Kapitel 14
Beim Frühstück ist Gabriel sehr still. Gestern Abend war er schon dabei, ins Bett zu gehen, als ich eingetrudelt bin – dankbar, dass es bei ihm keine Treppe gibt. Im Haus meiner Eltern musste ich mich jeden Abend auf dem Hintern die Treppe hochhieven wie Gretl von Trapp, wenn sie »So Long Farewell« singt. Wir redeten nicht mehr viel, jedenfalls nicht über das Thema, über das wir uns gestritten hatten, dann schlief ich, aber Gabriel schlief nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen aufmachte, sah ich ihn dasitzen und am Smartphone scrollen. Entweder mein Unfall oder unser Streit haben ihm richtig zugesetzt, vielleicht bin ich aber auch naiv, und ihm geht etwas ganz anderes durch den Kopf. Jetzt steht er mit nacktem Oberkörper an der Kücheninsel und konzentriert sich voll aufs Eierkochen.
»Alles okay mit dir?«
Er antwortet nicht.
»Gabriel?«
»Hmm?« Jetzt blickt er auf.
»Alles okay?«
»Die Eier sind zu hart geworden«, sagt er und starrt wieder in den Topf.
Sein Toast springt aus dem Toaster. Verbrannt. Gabriel stöhnt dramatisch, ich glaube, es soll witzig sein. »Heute ist einer von diesen Tagen.«
Ich lächle. Er streicht Butter auf den verbrannten Toast und verteilt die eingeäscherten Krümel überall auf der Theke.
»Du willst bei diesem ›P. S. Ich liebe Dich‹-Club einsteigen, stimmt’s?«, sagt er. Anscheinend ahnt er, was ich denke.
»Ja.«
Er schweigt, trägt die gekochten Eier und den Toast zur Frühstückstheke und setzt sich auf einen der hohen Hocker. Ruhiges Gesicht, hart arbeitender Kopf. Er nimmt den Toast, den er ordentlich in gleichmäßige Streifen geschnitten hat, und tunkt einen davon in das Ei. Der Toast verbiegt sich. Eigentlich sollte er sich so ins Eigelb eintauchen lassen, dass es an der Schale und am Eierbecher runterläuft, damit Gabriel es abwischen und genüsslich von den Fingern lecken kann. Aber es läuft nicht so, wie er es mag.
»Scheiße«, knurrt er verärgert und lässt den Toast fallen.
Obwohl ich eine solche Reaktion von meinem normalerweise so beherrschten Freund befürchtet habe, zucke ich erschrocken zusammen.
»Ich muss mich anziehen«, sagt er und geht, wütend, aber leise, in unser Schlafzimmer.
»Möchtest du nicht darüber reden?«
Er bleibt auf halbem Weg stehen. »Du hast dich doch längst entschieden. Das habe ich inzwischen begriffen: Wenn du dich monatelang über ein Thema ausschweigst und auch sonst kaum redest, heißt das, du triffst deine Entscheidungen alleine. Das ist absolut in Ordnung, und so funktioniert das von jetzt ab auch bei mir – jeder macht sein eigenes Ding und gibt dem anderen Bescheid, wenn eine Sache entschieden ist.«
Damit verschwindet er im Schlafzimmer. Während ich noch tief durchatme, steht er plötzlich wieder in der Tür, offensichtlich wütend, noch immer mit nacktem Oberkörper. »Vor ein paar Tagen bist du von einem Auto angefahren worden, Holly. Wahrscheinlich, weil du in Gedanken bei diesem Club warst und nicht aufgepasst hast. Nach einem solchen Erlebnis solltest du wirklich keine vorschnellen Entscheidungen treffen.«
»Das ist keine vorschnelle Entscheidung. Es ist über zwei Wochen her, dass sie mich gefragt haben, und nach so einem Schock kann man manchmal schneller und konzentrierter nachdenken. Ich sehe die Dinge klarer als je zuvor. Es besteht absolut kein Grund, warum es mich in meinen früheren Zustand zurückwerfen sollte, wenn ich diesen Leuten helfe. Die Umstände sind inzwischen vollkommen anders. Ich kann diesen Menschen helfen. Und übrigens war der Unfall wirklich nicht meine Schuld. Das Taxi ist plötzlich ausgeschert, ich hätte ihm auf keinen Fall ausweichen können.«
»Was hast du mir in der Nacht gesagt, als du von dem Podcast zurückgekommen bist? Wenn ich so was jemals wieder machen will, dann hindere mich daran. Daran erinnere ich mich genau, auch wenn du es vielleicht vergessen hast. Du hast genug durchgemacht. Weiß der Himmel, was du dir dabei denkst. Nach allem, was passiert ist, solltest du dich lieber auf dich selbst konzentrieren.«
»Ich glaube aber, dass es mir helfen wird.«
»Tust du es für dich? Oder für diese Leute?«
»Für uns alle.«
Er wirft die Arme in die Luft. »Du wärst um ein Haar überfahren worden!«
»Das Taxi hat mich nur angefahren. Ich habe einen kaputten Knöchel, keinen kaputten Kopf! Aber wenigstens hat dir meine Auszeit dazu verholfen, dass du mehr mit Kate und Ava zusammen sein konntest«, fauche ich.
Eigentlich wollte ich die Tatsache, dass Gabriel nach meinem Unfall so viel Zeit mit seiner Tochter und seiner Exfrau verbracht hat, nicht auf diese schnippische Art ansprechen. Ich wollte es ihm nicht an den Kopf werfen, als wäre es etwas Schlechtes, denn ich weiß doch, wie sehr er sich immer einen besseren Kontakt zu seiner Tochter gewünscht hat. Aber obwohl ich mich selbst dafür entschieden habe, eine Woche bei meinen Eltern zu verbringen, hat es mich jedes Mal ein bisschen mehr aufgeregt, wenn er schon wieder mit den beiden unterwegs war.
»Ich habe nicht vor, wieder mit Kate zusammenzuleben, falls du eifersüchtig auf sie sein solltest.«
»Und ich nicht mit Gerry, falls du eifersüchtig sein solltest.«
Er beruhigt sich etwas und lächelt sogar. Dann fährt er sich mit der Hand durch die Haare. »Aber warum möchtest du umgeben sein von … so viel Tod?«
»Ich will nicht davor weglaufen und mir vormachen, dass mich das Thema nicht berührt. Ich sehe mein Engagement für diesen Club als Möglichkeit, positiv damit umzugehen, Gabriel. Ich werde nicht zulassen, dass es uns beeinträchtigt. Falls es das ist, wovor du Angst hast.«
»Trotzdem streiten wir. Jetzt. Über uns. Wegen dieser Clubleute.«
Doch das stimmt nicht ganz, denn in einem Streit geht es nie um nur ein einziges Thema. Das ist sozusagen nur der Schmarotzer, der sich von der Wirtspflanze ernährt. Und ich fange an mich zu fragen, worum es bei unserem Streit eigentlich geht.