5. Kapitel

Am folgenden Morgen erwachte ich frisch und ausgeruht, und nach einem Blick auf die Uhr meines Handys war mir klar, warum: Es war nach elf. So lange hatte ich das letzte Mal als Studentin geschlafen. Niemand hatte mir die Decke weggezogen und nach Frühstück verlangt, keiner mit seinem Schnarchen meinen Schlaf gestört oder in der Nacht um ein Getränk gebeten. Die alkoholischen Begleiter des Abends hatten für eine angenehme Gleichgültigkeit beim Einschlafen gesorgt, die jeden tieferen Gedanken an mein Leben in Falkensee, an traurige Kinder und einen Ehemann unterband.

Ich ließ mich in die Kissen zurückfallen und lauschte. Das Gästezimmer, eingerichtet mit einem riesigen weißen Bett, weißen Regalen, auf denen sich Bildbände an Reiseführer und Kochbücher reihten, und weißen Knüpfteppichen auf dem Parkettboden, lag am Ende eines kleinen Flurs, der vom Wohnzimmer abging. Auf dem kleinen Nachtschrank standen eine Schale mit Schokolade und ein Strauß orangefarbener Rosen, die Elisa extra für mich besorgt hatte. Es war wunderbar, hier zu sein, ich liebte Elissas kleines Reich. Natürlich war unser Haus in Brandenburg auch gemütlich, aber Elissa hatte sich schön hell einrichten können, ohne darauf Rücksicht nehmen zu müssen, dass ein Junge seine Hosentaschen auf dem Fußboden ausleerte oder mit Freunden einen völlig verdreckten Ball durch die Räume kickte. Alles war aufgeräumt und klar. Hätte ich ein Hotel für gestresste Mütter einrichten müssen, ich hätte mich immer an Elissas Wohnung orientiert.

Ihre Dachgeschosswohnung mit den riesigen Fenstern und einer großzügigen Terrasse vor der offenen Küche erstreckte sich über zwei Ebenen. Durch die großen Fenster konnte man etwa dreihundert Meter entfernt zwischen den Häusern hindurch ein klitzekleines Stück der grauen Nordsee erkennen. Am Himmel darüber sorgten ein paar Wolken für einen perfekten blau-weißen Nolde-Himmel.

Gegenüber der Küchenzeile stand ein langer Esstisch aus grobem dunklem Holz, auf dem in einer großen Silberschale Muscheln und Steine lagen, die von ausgedehnten Strandspaziergängen zeugten. Ich hatte selbst schon einige Fundstücke hier abgelegt. Mitten im kombinierten Wohn- und Esszimmer befand sich eine schwarz lackierte Holztreppe, die nach oben zu einer kleinen Leseecke mit einem grauen Ohrensessel auf der Galerie und zu Elissas Schlafzimmer führte. Von dort war nichts zu hören. Auch aus dem Badezimmer, das direkt neben meinem Gästezimmer lag, kam kein Geräusch.

Ich stand auf und öffnete die Tür zum Flur. Sofort empfing mich Kaffeeduft, der mich magisch zur Küchenzeile zog. Hier war alles sehr modern aus Stahl und mit schwarz lackierten Schränken. Erinnerte mich eher an die Brücke auf dem Raumschiff Enterprise als an eine Küche, was auch daran liegen mochte, dass hier alles wie neu glänzte. Kein Wunder, wenn man meistens auswärts essen ging.

An der Thermoskanne auf der Arbeitsplatte lehnte ein Zettel.

Liebe Ilse,

Kaffee ist in der Kanne. Alles, was du für ein Frühstück brauchen könntest, findest du im Kühlschrank oder nebenan im Café. Die Leute dort kennen mich, und ich habe angekündigt, dass meine liebste Freundin vielleicht vorbeikommt und mächtig verwöhnt werden soll. Ich muss leider noch mal kurz in die Redaktion wegen eines Sonderheftes über Frühstücksrestaurants. Wenn es schnell geht, melde ich mich, dann können wir uns irgendwo treffen. Vergiss nicht, dass wir um 17 Uhr bei meinem neuen Lieblingskoch in der Schützenstraße verabredet sind. Und schmink dich, bevor du aus dem Haus gehst, man weiß nie, wem man hier auf der Insel der Reichen und Schönen begegnet. Angeblich sind Keanu Reeves und Leonardo di Caprio gerade für Dreharbeiten eingeflogen. Solltest du von einem der beiden angegraben werden, ignorier unsere Verabredung und mach dir einen tollen Tag und eine noch tollere Nacht. Ich hab dich lieb, und es ist sehr, sehr schön, dass du da bist.

Typisch für meine Freundin: Sich erst Gäste einladen und sie dann zur Mast zu befreundeten Restaurantbesitzern abschieben. Ich schenkte mir einen Kaffee ein und wagte einen Blick in den Kühlschrank. Ein Erdbeer-Joghurt ohne Fett, eine angebrochene Flasche Orangensaft, eine geschlossene mit Champagner, ein Camembert, der schon die besten Zeiten hinter sich hatte, und eine fast volle Packung Knäckebrot. Alles andere hatten wir wohl gestern Abend weggefuttert. Wunderbar, zog über Kellner und Köche her, lagerte aber knusprige Brotscheiben in der Kälte. Nebenan im Frühstückscafé wurden wahrscheinlich gerade Eier für mich gekocht, denn wie ich Elissa kannte, hatte sie garantiert heute früh telefonisch an mein eventuelles Eintreffen erinnert.

Mir war aber überhaupt nicht nach Essen. Ich war noch satt vom Vorabend und außerdem glücklich darüber, dass die von uns geleerten Flaschen mir keinen Schädel beschert hatten. («Du musst zum Wein basisches Wasser mit viel Hydrogencarbonat trinken, das gleicht die Säure im Wein wieder aus», hatte Elissa befohlen.) Also würde ich in Ruhe duschen, mich anziehen und schminken, zu Hause bei meiner Familie anrufen, um nachzufragen, ob alles in Ordnung war, und dann meinen geplanten Einkaufsbummel starten. Essen konnte ich unterwegs, und heute Abend würde ich ohnehin wieder gestopft werden. Denn ich sollte nicht nur den Koch kennenlernen, sondern auch einige Kleinigkeiten für die morgige Geburtstagsfeier verkosten.

***

Ich war froh, dass ich mich entschieden hatte, für die Reise meinen Daunenmantel anzuziehen. Inzwischen war zwar die Sonne zwischen den Wolken herausgekommen, aber von der Nordsee wehte ein eiskalter Wind. Bevor ich durch die Geschäfte zog, wollte ich eine Nase echte Seeluft schnuppern und war über die Rote-Kreuz-Straße zunächst in Richtung Strand spaziert.

Die Nordsee lag grau vor mir, der aufgekommene Wind peitschte ab und an gelbliche Gischt ans Ufer, der Strand war zu dieser Jahreszeit nicht einladend golden, sondern graubraun und nass. In den Pfützen, die nach der Flut zurückgeblieben waren, gefror das Wasser, am Flutsaum reihten sich Muschelreste an Stöckchen und kleine Steine. Die Wolken machten den Eindruck, als müssten sie noch irgendeinen Zug erwischen, so schnell zogen sie über den Himmel. Weit draußen konnte ich ein Schiff erkennen, vielleicht die Fähre von Rømø, sofern die auf dieser Seite der Insel überhaupt entlangschipperten, vielleicht irgendein Frachter. Die Strandkörbe, die im Sommer im bunten Getümmel die blau-weiße Oberhand hatten, waren jetzt im Winterlager, sodass der Strand einen ungewohnt leeren Anblick bot. Zwei dick eingemummelte Spaziergänger stemmten sich gegen den Wind in Richtung Wenningstedt, und neben mir zog sich ein junger Mann mit einem kleinen Hund die Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht, bevor er die Stufen zum Strand herunterstapfte. Es roch wunderbar frisch nach Meer, und ich spürte förmlich, wie der Sauerstoff sich einen Weg durch meine Blutbahnen suchte. Aber auch wenn es sich großartig anfühlte, hier zu stehen und aufs Meer zu schauen, musste ich bald aufgeben. Es war einfach zu kalt.

Daher drehte ich um und spazierte über die Lornsenstraße Richtung Strandstraße. In der Fußgängerzone herrschte deutlich weniger Betrieb als bei meinem letzten Besuch auf der Insel im Sommer vor drei oder vier Jahren. Es gab auch weniger Möglichkeiten, draußen einen Kaffee zu trinken. Im Sommer nutzten die Wirte jedes freie Eckchen für Tische und Stühle, sodass man vor lauter Menschen nur sehr wenig Bewegungsfreiheit zwischen den Läden hatte. Stattdessen hatten die Westerländer Gastronomen nun auf jedem freien Fleckchen Wärmepilze aufgestellt. Menschen in Fellstiefeln, Moonboots, Designersteppjacken und mit goldgerandeten Sonnenbrillen stießen mit Champagner auf die Weihnachtstage an. Alle Geschäfte waren verschwenderisch geschmückt, elegante Lichterketten wechselten sich ab mit aufgesprayter Schaufensterdekoration und schlichten Tannengestecken. In mir machte sich endlich der erste Hauch von Weihnachtsstimmung breit. Wenn auch ein ähnlicher Betrieb herrschte wie an einem Sonnabend auf dem Ku’damm in Berlin, hatte ich doch den Eindruck, dass die Menschen hier auf der Insel entspannter und viel weniger hektisch unterwegs waren. Auf meinem Bummel durch die Friedrichstraße geriet ich regelrecht in einen Kaufrausch: In einem Souvenirladen kaufte ich ein Kapuzensweatshirt mit dem Aufdruck Inselkind für Tom, in einem Designerladen eine kleine Tasche für Hanna, und für Toni fand ich einen dicken Bildband mit den besten Werbefotos der Siebziger. Oma Etti würde ich Plätzchenausstecher in Inselform mitbringen. Und in der Schokoladenmanufaktur neben dem Café Wien besorgte ich noch für alle mit Gummibärchen und Butterkeksen gefüllte Schokolade. Möglicherweise waren diese Dinge gar nicht so besonders, wie sie mir vorkamen, und ich hätte im KaDeWe oder am Alex in Berlin Ähnliches entdecken können, aber dort fehlte mir die Ruhe für ausgiebige Bummel durch die Einkaufszentren.

Seltsam, wie weit mir Falkensee entfernt schien. Einerseits fehlten mir meine Liebsten, andererseits genoss ich es, ganz allein unterwegs zu sein. Niemand, der plötzlich auf die Toilette musste, niemand, der in einem Laden mit dröhnend lauter Musik eine halbe Stunde brauchte, um sich zwischen zwei T-Shirts zu entscheiden, und niemand, der bei jedem Stopp die E-Mails auf seinem Handy checkte. Ich konnte einen Kaffee trinken, wann und wo ich wollte, und mir die vielen unterschiedlichen Leute ansehen, die in der Fußgängerzone auf und ab liefen. Beladen mit Einkaufstüten, Kinderwagen schiebend, in Eile, um einen Termin einzuhalten, oder Händchen haltend und ganz verliebt.

Früher waren Toni und ich auch jeden Weg Hand in Hand gegangen. Irgendwann hatte dann Hanna nach meiner Hand verlangt, und Toni trug die Einkaufstaschen. Inzwischen zog Toni bei längeren Wegen lieber Handschuhe an, als sich an meinen Fingern zu wärmen, und ich schleppte meistens ohnehin irgendetwas oder musste mein Geld aus der Tasche holen oder Sachen in den Einkaufswagen legen.

Von Elissa bekam ich eine SMS, es würde doch länger als erwartet in der Redaktion dauern. Sie wünschte mir viel Vergnügen beim Einkaufen.

Ich beschloss, heute alles mitzunehmen, was eine echte Sylt-Touristin mitnehmen muss: Beim Fischimbiss von Gosch aß ich ein Krabbenbrötchen, bei Leysieffer eine rote Grütze zum Milchkaffee. Danach schlenderte ich durch Boutiquen und Läden und ließ mich vom Weihnachtsschmuck inspirieren. In der Filiale einer großen Kosmetikkette schnupperte ich mich durch die neuesten Düfte und gönnte mir einen neuen Lippenstift mit passendem Nagellack. Im Vorbeigehen entdeckte ich in einer Boutique ein tolles Top mit Pailletten, das sowohl zu einer Jeans als auch zu einem eleganten Rock passen würde. Auch das landete neben einem Paar Wanderstiefel in einer bunten Tüte. Zum Abschluss meines Spazierganges wärmte ich mich im modern eingerichteten Café LatteMar am Strandübergang mit einer heißen Schokolade mit Sahne wieder auf.

Dann schlenderte ich im dunkler werdenden Westerland durch die Elisabeth- und Käpt’n-Christiansen-Straße langsam zur Schützenstraße, in der Elissa ihren Geburtstag feiern wollte. Überall brannte bereits Licht hinter den Fenstern, Weihnachtssterne blinkten, und in vielen Gärten standen beleuchtete Tannen. Ich konnte Menschen beobachten, die mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt waren, andere, die es sich vor dem Fernseher gemütlich gemacht hatten, und wieder andere, die zu mir hinausschauten und sich wahrscheinlich darüber wunderten, was jemanden an so einem ungemütlichen Abend wie diesem überhaupt vor die Tür trieb. Ich wünschte, ich hätte eine Kamera dabeigehabt, um meine Eindrücke festzuhalten. Fast bedauerte ich es, als ich am Hotel hinter dem Deich ankam, in dem ich meine Freundin treffen sollte.