – entwickelte sich Farber zu einem hartgesottenen, selbstsicheren jungen Mann. Als er das richtige Alter für den Weltraum hatte, waren die süßen imperialistischen Träume der Erde schon etwas bitterer und weniger strahlend geworden, aber Farber blieb unberührt von allem Pessimismus. Vielleicht war er noch starrköpfiger und arroganter als die Mehrheit seiner Generation – vielleicht war er auch einfach nur jung. Auf jeden Fall war er hartgesotten, voller Ambitionen und naiv, und das ist in allen Kulturen und in jedem Alter schon immer eine ungesunde Mischung gewesen.
Farber verbrachte die letzte Nacht, bevor er sich auf dem Raumhafen melden mußte, an der Theke einer kleinen Dorfkneipe in Zirndorf. In der Luft hing ein Geruch nach Sauerkraut und verschüttetem Bier, während Farber den schmutzigen Witzen und albernen Saufliedern seiner Klassenkameraden zuhörte und dem alten, halbblinden Schäferhund des Wirtes zusah, der mit seinem staubigen Schwanz gegen die Theke wedelte und seine Hundeträume einer Hundejugend träumte. Gegen Mitternacht raffte sich Farber inmitten des allgemeinen Aufbruchs auf, wich geschickt zwei seiner Klassenkameraden aus, die neben dem Kickerautomaten auf dem Fußboden einen Ringkampf veranstalteten, während die Wirtin mit einem nassen Mob nach ihnen schlug und der uralte Schäferhund wehmütig knurrte, und rettete sich hinaus in die Nacht.
Die eisige weiße Armee der Sterne war aufmarschiert, und während er unter ihnen herlief, fühlte sich Farber fast schon zu groß für diese Nacht, für die schmale Kopfsteingasse unter seinen Füßen. Groß und wild und neu fühlte er sich, bis zum Bersten mit Leben angefüllt wie ein Schlauch voll mit lebendigem grünen Wasser, von blinden Energien durchtobt, die ihn heiß und glühend in dem kalten, ländlichen Schweigen zurückgelassen hatten. Mit unsicherem Schritt suchte er sich seinen Weg durch die schlafenden Straßen hinaus über die herbstlichen Stoppeln der Felder (nun unter den Füßen Dreck und hartgefrorene Ackerfurchen), bis es ihn schließlich hinab in die ausgetrocknete Flußniederung trieb. Schwarz und still war es hier, die Lichter des Städtchens weit hinter ihm, nur das blasse, blinkende rote Auge des Wasserkraftwerks weiter stromab erinnerte ihn an die Zivilisation. Der Grund fiel hier zum Fluß hin ab, und schließlich verschwanden auch die Lichter des Kraftwerks hinter dem nahen Horizont und ließen ihn allein in der Dunkelheit zurück. Er konnte den Fluß jetzt hören, ein weiches, zahnloses Gemurmel von Wasser. Brusthöhe, scharfe Halme umgaben ihn, raschelten, knisterten und richteten sich hinter ihm wieder auf. Dicker schwarzer Schlamm quatschte unter den Schuhen, und es roch nach Mist, nasser Erde und Feuchtigkeit. Er hatte den Mittelpunkt aller Dinge erreicht, und hier war es dunkel, feucht und still – und er war hier ganz allein. Er war der einzige, der einzige, den es gab und je gegeben hatte, auf der Erde und unter dem Himmel …
Ein Gespenst explodierte vor seinen Füßen aus dem Gras in den Himmel, breitete als grauer Schatten seine Arme vor die Sterne und war verschwunden. Farber kämpfte erschrocken um sein Gleichgewicht, von der Überraschung ernüchtert. Wieder eine Gespensterexplosion, und eine kaum zu erkennende Form brach aus dem Boden, wie von einer Kanone abgefeuert; diesmal hörte er das leinwandnasse Schlagen von Flügeln in der feuchten Flußluft. Fasane, dachte er lachend und erstaunt, aber noch immer zu erschrocken, um selbst richtig daran zu glauben, Fasane, die hier im hohen Gras versteckt schliefen und von seiner lärmenden Ankunft aufgeschreckt davonflogen. Er ging ein paar schwerfällige Schritte weiter, das Unterholz knackte und rasselte um ihn her. Eine ganze Gruppe von Fasanen, vier oder fünf diesmal, explodierte in den Nachthimmel, kaum eine Sekunde später, wie ein Schrotschuß, wie startende Raketen, wie Raumschiffe, die sich nach draußen in die Leere ihrem Schicksal entgegenwarfen. Er riß den Kopf hoch, um den Fasanen mit den Blicken zu folgen, verlor sie fast augenblicklich, doch statt dessen fingen die Millionen eisigen Augen der Sterne seinen Blick ein und hielten ihn fest. Als er so in der raschelnden Stille stand und zu den Sternen hinaufstarrte, traf ihn eine solche Sturzsee von Begierden, Sehnsüchten, Ängsten und schleichenden Schrecken, daß die Sterne zu rotieren schienen und zu aufgespießten Feuerrädern verwirbelten, die ihre Lichtsperre herniederwarfen, und er tanzte vor Wut und Lust und Begeisterung in dem nassen schwarzen Schlamm.
Dann zurück durch die Nässe und die nach feuchtem Stroh riechende Dunkelheit, während der Alkohol ausbrannte und die Kleider ihm naß am Körper scheuerten, durch den schimmernden grauen Nebel, der in der Stadt aufstieg, die noch immer schlief – aber die Nacht gehörte ihm nun irgendwie nicht mehr allein.
Und dann – zu schnell, zu brutal plötzlich, bevor er noch seinen Kater loswerden konnte – fand er sich selbst unter fremden Wesen wieder, mit denen er in eine vibrierende Stahlkiste eingeschlossen war, sah den blauen Schimmer der Erde im Ur-Raum versinken, in der schmutzigen Finsternis, die überall mit Pastellfarben betupft war und an nichts so sehr erinnerte wie das Innere seines eigenen Kopfes.
Trotz allem nahmen die meisten Terraner ein gutes Maß Arroganz mit hinaus in den Raum. Aber während sie dann von Welt zu Welt reisten, weiter und weiter fort von der Erde, starb diese Arroganz langsam; bei jeder Landung schwand etwas davon dahin wie bei der Erdung einer starken elektrischen Spannung, und mit der Arroganz schwanden – so zäh und langlebig sie auch waren – die expansionistischen Träume von einem Imperium, sogar die bescheideneren Hoffnungen wirtschaftlicher Herrschaft erstarben, vergingen, wie sie zuvor schon allen anderen sternenfahrenden Rassen vergangen waren. Der Raum war zu groß. Alles erwies sich als zu komplex und zu fremdartig, die Entfernungen waren zu riesig, die Reisezeiten zu lang, mehr als ein Informationsaustausch ließ sich nicht praktizieren. Die Kommunikation war schon das höchste Ziel. Selbst die Handelsallianz war eine Organisation, wie man sie sich loser kaum vorstellen konnte; einige ihrer Mitglieder hatten schon seit Jahrhunderten keinen Kontakt mehr untereinander gehabt. Sich ein Einflußgebiet zu errichten – ja überhaupt einen kontinuierlichen Einfluß –, war angesichts der klaffenden Unendlichkeit etwas, das nur aus dem provinziellen Blickwinkel vom Grund einer Schwerkraftquelle aus möglich erscheinen konnte. Die Leere des Raumes schluckte alles; sie war für jedes körperliche Wesen zuviel.
Zu dem Zeitpunkt, als das Schiff der Enye über Weinunnach materialisierte, war Farber nicht länger der forsche, ambitionierte Jüngling, der sich ein Jahr früher auf der Erde eingeschifft hatte. Die Enye ließen sich am besten als große graugrüne Felsbrocken mit wässrigen Austernaugen und einem Besatz von wimmelnden, fleischigen Wimpern schildern. Es waren ernste Wesen, die sich bei sozialen Anlässen in einen Mantel aus Speichel zu hüllen pflegten (zu den verschiedenen Anlässen gab es verschiedene Arten von Speichel, die verschiedene Gerüche ausströmten). Sie ›sprachen‹ (mit den Erdungen), indem sie die Luft durch ihren Schließmuskel in einer Reihe modulierter Blähungen und Rülpser ausstießen. Sie behandelten die Terraner mit kaum verhehlter Herablassung – manchmal sogar mit offenem Ekel – und bemühten sich, jeden direkten persönlichen Kontakt mit ihnen zu vermeiden, da sie sich offenbar dabei nicht anders vorkamen als ein Erdenmensch, von dem verlangt worden wäre, diplomatische Beziehungen zu seinem Hund aufzunehmen, besonders wenn der Hund Flöhe hatte, aus dem Rachen stank und sich vor kurzem noch im Dreck gesuhlt hatte. Die meiste Zeit ignorierten sie Farber einfach, und wenn sie sich dazu herabließen, mit ihm in Verbindung zu treten – die Wimpern vor Ekel zusammengerollt –, war es oft noch schlimmer: Er konnte ihre Spiele und Unterhaltungen nicht verstehen (deren Regeln alle paar Minuten nach einem System geändert wurden, das er nie begriff, von dem man aber erwartete, daß er es auf Anhieb verstand), die gelegentlichen Gespräche mit ihnen waren verwirrend, ihr »Humor« war unerträglich, und die allergewöhnlichsten technischen Einzelheiten des Schiffes erwiesen sich auf eine so erniedrigende Art und Weise jenseits seines Verständnisses, daß sein Wunsch nach Anerkennung seiner Intelligenz durch die Enye schon allein daran scheiterte. Wenn sie auf ihrer Reise entlang der Enye-Handelsrouten einen anderen Planeten besuchten, behandelten ihn die dortigen Intelligenzen in der Regel eher wie ein Haustier der Enye oder wie einen Teil ihres Gepäcks oder ignorierten ihn auf so teilnahmslose Weise, daß er annehmen mußte, er sei nicht einmal wichtig genug, um unhöflich zu ihm zu sein.
Mehr als ein Jahr lang bekam Farber dies alles zu spüren, in einem Schiff, das sich subjektiv zunächst als gigantisch, doch nach zwei Monaten schon als viel zu klein erwies.
Andere Autoren haben über Farbers geistige Verfassung am Abend des Alàntene spekuliert und versucht, die Vorurteile und Obsessionen ihrer Zeit hineinzuinterpretieren. So ist Farber in Nemerovs Der Barbar voller chauvinistischer Energie und Hartherzigkeit, während Innauratos Bis des Menschen Ruf uns weckt – zwei Jahrzehnte später geschrieben, als es unter der Intelligenz längst nicht mehr populär war, sich wegen unserer mangelnden kulturellen Sensibilität an die eigene Brust zu klopfen, und die Gegenreaktion eingesetzt hatte – ihn als das unschuldige Opfer finsterer außerirdischer Machenschaften darstellt. Die bizarrste Interpretation ist vielleicht die in Darcys Komische Fügungen, wo Farber als ein von der Weisheit des Absurden Erleuchteter charakterisiert wird, der die Leben anderer ohne Sinn und Zweck manipuliert, obwohl sich die Ereignisse auf »Lisle«, fünfzehn Jahre bevor sich der sinistere Kult des Noismus aus den Detroiter Slums ausbreitete, abspielten.
Tatsache ist, daß Farbers Geistesverfassung einfach die damaligen Erfahrungen seiner Rasse widerspiegelte. Tausende junger Terraner erlebten zur gleichen Zeit auf einem Dutzend anderer Planeten einen ähnlichen Kulturschock; allerdings waren die Auswirkungen selten so drastisch und auf eine verdrehte Art so weitreichend. (Man denke nur an die so widersprüchlich beurteilte Gesellschaft für anderes Leben, die von Eileen Ross und Tamarane gegründet wurde und einen solchen Einfluß auf die Kultur der Cian hatte – und noch hat –, daß wegen ihr fast die terranische Mission geschlossen worden wäre.)
Weit davon entfernt, der eitle Egoist zu sein, als den ihn Nemerov und Gershenfeld beschrieben haben, fühlte sich Farber elend, verstört und verängstigt, als er sich für die Landung auf Weinunnach bereit machte. Ein Jahr mit den Enye – und, was noch schlimmer war, mit anderen Wesen, die so fremdartig erschienen, daß es überhaupt keine Verständigung mit ihnen geben konnte, egal auf welcher Stufe – hatte ihm den Großteil seiner ursprünglichen Selbstsicherheit geraubt, ohne ihm zum Ausgleich dafür echtes Wissen oder eine gewisse Abgeklärtheit zu geben. Sein Stolz war dahingeschmolzen, aber es gab für ihn keinen Rückzug hinter einen Schutzwall aus Snobismus und kultivierter Kaltschnäuzigkeit, wie ihn sich viele seiner Zeitgenossen errichteten. Sein Lebensweg, der einmal so gerade und eindeutig vor ihm gelegen hatte, verlor sich jetzt in einem Morast aus Zweifeln und Verwirrung. Seine Karriere – einst der vitale Mittelpunkt seiner Existenz – schien ihm auf einmal unwichtig und bedeutungslos.
Er sah nicht einmal aus der Luke, als das Zubringerboot sich auf Weinunnach herabsenkte.
Vom Raumhafen in den niedrigen Hügeln westlich von Aei nahm er die Expreß-Bahn direkt in die terranische Enklave, und bis zum Alàntene hatte es nichts gegeben, was ihn wieder daraus hervorlockte – weder aus der Enklave noch aus seinem ausweglosen, seelischen Abgrund.
Heute nacht beim Alàntene war er zum ersten Mal wieder aus seiner elenden Stimmung herausgerissen worden, und zum ersten Mal seit er die Erde verlassen hatte, fühlte er sich wieder jung, eroberungslustig und lebendig.
Liraun hatte ihn herausgerissen, Liraun und die seidige Intensität der Nacht – obwohl die Wirkung auf ihn stärker zu sein schien, als selbst Sinnlichkeit und Fremdartigkeit erklären konnten.
Der Sex mit Liraun war eine tolle Sache, sicher (sie waren Hand in Hand durch die leeren, hallenden Straßen zur Enklave gegangen, in Farbers Apartment, verstohlen, ohne ein Wort miteinander zu reden, wie unartige Kinder, die sich nach einem verbotenen Ausflug zurück nach Hause schleichen), aber nicht besser, als er bei verschiedenen Gelegenheiten mit anderen Frauen gewesen war. Ihre Liebe in dieser Nacht war kein Feuer transzendentalen Entzückens; wie jedes andere Paar brauchten sie Zeit, sich auf einander einzustellen, und ihre ersten Versuche hatten durchaus eher etwas Ungeschicktes an sich. Es war ganz die übliche verschwitzte Angelegenheit voller kleiner gegenseitiger Entdeckungen, Enttäuschungen und Überraschungen – auf der rein sexuellen Ebene nicht viel anders als sein erstes Zusammensein mit Kathy ein paar Tage vorher. Und doch war Liraun anders, und ihre Fremdartigkeit durchzog die ganze Nacht wie der beißende erotische Geruch ihres Körpers die Luft in Farbers Schlafzimmer.
Sie sprach wenig. Sie begann zu unvorhersehbaren Momenten zu lachen oder zu weinen, aus für Farber völlig unerklärlichen Gründen. Sie war verspielt und zur gleichen Zeit von entschlossenem, ja grimmigem Ernst. Farber bekam nie heraus, auf welche Stimmung er sich gerade einzustellen hatte, und ihre Fähigkeit, zwei Stimmungen miteinander zu vermischen, war zuviel für ihn. Ihr Körper war eigenartig, aber nicht so fremd, das er abstoßend gewesen wäre – eher im Gegenteil. Sie besaß keine Brüste oder, genauer gesagt, nur rudimentäre wie Farber selbst; bei den Cian stillten die Männer den Nachwuchs. Auch ihre Brustwarzen waren nur rudimentär entwickelt – drei Paare davon übereinander auf dem Brustkasten, flach und nur durch die dunklen Hautpartien darum herum gut erkennbar. Der größte Teil ihres Körpers wurde von einem feinen, hellen Flaum bedeckt, der vor endlosen Zeiten einmal ein Fell gewesen sein mochte. Ihr Schamhaar war ungewöhnlich dicht und kräftig und zog sich von dem Spalt zwischen ihren Schenkeln aus weit über den Bauch. Ihre Zähne waren nicht sehr viel länger als die eines Menschen, und zu Farbers großer Erleichterung achtete sie sehr darauf, nicht zu fest zuzubeißen, hatte er doch halb befürchtet, sie würde ihn in Stücke reißen. Sie war vielleicht keine so selbstbewußte Expertin wie Kathy – obwohl sie im sexuellen Bereich keineswegs ohne Finessen war –, aber in ihrer Art lag eine außergewöhnliche, sehr beherrschte Verzweiflung, die ihn zugleich verwirrte und faszinierte.
Beim Orgasmus – bei ihrem zweiten Versuch, bei dem sie sich langsam und geduldig hochgearbeitet hatten – umklammerte sie ihn mit einer Kraft, die fast noch größer war als seine eigene und brach ihm beinahe die Rippen. Sie schrie heiser und wild, als würde sie von etwas entzückt und entsetzt, was er niemals begreifen könnte.
Am Morgen stand Liraun ohne ein Wort auf und zog sich an. Als er ihr zusah, wie sie im kalten, schiefergrauen Licht der Morgendämmerung durch sein Apartment stapfte und sich in ihre hautenge Kleidung zwängte, fühlte Farber eine Woge idiotischer Begierde in sich aufsteigen und wäre bereit gewesen, die ganze Nacht noch einmal durchzumachen, geil wie ein begieriger Schuljunge, obwohl er körperlich wahrscheinlich zu erschöpft dafür war. Liraun sah wesentlich weniger mitgenommen aus als Farber; ihre Bewegungen waren noch immer flink und elegant, ihr Gesicht war frisch und faltenlos, sie huschte wie eine Tänzerin durch das Allerweltsmobiliar des Raumes.
Farber war von der Grazie und der schwebenden Art ihrer Bewegungen so gefangen, daß er sie fast bis zur Türe gleiten ließ, bevor der Zauber brach und er sich in plötzlicher Enttäuschung aufrichtete und stammelte: »Warte, ich … werde ich dich wiedersehen? Kommst du zurück? Ich würde mich freuen, wenn du zurückkämst …« Er hielt, von ihrem Schweigen betroffen, inne und fügte dann lahm hinzu: »Wenn du das überhaupt willst.«
Sie wandte sich an der Tür um, damit sie ihn ansehen konnte, einen undefinierbaren Ausdruck im Gesicht; dann zuckte sie die Achseln, noch immer ohne ein Wort und ohne jede Verbindlichkeit, und dann ging sie.
Einige Augenblicke später, als Farber im Bett saß und die leere weiße Tür anstarrte, wurde ihm bewußt, daß er nicht einmal wußte, wo sie wohnte oder wie er sie wiederfinden konnte.