Kapitel 38

Ich sitze auf der Bühne neben den Lehrern des Belvedere College – einer von Dublins Sekundarschulen für Jungen –, und lausche der Rede, die der Direktor für die Schüler hält, die im Sommer ihre Abschlussprüfungen machen. Er motiviert sie, zu lernen, an sich selbst zu glauben, sich noch einmal reinzuknien, weil es um etwas sehr Wichtiges geht. Um ihre Zukunft. Ich betrachte die Gesichter der Siebzehn- und Achtzehnjährigen und sehe in ihnen Hoffnung und Entschlossenheit. Ich nehme unterdrücktes Gähnen und verstohlene Insiderscherze wahr. Und auch sonst noch alles Mögliche.

»Aber es gibt auch einen anderen Grund, weshalb wir heute hier versammelt sind.«

Schweigen. Die Neugier wächst, es wird gemurmelt, viele versuchen den Grund zu erraten, aber das ist unmöglich.

»Heute ist Philip O’Donnells achtzehnter Geburtstag. Wir möchten uns an unseren Mitschüler und Freund erinnern, den wir leider vor ein paar Monaten verloren haben.«

Vor allem in der Mitte des Saals, wo Philips Freunde sitzen, wird gejubelt.

»Aus diesem Anlass haben wir heute einen besonderen Gast bei uns, Holly Kennedy, die sich gleich selbst vorstellen und euch erklären wird, warum sie gekommen ist. Bitte heißen Sie Holly Kennedy nun auf dem Podium willkommen.«

Höflicher Applaus ertönt.

»Hallo, Jungs. Entschuldigt bitte, dass ich euch aus dem Unterricht gelockt habe. Bestimmt wollt ihr alle so schnell wie möglich wieder zurück, deshalb will ich eure Zeit nicht zu lange in Anspruch nehmen.«

Gelächter, denn alle sind froh, nicht im Unterricht sitzen zu müssen.

»Wie Direktor Hanley sagte, heiße ich Holly, und ich arbeite bei einer neuen Stiftung namens ›P. S. Ich liebe Dich‹. Mit unserer Arbeit wollen wir todkranken Menschen helfen, Briefe an ihre Lieben zu schreiben und nach ihrem Tod überbringen zu lassen. Ich habe damit persönliche Erfahrungen und weiß, wie wichtig und wertvoll es für die Kranken ist, die Menschen, die zurückbleiben, nicht alleinzulassen, und gleichzeitig auch dafür zu sorgen, dass sie selbst nicht vergessen werden. Ich bin Direktor Hanley sehr dankbar, dass er Philip diesen Wunsch erfüllt und euch alle hier versammelt hat. Ich habe hier einen Brief von Philip. Es war sein Wunsch, dass ich ihn seinen Freunden Conor alias Con-Man, David, alias Big D, und Michael alias Tricky Mickey vorlese.«

Trotz des traurigen Kontexts wird über die Spitznamen gelacht.

»Philip wollte, dass ich diese drei ganz besonderen Freunde bitte aufzustehen.«

Ich schaue über das Meer von Gesichtern. Alle sehen sich nach den drei jungen Männern um, die sich nun langsam erheben. Einer von ihnen ist bereits in Tränen aufgelöst. Zur Unterstützung legen sie einander die Arme um die Schultern, als stünden sie beim Absingen der Nationalhymne auf dem Rugbyfeld. Bei Philips Beerdigung haben sie geholfen, den Sarg zu tragen, und auch jetzt stehen sie Seite an Seite. Ich hole tief Luft. Jetzt nur nicht die Fassung verlieren.

»Lieber Con-Man, lieber Big D und lieber Tricky Mickey«, beginne ich. »Ich möchte nicht zu makaber werden, denn ich bin sicher, es ist euch schon unangenehm genug, so vor allen anderen zu stehen.«

Im Saal ertönt ein bewundernder Pfiff.

»In diesem Raum weiß jeder, dass ihr drei meine besten Kumpels seid. Ich werde euch vermissen. Das Einzige, was ich an der ganzen Geschichte nicht vermisse, ist die Tatsache, dass ich dieses Jahr die Prüfungen verpasse. Wenigstens bin ich um die Büffelei herumgekommen.«

Hochrufe sind zu hören, es wird applaudiert.

»Heute ist mein achtzehnter Geburtstag, ich bin der Jüngste von uns vieren, und das lasst ihr mich auch keine Sekunde vergessen. Hab Respekt vor älteren Leuten, hast du immer gesagt, Tricky Mickey. Und ob ich den habe. Ich wünschte, ich könnte heute bei euch sein, aber ihr könnt ja einfach weitermachen mit dem, was ich angefangen habe. Am 24. Dezember, also an Heiligabend, werdet ihr die 12-Pubs-of-Christmas-Tour machen.«

Wieder gibt es Jubel und Applaus, noch lauter diesmal. Ich warte, bis der Lärm sich mit Hilfe des Direktors etwas gelegt hat.

»Zwölf Pubs. Zwölf Pints. Und die trinkt ihr alle auf mich, Jungs. Bring einen Kotzeimer mit, Big D.«

Würgen und Kotzgeräusche breiten sich im Saal aus, der Teenager in der Mitte der Dreiergruppe wird von den Jungs hinter ihm geneckt. Jetzt weiß ich, welcher von ihnen Big D ist.

»Bei O’Donoghue’s werdet ihr anfangen, dort wartet ein Pint von mir auf euch. Wenn ihr es ausgetrunken habt, wird der Barkeeper euch einen Umschlag mit einer Notiz geben, in der ich euch mitteile, wo es als Nächstes hingeht. Weil Hanley zuhört und es sonst nicht zulassen würde, dass so etwas vorgelesen wird, muss ich die Bedingung hinzufügen, dass ihr jedes Pint mit einem Glas Wasser begleiten müsst.«

Die Zuhörer freuen sich über die Erwähnung des Direktors, und ich sehe, dass Hanley sich verstohlen die Augen wischt.

»Genießt den Abend, trinkt noch ein Pint extra auf mich. Wenn ich kann, werde ich euch zuschauen. P. S. Ich liebe euch, Jungs.«

Die drei Freunde umarmen sich, der Rest des Auditoriums applaudiert respektvoll, erhebt sich dann zu stehenden Ovationen, und auch Philips Name wird skandiert. Zwei der besten Freunde weinen, einer davon natürlich Big D in der Mitte, der dritte gibt sich alle Mühe, die Fassung zu wahren und eine Art Vaterfigur für die anderen zu sein, die alles zusammenhält.

Natürlich kann niemand es wissen, aber ich frage mich, ob sich ihre Wege, wenn Philip überlebt hätte, irgendwann getrennt hätten. Doch jetzt verbindet Philips Tod sie für immer. So reißt der Tod die Menschen zwar auseinander, aber auf seine eigene Art schweißt er die Hinterbliebenen auch zusammen.

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Ich drücke das in den Angeln quietschende Gartentor auf und betrete den Gartenweg zum Cottage. An der Tür klingle ich, und als ich Schritte nahen höre, gebe ich Mathew, der an seinem Van steht, mit einem Kopfnicken das Zeichen. Augenblicklich öffnet er den Kofferraum, nimmt ein halbes Dutzend rote Luftballons in jede Hand, und Ciara und Ava folgen seinem Beispiel. Als die Tür aufgeht, reicht Mathew mir seine Ballons und rennt zum Van zurück, um den Rest zu holen.

Die Frau an der Tür ist nicht viel älter als ich. »Hallo«, sagt sie, lächelnd, aber verwirrt.

»Von Peter«, erkläre ich und überreiche ihr eine Karte.

Happy Birthday, Alice.

Rote Ballons schweben vorüber.

Alles Liebe, Peter.

P. S. Ich liebe Dich.

Wie unter Schock nimmt sie die Karte entgegen.

Ich drücke Play auf meinem iPhone, und schon beginnt Nena »99 Luftballons« zu singen, den Song, zu dem die beiden das erste Mal miteinander getanzt haben. Alice tritt beiseite und sieht zu, wie die Prozession der 99 Ballons zusammen mit der Musik ihr Haus erfüllt.

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Ich sitze am Küchentisch einer Witwe, die unter Tränen ihr neues Glücksbringer-Armband in der Hand hält.

»Jeder Anhänger hat eine Geschichte«, erkläre ich und überreiche ihr die acht Umschläge mit den Botschaften ihrer Frau. »Die hat sie alle speziell für Sie ausgesucht.«

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Ich sitze mit einem Vater und seinen drei Kindern in ihrer Wohnung.

Alle starren mich mit großen Augen an.

»Was hat Mam gemacht?«

»Sie hat ihren eigenen YouTube-Kanal eingerichtet«, wiederhole ich. »Wie cool ist das denn?«

»Supercool!«, ruft der Achtjährige und stößt die Faust in die Luft.

»Aber Mam hat es immer gehasst, wenn wir YouTube geguckt haben«, sagt das Teenagermädchen völlig perplex.

»Jetzt nicht mehr«, erwidere ich lächelnd, öffne den Laptop und drehe den Bildschirm zu ihnen um. Sofort scharen sie sich um ihn und drängeln um den besten Platz.

Die Musik beginnt, und die Stimme ihrer Mutter ruft in einem Ton, den sie von den YouTubern gelernt hat, die ihre Kinder so vergöttern. »Hallo, Leute, ich bin’s, Sandra aka ›Bam-it’s-Mam‹, und ich heiße euch auf meinem YouTube-Kanal willkommen. Und ich habe echt coole Dinge, die ich euch zeigen möchte, und ich hoffe, dass es euch Spaß machen wird, sie zu Hause anzuschauen. P. S. Ich liebe euch, Leute. Also, fangen wir an! Heute machen wir Glibber.«

»Glibber!«, kreischen die Kinder. Ihr Dad lehnt sich auf seinem Stuhl zurück und schlägt die Hand vor den Mund, um den Schwall der Gefühle zurückzuhalten, der ihn überkommt. Tränen schießen ihm in die Augen, aber die Kinder sind so fasziniert vom Video ihrer Mutter, dass sie nichts davon mitbekommen.

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Mit einem Ruck wache ich auf. Ich muss etwas erledigen, ganz dringend, ich wollte es schon tun, bevor ich gestern ins Bett gegangen bin, aber es war zu spät. Schnell setze ich mich auf und greife nach meinem Telefon, das auf dem Nachttisch liegt.

»Hallo?«, meldet sich Joy.

»Heute ist der 8. Dezember.« Der inoffizielle Weihnachtsbeginn. Ein heiliger Tag, Mariä Empfängnis. Bevor die Ortschaften wuchsen, bevor das Reisen einfacher wurde und sich Gesellschaft und Kultur wandelten, sind an diesem Tag Leute von überallher nach Dublin gefahren, um ihre Weihnachtseinkäufe zu machen. Ein alter Brauch, dem längst nicht mehr alle folgen, aber eins hat sich nicht geändert – es ist der Tag, an dem die meisten Menschen ihr Zuhause für Weihnachten schmücken.

»Holly, bist du das?«

»Ja«, lache ich. »Joy, heute ist der 8. Dezember!«

»Ja, ich weiß, das hast du gerade schon gesagt, aber ich verstehe nicht ganz.«

»Kauft Joe heute den Weihnachtsbaum? Will er das Haus dekorieren?«

»Oh!« Jetzt hat sie verstanden, und sie senkt die Stimme zu einem Flüstern. »Ja, das hat er vor.«

»Er darf aber nicht auf den Speicher«, sage ich, steige hastig aus dem Bett und laufe nackt durchs Zimmer, um mir Klamotten zu suchen.

»Oje, was soll ich jetzt tun? Ich schaffe es bestimmt nicht auf den Speicher.«

»Natürlich nicht. Deshalb rufe ich ja an. Ich habe die Sachen hochgetragen, jetzt hole ich sie auch wieder runter.« Lächelnd halte ich inne. »Joy – du hast es geschafft.«

»Ja«, flüstert sie. »Das habe ich.«