2. Kapitel
«Ey, Mama, und weißt du, was dann passiert ist?» Tom schaute mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Wir saßen am Esstisch, der an einer Seite an die Kochinsel angrenzte und Platz für sechs Personen bot. Die weiß glänzenden Küchenschränke hatte ich beim Bau des Hauses ausgesucht, weil mir irgendjemand erzählt hatte, je glänzender die Oberflächen, desto weniger müsste ich putzen. Der totale Quatsch. Wenn meine Kinder sich selber Brote schmierten, konnte ich an allen Türen und Handgriffen den Weg der Herstellung verfolgen. Egal, zwei- bis dreimal in der Woche kam Alma, unsere Perle. Toni hatte während meiner Schwangerschaft mit Hanna darauf bestanden, Hilfe ins Haus zu holen, und Alma von einem begeisterten Freund «übernommen», der nach Amerika ausgewandert war. Alma war bei uns angetreten und hatte vom ersten Tag an das Zepter in der Hand gehalten – sie kümmerte sich um alles: Hausputz, Wäsche, erledigte den Einkauf, als ich zu unförmig dafür war, kochte, als ich Hanna noch stillte, später hütete sie die Kinder, wenn Toni und ich mal wieder etwas allein unternehmen wollten. Und wenn im Garten etwas zu tun war, brachte Alma ihren Mann Sönke mit. Beide weit über sechzig Jahre alt, steckten sie an Energie und Elan sogar meinen Marathon-erprobten Ehemann in die Tasche. Auch aufgrund der allgegenwärtigen Alma hatte ich mir den Job bei Lucinda-Dessous gesucht, um mich nicht zu Tode zu langweilen. Wieder als Verkäuferin auszuhelfen, hatte ich keine Lust gehabt. Hätte ich als Fotografin arbeiten wollen, hätte ich erst meinen Meister nachholen müssen. Aber ich wollte etwas machen, bei dem ich mir aussuchen konnte, wie viel und vor allem wann ich arbeitete. Und im Gegensatz zu einigen Freundinnen kam ich mir als Nur-Hausfrau-und-Mutter auch nicht schäbig vor und hatte nie das Gefühl, mich dafür rechtfertigen zu müssen.
Heute hatte Toni mich lange schlafen lassen, war bereits seine große Runde durch den Wald gejoggt, hatte dann mit Tom Brötchen geholt, den Tisch gedeckt und Kaffee gekocht. Wenn er das tat, konnte ich fast sicher sein, dass er trotz des Wochenendes später noch ins Büro fahren würde. Im Moment aber saß er gelassen in Jeans und langärmeligem Poloshirt am Tisch und nippte an seinem Kaffee.
Hanna hatte gestern eindeutig zu lange ferngesehen, so übermüdet und lustlos, wie sie über ihrem Teller hing. Vor schulfreien Tagen ließ Toni den Kindern vieles durchgehen, was sie bei mir nicht durften. Meine Tochter würde sich ganz sicher, wenn sie ihr kleines Vollkornbrötchen mit hauchdünner Marmeladenschicht («Mama, bitte nicht so viel Fett, in meinem Alter verwertet man das nicht so gut, und ich will auf keinen Fall so dick werden wie du») gegessen hatte, wieder ins Bett legen, den ganzen Tag eine SMS nach der anderen an ihre Freundinnen schreiben und Vampirromane lesen.
Aber zunächst musste sie sich wie wir alle die Erlebnisse von Toms aufregender Schulwoche anhören. Mein Sohn liebte es, am Wochenende der ganzen Familie zu berichten, was in seiner vierten Klasse wieder Weltbewegendes geschehen war. So hatte ich seit meinem ersten Kaffee schon erfahren, dass er im Werkunterricht einen Höhleneingang in einen Ytong-Stein gemeißelt hatte, dass die Sportlehrerin wieder voll fies gemeckert hatte, weil er wegen eines verknoteten Schnürbands an seinem Turnschuh zwei Minuten zu spät zum Unterricht erschienen war, und dass alle in der Klasse ihre November-Gedichte aufsagen mussten. Inzwischen war ich bei der dritten Tasse Kaffee angelangt, Tom bei der Schilderung der Mitschüler-Gedichte von gestern Morgen.
«Also, Chris, den kennst du ja, Mama, der lernt ja immer sehr lange Gedichte auswendig, und dieses Mal hatte er wirklich ein ganz trauriges. Es ging um einen Mann, der lange auf einem Pferd unterwegs war, und dann ist er noch ein Stückchen weiter gereitet …», erklärte Tom mit roten Wangen.
«Geritten heißt das, du Doofkopp.» Immerhin war Hanna noch zu Reaktionen fähig und nicht gleich am Tisch wieder eingeschlafen.
Ich zog die Augenbrauen hoch, um ihr zu signalisieren, dass sie ihrem kleinen Bruder gegenüber etwas nachsichtiger sein sollte. Sie verdrehte die Augen und stand auf, um sich am Küchentresen ein Glas Mineralwasser einzuschenken.
Tom ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. «Und dann ist er eeendlich angekommen, der arme Mann. Er war sehr müde, und Hunger hatte er auch, denn als der da langgereitet ist, da gab es zum Beispiel noch gar keinen McDonald’s unterwegs, wo der sich mal einen Hamburger und Pommes kaufen konnte.» Eine Tatsache, die für seinen kleinen Kinderkopf geradezu unvorstellbar schien. Toni hatte Mühe, sich ein Grinsen zu verkneifen.
«Und dahann, Mama, weißt du, was dann passiert ist?» Tom machte eine bedeutungsschwere Pause, bevor er zum Ende seiner Geschichte kam. «Mit Müh und Not hat er den Bauernhof erreicht. Aber dann ist der Mann fast vom Pferd gefallen, und alle haben gesehen, dass das Baby auf seinem Arm einfach tot war. Am Ende waren Carina und Inken so traurig, dass sie weinen mussten. Aber die sind sowieso Babys und heulen immer gleich los. Kann ich noch ein Brötchen mit Nutella haben?» Er lächelte mich an und griff nach dem Korb mit den Backwaren. Schön, wenn das Leben noch so einfach ist – Goethes Erlkönig und Nuss-Nougat-Creme.
«Kann ich aufstehen? Ich würde im Bett gern noch etwas lesen», leitete Hanna ihren Rückzug ein.
Toni nickte, da konnte ich schlecht nein sagen. Hanna zog ab in Richtung Treppe zu ihrem Zimmer, aus dem sie vermutlich erst bei Einbruch der Dunkelheit wieder auftauchen würde.
«Was machen wir denn heute? Immerhin regnet es nicht. Wir könnten nach Berlin fahren, ein wenig bummeln und dann später bei Luigi essen gehen», schlug ich vor.
«Och nöö, Bummeln ist scheiße-langweilig. Dann muss ich wieder rumsitzen, wenn du Kleider anprobierst, hab ich keinen Bock drauf. Ich will lieber Fahrrad fahren oder skaten.» Tom zählte heute schon mal nicht zu meinen Verbündeten.
Toni setzte sein Es-tut-mir-so-leid-Gesicht auf und stellte seinen Kaffee ab. «Tut mir leid, Bella. Ich kann heute auch nicht. Ich muss unbedingt noch mal ins Büro. Am Montag ist das Pitching für den Porsche-Spot, da müssen wir die endgültige Fassung verabschieden. Das dauert sicher eine Weile, keine Ahnung, wann ich zurück sein werde. Aber ruf doch Alma an, vielleicht kann die ein Auge auf Tom und Hanna haben, und du machst dir allein einen schönen Tag in der Stadt.» Er lächelte mich an und versuchte, so etwas wie Bedauern auf sein Gesicht zu zaubern.
Ich wusste, wie sehr Toni seinen Beruf liebte. Und wenn es stressig war, wenn von jetzt auf gleich neue und einzigartige Ideen für Werbespots oder Zeitungsanzeigen gesucht wurden, wenn es darum ging, Konkurrenten auszustechen, dann war er ganz in seinem Element. Am Wochenende ins Büro zu fahren war für ihn doppelt so schön, weil dann keine Telefonate oder ungebetenen Besucher den Ideenfluss störten.
Ich nahm mir etwas lustlos noch ein Brötchen aus dem Korb. «Ach nein. Alleine mag ich auch nicht.»
«Vielleicht dauert es ja bei mir doch nicht so lange, und wir können heute Abend noch schön etwas zusammen essen?», machte Toni einen weiteren Versuch in Sachen Beschäftigungstherapie. «Ich könnte Sushi mitbringen.»
«Au ja, Schuschi, ich nehm die mit ohne das scharfe Weiße und mit Gurken drin und viele.»
«Tom, Sssuhhschieee», versuchte Toni es ganz langsam.
«Ja, sag ich doch, Mensch. Kann ich auch die kleinen Frühlingsrollen mit Hähnchen und der roten scharfen Soße haben?»
«Klar, wenn Mami auch einverstanden ist?»
«Ja, Mami ist auch einverstanden.» Mir war jetzt schon klar, worauf es hinauslaufen würde. Toni fuhr ins Büro, rief irgendwann an, dass es doch später werden könnte, rief dann noch einmal an, um zu sagen, dass es tatsächlich sehr spät werden würde, und am Ende saß ich mit den Kindern vor einem Disney-Zeichentrickfilm und futterte mit ihnen Pizza vom Lieferservice. Wäre nicht das erste Mal. Aber ich versuchte, Tom nicht den Spaß zu verderben. «Lass uns doch erst einmal abwarten, wie es bei euch in der Agentur läuft. Fährst du jetzt gleich los?»
Toni stand auf, stellte seinen Teller und den Kaffeebecher ins Spülbecken und nickte. «Ja, je eher ich anfange, desto eher bin ich vielleicht wieder zu Hause.» Er strich Tom über den roten Schopf, stellte sich hinter mich und küsste meinen Nacken.
«Iiihhgitti, Elternsex. Muss das sein, ich esse noch!» Tom machte Würgegeräusche und verdrehte genervt die Augen. Nicht einmal Hanna – geschweige denn sein Papa, Opi oder Sönke – durfte sich in meinen Arm kuscheln, ohne dass er dabei war. Aber da Hanna ihre Kuschelzeit mit den Eltern inzwischen weitgehend für beendet erklärt hatte und nun stramm auf die Kuschelzeit mit Jungs zusteuerte, drohte von der Seite für ihn kaum noch Gefahr.
Toni trat einen Schritt zurück, gab mir einen Kuss auf den Scheitel, einen auf die Wange und warf eine Kusshand in den Raum. «Bis später, Amore. Ich hab dich lieb.» Ich hörte, wie er im Hausflur ein «Ciao, Hanna, bis heute Abend» die Treppe hinaufrief, ohne eine Antwort zu bekommen. Wenige Sekunden später startete er knatternd seinen Porsche.
Gut, also ein Tag zu Hause mit den Kindern.
«Ich geh dann mal raus, Mami, ich fahr mit dem Rad durch die Gegend, vielleicht ist Matthie zu Hause, ist das okay für dich?» Tom versuchte, sich mit einer Papierserviette die Nutellareste von den Fingern und aus dem Gesicht zu wischen. So viel zum Thema ein Tag mit den Kindern.
«Zuerst putzt du dir die Zähne und wäschst dir gründlich Gesicht und Hände. Danach kannst du gern zu Matthias fahren. Aber ruf mich bitte an, wenn du zum Spielen dort bleibst, damit ich dich nicht suchen muss, okay? Und zieh dir Handschuhe an und nimm eine Mütze mit, es ist kalt draußen!»
Tom warf die zerknautschte Serviette auf den Tisch und schob geräuschvoll seinen Stuhl zurück. Auf meiner Höhe stoppte er kurz, küsste mich mit seiner Schokoschnute auf die Wange und rief: «Ich hab dich so lieb, Mami», bevor er nach oben verschwand.
Ich machte mich daran, den Tisch abzuräumen. Danach würde ich meine Ware aus dem Auto ausladen und dann vielleicht schon mal die Party-Termine für die nächsten Wochen planen. Vielleicht war noch Zeit für einen Plausch am Telefon mit Elissa. So langsam begann das Weihnachtsgeschäft, da musste ich dringend neue Ware ordern.