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Am nächsten Morgen stand Farber sehr früh auf und zog, einem obskuren Instinkt folgend, seinen besten Anzug an. Liraun lag in dem großen Bett und beobachtete ihn. Ihre Augen folgten ihm bei seinen Gängen durch das Apartment. Sie erhob sich nicht, um ihm das Frühstück zu bereiten, wie sie es gewöhnlich tat, und er bat sie auch nicht darum. Sie sprach kein Wort. Ihre Miene war undurchdringlich. Farber war genauso schweigsam. Er zog sich so rasch wie möglich an, wenn er auch keineswegs in Eile war – er wollte einfach ihrem geduldigen, nachdenklichen Blick entfliehen. Ihre Augen drängten ihn keineswegs; daher konnte er sie nicht ertragen. Das fahle, rötliche Licht Feuerfraus schien durch die Jalousien, traf polarisierte Staubkörnchen in der Luft, warf Strahlen auf die gegenüberliegende Wand. In diesem gnadenlosen Licht wirkte das terranische Mobiliar schäbig und billig – Plastik, maschinengefertigt, was es in der Tat auch war. Alles war glatt, präzise, künstlich. Nur Liraun war echt. Ohne sich zu regen oder zu sprechen, blieb sie das lebendige, vibrierende Zentrum des Raumes. Die Wohnung war voll von ihrer Gegenwart, von ihrem warmen, moschusartigen Duft. Sie war der wichtige Faktor, verlieh dem Raum die Gültigkeit, die er besaß, ohne sie wäre alles wie eine Kulisse – flach und unreal. Er zog den Mantel über und ging rasch fort.

Draußen war es sehr kalt. Farber schritt schnell über die breiten Straßen der terranischen Enklave, die Hände in den Taschen; seine Schritte verursachten ein hohles Klickklack; der Atem gefror zu Wolkenfetzen. Sonst war niemand unterwegs. Feuerfrau tauchte aus den grauen Nebelschwaden hin und wieder auf, und Rauhreif glitzerte überall. Auf beiden Seiten erhoben sich terranische Gebäude, vorgefertigte Glas-und-Plastik-Schachteln, abstoßend deplaziert. Sie wurden von üppigen Hainen schwarzer Federbäume umgeben, der halbherzige Versuch eines Architekten, der nur den Kontrast verstärkte. Irgend etwas Verborgenes sang in das kalte Morgenschweigen hinein – es hörte sich an wie ein Vogel, war aber eine Eidechse. Einige der Laternen – wieder nur terranische Fremdkörper – brannten noch, wirkten gegen den grauen Himmel eitel und auf traurige Weise sinnlos. Er gelangte zu der hohen Mauer, die die Enklave umgab. Was wollen sie damit draußenhalten? dachte er. Mit einer Mauer? Er passierte den schlafenden Wächter in seiner Glaskabine und ging nach Aei hinein. Hier waren die Straßen anstatt mit Asphalt mit Porzellan gepflastert, und als er die horizontverschluckende terranische Skyline hinter sich ließ, thronte die Altstadt auf ihrem Obsidianfelsen über ihm, als hinge sie mitten in der Luft.

Zweimal blieb er stehen und wandte sich um. Einmal verfolgte er seinen Weg mit den Augen zurück, ungefähr eine halbe Meile zur Enklave, bis ihn Scham und Unentschiedenheit abhielten, ihn wieder umwandten und ihn auf sein ursprüngliches Ziel zustolpern ließen. Er konnte es nicht – er konnte nicht zurückgehen und ihr sagen, er habe Angst davor, daß die Heirat nicht klappen würde. Sie würde nicht weinen, ihm keine Vorwürfe machen – sie würde es mit geduldiger Verzweiflung akzeptieren, und das war es, was er nicht ertragen konnte, dem er nicht gegenübertreten wollte. Wenn er zurückging, könnte er niemandem mehr unter die Augen treten: Keane mit seiner wütenden Verachtung, Jacawen mit dem kalten Zorn, Kathy mit ihrem adretten, selbstzufriedenen Glauben, er würde unvermeidlich zu ihr zurückkehren. Keiner von ihnen glaubte, er würde das durchziehen, und wenn er es ihnen nicht bewies, wenn sie recht behalten sollten, wäre das der Todesstoß für die letzten Reste seines Stolzes. Es war die letzte dünne Membran zwischen ihm und einem gähnenden Abgrund von Nutzlosigkeit; er spürte diesen Abgrund ganz deutlich, die Tiefe des Falles, der ihn erwartete. Daher ging er weiter, verkrampft, mit grauem Gesicht, wie ein schlechter Automat.

Er nahm die Schnellbahn hinauf in die Altstadt. Dort, umgeben von den hohen Steinmauern und steilen Kopfsteinstraßen, traf ihn die Ungeheuerlichkeit seines Vorhabens doppelt stark. Er fand eine kleine Terrasse am Fuß einer gewundenen Gasse und blieb dort fast eine Stunde lang stehen und blickte über das fremde Land unter sich. Der Aome glitzerte wie eine silberschuppige Schlange bei seinen Windungen durch die Neustadt – er war noch nicht zugefroren, wenn es auch nicht mehr lange dauern würde. Er kickte einen Kiesel hinunter zum Fluß und war entsetzt, wie rasch der Stein verschwand. Verloren, verloren. Du mußt wahnsinnig sein, sagte er sich. Du mußt wahnsinnig sein, wenn du so etwas vorhast. Das ist es nicht wert. Nichts gibt es, für das sich so etwas lohnen würde. Er zitterte, und seine Kehle war wie ausgedörrt. Die Haut fühlte sich fiebrig an, als er sie berührte. Er begann unfreiwillig weiterzugehen. Nach einer Weile bemerkte er mit Entsetzen, daß er auf die Halle der Schneider zuging. Ich werde nicht hineingehen, sagte er sich. Ich sehe es mir nur einmal an und gehe dann zurück. Aber er ging hinein, ging wie im Traum. Trotz all seiner Skrupel, merkte er benommen, war er nur fünf Minuten zu spät.

Jacawen sur Abut erwartete ihn. Mit steinernem Gesicht führte er Farber durch die belebten, hallenden Flure in einen Raum, in dem unaufdringliche Maschinen und höfliche cianische Techniker warteten. Jacawen sagte kein Wort. Farbers Gegenwart besagte alles. Jacawen murmelte irgend etwas zu dem Cheftechniker, nickte Farber zu und ging.

Der Techniker lächelte Farber höflich an, entblößte gleichmäßige feuchte Zähne und verbeugte sich.

Dann schnallten sie Farber an, steckten ihn in die Maschinen, knipsten sein Bewußtsein aus und taten mit ihm, was sie mit ihm tun sollten.

Vier Stunden später schalteten sie Farber wieder ein. Er zwinkerte und setzte sich benommen auf. Er lag auf einem fahrbaren Bett. Die Sicht verschwamm ihm, und sein Kopf fühlte sich flusig an, als sei er mit Watte vollgestopft. Er hatte einen entsetzlichen Geschmack im Mund. Der Techniker, der an Farbers Seite stand, schenkte ihm das gleiche höfliche Lächeln, Zahn für Zahn, und reichte ihm ein Glas des brennenden einheimischen Schnapses. Er bekam einen Hustenanfall, doch sein Kopf wurde klarer. Der Techniker nahm Farber den Puls ab, blickte ihm in die Augen, drückte eine röhrenförmige Maschine gegen seinen Oberarm und las das Ergebnis auf einer Skala ab – und dann sagte er zu Farber, er könne gehen.

Irgendwie fand sich Farber wieder draußen und stolperte durch die Altstadt von Aei. Er sah immer wieder auf seine Hände, wandte sie herum und herum, hielt sie vor die Augen. Er preßte die Handflächen gegen die Wangen, fühlte die Wärme und Festigkeit seines Fleisches. Er kniff sich, grub die Fingernägel in die Haut. Alles fühlte sich genauso an, sah genauso aus, war es aber nicht mehr. Fremdheit schwamm in ihm, wartete in seinem Samen. Dumpf bäumte er sich gegen die schreckliche Erkenntnis auf, wieder und wieder. Vergeblich.

Er war kein Mensch mehr.