Prolog
Greif nach den Sternen,
einen davon wirst du bestimmt erwischen.
Dieser Satz steht auf dem Grabstein meines Mannes. Er hat ihn sehr oft benutzt, überhaupt setzte er auf seine typische, optimistisch-fröhliche Art gern positive Selbsthilfethesen in die Welt, als wären sie eine Form von Lebensenergie. Allerdings wirkte positive Verstärkung bei mir nie. Erst als Gerry tot war und aus dem Grab zu mir sprach, erreichten mich seine Worte, ich hörte, fühlte und glaubte sie tatsächlich.
Für mich lebte mein Mann noch ein ganzes Jahr nach seinem Tod weiter, denn er schickte mir einmal im Monat einen Überraschungsbrief. Sie waren alles, was ich noch hatte. Zwar konnte er nicht mehr mit mir sprechen, aber er schenkte mir seine Worte, niedergeschriebene Gedanken, entstanden in seinem Kopf, in seinem Gehirn, das einen lebendigen Körper mit einem lebendigen Herzen gesteuert hatte. Diese Briefe bedeuteten Leben, und ich griff nach ihnen, hielt sie fest, bis meine Knöchel weiß wurden und meine Nägel sich in meine Handflächen gruben. Ich klammerte mich an sie wie an einen Rettungsanker.
Heute ist der 1. April, es ist sieben Uhr abends, und ich genieße die Helligkeit. Die Abende werden länger, langsam, aber sicher vertreibt der sanfte Frühling den garstigen Biss der Winterkälte. Früher habe ich diese Jahreszeit gefürchtet. Mir war der Winter lieber, denn er bot mir unendliche Möglichkeiten, mich zu verkriechen. In der Dunkelheit hatte ich das Gefühl, hinter einem Schleier zu existieren, anwesend, aber nur schemenhaft, beinahe unsichtbar. Das war mir gerade recht. Ich zelebrierte die kurzen Tage, die langen Nächte, der dunkler werdende Himmel war mein Countdown zum Winterschlaf. Doch jetzt stelle ich mich dem Licht, ich brauche es, um nicht wieder in den Sog der Dunkelheit zu geraten.
Meine Metamorphose ähnelte dem Schock, den der Körper durchmacht, wenn er in kaltes Wasser getaucht wird. Bei der ersten Berührung verspürt man den überwältigenden Drang, laut kreischend wieder herauszuspringen, aber je länger man untergetaucht bleibt, desto mehr gewöhnt man sich daran. Wie die Dunkelheit, so wird auch die Kälte irgendwann zu einer tröstlichen Decke, die man nicht mehr missen möchte. Doch ich bin trotzdem wieder aufgetaucht. Strampelnd und rudernd habe ich mich durchs Wasser gekämpft, kam mit blauen Lippen und klappernden Zähnen an die Oberfläche, taute auf und trat wieder hinaus in die Welt.
Zwischen Tag und Nacht, zwischen Winter und Frühling, eine Zwischenwelt. Obwohl der Friedhof allgemein als Stätte der letzten Ruhe angesehen wird, ist es unter seiner Oberfläche weniger ruhig als darüber. Unter der Erde vollzieht die Natur an den menschlichen Körpern in ihren Särgen unablässig ihr Werk der Zersetzung, auch im Tod sind sie einem ständigen Wandel ausgesetzt.
Kinderlachen durchbricht die Stille, vielleicht in Unkenntnis der Zwischenwelt, auf der sie stehen, vielleicht von ihr unbeeinträchtigt. Die Trauernden sind stumm, doch ihr Schmerz ist es nicht. Die Wunde mag im Inneren sein, doch man hört sie, sieht sie, fühlt sie. Wie ein unsichtbarer Mantel umhüllt der Schmerz den Körper, seine Last beugt die Schultern, trübt die Augen, verlangsamt den Schritt.
Wenn mich in den Wochen und Monaten nach dem Tod meines Mannes wie ein unerträglicher Durst das Bedürfnis überfiel, mich wieder vollständig zu fühlen, versuchte ich verzweifelt, eine spirituelle Verbindung zu ihm herzustellen. Umgekehrt spürte ich an Tagen, an denen ich einigermaßen funktionierte, gerade dann, wenn sich seine Präsenz hinterrücks an mich heranschlich und mir auf die Schulter tippte, plötzlich eine unerträgliche Leere. Als wäre mein Herz verdorrt. Trauer lässt sich nicht beherrschen und nicht kontrollieren, niemals.
Gerry wollte verbrannt werden. Seine Asche befindet sich in einer Urne, die in einem Kolumbarium steht. Seine Eltern haben die Nische daneben für sich reserviert. Die leere Stelle neben der Urne meines Mannes ist für mich bestimmt. Ich habe das Gefühl, dem Tod ins Gesicht zu starren. Als er starb, hätte ich dieses Gefühl begrüßt – damals wäre mir alles recht gewesen, was mich wieder mit ihm vereint hätte. Am liebsten wäre ich in diese Nische gekrochen, hätte mich zusammengekauert wie eine Schlangenfrau und seine Asche mit meinem Körper umschlungen.
Er befindet sich in dieser Mauer. Aber er ist weder hier noch dort. Er ist fort. Energie, anderswo. Zersetzte Materie, irgendwo um mich herum. Wenn ich könnte, würde ich eine Armee anheuern, um Jagd auf jedes einzelne seiner Atome zu machen und ihn wieder zusammenzusetzen. Aber auch der König mit seinem Heer konnte ihn retten nimmermehr … wir lernen es von Anfang an, aber was es bedeutet, begreifen wir erst am Ende.
Wir beide genossen das Privileg, nicht nur einmal, sondern zweimal Abschied voneinander nehmen zu können. Auf die lange Krebskrankheit folgte nach dem Tod meines Mannes noch ein Jahr mit seinen Briefen. Er ist in dem Wissen von mir gegangen, dass ich mich nicht nur an Erinnerungen würde festhalten müssen. Er hatte eine Methode gefunden, wie er noch nach seinem Tod gemeinsame Erinnerungen für uns erschaffen konnte. Magie. Adieu, meine große Liebe, und noch einmal adieu. Es hätte genug sein müssen. Ich dachte, es wäre genug. Vielleicht kommen Menschen hauptsächlich deshalb auf den Friedhof, weil sie sich noch einmal verabschieden wollen. Vielleicht geht es um den Trost des Abschiednehmens, um das stille, friedliche, von allen Schuldgefühlen unbelastete Auseinandergehen. Nicht immer erinnern wir uns daran, wie wir uns begegnet sind, aber sehr oft wissen wir genau, wie wir voneinander Abschied genommen haben.
Es wundert mich, dass ich wieder hier bin, an diesem Ort, in dieser Verfassung. Sieben Jahre sind seit Gerrys Tod vergangen. Sechs, seit ich seinen letzten Brief gelesen habe. Ich habe mich weiterentwickelt, mich der Zukunft zugewandt, aber die Ereignisse der letzten Zeit haben an meinen Grundfesten gerüttelt, mich im Innersten erschüttert. Ich muss weitergehen, vorwärts, aber ich spüre einen hypnotischen Sog, fast so, als würde seine Hand nach mir greifen und mich zurückziehen.
Ich betrachte seinen Grabstein und lese den Satz noch einmal.
Greif nach den Sternen,
einen davon wirst du bestimmt erwischen.
So ist es dann wohl. Er und ich, wir haben nach den Sternen gegriffen. Und einen erwischt. Und was ich jetzt habe, alles, was ich jetzt bin, dieses ganze neue Leben, das ich mir in den letzten sieben Jahren aufgebaut habe, ohne Gerry – so sieht es vermutlich aus, wenn man einen Stern erwischt hat.