Manchmal kam Jacawen sur Abut, Lirauns Halbonkel, zu Besuch. Offensichtlich mehr aus politischen Gründen als aus familiärer Zuneigung, da sowohl Liraun als auch Jacawen sich sehr förmlich zueinander verhielten und der Großteil ihrer Konversation aus einem Austausch von Ritualen zu bestehen schien. Aber Jacawen wußte nicht, was er mit Farber anfangen sollte. Es gab kein Ritual, das ihm vorschrieb, wie er sich verhalten sollte – die Situation war einzigartig. Der Mann war da. Man mußte sich mit ihm auseinandersetzen, eine Beziehung aufnehmen. Aber was für eine? Jacawen wußte, wie man sich Außenweltlern gegenüber verhielt, das war Teil seiner Arbeit, und es hatte sich ein angemessener Brauch entwickelt. Aber ob er wollte oder nicht, er konnte Farber nicht mehr als Außenweltler betrachten – er war nun mit den Banden des Blutes an Jacawens eigenes Haus und seinen Stamm gebunden, er war, per Gesetz, ein Verwandter. Jacawen jedoch fand es unmöglich, ihn in dieser Rolle zu akzeptieren. Er konnte sich Mühe geben wie er wollte, er konnte sich nicht einfach völlig herzlich innerhalb des Familienrituals verhalten mit diesem riesigen, lauten Fremden. Und Farbers Unkenntnis der richtigen Form machte die Sache noch schwieriger. Es blieb nichts anderes übrig als der Versuch, mit Farber in einer außergewöhnlichen, speziellen Weise umzugehen, ungeleitet durch Sitte oder Ritual, wo keiner vom anderen wußte, was dieser erwartete – für einen Cian eine erschreckende Vorstellung, besonders für einen aus Jacawens abgehobener und aristokratischer Kaste.
Jacawen machte einen bewußten Versuch, Farber eine Ehre zu erweisen. Jacawen war ein Schattenmann. Wie bei dem Apachen Netdahe oder den Yaki-Yori auf der heimatlichen Erde bestand seine Philosophie in unerschütterlicher Feindseligkeit gegenüber Fremden, gegenüber allen Eindringlingen. Anders als bei Netdahe war er aber nicht verpflichtet, sie beim ersten Anblick zu töten. Soziale Kontakte mit Fremden wurden von den Schattenmenschen als verachtenswerte, aber unvermeidliche Bedingung des interstellaren Handels angesehen, welcher wiederum als unvermeidliches Übel betrachtet wurde. Angst wirkte sich bei den Cian nicht in Gewalt aus, zumindest nicht als gesellschaftlich bedingte Gruppengewalt, wenn es auch viele Duelle gab. Immerhin bestand diese Feindseligkeit. Jacawen war daran gewöhnt, Fremden mit höflicher Verachtung und scharfem Mißtrauen zu begegnen. Das tat er auch. Er hätte Schwierigkeiten damit gehabt, ihnen irgendwie anders zu begegnen. Er mochte Farber nicht. Er schätzte Farber nicht – alles an dem Erdenmenschen strahlte für ihn eine beleidigende und vergiftende Unorthodoxität aus. Farbers Heirat mit Liraun hatte ihn verletzt, und Liraun war ihm damit auf immer entfremdet. Es war eine Wunde, die niemals heilen würde. Doch nach dem Brauch seines Volkes war er verpflichtet, mit dem verachteten Fremden eine Synchronisierung des Geistes zu versuchen. Es war für ihn undenkbar, dies zu tun, indem er Farbers Ungewöhnlichkeit mehr entgegenkam und sie tolerierte. Ignoranz der Sitten war keine Entschuldigung; die Harmonie lag in allen Herzen und wartete darauf, entdeckt zu werden, und wenn Farber sie nicht gefunden hatte, war das sein Fehler. Deshalb verbrachte Jacawen lange Stunden damit, Farber zu erklären, was seiner Meinung nach falsch an der Lebensweise der Erdenmenschen war.
»Du gehst zu schnell«, sagte er einmal und wiederholte dabei unbewußt Ferris Worte. »Du bist ungeduldig. Du begreifst nicht, was du siehst, und wartest nicht, bis dir die Einsicht kommt. Du stürzt einfach weiter, so irrsinnig schnell.« Er zwinkerte, schüttelte den Kopf und suchte nach dem richtigen Ausdruck. »Du bist ehrgeizig …« – er benutzte eine terranische Vokabel dafür, weil es in seiner Sprache kein Wort dafür gab – »… und du gehst so schnell, daß du nicht den Boden unter deinen Füßen sehen kannst, und daher zerstörst du, was um dich herum ist. Wie die wilden Tiere bist du gefährlich, wenn du auch nicht offen feindselig bist. Du bist viel zu sehr mit der Außenwelt beschäftigt, der Welt des Fleisches und der Dauerhaftigkeit, und nimmst nicht die Innenseite der Welt in dir selbst wahr. Das ist bei dir wie eine Krankheit, eine Vergiftung, diese Haltung läßt dich nur immer einen Aspekt einer Sache sehen.« Er hielt inne, und seine Miene veränderte sich von Sachlichkeit zu Wut. »Wir, die Schattenmenschen, haben ebenfalls diese Krankheit, aber wir leiden weitaus weniger darunter. Daher können wir mit dir umgehen, daher können wir dich überhaupt verstehen. Wir sind eine Ausnahme, anomal, aber wir haben unsere Aufgabe – die Bürde der irdischen Regierung lastet auf uns. Wir dienen als Puffer für den Rest des Volkes. Wir sind die Barrieren gegen die Vergiftung an Körperlichkeit, die Wesen wie du verbreiten. Das ist unser Stolz und unser Leid – es ehrt uns, daß wir unser Volk so schützen und es ist unsere Schande, daß wir so verseucht sind, daß wir dazu fähig sind.«
Und so weiter, die ganze Nacht lang.
Farber verstand es nicht. Jacawan verstand Farber nicht.
Nach einer Weile hörte Jacawen entgegen aller Tradition auf, sie zu besuchen.
Farber begann, Genawen sur Abut, Jacawens Halbbruder, öfter zu sehen. Wenn er auch zu einer der Tausend Familien gehörte, war Genawen doch kein Schattenmensch – das mußte man werden, man wurde nicht dazu geboren – und schien Jacawens Abneigung gegen Fremde nicht zu teilen. Er war ein kluger, jovialer alter Mann und führte mit gütiger Strenge einen großen Haushalt. Sein Haus war ein weiträumiger Steinbau am Platz der Auferstehung am anderen Ende der Esplanade.
Genawens Frau wurde zu dieser Zeit ebenfalls Mutter, und dies gab ihm und Farber gemeinsamen Gesprächsstoff, wenn sich auch Genawen die meiste Zeit darüber beklagen wollte, wie sehr seine Frau in der Zeit ihrer Herrschaft das Hauspersonal verdarb. Doch was Genawens Haushalt zur Zeit am meisten durcheinanderbrachte, war etwas, das Farber wie eine Zirkusparade ohne Elefanten erschien und im Innenhof stattfand.
»Was, zum Teufel, ist das?« fragte er, als Genawen ihn über den Plattenrand des Hofes führte.
»Das ist die Probe für die Prozession meiner Frau«, antwortete Genawen.
»Aber was für eine Prozession?«
Genawen verstummte. Er starrte Farber erstaunt an. »Was für eine Prozession?« murmelte er leer, und dann sagte er: »Was für eine Prozession? Oh, hohoho! Beim Ersten Toten Ahnen – weißt du, daß ich nicht sicher bin, ob ich dir verraten soll, was es ist? Ich habe es noch niemals zuvor erklären müssen. Oh, hohoho!« Genawen lachte bei den Hohohos wie ein Nikolaus, mit perfekter Aussprache und keinem einzigen Extra-Ho – auch keinem fehlenden. Er sah auch wie ein Nikolaus aus, abgesehen von dem fehlenden Bart: buschige Brauen, rosige Wangen, fetter, wabbliger Bauch. Da seine Frau schwanger war, hatte er auch Milch, und seine sechs hängenden Brüste tanzten auf und nieder, wenn er lachte. »Nun, wir wollen sehen, wie ich das erkläre«, begann Genawen ernster. »Du weißt, daß Owlinia, meine Frau, Mutter ist, und ihr Termin steht kurz bevor. Die Geburt kann jeden Tag stattfinden. Nun, diese Leute hier werden sie zum Gebärhaus bringen, wenn es soweit ist – du weißt über die Gebärhäuser Bescheid, oder?«
»Ja. Liraun hat sie neulich erwähnt.«
»Nun«, fuhr Genawen fort, »die Prozession geleitet sie zum Gebärhaus wie eine …« Er suchte in seinem kleinen Vokabular nach dem terranischen Ausdruck.
»… eine Ehrengarde?« schlug Farber vor.
»Ja«, meinte Genawen, »das ist richtig, wenn man auch bemerken muß, daß zugleich ein ernster religiöser Ritus damit einhergeht. Daher tragen diese Männer Kostüme, andere Talismane oder Götzenbilder, wie deine Leute sagen würden –, aber das entspricht noch immer nicht ganz dieser Sache. Viele repräsentieren die Machtwesen oder symbolisieren die Naturkräfte.«
»Was stellt dieser hier dar?« fragte Farber und zeigte auf einen Cian, der von Kopf bis Fuß in ein graues Kostüm, an einigen Stellen mit weichen Federn besetzt, gekleidet war – er hatte große Kreise aus roter und schwarzer Farbe um die Augen gemalt und vergoldete falsche Fangzähne, die fast dreißig Zentimeter lang waren.
»Das ist einer der Feten«, antwortete Genawen, »und es ist unheilverheißend, über ihre Bedeutung zu reden, besonders für Männer in unserer Lage, wo die Mütter fast soweit sind, mit der Prozession zu gehen. Man muß bei solchen Dingen die Form wahren. Daher gehen immer mindestens zwei Zwielichtwesen mit der Prozession, ein Twizan und eine Soúbrae.«
Wie auf ein Stichwort hin kam in diesem Augenblick eine Soúbrae aus einem der angrenzenden Gebäude in den Hof. Es war die gleiche ausgemergelte, habichtgesichtige Alte Frau, die bei Lirauns Namensgebung präsidiert hatte. Sie glitt wie ein Eisberg durch ein Meer von leuchtend bunten Kostümen, gab hier mit einem Wort Befehle, dort mit einem Nicken oder einer knappen Geste. Ihr wurde sogleich gehorcht. Die Soúbrae blieb einen Moment stehen und starrte Farber an. Es war deutlich, daß sie ihn erkannte. Sie blähte die Nüstern, schenkte ihm einen Blick kalter Ablehnung und ging weiter. Sie schien eine Kältewelle hinter sich zu lassen in dem staubigen Hof.
»Ich glaube, sie mag mich nicht«, sagte Farber.
Genawen zuckte die Achseln.
»Was heißt denn Soúbrae überhaupt?« fragte Farber.
»Das ist ein altes Wort«, entgegnete Genawen. »Es bedeutet ›Unfruchtbare‹.«
»So sieht sie auch aus«, meinte Farber. »Unfruchtbar wie ein Felsen.«
Genawen grinste. »Hohoho! Sei besser vorsichtig, Farber. Einige von ihnen haben viel Macht. Sie könnte dir die Milch in den Brüsten sauer werden lassen!«
»Da habe ich keine Sorge«, erwiderte Farber mit einem Grinsen.
»Ah?« sagte Genawen. Dann, als er die Pointe begriff: »Oh, hohoho!«
Farber zählte. »Wie viele Männer gehen mit dieser Prozession? Ah, zwanzig.«
»In dieser fünfundzwanzig.«
Farber pfiff, schnalzte dann Genawen zum Gefallen mit der Zunge, weil ein Cian nicht vor Überraschung pfiff. »Das muß aber teuer sein.« Plötzlich sah er besorgt aus. »Muß ich auch für Lirauns Prozession bezahlen?«
»Nein, das wird nach dem Brauch die Regierung tun, die zumindest eine kleine Prozession für jede Mutter von Shasine finanziert. Natürlich, wenn du zusätzliche Leute oder teure Kostüme haben willst, dann mußt du dafür bezahlen wie ich hier. Oh, hohoho! Wenn ich mir das auch nicht mehr lange werde erlauben können, beim Zweiten Toten Ahnen, wenn Owlinia weiter so schlecht wirtschaftet.«
Aber Farber hörte nicht hin. Irgendwo im Hinterkopf saß ein Gedanke, der um seine Aufmerksamkeit kämpfte, aber er konnte ihn irgendwie nicht erreichen. Er vergaß es.
Eine Woche später traf Farber Genawen wieder in einem kleinen Park am Fuße des Drachenhügels. Genawen und eine junge Cian fuhren sechs Babys in einem kompliziert gebauten, vollen Handkarren spazieren.
Farber begrüßte sie, und Genawen bestand darauf, eines der Kinder hochzunehmen und es begeistert dem Erdenmann unter die Nase zu halten. Das Baby begann ebenso begeistert zu schreien.
»Oh, hohoho!« sagte Genawen. »Ein feiner Wurf, nicht wahr?«
»Sie sehen sehr gesund aus«, meinte Farber.
»Zu gesund«, antwortete Genawen. Er hatte sich das Baby an eine seiner prallen, glänzenden Brüste gelegt, die er nun nach dem Brauch für stillende Väter entblößt trug. »Es tut weh, wenn sie fest saugen.«
Farber unterdrückte ein Lächeln. Einen Moment standen sie schweigend da und blickten auf die ausgebreitete Neustadt unter ihnen, während Genawen ein weiteres hartnäckiges Baby säugte. Die junge Frau hielt sich im Hintergrund.
Schließlich bemerkte Genawen sie. Er winkte sie zu sich und legte ihr eine fleischige Hand auf die Schulter. Beide lächelten Farber an, Genawen begeistert, das Mädchen schüchtern. »Farber«, sagte Genawen, »das ist meine neue Frau.«
Beim nächsten Mal erwischte Farber den flüchtigen Gedanken in seinem Kopf. Er wünschte sich inständig, er hätte es nicht getan.