»Ich kann dir nicht helfen«, sagte Ferri. »Keane wird mich umbringen, wenn ich es tue.«
»Ich werde dich umbringen, wenn du es nicht tust«, versprach Farber.
Ferri blickte Farber von der Seite her an und spürte, wie alles Blut sein Gesicht verließ. In Farbers Stimme lag etwas, das er noch nie zuvor bei irgend jemandem gehört hatte. Ein Mensch, erschöpft, mit dem Rücken zur Wand, verzweifelt. Auch im Gesicht selbst war es zu erkennen: kalt und ausdruckslos wie eine Puppe, Augen wie zwei Bleiklumpen. Zusammengesackt saß er in einem Sessel, als sei er für jede Bewegung zu schwer. Aber genau jene Schwere war es, die sonderbar wirkte – der Instinkt sagte ihm, daß jedes Ding mit soviel Masse ungeheuer viel kinetische Energie besitzen müsse, wenn es sich schließlich regte, und der Berg würde bei einem Erdrutsch zusammenfallen. Ferri erkannte plötzlich, daß Farber sehr wohl in der Lage war, ihn zu töten, nicht so sehr aus Rage, sondern aus dumpfer, bitterer Hartnäckigkeit, weil Ferri den einzigen Weg versperrte, dem Farber noch folgen konnte, und der Mann hatte einfach nicht mehr die Energie, sich einen anderen zu suchen.
Nervös fuhr sich Ferri über die Lippen.
»Sieh mal, Joe«, sagte er mit einer Stimme, die so sachlich wie möglich klang, »die Sache, in die du da hineingeraten bist, der rituelle Mord an Müttern – das ist der fehlende Faktor in der sozialen Gleichstellung hier, und er erklärt eine Menge. Dein zweiter ›Lord Vrome‹ zum Beispiel. Selbst bei Mehrfachgeburten – und selbst dann, wenn die Mehrzahl der Kinder weiblichen Geschlechts sind – würde die Bevölkerung langsam und unvermeidlich aussterben, wenn sie die Mutter jedesmal dabei verlieren. Insbesondere auch deshalb, weil eine bestimmte Anzahl von Frauen unfruchtbar ist. Eine kleiner werdende Spirale. Bestimmte Individuen müssen sie klonen, um die Bevölkerung auf einem bestimmten Niveau zu halten. Langfristig gesehen genetisch unvernünftig, aber machbar – und wahrscheinlich auch ein Grund dafür, daß die Gesellschaft so statistisch ist.
Aber merkst du denn nicht, was für eine alles durchdringende Sache das ist? Es ist leicht, diese eine Sache in der gesamten Gesellschaft wiederholt zu sehen, in Kunst, Religion, den Häusern, allem. Die Inschrift auf der Säule. Erinnerst du dich? Jene, die du nicht lesen konntest. Sie lautete: ›Durch das Opfer leben‹, so wie ich es begriffen habe. Es gibt Hunderte solcher Dinge, die die ganze Zeit über vor deinen Augen geschehen, die beweisen – rückblickend –, daß der durchschnittliche Cian nicht nur die Morde an den Müttern akzeptiert, sondern auch bis in die Knochen hinein glaubt, daß es heilig ist. Es sind nicht nur die Schattenmenschen, welche Abneigung du auch immer ihnen gegenüber haben magst. Das kann man nicht sagen – wenn sie auch an erster Stelle für die Massenindoktrination verantwortlich sind, und das seit Jahrtausenden. Aber inzwischen ist es ein Faden, der sich durch ihre gesamte Kultur zieht.« Er blickte in Farbers Gesicht und dann schnell wieder beiseite. »Verdammt, siehst du denn nicht, wie schwierig es ist, in eine so engverwobene Tradition einzubrechen? Erinnere dich: Die Frauen akzeptierten es ebenfalls. Es ist ihnen heilig; für sie ist es sogar eine transzendentale Sache, ein Weg, eine Göttin zu werden, wenn auch nur für ein paar Monate. Und Liraun teilt alle Vorurteile und Werte ihrer Gesellschaft, das weißt du. Verdammt, ich habe dich gewarnt, mit diesen Leuten kein Spiel anzufangen. Du behandelst Liraun wie Madame Butterfly, aber das ist sie nicht – sie ist einer der Köpfe der Regierung von Shasine, Führerin einer ganzen Gesellschaft, und unter diesen Umständen eher eine Hohepriesterin als ein Opfer. Das mußt du einfach verstehen. Stell dich der Sache – es ist zu spät, irgend etwas zu verändern.«
»Es wird klappen«, sagte Farber. Sein Akzent kehrte wie immer unter extremer Belastung zurück, so daß er eigentlich sagte: »S’werd klappe«, wie ein Operettenschwabe. »Ich hatte letzte Nacht reichlich Zeit, darüber nachzudenken.« Müde schloß er die Augen. »Sie wird es überstehen. Wenn sie erst einmal das Kind hat und merkt, daß sie nicht sterben muß, daß kein Blitz vom Himmel niederschießt und sie röstet, weil sie nicht ins Gebärhaus ging – das wird hart, sicher, aber sie wird darüber hinwegkommen. Ich werde sie dazu bringen.«
»Es wird nicht klappen«, sagte Ferri tonlos.
»Verdammt noch mal, das soll es aber!« schrie Farber. Er riß seine Augen weit auf. Sie blickten trüb und übelgelaunt wie die einer zuschnappenden Schildkröte. »Ich weigere mich, meine Frau an einen blutrünstigen Heiden-Aberglauben zu verlieren. Verstehst du mich, mein Bester? Und du wirst mir helfen. Ist das klar?«
Ferri wischte sich über das Gesicht – er war fahl geworden. Sehr vorsichtig sagte er: »Das wird eine Menge Ärger verursachen. Du weißt das. Ich glaube, eine solche Situation hat es noch nie gegeben – die Cian sind vom Temperament her dafür nicht geeignet. Gott weiß, wie sie darauf reagieren werden. Mit Sicherheit nicht phlegmatisch, das weiß ich. Wenn du in dieses Wespennest stößt, wird Keane es bald herausfinden.«
»Er weiß es schon«, sagte Farber. »Weißt du, was ich heute morgen getan habe?« fuhr er mit gekünstelt fröhlicher Stimme fort. »Ehe ich herkam? Ich habe Keane angerufen und ihn gefragt, ob ich Liraun ins Co-Op-Krankenhaus bringen könnte. Ich bin auf allen vieren vor ihm gekrochen. Muß ich dir mitteilen, was er sagte? Nein, ich glaube nicht. Leicht zu erraten, eh?« Er zuckte mit bewußter Lässigkeit die Schultern. »Daher wird Liraun ihr Baby zu Hause bekommen müssen. Und du wirst die Hebamme spielen.«
»Das kann ich nicht«, sagte Ferri. Er sah krank aus. »Joe, hör mir zu. Ich kann dir so offen nicht helfen. Du weißt, was Keane gegen dich hat. Wenn ich bei Lirauns Geburt dabei bin, wird er es herausfinden, und dann hat er mich auch auf dem Kieker. Er schickt Leistungsberichte über mich an die Cornell, du weißt das. Hör mir, verdammt noch mal, zu! Ein schlechter Bericht könnte meine Karriere ruinieren, meine Forschungen ebenso entwerten wie alle bisher getane Arbeit. Ich würde meine Stellung verlieren …«
»Wirst du mir helfen oder nicht?« fragte Farber. Seine Stimme war sehr ruhig geworden, und sein Gesicht wirkte leer. Er bewegte sich nicht.
»Christus«, sagte Ferri. Er griff nach dem Drink, der unberührt auf dem Seitentischchen stand, und zog dann die Hand mit einer Grimasse wieder zurück, als hätte die Berührung mit dem kalten, beschlagenen Glas ihm Ekel verursacht. Er legte die Finger auf die Lippen, als wolle er an ihnen saugen. »Sieh mal, Joe«, sagte er, als er wieder lebendig wurde, »soviel werde ich für dich tun: Ich habe hier ein von der Co-Op geliehenes Untersuchungsgerät. Ich werde es einsetzen und dir vorher einen subzerebralen Kursus in Geburtshilfe geben. Das dauert etwa eine Stunde. Wir haben auch ein Programm für Erste Hilfe dabei: ›Grundkenntnisse der Geburtshilfe‹ oder so. Dann kannst du heimgehen und Liraun selbst helfen, und Keane wird nichts erfahren. In Ordnung?« Er zwinkerte Farber zu, als sei er über diese Lösung des Problems erleichtert, doch seine Hände zitterten leicht.
Farber schwieg lange. »Und wenn es Komplikationen gibt?« fragte er schließlich.
»Unwahrscheinlich«, antwortete Ferri. »Neunzig Prozent der Zeit wirst du mit nichts konfrontiert, was du nicht in dem unbewußten Training gelernt hast. Jesus, vergiß nicht, daß die Frauen das seit Tausenden von Jahren selbst gemacht haben.« Auf Farbers unzufriedenen Blick hin sagte er: »Verdammt, was erwartest du denn alles von mir?« Er gab seine Niederlage zu: »Na schön. Du kannst den Diagnostikator von mir ausleihen. Es ist eine Jejun-Arbeit, wunderschöne Sache. Kann man so klein zusammenfalten, daß er in einen Rückenbeutel paßt, wenn er auch sehr schwer ist. Und, um Gottes willen, sei vorsichtig damit – er ist der medizinischen Entwicklung auf der Erde mindestens ein Jahrzehnt voraus und so teuer wie echter Shit. Ich habe nur deshalb einen, weil ich Grundlagenforschung betreibe. Das Ding macht Telemetrie und hat chirurgische Waldos, die selbst für Mikroarbeiten geeignet sind. Ich kann von hieraus alles über einen Monitor überwachen, und falls es ernste Schwierigkeiten gibt, kann ich das Gerät übernehmen und steuern. Aber ich werde nicht persönlich anwesend sein, keinesfalls! Und wenn wir vorsichtig sind und den Mund halten, alter Junge, wird auch Keane nichts davon erfahren. In Ordnung? Ich schwöre bei Gott«, fügte er kämpferisch dazu, »das ist alles, was ich für dich tun kann. Nimm es an oder laß es bleiben.«
Nach einem langen Schweigen schien sich Farber zum ersten Mal etwas zu entspannen. Er lehnte sich zurück in die Polster und schloß die Augen.
»Gut«, erklärte er. »Ich nehme ihn mit.«
Ferri leerte sein Glas in einem einzigen Zug.
Auf dem Heimweg machte Farber noch einen Abstecher und besuchte den rattengesichtigen Kellner, der in der Kantine der Co-Op arbeitete.
Bei ihm kaufte Farber eine Pistole.
Es war eine altmodische, gebrauchte Projektilwaffe, eine von Tausenden, die auf dem Co-Op-Schwarzmarkt gehandelt wurden und bei weitem nicht so gut wie die Kilowatt-Laser der Ehrengarde der Enklave.
Aber sie funktionierte.