Kapitel 19

Von allen Bereichen des Ladens ist mir der mit den Kinkerlitzchen eindeutig der liebste. Als Auslage dient eine alte Kommode, die Ciara entdeckt hat, mit drei schweren Schubladen und einem Spiegel mit so vielen schwarzen Flecken, dass man das eigene Gesicht kaum erkennt. Ich liebe dieses Teil und habe es sofort für den Krimskrams bestimmt. Einiges davon habe ich auf der Oberfläche drapiert, die erste Schublade ist ein Stück weit aufgezogen, so dass man weitere Gegenstände sieht, die zweite ein bisschen weiter, und die unterste Schublade vollständig, so dass sie nach vorn kippt und auf dem Boden aufliegt. Die frühere Eigentümerin der Kommode hat uns erzählt, dass ihre Mutter die unterste Schublade als Bettchen für ihre Babys benutzt hat.

Auch Kinder stöbern besonders gern in diesen Bereich. Hier gibt es nichts besonders Wertvolles – nicht dass wir wüssten jedenfalls –, deshalb kosten die Sachen normalerweise höchstens zwanzig Euro. Meine Lieblingsstücke sind die Pillendöschen, Taschenspiegel, Schmuckschatullen und Zierlöffel, außerdem die Haarspangen und Broschen, die in der Schmuckabteilung nichts zu suchen haben. Als Neuzuwachs, der perfekt ist für den Kinkerlitzchenbereich, finde ich in einem Pappkarton, ordentlich in Zeitungspapier eingewickelt, ein Schmuckkästchen. Auf der Innenseite des Deckels befindet sich ein Spiegel, außen ist er mit unechten Kristallen, Smaragden, Rubinen und Diamanten verziert. Innen ist die Box mit Samt ausgeschlagen und hat Fächer für kleinere Einzelstücke, in denen einige vom Deckel abgefallene Juwelen einen guten Platz gefunden haben. Als ich ein bisschen an der Samteinlage zupfe, löst sie sich, so dass sich die Box nun auch für größere Teile nutzen lässt.

»Was hast du denn da?«, unterbricht Ciara meine Gedanken. Heute ist sie als Glamourgirl aus den Vierzigerjahren gekleidet – roter Lippenstift, schwarzes Haarnetz, ein Kleid mit Schulterpolstern, dessen anliegendes Oberteil ihre Brüste ein Stückchen aus dem V-Ausschnitt schiebt, während der Gürtel mit Leopardenmuster ihre Taille einschnürt und ihre Hüften üppig erscheinen lässt. Dazu trägt sie ihre Doc Martens mit Blümchenmuster.

Ich hebe die Schatulle hoch, um sie ihr zu zeigen, und als sie sie untersucht, hinterlässt sie ihre Fingerabdrücke an Stellen, die ich bereits supersorgfältig gereinigt habe.

»Hübsch.«

»Ich möchte sie kaufen«, sage ich schnell, ehe sie auf die Idee kommt, sie selbst haben zu wollen.

»Okay.« Sie gibt mir die Schatulle zurück.

»Wie viel?«

»Überstunden ohne Bezahlung heute Abend?«, schlägt sie voller Hoffnung vor.

Ich lache. »Heute Abend gehe ich mit Gabriel essen. Wir haben uns länger nicht gesehen, deshalb werde ich die Verabredung ganz bestimmt nicht absagen.«

»Okay, aber wenn du heute Abend nicht arbeiten kannst, dann kriegst du die Schatulle auch nicht.« Sie zieht sie mir wieder weg, als ich mich etwas ungeschickt auf sie zu stürzen versuche.

»Autsch.« Ich zucke zusammen, weil mein Knöchel weh tut.

Aber meine Schwester hält die Schachtel nur noch höher in die Luft.

»Ich werde dich wegen Schikane am Arbeitsplatz anzeigen.«

Sie streckt mir die Zunge raus, gibt mir die Schatulle aber zurück. »Na gut, dann muss ich eben Mathew fragen. Viel Glück mit Gabriel, und sag ihm, ich bin …« Sie bricht ab, weil ich ihr einen warnenden Blick zuwerfe. Sie glaubt nämlich, dass Gabriel sauer auf sie ist, weil sie mich so gedrängt hat, bei ihrem Podcast mitzumachen, und ich mich deshalb jetzt auch noch in diesem Club engagiere. Zwar sage ich ihr ständig, sie soll aufhören, sich zu entschuldigen, weil er gar nicht auf sie, sondern ausschließlich auf mich sauer ist, aber auch das stimmt nicht ganz. Zurzeit scheint Gabriel auf alle und jeden sauer zu sein.

»Sag ihm, du bist was?«, frage ich.

»Ach nichts«, versucht sie ihren Satz zu Ende zu führen.

»Na gut, kein Problem. Ich sag ihm, du bist nichts«, grinse ich und wische ihre Fingerabdrücke von den Spiegeln meiner Schatulle.

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Als ich zu dem italienischen Bistro Cucino komme, einem unserer Stammlokale in der Nähe seines Hauses, sitzt Gabriel schon an einem Tisch im Freien. Zwar ist die Abendluft recht kühl, aber die Heizpilze vermitteln die Illusion eines lauen italienischen Sommerabends.

Er küsst mich, stützt mich beim Hinsetzen und legt meine Krücken sorgfältig zwischen uns auf den Boden. Ich überfliege die Speisekarte und weiß sofort, was ich will. Ich nehme immer das Gleiche, Gnocchi in brauner Butter und Salbeisauce. Während Gabriel sich etwas aussucht, warte ich geduldig, aber obwohl er sich mit gerunzelter Stirn über die Speisekarte beugt, bewegen sich seine Augen überhaupt nicht über das Angebot. Er tut nur so, als lese er. Schließlich hebt er sein Weinglas, trinkt einen großen Schluck und richtet den Blick wieder auf die gleiche Stelle der Karte. Ich betrachte die Flasche auf dem Tisch. Mindestens zwei Gläser sind davon schon weg.

»Wie nennt man eine Gruppe von Wölfen?«, breche ich endlich das Schweigen.

»Hmm?« Er blickt auf.

»Wie nennt man eine Gruppe von Wölfen?«

Er sieht mich verständnislos an.

»Wolfgang.«

»Holly, ich habe nicht … wovon sprichst du überhaupt?«

»Das ist ein Witz!«

»Oh. Okay.« Er lächelt vage und wendet seine Aufmerksamkeit wieder der Speisekarte zu.

Erst als die Kellnerin kommt, um unsere Bestellung aufzunehmen, wird unser Schweigen das nächste Mal unterbrochen, wir bestellen unser Essen und geben die Speisekarten zurück. Jetzt, wo Gabriel nichts mehr festzuhalten hat, fängt er an, mit den Fingern herumzuspielen. Warum ist er denn so nervös? Ich schenke ihm Wein nach, vielleicht gibt ihm das Zeit, sich etwas zu sammeln, aber das Warten scheint die Nervosität nur noch zu steigern. Er bläst die Lippen auf und stößt die Luft mit trompetenartigen Lauten wieder aus, unterbricht sich, um mit den Fingern unrhythmisch auf den Tisch zu trommeln, dann folgen neue Trompetenstöße.

Während wir auf unsere Hauptgerichte warten, bringt die Kellnerin Bruschetta und kleingeschnittene Tomaten zum Tisch. Offenbar ist Gabriel froh über die Ablenkung, denn er wendet sich sofort dem Essen zu, macht sich hochkonzentriert am Balsamico und dem Olivenöl zu schaffen. Doch dann stochert er im Ergebnis nur herum, trennt die Tomatenstückchen von den Basilikumblättern, baut aus den Krümeln eine Mauer, immer höher, bis sie einstürzt. Sein Interesse an den Bruschetta scheint zu wachsen. Basilikum nach links, Tomaten nach rechts. Krümel in die Mitte.

Ich beuge mich über den Tisch und frage: »Was ist los, Gabriel?«

Er drückt den Zeigefinger in die Krümel auf seinem Teller, bis sie daran kleben bleiben, klopft sie wieder ab und streut sie zurück auf ihren Ursprungsplatz.

»Hast du vor, dich die ganze Zeit, solange ich dem ›P. S. Ich liebe Dich‹-Club helfe, so zu verhalten? Du weißt doch nicht mal, was ich mit den kranken Leuten mache. Möchtest du mir vielleicht ein paar Fragen stellen? Du kennst ja nicht mal die Namen dieser Leute.«

»Das ist es nicht«, sagt er mit fester Stimme, lässt von den Bruschetta ab und schiebt entschlossen den Teller weg. »Es geht um Ava.« Die Hände und Finger wie zum Gebet aneinandergelegt, stützt er die Ellbogen auf den Tisch und lehnt das Kinn dagegen. »Sie möchte bei mir wohnen.«

»Wohnen?«

Er nickt.

»Bei dir?«

Wieder ein Nicken.

»In deinem Haus?«

»Ja.« Er sieht mich verwirrt an. Natürlich, wo sonst soll sie bei ihm wohnen?

Meine Gedanken rasen. Ich sollte doch in seinem Haus einziehen!

»Sie hat mich vor ein paar Wochen gefragt«, erklärt er und vermeidet dabei sorgfältig meinen Blick. Endlich wird mir klar, warum er so distanziert ist. Es hatte nichts mit dem Unfall zu tun, du dumme Holly, und auch nichts mit dem Club, er hat dich nur in dem Glauben gelassen. Bei den ganzen Treffen mit Kate und Ava ging es darum, dass seine Tochter bei ihm einziehen soll!

»Wow. Lass mich raten – du brauchtest ein bisschen Zeit, um es selbst klarzukriegen, ehe du es mir erzählt hast? Klingt irgendwie bekannt, oder nicht?« Und trotzdem bin ich genauso wütend wie er damals, als er mir vorgeworfen hat, ich hätte ihm absichtlich etwas verheimlicht.

Er schnappt nicht nach meinem Köder, sondern bleibt beim Thema. »Du weißt ja, dass es zwischen ihr und Kate Probleme gibt. Sie kommen überhaupt nicht miteinander aus.«

»Aber das ist doch schon seit zwei Jahren so, seit wir uns kennen.«

»Inzwischen ist es noch schlimmer geworden«, entgegnet er kopfschüttelnd. »Es ist, als …« Er wedelt mit den Händen und imitiert einen lauten Knall.

Doch er kann mir immer noch nicht in die Augen schauen. Bestimmt hat er längst ja gesagt. Also hat er es ernst gemeint, dass ab jetzt jeder von uns einfach sein eigenes Ding macht, ohne es vorher mit dem anderen zu besprechen. So zahlt er mir mein Engagement für den Club heim.

»Wenn Ava bei dir lebt, bedeutet das, du bist die ganze Zeit zu Hause, weckst sie morgens und sorgst dafür, dass sie aufsteht und rechtzeitig zur Schule kommt, dass sie lernt und ihre Schulaufgaben erledigt. Du wirst ständig ein Auge auf sie haben müssen.«

»Sie ist sechzehn, Holly, nicht sechs.«

»Du hast mir gesagt, dass sie oft nicht aus dem Bett kommt und nicht in die Schule geht, wenn man sie nicht praktisch hinschleppt, und sie wird jedes Wochenende auf eine Party gehen wollen. Du wirst dich mit anderen Eltern austauschen müssen, ihre Freunde kennenlernen, sie in den frühen Morgenstunden irgendwo abholen oder wach liegen und auf sie warten müssen.«

»Ich weiß, ich bin ja kein Idiot. Ich weiß, was es heißt, Vater zu sein«, sagt er. »Ich habe ihr gesagt, dass ich mit dir sprechen will, ehe wir einen endgültigen Beschluss fassen, aber dann kam der Unfall, und in letzter Zeit warst du … na ja, du warst jedes Mal beschäftigt, wenn ich angerufen habe.«

»Sorry.« Ich seufze. Ich habe ihm so viel zu erzählen – von Bert, von Ginika, von meinem geheimen Leben, an dem ich ihn nicht teilhaben lasse –, aber nur, weil ich dachte, es sei tabu und es würde ihn ärgern, wenn ich darüber rede. »Schau, für mich ist das in Ordnung. Sie ist deine Tochter, und ich freue mich für dich. Ich weiß doch, wie wichtig dir der Kontakt zu ihr ist. Meinetwegen kann sie bei uns wohnen, solange dir bewusst ist, worauf du dich da einlässt.«

Jetzt schaut er mich an, nimmt endlich Blickkontakt auf, und sein Gesicht wirkt sanft und irgendwie entschuldigend. »Das ist es ja.«

Allmählich dämmert es mir.

Ava zieht an meiner Stelle bei ihm ein.

»Sie braucht mich.« Er legt die Hand auf meinen Arm und hält ihn sehr fest. Am liebsten möchte ich ihm meine Pastagabel in die Hand rammen. »Ich kann jetzt keinen Rückzieher machen, nachdem ich so lange darauf gewartet habe, dass Ava mich um Hilfe bittet. Kate und Finbar wollen heiraten. Ava kann Finbar nicht ausstehen. Sie hasst es, bei den beiden zu wohnen. Sie ist total daneben, macht Quatsch in der Schule, vermasselt Prüfungen, hat nur die nächste Party im Kopf. Ich fürchte, ich habe sie verkorkst, und jetzt kriege ich die Chance, es wiedergutzumachen.«

Mein Herz pocht wild.

Er versucht es in einem noch sanfteren, noch zerknirschteren Ton. »Ava und ich brauchen Raum, um damit zurechtzukommen und gemeinsam einen Weg zu finden. Wenn wir drei während dieser Übergangsphase zusammenwohnen würden, wäre das für uns alle zu viel.«

»Und was meinst du, wie lange diese Übergangsphase dauern wird?«

Er schüttelt den Kopf und blickt in die Ferne, als kalkuliere er die benötigten Übergangstage auf seinem virtuellen Gedankenkalender.

»Ich denke, das Beste ist, wenn wir warten, bis sie mit der Schule fertig ist. Ich glaube«, fährt er schnell fort, ehe ich dazwischenblaffen kann, »ich glaube, dass ich ihr helfen muss, die Schule durchzustehen. Wenn sie sich dann wieder beruhigt hat und mit dem Studium anfängt, können wir beide, du und ich, tun, was uns gefällt. So haben wir schon zwei Jahre lang miteinander gelebt, wir könnten doch einfach weitermachen wie bisher. Es funktioniert doch mit uns, oder nicht?« Er greift nach meinen Händen und drückt sie.

Frustriert entziehe ich sie ihm. »Zwei Jahre Übergang also«, sage ich und sehe ihn an, einigermaßen überrascht. »Zwei Jahre? Ich verkaufe mein Haus, weil ich mit dir zusammenwohnen will. Seit einem halben Jahr bittest du mich darum. Es war deine Idee!«

»Ich weiß, ich weiß.« An seinem gequälten Gesicht sehe ich, dass er mir das nicht antun möchte, und ich will ihm auch nicht die Schuld geben. Jeder Vater würde dieselbe Entscheidung treffen wie er und sein Kind an die erste Stelle setzen. Aber es wirft alle meine Pläne komplett über den Hau fen.

»Vielleicht sind zwei Jahre zu lang. Vielleicht wäre ein Jahr vernünftiger«, sagt er in dem Versuch, die Wogen zu glätten.

»Ein Jahr?«, schnaube ich. »Was, wenn ich morgen ein Angebot für mein Haus bekomme? Wo soll ich dann hin? Da muss ich mir echt was einfallen lassen. Soll ich mir eine Wohnung suchen? Kann ich mir das überhaupt leisten? Soll ich das Haus vom Markt nehmen? Ich meine, Herrgott nochmal …« Ich raufe mir die Haare, denn plötzlich begreife ich, dass ich tatsächlich vor einem logistischen Albtraum stehe. Und natürlich fallen mir sofort die Löcher in meiner Wand ein, die ich jetzt reparieren muss, wo ich doch dachte, damit muss sich jemand anderes herumschlagen. Sogar meine eigenen Fehler muss ich ausbessern.

»Holly«, sagt Gabriel und streicht mir über die Wange. »Ich gehe nirgendwohin. Ich brauche ein bisschen Zeit, um Ava zu helfen, wieder in die Spur zu kommen. Den Rest meines Lebens möchte ich mit dir verbringen.«

Ich schließe die Augen, ich rede mir gut zu. Gabriel ist nicht krank, er stirbt nicht. Pläne ändern sich. So ist das Leben. Aber ich kann es einfach nicht verarbeiten.

»Ich dachte, du wärst vielleicht erleichtert.«

»Warum zur Hölle sollte ich erleichtert sein?«

»Wegen dieses Clubs, für den du dich engagierst. Du hattest kaum noch Zeit für mich.«

Die Kellnerin erscheint. »Sind Sie fertig?«

O ja, das bin ich. Fix und fertig.

Während Gabriel und ich uns in angespanntem Schweigen anstarren, räumt sie, so schnell sie kann, den Tisch ab und eilt wieder davon.

Ich drehe mich auf meinem Stuhl und bücke mich ungeschickt, um nach meinen Krücken zu angeln. Aber ich kriege sie nicht zu fassen, meine Finger tasten auf dem Boden herum, obwohl ich mich fast verrenke.

»Was tust du denn da?«

»Ich will hier sofort weg, aber es klappt nicht, verdammte Scheiße«, stoße ich mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Wieder fummeln meine Finger nach dem Krückengriff, berühren ihn und schubsen ihn aus Versehen weg. »Verfluchter Mist«, knurre ich. Vom Nebentisch werde ich bereits beobachtet. Aber ich ignoriere es.

Gabriel bückt sich, er möchte mir helfen.

»Ich will deine Hilfe nicht«, zische ich ihn an. Aber ich brauche sie. Er reicht mir die Krücken, doch als ich nach dem einen Ende greife, hält er seines weiter fest, und wir veranstalten eine Art Tauziehen mit Krücken.

»Holly«, sagt er heftig. »Ich will nicht mit dir Schluss machen, ich muss nur die größeren Pläne für eine Weile aufschieben.«

»Was sind denn die größeren Pläne?«, frage ich interessiert, wenn auch lauter, als mir lieb ist. »Wollen wir etwa heiraten, Gabriel? Oder zusammen ein Baby haben? Nur damit ich Bescheid weiß, weshalb ich zwei Jahre auf dem Hintern hocken und warten soll.«

Jetzt wird er ebenfalls ärgerlich, aber er dämpft seine Stimme. »Ich habe dir schon gesagt, dass die zwei Jahre nicht in Stein gemeißelt sind, darüber können wir reden. Ich versuche, ehrlich mit dir zu sein. Und ich versuche, mit dem Kind, das ich schon habe, zurechtzukommen. Ich glaube, wir können den zweiten Teil deiner Frage ein andermal ausdiskutieren, oder?«

Schon komisch, dass ich ausgerechnet in diesem Augenblick begreife, dass ich tatsächlich gern ein Kind mit ihm hätte. Und dass ich mir so viel mehr von dieser Beziehung erhofft habe. Dass diese zwei Jahre Aufschub mich, meinen Körper und meine Gedanken unter einen panikartigen Druck setzen, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich habe etwas verloren, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich es mir wünsche. Es hing vor meiner Nase, und ehe ich noch richtig begriffen habe, wie verlockend es ist, wie sehr ich es haben will, wird mir eröffnet, dass ich es nicht kriegen kann.

Ungeschickt manövriere ich mich zwischen den Tischen und Stühlen hindurch, meine Krücken verfangen sich, mehrere Restaurantgäste müssen wegrücken und mich durchlassen. Kein sehr eleganter Abgang.

Vielleicht hat Gabriel mir einen Gefallen getan, vielleicht sind wir besser dran, wenn wir unser jeweiliges privates Chaos selbständig regeln. Ava gehört wieder zu Gabriels Leben, genau, wie er es sich gewünscht hat. Und in gewisser Weise ist auch Gerry in mein Leben zurückgekehrt. Und jetzt ist es auf einmal so voll, denke ich ärgerlich, dass Gabriel darin womöglich keinen Platz mehr hat.