Kapitel 29
Alle glotzen mich an.
»Ich heiße Holly«, erkläre ich den versammelten Trauergästen. »Aber ich war nicht Berts Fußpflegerin.«
Stichwort für allgemeines Luftschnappen. Aber nichts dergleichen passiert, denn wir befinden uns nicht in einer Soap, sondern in der Realität, trotz der lächerlichen Situation, in die ich mich gebracht habe. Ciara geht zurück in die Ecke.
»Tut mir leid, Rita«, wende ich mich dann direkt an Berts Frau. »Bert hat sich das ausgedacht, ich hatte nichts damit zu tun, das schwöre ich Ihnen. Er hat mich um Hilfe gebeten, weil er eine Überraschung für Sie vorbereiten wollte, als Symbol für die Liebe und den Respekt, die er Ihnen entgegengebracht hat. Es tut mir sehr leid, dass ich an der letzten Hürde versagt und seinen Wünschen nicht auf dem Niveau entsprochen habe, das er beabsichtigt hat. Aber der Umschlag, den ich in die Bibel gesteckt habe, ist für Sie. Bert hat ihn geschrieben, ich habe ihn nur ausgedruckt, weil er meinte, Sie finden seine Handschrift schrecklich.«
Auf einmal fängt Rita an zu lachen, ein überraschter, schriller Laut kommt aus ihrem Mund, vor den sie schnell die Hand hält. Es ist, als wäre die Information mit der Handschrift ein Geheimcode, der ihr Vertrauen zu mir einflößt, und das besänftigt auch die anderen.
»Was hat er getan? Ich wusste doch, dass er etwas im Schilde geführt hat! Ach Bert!«, ruft sie und sieht ihn lächelnd und mit Tränen in den Augen an. Dann beginnt sie zu schluchzen.
»Lies den Brief, Mum«, sagt ihre Tochter, kommt zu ihr und legt ihr den Arm um die Schultern. Die Tochter von Bert und Rita, die Mum des naseweisen Thomas.
Ich ringe die Hände, bin ein Nervenbündel. Wieder richten sich die Blicke auf mich. Ich entferne mich von Rita und ihrer Tochter, trete aus dem Rampenlicht und schleiche zu Ciara neben der Tür. Sie nimmt unterstützend meine Hand, drückt sie und hindert mich daran abzuhauen. Außerdem bilden Joy, Paul und Ginika eine Mauer an der Tür, auch sie wollen verhindern, dass ich die Flucht ergreife. Langsam wende ich mich dem Sarg zu und beobachte, wie Ritas Abenteuer beginnt.
Sie nimmt den Umschlag aus der Bibel und streicht mit der Hand über das golden glänzende Papier.
Auf einmal fühle ich mich in den Augenblick zurückversetzt, als ich den ersten Brief von Gerry gelesen habe. Ich erinnere mich, wie meine Finger über seine geschwungenen, verschnörkelten Buchstaben strichen und ich seine Worte lebendig werden ließ, in dem Versuch, Gerry von den Toten zu erwecken.
Die Worte in seinem ersten Brief fallen mir wieder ein: »Meine liebste Holly, ich weiß nicht, wo und wann du diesen Brief lesen wirst …«
Unterdessen öffnet Rita den Umschlag und holt die Karte heraus. »Meine liebste Rita«, beginnt sie vorzulesen.
»Oh, Daddy«, stößt eine Frau aus der Gruppe hervor. Ich bin wie erstarrt. Erstarrt in der Erinnerung. Du hast mir einmal gesagt, dass Du nicht alleine weiterleben kannst …
Rita liest weiter.
»Unser gemeinsames Abenteuer ist nicht vorüber. Tanz noch einmal mit mir, du meine große Liebe. Halte meine Hand und geh mit mir auf die Reise. Ich habe fünf Limericks für dich geschrieben.«
Rita unterbricht sich und lacht: »Limericks! Ich hasse Limericks!« Dann liest sie weiter.
»Ich weiß, dass du Limericks hasst«, fährt sie fort, und jetzt lachen alle mit ihr.
Aber ich bin nur ein Kapitel in Deinem Leben, und es wird noch viele davon geben.
»Jeder Limerick ist ein Hinweis. Jeder Hinweis führt dich an einen bestimmten Ort. Jeder dieser Orte vertritt eine besondere Erinnerung und hat eine große Bedeutung in unseren Herzen. Und an jedem Ort wirst du den nächsten Hinweis finden.«
Danke, dass Du meine Frau gewesen bist. Dafür und für alles andere bin ich Dir ewig dankbar.
Ein Schauder überkommt mich. Ein warmes Gefühl, das in meiner Brust beginnt, in den Bauch ausstrahlt, in die Beine, die Zehen, den Kopf. Eine Welle überflutet mich. Kein Schwindel, sondern Klarheit. Keine Klarheit über diesen Moment in diesem Raum, nein, dieses Gefühl trägt mich an einen anderen Ort, hebt mich empor, und ich kann nur noch an Gerry denken. Ich fühle ihn. Er ist in mir. Er füllt jeden Winkel meiner Seele. Er ist hier. Er ist hier. Er ist hier, in diesem Raum.
Zitternd blende ich Ritas Worte aus. Sie liest den Limerick, alle schauen sie an, mich haben sie vergessen. Alle lächeln, die Sache kommt in Gang, Berts Wunsch wird wahr, aber ich zittere immer mehr, mein ganzer Körper bebt. Joy, Ginika und Paul sind näher zu Rita gerückt, der Kreis wird enger und intimer. Die Tränen fließen, doch auch ein Lächeln liegt auf den meisten Gesichtern. Ich drücke Ciaras Hand, entferne mich langsam von den anderen und öffne leise die Tür.
Das Zittern will nicht aufhören, ich kann nur noch auf den Boden schauen. Ein Adrenalinstoß durchzuckt mich, als hätte ich mich mit Koffein vollgepumpt. Alles in mir ist hellwach, meine Sinne sind geschärft, sie verbinden mich mit etwas anderem.
Plötzlich spüre ich einen starken Arm um die Taille.
»Alles gut bei dir?« Ein Flüstern an meinem Ohr.
Ich schließe die Augen. Es ist Gerry. Ich kann ihn wieder spüren.
Doch dann habe ich plötzlich das Gefühl, als gleite ich aus dem Zimmer, den Korridor entlang, zur Haustür hinaus. Gerrys Arm liegt um meine Taille, fest und sicher, sein Atem ist in meinem Haar. Er nimmt meine Hand.
Gerry. Es ist Gerry. Er ist hier.
Er öffnet die Haustür, das Sonnenlicht trifft auf mein Gesicht, die frische Luft füllt meine Lunge. Ich sauge alles in mich auf.
Ich merke, dass ich immer noch seine Hand halte, und sehe ihn an.
Es ist nicht Gerry.
Es ist Ciara, natürlich ist sie es, aber sie tut das Gleiche wie ich. Atmet tief aus und ein. Schneller.
»Alles klar?«, fragt sie mich.
»Ja«, flüstere ich. »Das war … seltsam.«
»Ja«, stimmt sie zu und wirkt erschüttert. »Irgendetwas ist passiert.«
Ich überlege. Was immer mich gerade erfüllt hat, meinen Körper, meine Seele und meinen Geist, ist verschwunden, aber ich bin immer noch high von diesem Erlebnis.
»Ja.«
»Ich habe dich beobachtet. Auf einmal hat dein Gesicht sich komplett verändert. Ich dachte, du wirst ohnmächtig. Oder du hättest einen Geist gesehen.«
Als wüsste sie, dass Gerry im Raum gewesen war.
»Und, hast du?«, fragt sie.
»Habe ich was?«
»Einen Geist gesehen?«
Sie lacht nicht, sie macht keine Witze.
»Nein.«
Sie macht ein enttäuschtes Gesicht.
»Warum? Du etwa?«
»Es war, als wäre Gerry bei uns«, flüstert sie. »Ich hatte auf einmal dieses … dieses Gefühl.« Sie lässt meine Hand los, reibt sich mit den Händen über die Arme, und ich sehe, dass sie eine Gänsehaut hat. »Klingt das verrückt?«
»Nein«, antworte ich. »Ich habe ihn auch gefühlt.«
»Wow.« Ihre Augen werden groß und füllen sich mit Tränen. Dann nimmt sie mich in den Arm. »Danke, Holly, du hast recht. Das war ein großes Geschenk.«
Ich halte sie fest und schließe die Augen, denn ich möchte jede Sekunde dieser Erfahrung auskosten und im Gedächtnis behalten. Er war da.
Ich bin high. Schwebe auf Liebe und Adrenalin und eigenartigen neuen Energien. Ich fühle mich besessen. Nicht von Gerry – dieses Gefühl ist verschwunden –, sondern von der anhaltenden Verbindung zu ihm. Ciara fährt uns zurück zum Laden und sagt, ich soll den Rest des Tages freinehmen. Auch sie ist ziemlich aufgewühlt.
Unterwegs bekomme ich einen Anruf von der Maklerin, jemand hat ein Angebot für das Haus gemacht, nicht den vollen Preis, aber sie glaubt nicht, dass wir mehr herausschlagen können. In Ciaras Laden hängt über einem vergnügt strahlenden Buddha ein Schild, auf dem steht: »Man kann nur das verlieren, woran man sich klammert.« Ich habe die Wahl – ich kann die Vergangenheit und alle meine Sachen festhalten, oder ich kann sie loslassen und in meinem Herzen bewahren.
Nach einer kurzen Beratschlagung mit Ciara rufe ich die Maklerin an und nehme das Angebot fröhlich an. Ich brauche dieses Haus nicht, um Gerrys Geist zu spüren. Ich war in einem Haus ohne physische Verbindung zu ihm, umgeben von Menschen, die nie eine physische oder psychische Verbindung zu ihm hatten, und er war da gewesen. Unser Haus war wie eine schwere Kette um meinen Hals, es loszulassen, verleiht mir Kraft. Ich kann das Schöne zwischen uns anderswo neu erschaffen, an endlos vielen Plätzen der Welt. Ich kann Gerry mitnehmen, wenn ich etwas Neues erschaffe. Es ist Zeit für mich zu gehen, und ich habe mich ja bereits von diesem Haus verabschiedet. Es war ohnehin nie vorgesehen, dass ich so lange bleibe. Für Gerry und mich war es ein erstes eigenes Heim, aber dann wurde es der Ort, an dem unsere Beziehung zu Ende ging.
Ich steige auf mein Rad und sause durch die Straßen. Eigentlich müsste ich mich aufs Fahren konzentrieren, aber ich kann nicht. Eigentlich dürfte ich mit meinem frisch verheilten Bein gar nicht Rad fahren, schon gar nicht mit so viel Schwung, aber ich kann nicht anhalten. Ich fühle mich, als hätte ich Flügel, ich fliege. Als ich mich meinem Haus nähere, kann ich mich nicht an die Fahrt erinnern, die ich gerade hinter mir habe. Ich möchte jemanden anrufen, ich möchte tanzen, ich möchte von den Dächern rufen, dass das Leben wunderbar ist, ganz wunderbar. Ich fühle mich, als wäre ich betrunken.
Ich radele die Auffahrt hinauf. Denises Auto ist nicht mehr da, sie ist bei der Arbeit, vielleicht kommt sie auch gar nicht mehr zurück. Hoffentlich Letzteres. Aber als ich dann absteige, fährt mir ein stechender Schmerz in den Knöchel. Anscheinend habe ich mich überfordert. Ich dachte, ich wäre unbesiegbar. Als ich das Rad an die Hauswand lehne, fühle ich mich bleischwer. Ich bin aus großer Höhe abgestürzt, mein Kopf dröhnt, als hätte ich einen üblen Kater. Im Haus empfängt mich Stille, ich lehne mich an die Haustür und schaue mich um.
Nichts.
Stille.
Schweigen.
Die letzten Worte in Gerrys Brief.
P. S. Ich liebe Dich.
Alles um mich herum bricht zusammen.
Anscheinend habe ich meinen Knöchel komplett überfordert, er ist dick angeschwollen und pocht schmerzhaft. Ich lege mich ins Bett und packe ihn mit einer Tüte tief gefrorener Erbsen auf ein Kissen. So bleibe ich den ganzen Abend liegen und stehe nicht einmal auf, als mein Magen anfängt zu knurren. Er fühlt sich hohl und leer an, als würde er sich aus Verzweiflung selbst verspeisen. Mir ist übel, ich muss etwas essen, aber ich will den Fuß nicht belasten. Draußen ziehen die Wolken vorüber, blau und weiß, große Wattebäusche gefolgt von einer zerfledderten Nachhut. Langsam schwindet das Tageslicht, es wird dunkel. Ich will nicht aufstehen, um die Vorhänge zuzuziehen, ich kann nicht. Mein Knöchel pocht, mein Kopf dröhnt, es ist eine gewaltige Bruchlandung nach diesem schwindelerregenden Höhenflug.
Ich fange an zu denken, und schon denke ich zu viel. An vorhin, an früher, daran, wie alles angefangen hat, an alte Zeiten. An erste Male.
Es klingelt an der Haustür. In meinem Schlafzimmer bin ich damit beschäftigt, mir ein Kleid nach dem anderen über den Kopf zu zerren und frustriert wieder abzuwerfen. Inzwischen ist mein Kopf so heiß, dass die Schminke schmilzt, von meinem Gesicht tropft und alle Kleidungsstücke ruiniert, die damit in Berührung kommen. Vom Boden ist nichts mehr zu sehen, alles ist voller Klamotten, die ich in Wut und Panik abgeworfen habe. Ich habe nichts anzuziehen, wimmere ich vor mich hin, ärgere mich, wie jämmerlich ich klinge, und versuche zu knurren. Ich mustere mich in meinem Ganzkörperspiegel, überprüfe meinen Körper in meinen neuen Dessous aus jedem erdenklichen Winkel, betrachte kritisch, was Gerry zu sehen bekommen wird.
Von unten höre ich Gerrys Stimme und Jacks Lachen. Vermutlich haben sie schon mit ihrem üblichen Geplänkel begonnen. Pass bloß gut auf meine Schwester auf, so geht es schon das ganze letzte Jahr, seit Gerry und ich offiziell zusammen sind und wir uns nicht mehr auf die kurzen, verstohlenen Momente vor und nach der Schule beschränken müssen. Zwei Jahre sind wir schon zusammen, ein Jahr davon hundertprozentig. Obwohl Mum und Dad ihn immer noch wachsam beobachten, gehört Gerry inzwischen zur Familie.
Über seinen Lieblingsbruder Michael sagt Dad immer: »Er ist ein Gentleman, aber er schummelt bei Monopoly.« Dasselbe sagt er jetzt über Gerry.
»Gerry schummelt aber gar nicht beim Monopoly«, protestiere ich jedes Mal. »Wir spielen nicht mal Monopoly.«
»Tja, das solltet ihr aber.«
Trotzdem weiß ich genau, was Dad meint.
Heute Abend hoffe ich, dass Gerry beim Monopoly schummelt, und als selbsternannte Bank bin ich bereit, Beihilfe zu leisten. Ich kichere leise über meinen Übermut, aufgedreht, nervös, erwartungsvoll. Aber ein Klopfen an der Tür bringt mich zum Schweigen, und obwohl die Tür abgeschlossen ist, halte ich mir schnell ein Kleid vor den halbnackten Körper.
»Holly, Schätzchen, Gerry ist da.«
»Ich weiß, Mum!«, rufe ich gereizt. »Ich habe die Klingel ja gehört.«
»Okay!«, antwortet sie gekränkt.
Wenn ich nicht aufpasse, könnte mir dieser Abend gestrichen werden, ehe er richtig angefangen hat. Es hat mich eine Menge Überredungskunst gekostet, meinen Eltern die Erlaubnis abzutrotzen, zu dieser Party zu gehen. Es ist für mich die erste Einundzwanziger-Party ohne elterliche Begleitung, und die Abmachung lautet, dass ich mir einen Drink genehmigen darf. Allerdings besteht die stillschweigende Übereinkunft, dass das für niemanden ein realistisches Ziel ist, vor allem nicht für eine Sechzehnjährige mit einem siebzehnjährigen Freund, der trinken darf, also werden zwei Drinks geduldet, und ich werde mich bemühen, dass es nicht mehr als vier werden. Ich finde, das ist einigermaßen fair.
Im Erin’s Isle, dem Clubhaus der Gaelic Athletic Association, findet heute zur Feier des einundzwanzigsten Geburtstags von Gerrys Cousin Eddie, der beim Verein spielt, eine Disco statt. Gerrys Familie und weitere Verwandtschaft wird zwar ebenfalls dabei sein, aber Eddie zählt sich mit seinen einundzwanzig Jahren noch nicht zu den Erwachsenen – was sicher einiges über seinen Charakter aussagt – und hat bestimmt, dass die Erwachsenen sich um 23 Uhr, wenn der DJ loslegt, allesamt zurückziehen. Für Gerry ist der vier Jahre ältere Eddie ein Held und seit jeher sein Lieblingscousin. Er spielt in Dublins U 21, und alles sieht danach aus, dass er bald zu den Profis aufsteigt. Eddie ist cool und selbstbewusst. Mich schüchtert er ein bisschen ein, denn er gehört zu den Menschen, die einen gelegentlich aus der Menge herauspicken und eine Frage stellen, einen Scherz oder eine pfiffige Bemerkung machen – wenn er besonders witzig sein will, auch gerne auf Kosten der Betroffenen. Gerry behauptet, das sei nur harmloses Herumgealbere, so reden die Jungs alle. Aber so wie ich das sehe, redet keiner so laut wie Eddie. Über seine Scherze lachen alle, und er ist auch wirklich witzig, ein Naturtalent als Komiker, aber als introvertierte, wenn auch nicht wirklich schüchterne Person machen mich Leute wie Eddie nervös. Manchmal ärgert es mich, wie Gerry ihn anbetet, manchmal habe ich das Gefühl, dass er lieber mit ihm zusammen ist als mit mir.
Gerrys Eltern sind mit ihm viel weniger streng als meine mit mir. Mit seinen siebzehn Jahren fährt Gerry bereits mit dem Auto seines Dad durch die Gegend, und er geht in jeden Club, wenn Eddie ihn fragt. Er läuft Eddie nach wie ein Hündchen, was auf die meisten Leute zutrifft, die Eddie mögen. Andererseits bringt Eddie mich auch oft zum Lachen, und er hat noch nie etwas wirklich Gemeines zu mir gesagt. Aber er schubst mich ins Scheinwerferlicht, wenn ich das nicht möchte, und ich bin eifersüchtig, weil Gerry so viel Zeit mit ihm verbringt. Außerdem finde ich es absolut uncool, dass Gerry ihm wie ein Hündchen nachläuft und für ihn den Handlanger spielt. Das nehme ich Eddie übel.
Ich betrachte meinen Fußboden, der aussieht, als hätte dort eine Bombe eingeschlagen, setze in Gedanken mögliche Outfits zusammen, suche und mixe, verwerfe, ordne den Haufen neu an.
Wieder ein Klopfen an der Tür.
»Ich habe doch gesagt, ich brauch noch eine Minute«, brülle ich.
»Ich bin’s, Wutmaus«, antwortet meine kleine Schwester Ciara. Mit ihren elf Jahren meistert sie bereits jede Art von Sarkasmus, außerdem kann sie alles und jeden kaufen und verkaufen, einschließlich unserer Eltern. Da sie das Zimmer mit mir teilt, bin ich mehr oder weniger verpflichtet, sie hereinzulassen.
Natürlich hat sie die Situation im Handumdrehen erfasst – der Klamottenhaufen und ich mittendrin in meinen hübschen neuen Dessous.
»Na, das sieht ja gut aus.«
Sie steigt über die Klamotten, balanciert auf Zehenspitzen zu ihrem Bett, immer auf die Stellen, wo der Teppich hervorlugt. In der Hand hält sie einen Becher Häagen-Dazs-Eis und einen großen Löffel, lässt sich damit gemütlich nieder und beobachtet mich.
»Man hat uns doch verboten, das Eis anzufassen. Es gehört Dad.«
»Ich habe ihm gesagt, ich habe meine Periode«, erwidert sie und leckt den Löffel ab.
Dad hasst Periodengespräche.
»Und zwar eine von der echt klumpigen Sorte.«
Ich rümpfe die Nase. »Also echt, Ciara.«
»Ich weiß, er hätte mir alles dafür gegeben, dass ich den Mund halte. Du solltest das ruhig auch mal versuchen.«
»Nein danke.«
Sie verdreht die Augen.
»Wenn du nicht aufpasst, schickt er dich noch ins Krankenhaus. Hast du deine Periode nicht inzwischen seit drei Wochen ununterbrochen?«
Sie macht unschuldig große Augen »Ja, ich weiß, deshalb brauche ich ja so dringend Cookie-Dough-Eis.« Sie kichert. »Also, wie sieht’s aus, wirst du heute mit dem Großen Gerry Sex haben?«
»Halt bloß den Mund!«
Sie grinst. »Also ja. Großartig. Sexy Höschen.«
Ich schließe die Augen. »Ciara, als ich elf war, habe ich nie so geredet.«
»Na ja, ich bin fast zwölf, und ich tu es. Na los, was sind denn die Optionen?«
»Alles. Oder nichts.« Seufzend hebe ich ein paar Kleidungsstücke vom Boden auf. »Das hier. Oder das. Ich habe es sogar eigens für die Party heute gekauft.« Ich halte einen Jeansrock und ein Top in die Höhe. In diesem Licht, also in der Realität, passen die beiden echt nicht zusammen.
Obwohl Ciara erst elf ist, vertraue ich ihrer Meinung, ich glaube an ihren Stil, wenn auch mein Selbstbewusstsein leider meistens nicht ausreicht, ihre Empfehlungen zu befolgen.
Sie stellt den Eisbecher ab, lässt sich auf dem Bauch über die Bettkante hängen und wühlt in den Klamotten auf dem Boden. »Und wo wollt ihr es tun?«
»Ich habe doch gesagt, du sollst den Mund halten.«
»Im GAA-Club, direkt neben dem Sam-Maguire-Pokal? Oder du mit dem Arsch im Sam-Maguire-Pokal?«
Ich ignoriere sie.
»In der Toilette, neben einem Haufen alter Männer mit Tweedkappen, die ihre Eiersandwiches verdrücken? Im Personalraum, ans Regal mit den Chips gelehnt?«
Letzteres bringt mich zum Lachen. Das Lustigste an Ciara ist, dass sie sich selbst überhaupt nicht komisch findet und, selbst wenn sie die lustigsten Sachen sagt, nie lacht. Und ihr geht der Vorrat an skurrilen Einfällen nie aus. Sie rattert eins nach dem anderen runter, als stünde der beste Witz noch bevor, als wollte sie ihren Humor ein bisschen üben und verbessern.
Ich antworte nicht auf ihren Kugelhagel von Orten, an denen ich im GAA-Club Sex haben könnte, aber ich schaue ihr zu, wie sie meine Klamotten sortiert, während ich an den tatsächlichen Ort denke, den Gerry und ich anpeilen, nämlich bei Gerry zu Hause. Zusammen mit allen anderen Onkeln, Tanten und sonstigen Familienmitgliedern, die sich nicht die Ohren von der ihrer Ansicht nach abscheulichen Musik kaputtmachen lassen wollen, verlassen seine Eltern Eddies Party nämlich und feiern bei Eddies Eltern weiter. Die sind berühmt-berüchtigt für ihre Partys, bei denen bis in die frühen Morgenstunden gesungen wird. Das bedeutet, dass das Haus von Gerrys Eltern leer steht.
Ich erinnere mich, dass meine Mum mir erzählt hat, wie sie in dem kleinen Haus, in dem sie mit ihren Eltern und ihren acht Geschwistern aufgewachsen ist, alle ganz selbstverständlich lernten, einen Platz zu finden, der ihnen ganz allein gehörte. In einem Haus so voller Persönlichkeiten und Individualität war es praktisch eine Überlebensfrage – dieses Fleckchen, in dem man sich in der eigenen Phantasie verlieren, spielen, lesen, für sich sein und mitten im Chaos Ruhe und Einsamkeit finden konnte. Der Platz meiner Mum befand sich hinter der Couch, in der kleinen Höhle zwischen Wand und Lehne. Diejenigen ihrer Geschwister, die keinen solchen Platz gefunden haben, ruhen bis heute viel weniger in sich selbst. Dasselbe kann man von meinen Freundinnen sagen. Wir sind immer auf der Suche nach einem Ort, an dem wir ungestört mit unserem Freund zusammen sein können, und ein leeres Haus ist in dieser Hinsicht wie ein großes Geschenk. Aber selbst wenn wir drin sind, geht die Suche nach unserem eigenen Fleckchen weiter, sei es das Ende eines Sofas, eine dunkle Ecke oder ein leeres Zimmer. Heute Abend haben Gerry und ich endlich Platz und Zeit, um wirklich zusammen zu sein, ohne die ständigen neugierigen Blicke der anderen, ohne dass andauernd jemand etwas von uns will. Endlich können wir mitten in der Stille des leeren Hauses ein bisschen persönliches Chaos anrichten. Man kann ja nicht behaupten, dass wir nicht lange genug gewartet hätten – ein ganzes Jahr! Im Vergleich zu unseren Freunden sind Gerry und ich praktisch Nonnen. Das Vorhaben heute Abend war meine Idee, ich habe Gerry überredet, was allerdings nicht besonders schwer war. Ich bin bereit. Und du?, habe ich ihn gefragt.
Gerry ist vielleicht wild und lustig, aber auch ein großer Denker, der es sich meistens gründlich durch den Kopf gehen lässt, bevor er etwas Verrücktes tut. Zwar tut er es dann trotzdem, aber zuerst grübelt er eine Weile.
Schon wieder wird an die Tür geklopft, und ich bin kurz davor zu explodieren.
»Gerry wartet«, ruft Dad. Vermutlich hat Mum ihn geschickt, weil sie selbst nicht noch mal eine Abfuhr ertragen kann.
»Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut«, ruft Ciara.
»Aber schneller, als Holly sich anzieht«, antwortet er. Ciara lacht sarkastisch, und wir hören Dad den Korridor wieder runterwandern.
»Du bist immer so fies zu ihm«, lache ich, aber eigentlich tut Dad mir leid.
»Ach, nur vordergründig.« Sie zieht ein Kleid aus dem Haufen. »Nimm das hier.«
»Mit dem habe ich angefangen.«
Ich halte das Kleid an mich und schaue in den Spiegel.
»Von vorn sieht es eindeutig besser aus«, sagt Ciara von hinter mir, wo sie hauptsächlich meine Unterwäsche sieht.
Das Kleid ist aus schwarzer Seide, mit Spaghettiträgern und sehr kurz und eng.
»Auf dem Schwarz sieht man die Blutflecken nicht so«, sagt sie.
»Ciara, du bist echt eklig«, erwidere ich kopfschüttelnd.
Aber sie zuckt bloß die Achseln und greift nach ihrem Eisbecher. Dann verschwindet sie.
Als ich nach unten gehe, kommt Mum aus der Küche, um mich zu begutachten. Sie mustert mich stolz, besorgt und auch mahnend. Ich erkenne und verstehe alle drei Gesichtsausdrücke. Alles, was meine Eltern sagen und tun, hat verschiedene Bedeutungsebenen. Zum Beispiel können sie sagen: »Viel Spaß«, aber ihr Ton bedeutet, dass sie ihre eigene Vorstellung von Spaß meinen. Wenn ich tatsächlich der Art von Spaß nachgehe, die ich meine, muss ich mit Konsequenzen rechnen.
Dad, Declan und Ciara schauen Beadles About im Fernsehen, und Declan brüllt vor Lachen. Jack und Gerry sind im Hobbyraum und spielen Sonic auf Jacks neuem Sega Mega Drive. Genau wie Eddie gehören auch Jack und das Mega Drive zu Gerrys Suchtverhalten. Ich habe zahllose Abende und Wochenenden in diesem Raum mit den beiden vergeudet. Heute riecht es hier allerdings nicht wie sonst nach dreckigen Socken und Käsefüßen, sondern nach Aftershave.
Gerry glotzt auf den Bildschirm und spielt Sonic.
Jack wirft mir einen kurzen Blick zu und pfeift auf spöttische Art bewundernd. Ich warte an der Tür, dass Gerry endlich Schluss macht und mich ansieht, außerdem rechne ich fest damit, dass Jack noch mehr blöde Bemerkungen macht, die ich ignorieren werde. Ich weiß, dass er Gerry mag, ich weiß, dass er mich jederzeit gegen ihn eintauschen würde. Seine abschätzigen Bemerkungen und stereotypen Bruderkommentare macht er eher aus Pflichtgefühl und Verlegenheit heraus – weil er glaubt, sie würden von ihm erwartet.
Gerrys Gesicht ist hochkonzentriert, die Lippen geschürzt, die Stirn gerunzelt. Er trägt Bluejeans und ein weißes Hemd. Gel in den Haaren. Seine blauen Augen funkeln. Er hat genug CK One für alle Partygäste zusammen aufgetragen. Ich beobachte ihn und lächle. Als würde er meine Sehnsucht spüren, reißt er den Blick endlich von dem Spiel los. Erst schnell, dann ganz langsam wandert sein Blick an mir hinauf und hinunter. Ich habe Schmetterlinge im Bauch. Ich wünschte, wir könnten die Party einfach schwänzen.
»Oh nein!«, brüllt Jack und boxt in die Luft. Gerry und ich erschrecken beide.
»Was denn?« Gerry sieht ihn an.
»Du bist tot.«
»Ist mir egal«, grinst Gerry und schleudert Jack den Controller auf den Schoß. »Ich bin dann mal weg.«
»Pfoten weg von meiner Schwester.«
Grinsend kommt Gerry auf mich zu, ohne mich eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Außerhalb von Jacks Blickfeld hebt er die Hände, öffnet sie weit und beugt dann die gespreizten Finger, als wollte er meine Brüste anfassen und kräftig drücken. Neben mir geht die Tür auf.
Es ist Ciara.
Zwar lässt Gerry die Hände eilig wieder sinken, aber meine Schwester hat alles gesehen, auch Gerrys knallroten Kopf.
»Nett. Ist das euer Vorspiel?«
Die Party im Erin’s Isle ist genauso, wie ich sie mir vorgestellt habe, nur dass ich es diesmal hautnah erlebe. Das ist leichter als in meiner Vorstellung. Der Saal ist gefüllt mit Gerrys Cousins und Cousinen, Onkeln, Tanten, die sich über ihre Teller mit Sandwiches, Chicken Wings und Cocktailwürstchen hinweg prächtig unterhalten. Gegen zehn habe ich meinen erlaubten alkoholischen Drink konsumiert, den in wortlosem Einverständnis genehmigten zweiten um elf. Wie geplant blasen die älteren Gäste um elf zum Aufbruch, und Eddie startet eine Conga-Line, um sie einmal durchs Gebäude und dann zu ihren Autos und Taxis nach draußen zu führen. Danach legt der DJ auf, und die Musik wird so laut, dass kein zivilisiertes Geplauder mehr möglich ist. Ich kippe schnell meinen dritten Drink herunter und denke, ich habe bestimmt noch Zeit für einen vierten – ich vermute nämlich, unser Plan, uns einfach davonzustehlen, wird daran scheitern, dass Eddie den ganzen Abend Gerry in Beschlag nimmt. Als das Geburtstagskind zur Tanzfläche geht, um seinen Comedy-Breakdance vorzuführen, eine Show, bei der Gerry für gewöhnlich als williger Sidekick fungiert, bin ich schon unterwegs, mir etwas zu bestellen. Aber ich irre mich. Diesmal entscheidet Gerry sich tatsächlich für mich.
Er flüstert Eddie etwas zu, Eddie grinst und klopft Gerry auf den Rücken. Wie peinlich. Ich kann nur hoffen, dass Gerry ihm nichts von unserem Vorhaben erzählt hat, aber allein die Tatsache, dass wir früher gehen, ist ja schon verräterisch genug. Eddie schleppt Gerry übers Tanzparkett in meine Richtung, umarmt mich und drückt mich so fest an sich, dass ich kaum Luft kriege. Gerry freut sich dermaßen über diese Begegnung seiner beiden liebsten Menschen, dass er nichts dagegen unternimmt.
Dann zieht Eddie, verschwitzt und betrunken, uns beide an sich.
»Ihr zwei«, lallt er und drückt uns. »Du weißt ja, dass ich diesen Jungen liebe«, fügt er, an mich gewandt, hinzu, wobei eine Ladung seiner Spucke auf meiner Lippe landet. Aber ich bin zu höflich, um sie wegzuwischen. Eddies verschwitzte Stirn drückt sich glitschig an meine. Ich kann nur daran denken, dass er mein Make-up ruiniert.
»Ich liebe diesen Jungen, ehrlich«, fährt Eddie fort und küsst Gerry ungeschickt auf den Kopf. »Und er liebt dich.«
Noch einmal erdrückt er uns fast, und obwohl mir klar ist, dass er es nett meint und wirklich gerührt ist, tut es trotzdem weh. Dieser Junge, der auf dem Fußballfeld erwachsene Männer umrennt, kennt seine eigene Kraft nicht. Sein glänzender spitzer Partyschuh steht auf meinen Zehen, es zwackt und schmerzt. Ich konzentriere mich darauf, mich so klein wie möglich zu machen.
»Er liebt dich«, wiederholt er, ohne uns loszulassen. »Und du liebst ihn auch, stimmt’s?«
Ich schaue Gerry an. Im Gegensatz zu mir scheint ihn diese chaotische Demonstration von Liebe und Vertrautheit tatsächlich zu rühren. Ihm scheint es auch nichts auszumachen, zerquetscht und mit Schweiß und Spucke beträufelt zu werden. Und auch nicht, dass sein Freund mit Gewalt die Liebe aus seiner festen Freundin herauspressen will.
»Ja«, sage ich trotzdem und nicke.
Gerry schaut mich mit großer Zärtlichkeit und noch größeren Pupillen an. Er ist betrunken, aber das macht nichts, denn ich fühle mich auch ziemlich angeheitert. Auf seinem Gesicht erscheint ein Lächeln, das so albern aussieht, dass ich lachen muss.
»Jetzt macht, dass ihr wegkommt, ihr beiden«, sagt Eddie und entlässt uns endlich aus seinem Griff, zerzaust Gerry noch einmal die Haare und drückt ihm einen weiteren brutalen Kuss auf den Kopf, ehe er sich auf den Rückweg zur Tanzfläche macht, um mit einem seiner Teamkollegen um die Wette zu tanzen.
So schnell wir können, eilen wir zu Gerrys Haus, wild entschlossen, keine Sekunde unserer kostbaren Zeit zu vergeuden. Gerry ist ein Schatz, Gerry ist rücksichtsvoll. Wir denken beide an den anderen, und das macht es für beide umso besser. Er zündet eine Kerze an und legt Musik auf. Mit sechzehn und siebzehn sind wir die Letzten aus unserem Freundeskreis, die noch keinen Sex hatten, und gleichzeitig das Pärchen, das am längsten zusammen ist. Ich bin eingebildet genug, um zu denken, dass Gerry und ich anders sein werden, und wir sind beide eingebildet genug, um dafür zu sorgen, dass es genauso wird, wie wir es wollen. Ich hasse das Wort eingebildet, aber so sehen uns die anderen. Wir haben zusammen genügend Selbstvertrauen, unser eigenes Ding zu machen und nicht der Masse zu folgen, nach unserem eigenen Rhythmus zu tanzen, statt zu marschieren. Viele stört das, gelegentlich isoliert es uns von den anderen, aber wir haben einander, deshalb ist es uns egal.
Wir schlafen miteinander, sanft und tief. Gerry findet sein Versteck in mir, und wenn ich mich um ihn schlinge, bin ich geschützt. Gemeinsam schaffen wir uns unseren Platz in der Welt. Später küsst er mich zärtlich, und sein Blick sucht meinen, um zu ergründen, wie es mir geht, was in meinem Kopf vor sich geht.
»Eddies Umarmung hat mehr weh getan«, sage ich, und er lacht.
Ich wünschte, ich könnte die Nacht mit ihm verbringen, am nächsten Morgen in seinen Armen erwachen, aber das ist unmöglich. Unsere Liebe ist begrenzt, vieles wird noch von anderen entschieden, wir können den zarten Moment des Erwachens bei Sonnenaufgang nur genießen, wenn andere es uns gestatten. Meine Sperrstunde war drei Uhr, und so spät ist es auch schon, als ich Gerry aus dem Taxi zum Abschied zuwinke.
Ich bin gerade erst eingeschlafen, als Mum mich schon wieder weckt, und ich fürchte schon, dass sie mir irgendwie auf die Schliche gekommen ist. Aber der frühmorgendliche Notfallanruf hat nichts mit uns zu tun. Gerry ist am Telefon, und er weint.
»Holly«, seine Stimme klingt erstickt, er schluchzt, und mich überfällt die Panik. »Eddie ist tot.«
Nachdem die Party in Erin’s Isle zu Ende war, sind Eddie und seine Freunde in einen Club in der Leeson Street umgezogen. Eddie torkelte betrunken herum und verabschiedete sich von seinen Freunden, um ein Taxi für die Heimfahrt herbeizuwinken. Man fand ihn bewusstlos auf der Straße. Fahrerflucht. Er starb, ehe er das Krankenhaus erreichte.
Gerry zerbricht fast an Eddies Tod. Zwar funktioniert er irgendwie, aber nicht richtig, und ich weiß, dass er nie wieder so sein wird wie davor. Ich verliere ihn nicht, ganz im Gegenteil. Alle Teile von Gerry, die unsinnig waren, verschwinden, und alle, die ich liebe, werden noch stärker und schöner.
Ich werde nie erfahren, ob es daher kam, dass wir ausgerechnet in Eddies letzten Stunden Sex hatten, unsere alten Formen einschmolzen und gemeinsam zu etwas Neuem wurden, oder ob es Eddies Tod war. Ich denke, es war beides. Eddies Tod war ein so grässliches Ereignis in unserem Leben, wer kann wissen, welches Erlebnis welchen Teil in uns verändert hat. Doch ich merke, dass beides uns näher zueinander bringt, und ich weiß, dass Gerry und ich einander umso näher kommen, je mehr die Welt um uns herum aus den Fugen gerät.
Da ist die Beerdigung.
Und dann kommt etwas Neues.
Wir sitzen mit Eddies Eltern, seinem Bruder und seiner Schwester im Wohnzimmer, alle sind immer noch fassungslos. Gerry tut es leid, dass er nicht bei Eddie war. Er hätte Eddie nicht allein den Heimweg antreten lassen, sondern hätte ihn zum Taxi geführt, auf den Rücksitz verfrachtet und nach Hause gebracht. Aber wir wissen beide, dass Eddie von unserer Liebe wusste, dass er uns unterstützte und noch näher zusammenbringen wollte. Er hat uns beide umarmt, fast zerquetscht, und uns fortgeschickt. Wir müssen kein schlechtes Gewissen haben, es bleibt nur das Bedauern, dass Gerry ihn nicht retten und alles zu einem guten Ende bringen konnte.
»Aber wenn ich bedaure, dass ich nicht mit Eddie in den Club gegangen bin, dann würde ich auch bedauern, was in dieser Nacht zwischen uns passiert ist«, sagt Gerry, als wir allein sind. »Und das bedaure ich keine Sekunde.«
Eddies Mum bringt uns nach oben, um uns Eddies unausgepackte Geburtstagsgeschenke und ungeöffnete Glückwunschkarten zu zeigen. Ein Berg von hübsch eingewickelten Geschenken. Seine Eltern haben sie in einem großen Müllsack von der Party mit nach Hause gebracht.
»Ich weiß nicht, was ich damit machen soll«, sagt Eddies Mum.
Wir schauen auf den Berg von bestimmt dreißig oder vierzig Päckchen.
»Sollen wir Ihnen beim Auspacken helfen?«, fragt Gerry.
»Und was mache ich dann damit?«
Wir sehen uns in Eddies Zimmer um. Überall sind Eddies Sachen. Dinge, die er berührt hat, Dinge, die nach ihm riechen, die seine Energie enthalten, etwas bedeuten und eine Geschichte haben. Trophäen, Pullis, Poster, Teddys, Computerspiele, Bücher fürs College, lauter Sachen, die etwas darüber verraten, wer er war. Aber die ungeöffneten Päckchen haben im Grunde nichts mit ihm zu tun, sie hatten nie die Chance, sein Leben in sich aufzunehmen.
»Wollen wir sie nicht zurückgeben?«, frage ich.
Gerry wirft mir einen Blick zu, erschrocken, dass ich so etwas sage. Einen Moment bekomme ich Angst, dass es falsch war oder dass ich irgendetwas missverstanden habe.
»Würdet ihr das für uns tun?«, fragt Eddies Mum.
Ich knie mich auf den Boden und öffne eine kleine Faltkarte, die an einem Geschenk klebt, das blaue Papier ist mit Fußbällen dekoriert.
»Paul B.«, lese ich.
»Paul Byrne«, sagt Gerry. »Ein Teamkumpel.«
»Du kennst sie alle, Gerry«, sagt Eddies Mutter.
»Bei jedem Geschenk ist eine Karte dabei«, stelle ich fest. »Das schaffen wir.« Ich schaue Gerry an, er macht einen unsicheren Eindruck. »Ein Geschenk von Eddie für seine Freunde.«
Ich weiß nicht, warum ich das sage. Ich glaube, ich versuche, Gerry die Idee schmackhaft zu machen, weil ich merke, dass seine Mutter es möchte. Aber nach einer Weile glaube ich auch selbst daran. »Ein letztes Geschenk von Eddie, wo auch immer er jetzt sein mag.«
Daran hält Gerry sich fest. In den nächsten Wochen machen wir das Zurückgeben der Geschenke zu unserer Mission, wir identifizieren die Geber, suchen sie auf und bringen ihnen zurück, was sie Eddie geschenkt haben. Und jedes Geschenk erzählt eine Geschichte über Eddie, die uns die Menschen, die ihn beschenkt haben, gern erzählen: Warum sie dieses Geschenk ausgesucht haben, was dahintersteckt. Jedes Mal, wenn von ihm erzählt wird, ist Eddie wieder lebendig. Und obwohl alle ihr eigenes Geschenk zurückerhalten, bekommen sie auch etwas von Eddie. Etwas, das sie aufbewahren werden. Es ist Eddies Geschenk, und es zu behalten, erhält ihn lebendig, ganz gleich, ob es ein Fußballtrikot ist, ein Paar witzige Boxershorts oder ein Kompass, den ein Onkel seinem Neffen, dem Pfadfinderjungen, geschenkt hat, damit er sich nie mehr verirrt. Welches Geschenk auch immer, ob groß oder klein, sentimental oder lustig, ist ein Symbol ihrer Freundschaft. In den Sommerferien bringen Gerry und ich alles zurück. Zwar haben wir unsere Ferienjobs, aber jede freie Stunde verbringen wir mit unserer Mission, fahren im Auto von Gerrys Dad mit Gerrys vorläufigem Führerschein durch die Gegend, nur wir beide, und erledigen diese wichtige Erwachsenenaufgabe mit neu entdeckter Freiheit.
Wir sind zu einer neuen Form zusammengeschmolzen. Ich habe es erlebt, ich habe es gefühlt. Er lag in meinen Armen. Er war in mir.
Sex, Tod, Liebe, Leben.
Ich bin sechzehn, Gerry siebzehn. Alles, was um uns herum zerbricht, bringt uns noch enger zusammen, denn ganz gleich, wie chaotisch die Umgebung ist, muss doch jeder einen Ort für sich finden, an den er sich zurückziehen kann – denn sonst kann man die eigenen Gedanken nicht hören. Und wir sind füreinander dieser Ort.
Wir erschaffen unseren eigenen Raum, und wir leben darin.