Kapitel 15

Bei der Arbeit bewege ich mich langsamer als sonst durch den Laden, aber ich komme ganz gut zurecht. Natürlich kann ich nicht Rad fahren, aber ich bin dankbar, dass ich einen Automatikwagen habe, denn hier stört mich mein eingegipster linker Fuß wenig, ich kann die Pedale problemlos mit dem rechten bedienen. Ich bin bereit, zum Alltag überzugehen. Seit meinem Treffen mit dem »P. S. Ich liebe Dich«-Club ist über ein Monat vergangen, ich habe nichts mehr von den Leuten gehört, möchte mich aber unbedingt so bald wie möglich engagieren. Bert hatte schon eine ganz klare Vorstellung, was er mit seinen Briefen erreichen will, aber meiner Ansicht nach war seine Idee auch die unsinnigste. Zu hören, was er für seine Frau tun möchte, hat mir noch einmal ganz deutlich ins Gedächtnis gerufen, was Gerry für mich getan hat, und ich habe das ungute Gefühl, dass Bert irgendetwas völlig falsch verstanden hat. Sollte ich die Chance bekommen, der Gruppe zu helfen, ist Bert der Erste auf meiner Liste.

Also wähle ich seine Nummer. Ob der Club mich überhaupt zurückhaben will, nachdem ich ihm meine Hilfe verweigert habe? Würde der Gips mich nicht – wie bei vielen anderen Dingen – auch in diesem Fall ausbremsen, würde ich vor Nervosität auf und ab wandern, während ich darauf warte, dass Bert ans Telefon geht.

»Hi, Bert, hier ist Holly Kennedy.«

»Holly Kennedy?«, keucht er.

»Von dem Podcast damals. Ich war vor einiger Zeit bei einem Treffen Ihres Clubs.«

»Ach, die ›P. S. Ich liebe Dich‹-Holly«, sagt er.

»Wie geht es Ihnen, Bert?«

»So lala«, schnauft er. »Hatte eine … Lungenentzündung … bin gerade wieder nach Hause gekommen … so lange … ich noch kann.«

»Tut mir leid, das zu hören.«

»Zu Hause ist es besser.« Seine Stimme ist nicht mehr als ein kratziges Flüstern.

»Haben Sie Ihre Briefe schon geschrieben?«

»Ja. Wir haben beschlossen weiterzumachen.«

»Es tut mir leid, dass ich Sie alle im Stich gelassen habe.«

»Sie haben nichts getan, was Ihnen leidtun müsste.« Er hustet, so laut und heftig, dass ich mein Telefon ein Stück vom Ohr weg halten muss.

»Aber ich habe mich gefragt, ob Sie sich eventuell immer noch von mir helfen lassen wollen.« Während ich auf seine Antwort warte, merke ich, wie sehr ich mir wünschte, dass er ja sagt.

»Sie haben es sich also anders überlegt.«

»Vielleicht habe ich endlich mal in mein Herz gesehen.«

»Na, na, jetzt seien Sie mal nicht so streng mit sich«, stößt er atemlos hervor.

»Ich habe mich nicht klar ausgedrückt, als wir uns in Joys Haus getroffen haben. Ich war in einer seltsamen Stimmung und habe mich sehr unbehaglich gefühlt. Aber ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich es nicht geschafft habe, Sie zu unterstützen. Ich fürchte, ich habe mich extrem defensiv verhalten und den Eindruck vermittelt, ich wäre mit Gerrys Briefen nicht zufrieden. Aber das stimmt nicht. Bitte erlauben Sie mir, dass ich meinen Fehler wiedergutmache. Könnte ich mir Ihre Briefe vielleicht gelegentlich anschauen und Ihnen ein paar Tipps geben? Aus der Perspektive der Menschen, die Sie lieben.«

»Das würde mir sehr gefallen«, flüstert er.

Seine Reaktion erleichtert mich, und meine Zuversicht wächst. »Gerrys Briefe waren für mich aus vielerlei Gründen etwas Besonderes. Inzwischen ist mir klargeworden, was Gerry eigentlich für mich getan hat – er hat ein Gespräch zwischen uns angefangen. Oder besser, er hat das Gespräch zwischen uns fortgesetzt. Selbst nach seinem Tod hatten wir noch eine Beziehung zueinander, eine Verbindung, die mehr war als nur das Heraufbeschwören gemeinsamer Erinnerungen. Wir haben nach seinem Tod neue Momente entstehen lassen. Das ist die wahre Magie, der Zauber an der ganzen Geschichte, und vielleicht sollten Sie sich darauf konzentrieren. Ihre Briefe an Rita sind kein Entertainment – na ja, jedenfalls nicht nur – und auch kein Test, wie sehr Rita Sie liebt. Ich bin sicher, dass Sie so etwas auch nicht erreichen wollten.«

»Nein.«

»Interessiert Rita sich für Geschichte?«

»Geschichte? Nein.«

»Nimmt eine Ihrer Fragen Bezug auf einen Witz, den nur Sie beide verstehen oder der für Sie beide eine besondere Bedeutung hat?«

Ich warte.

»Nein.«

»Okay. Falls Sie immer noch Wert auf meinen Rat legen, würde ich vorschlagen, dass Sie Ihrer Frau Fragen stellen, die sich nur auf Sie beide beziehen, Fragen, auf die nur Sie beide die Antwort wissen. Personalisieren Sie Ihr Quiz, so dass es eine Bedeutung für Rita bekommt und eine ganz spezielle Erinnerung in ihr wachruft, und führen Sie sie dann leibhaftig an den betreffenden Ort, um die Erfahrung noch intensiver zu machen. Schicken Sie Rita auf eine Reise, Bert, und geben Sie ihr dabei das Gefühl, dass Sie direkt neben ihr, gemeinsam mit ihr unterwegs sind.«

Er schweigt.

»Bert?« Ich bleibe stehen. »Sind Sie noch da?«

Es klingt, als würde er ersticken.

»Bert?«, frage ich noch einmal. Allmählich bekomme ich Panik.

Aber dann höre ich, wie er anfängt zu lachen, keuchend, heiser. »War bloß … ein Witz.«

Ich verfluche seinen Humor.

»Aber vermutlich muss ich noch mal ganz von vorn anfangen«, fügt er hinzu.

»Wenn Sie möchten, kann ich irgendwann diese Woche nach der Arbeit bei Ihnen vorbeikommen, dann planen wir alles. Wäre das okay?«

Pause. »Heute Abend. Ich habe … nicht viel … Zeit.«

./.

Wie versprochen besuche ich Bert nach Ladenschluss. Sein Betreuer öffnet mir die Tür, und während er mich ins Haus führt, gebe ich ihm, wie immer, wenn jemand mich auf meine Krücken und den Gips anspricht, die üblichen Auskünfte. Berts Familie hat sich im Wohnzimmer versammelt, und ich setze mich wie in einem Warteraum auf einen Stuhl im Korridor. Genau wie bei uns damals, als Gerry krank war, hat man das Wohnzimmer zu einem Krankenzimmer umfunktioniert, damit Bert keine Treppen überwinden muss. So konnte ich jederzeit bei Gerry sein, selbst beim Zubereiten des Essens, das er nie aß, und er fühlte sich besser in Kontakt mit der Welt. Allerdings wollte Gerry immer lieber baden als duschen, und die einzige Badewanne stand nun einmal im oberen Stockwerk. Wir ließen einen Treppenlift einbauen, den Gerry hasste, aber da er es noch mehr hasste, sich auf mich stützen zu müssen, überwand er seinen Stolz. In der Badewanne konnte er die Augen schließen und sich entspannen, während ich ihn mit dem Schwamm wusch. Ihn zu baden, zu halten, abzutrocknen und anzuziehen waren die intimsten Augenblicke, die wir je zusammen hatten.

Die Tür zum Wohnzimmer ist geschlossen, aber ich höre, dass Bert sehr viel Besuch haben muss, und am lautesten sind die Kinderstimmen. Um ein zusätzliches Überraschungselement zu schaffen, soll der »P. S. Ich liebe Dich«-Club für die Angehörigen geheim bleiben, und ich weiß nicht, was Bert seiner Familie über mich erzählt hat – vorausgesetzt, er hat überhaupt etwas von mir erzählt. Aber der Buchclub ist zum Glück eine gute Tarnung, und ich habe eine Sportlerbiographie mitgebracht, um eventuell eine Ausrede zu haben.

Plötzlich dringt Musik aus dem Zimmer, ein Chor wunderschöner junger Stimmen singt »Fall on Your Knees« – die Enkel wollen ihren Großvater aufmuntern. Im Gegensatz zu den Erwachsenen und zu Bert selbst wissen sie womöglich nicht, dass sie sich bald von ihm verabschieden müssen. Wahrscheinlich schaut Bert seinen Enkelkindern beim Singen zu, überlegt sich, wie ihre Zukunft aussehen mag, hofft, dass sie ein gutes Leben haben werden, und kämpft mit dem Wunsch, es miterleben zu dürfen. Vielleicht macht er sich auch Sorgen um ihre Eltern, die mit angestrengtem Lächeln ihre Trauer zu überspielen versuchen, während sie dem kleinen Chor zuhören. Bert spürt ihren Schmerz, fühlt, wie sehr sie sich bemühen, er kennt die Hürden, die sie in der Vergangenheit schon überwinden mussten, und macht sich Gedanken, wie sie zukünftig zurechtkommen werden. Selbst auf dem Sterbebett kann er nicht damit aufhören, an seine Kinder zu denken, und auch sie sorgen sich um ihn. Er ist ja ihr Vater, für immer. Vielleicht denkt er auch an Rita, daran, was sie allein wird durchmachen müssen, wenn er nicht mehr bei ihr ist. All das geht mir durch den Kopf, während ich den Kinderstimmen zuhöre.

Dann geht die Tür auf, und mit fröhlichen Rufen – »Auf Wiedersehen, Granddad«, »Wir lieben dich, Granddad« – strömen Berts Enkel aufgeregt auf den Korridor, hüpfen und springen, plaudern munter miteinander. Ihnen folgen Berts Kinder und Schwiegerkinder, die mir im Vorbeigehen zulächeln und dann weiter zur Haustür eilen, wo sie Rita – eine zierliche Frau in rosa Golfhose und Pullover, Perlenkette und farblich passendem Lippenstift – zum Abschied in den Arm nehmen. Sobald Rita die Tür hinter dem letzten Gast geschlossen hat, stehe ich langsam auf.

»Tut mir leid, dass Sie warten mussten«, begrüßt Rita mich freundlich. »Ich fürchte, Bert hat mir gar nicht gesagt, dass Sie eine Verabredung mit ihm haben. Ach herrje, was ist denn mit Ihnen passiert?«, fügt sie hinzu, als sie meinen Gips entdeckt.

Überraschenderweise scheint sie nach der Szene, die ich von draußen miterlebt habe, kein bisschen bewegt zu sein, jedenfalls nicht so sehr wie ich. Aber ich erinnere mich an das Gefühl, in jeder Situation die Stärkste sein zu müssen, denn sonst würde nichts mehr funktionieren. Große Gefühle, Abschiede und Gespräche über das Ende, alles wird Normalität, und die Seele wappnet sich doppelt und dreifach, wenn sie damit konfrontiert ist. Doch nur in Gesellschaft anderer Menschen. Wenn ich allein war, konnte manchmal alles über mich hereinbrechen.

»Ein Fahrradunfall«, antworte ich. »Aber zum Glück bin ich den Gips bald los.«

»Bert wartet schon auf Sie«, sagt Rita und führt mich in sein Zimmer. »Ich setze Wasser auf. Tee oder Kaffee?«

»Tee bitte. Vielen Dank.«

Bert liegt auf einem Krankenhausbett im Wohnzimmer, die Sofas sind zur Seite geschoben. Er ist an seinen Sauerstoffbehälter angeschlossen, und als er mich sieht, gibt er mir Zeichen, die Tür zu schließen und mich zu ihm zu setzen. Ich tue es.

»Hi, Bert.«

Er deutet auf die Schläuche in seiner Nase und verdreht die Augen. Sicher, er strahlt nicht mehr so viel Energie aus wie bei unserer ersten Begegnung, aber es ist Leben in ihm, und seine Augen funkeln.

»Sie sehen schlechter aus als ich«, stößt er hervor und muss fast nach jedem Wort nach Luft schnappen.

»Das wird schon wieder. Nur noch vier Wochen mit dem Gips. Ich habe Ihnen dieses Buch mitgebracht, für unseren Buchclub.«

Er lacht leise, fängt aber an zu husten, und es klingt furchtbar. Ich stehe auf und gehe näher zu ihm, als könnte ich ihm helfen.

»Ich habe Rita aber etwas anderes erzählt«, sagt er, als es endlich vorbei ist.

»O Gott – will ich das überhaupt wissen?«

»Meine Füße«, erklärt er, und wackelt mit den Zehen, die er unter der Decke hervorgestreckt hat. Schuppige Plattfüße mit dicken, langen, gelben Zehennägeln. Um keinen Preis werde ich diese Füße anfassen.

»Fuß- … Massage- … Therapie.«

»Bert, da müssen wir uns aber etwas Besseres einfallen lassen«, entgegne ich.

Wieder kichert er, ihm macht seine Idee großen Spaß.

Von der Küche ist Geschirrgeklapper zu hören, Rita bereitet den Tee vor.

»Okay«, sage ich schließlich kopfschüttelnd. »Machen wir uns an die Arbeit. Haben Sie sich neue Fragen ausgedacht?«

»Es liegt alles unter meinem Kopfkissen.«

Ich helfe ihm beim Aufsetzen. Lachend ziehe ich die Papiere unter dem großen Kissenstapel hervor und gebe sie ihm.

»Schon als kleiner Junge wollte ich unbedingt einmal einen Banküberfall planen.«

»Na ja, jedenfalls haben Sie hier schon ausführlich Pläne geschmiedet.«

»Hatte ja nichts … Besseres vor.«

Er zeigt mir eine Karte mit bunten Stickern an verschiedenen Stellen. Zu meiner großen Erleichterung sind alle Orte in und um Dublin, aber seine Schrift ist so krakelig, dass ich sie kaum lesen kann.

»Schreiben ist schwierig«, sagt er, wahrscheinlich, weil er mein Problem bemerkt. »Am besten schreiben Sie alles noch mal ab.«

Im nächsten Moment nähern sich Schritte und Geschirrgeklapper der Tür. Schnell verstecke ich die Papiere unter meiner Jacke, die ich über den Stuhl gelegt habe, und öffne Rita die Tür.

»Hier kommt der Tee«, ruft sie.

Ich helfe ihr, den Servierwagen mit der hübschen Teekanne und nicht zusammenpassenden Tassen und Untertassen samt einem Plätzchenteller ans Bett zu schieben.

»Ist es Ihnen so bei der Arbeit im Weg?«, fragt sie besorgt.

»Aber nein, das geht schon«, antworte ich und merke dabei, wie unangenehm es mir ist, lügen zu müssen. »Ich kann es ja leicht wegschieben.«

Als alles an seinem Platz ist, verlässt Rita das Zimmer wieder, ganz bestimmt froh, eine Stunde für sich allein zu haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie es mir ging. Als mein Leben am schwierigsten war, schaute ich mir Fernsehprogramme über Wohnungsverschönerung oder Gartenpflege an, Kochsendungen – kurz gesagt alles, was mich ablenkte und irgendwie mit Umgestaltung und vor Überraschung weinenden Gästen zu tun hatte. Erst konnte ich mich in den alltäglichen Kümmernissen dieser Menschen verlieren und dann von ihren Hoffnungen anstecken lassen.

Bert lacht leise. Im Gegensatz zu mir liebt er Intrigen. Aber jetzt frage ich mich, ob es bei Gerry vielleicht auch so war. Ob er es genossen hat, ein Geheimnis ganz für sich allein zu haben, in einer Zeit, als sein Körper und sein Geist nicht mehr ihm gehörten, sondern von allen anderen in Besitz genommen und analysiert wurden.

Ich hole die Papiere wieder hervor und studiere sie.

»Sie haben Gedichte geschrieben?«

»Limericks. Rita ist der Lyrikfan, sie hasst Limericks«, sagt er mit einem schelmischen Funkeln in den Augen.

»Bert«, komme ich mit leiser Stimme auf unser Thema zurück. »Unter anderem habe ich Gerrys Briefe deswegen so geliebt, weil sie von Hand geschrieben waren. Das hat mir das Gefühl gegeben, dass er einen Teil von sich selbst für mich zurückgelassen hat. Seine Worte, von seiner Hand, aus seinem Kopf, aus seinem Herzen. Ich denke, es ist das Beste, wenn Sie Ihre Limericks auch selbst schreiben.«

»Ach ja?« Er sieht mich an, und ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser große Mann mit den riesigen Pranken und breiten Schultern jemals einen Kampf gegen irgendetwas verlieren konnte. »Rita hat meine Handschrift nie gemocht und darauf bestanden, alle Glückwunschkarten und Ähnliches selbst zu schreiben. Ihre Handschrift ist wunderschön. Es wäre mir recht, wenn Sie für mich schreiben könnten.«

»Na gut. Oder ich könnte alles ausdrucken. Dann ist es wenigstens nicht direkt von mir.«

Bert zuckt die Achseln. Anscheinend macht es ihm keine großen Sorgen, wie die Botschaft übermittelt wird, sie soll nur ankommen. Ich blinzle nachdenklich. Anscheinend muss ich lernen, daran zu denken, dass nicht unbedingt jeder Mensch dieselben Prioritäten setzt wie ich. Es gibt keine allgemeingültigen Regeln für diese Briefe. Es kommt nur auf die Wünsche der Betreffenden an, nicht auf das, was ich wichtig finde.

»Und wir brauchen schönes Papier. Haben Sie Briefpapier?« Natürlich nicht. »Ich kann Ihnen welches besorgen.«

Er rührt weder die Kekse noch seinen Tee an. Neben seinem Bett steht ein Teller mit Obst, ebenfalls unberührt.

Nachdenklich schaue ich auf Berts Notizen und die Karte, ohne sie wirklich zu sehen, denn meine Gedanken rasen. Es wäre zu viel, ihn zu bitten, alles noch einmal zu machen, er hat getan, was er konnte, so schnell er konnte.

»Bert«, sage ich schließlich. »Aber damit ich nichts Falsches aufschreibe, müssen Sie mir helfen.« Ich hole mein Telefon heraus. »Lesen Sie mir vor, was Sie aufgeschrieben haben.«

Er greift nach seiner Brille, schafft es aber nicht, die Anstrengung überfordert ihn. Ich stehe auf und hole sie für ihn.

Schwer atmend schaut er auf die Blätter und liest, ohne etwas zu sagen, das Luftholen raubt ihm die Worte. Dann hält er inne, ein Schleier legt sich über seine Augen, und auf einmal weint er wie ein kleiner Junge. Ich unterbreche die Aufnahme, nehme seine Hände und drücke sie fest. Aber er schluchzt immer heftiger. Schließlich nehme ich ihn in den Arm, und der alte Mann weint an meiner Schulter wie ein Kind. Als er fertig ist mit Lesen und Weinen, ist er vollkommen erschöpft.

»Bert«, sage ich leise. »Ich möchte das eigentlich nicht erwähnen, aber haben Sie irgendeine Lotion greifbar?«

Verwirrt reibt er sich die Augen trocken.

»Wenn wir unsere Tarnung aufrechterhalten wollen, dann muss ich dafür sorgen, dass Ihre Füße glücklicher aussehen, wenn ich gehe.«

Tatsächlich lacht er leise. Und in einer einzigen Sekunde verwandelt sich Kummer in Freude.