Kapitel 5
Natürlich habe ich Angela nicht umgebracht. Das weiß ich, aber ich weine, als wäre ich schuld an ihrem Tod. Ich weiß, dass ich mit einem Anruf, mit einem Besuch oder der Einwilligung, an ihren Veranstaltungen teilzunehmen, ihr Leben höchstwahrscheinlich nicht hätte verlängern können, und trotzdem weine ich, als hätte dazu eine Chance bestanden. Ich weine um all die irrationalen Gedanken, die mir durch den Kopf gehen.
Da Angela den Laden so großzügig unterstützt hat, fühlt Ciara sich verpflichtet, zu ihrer Beerdigung zu gehen, und obwohl Gabriel anderer Ansicht ist, finde ich, dass ich sogar noch mehr Grund dazu habe. In den Wochen vor Angelas Tod habe ich mich vor ihr versteckt und sie wiederholt abgewimmelt. Wir erinnern uns oft nicht daran, wie wir uns begegnet sind, aber meistens wissen wir noch genau, wie wir voneinander Abschied genommen haben. Als wir uns kennengelernt haben, habe ich auf Angela nicht den besten Eindruck gemacht, deshalb will ich mich jetzt wenigstens richtig verabschieden.
Ihre Bestattung findet in der Church of the Assumption in Dalkey statt, einer malerischen Kirche an der Hauptstraße des Orts, direkt gegenüber des Dalkey Castle. Ciara und ich bahnen uns einen Weg durch die Menschen, gehen direkt in die Kirche und setzen uns auf eine Bank ganz hinten. Die Trauergäste folgen dem Sarg und der Familie, die Kirchenbänke füllen sich rasch. An der Spitze des Zuges geht ein einzelner Mann, Angelas Ehemann, der Mann, mit dem ich auch am Telefon gesprochen habe. Ihm folgen weinende Familienmitglieder und Freunde. Ich bin froh, dass er nicht allein ist, dass die Menschen hier traurig sind und Angela vermissen und dass ihr Leben ganz offensichtlich von Liebe erfüllt war.
Zwar wird deutlich, dass der Pfarrer Angela nicht sehr gut kannte, aber er gibt sein Bestes. Er hat, wie eine Elster, die von glänzenden Gegenständen angezogen wird, alle grundlegenden Informationen gesammelt und spricht einfühlsam und freundlich über sie. Für die Trauerrede tritt eine Frau ans Rednerpult, und ein Fernsehbildschirm mit Kabeln und allem Zubehör wird in die alte Kirche geschoben.
»Hallo, mein Name ist Joy. Ich würde sehr gern ein paar Worte über meine Freundin Angela sagen, aber sie hat es mir strikt verboten. Denn sie wollte das letzte Wort haben. Wie üblich.«
Gelächter.
»Bist du bereit, Laurence?«, fragt Joy.
Ich kann die Reaktion von Angelas Ehemann weder sehen noch hören, aber im nächsten Moment erwacht der Bildschirm zum Leben, und Angelas Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Sie ist sehr dünn, die Aufnahme stammt eindeutig aus ihren letzten Lebenswochen, aber sie strahlt übers ganze Gesicht.
»Hallo, ihr alle, ich bin’s!«
Überall um mich herum schnappen die Menschen erstaunt nach Luft, und auch Tränen fließen.
»Ich hoffe, ihr habt überhaupt keinen Spaß, ohne mich muss das Leben doch schrecklich langweilig sein. Tut mir leid, dass ich nicht mehr da bin, aber was soll man machen? Wir müssen nach vorn blicken. Hallo, meine Lieblinge – mein Laurence, meine Jungs, Malachy und Liam. Hallo, meine Babys. Ich hoffe, ihr habt keine Angst vor eurer Grandma, ich wollte euch die Sache nämlich ein bisschen leichter machen. Also legen wir doch am besten gleich los. Hier sind wir in meinem Perückenraum.«
Ein Kameraschwenk, und nun sehen wir die Perücken, ein ganzes Regal voll, in allen möglichen Formen, Farben und Stilen, jede ordentlich einem Schaufensterpuppenkopf übergezogen.
»Wie ihr ja wisst, benutze ich ja schon seit einiger Zeit diese Haare, und ich danke Malachy, dass er mir diese hier von einem Musikfestival mitgebracht hat«, erklärt sie und zoomt auf eine Irokesenperücke, die sie dann von ihrem Puppenkopf holt und aufsetzt.
Alle lachen unter Tränen. Taschentücher kommen zum Einsatz, werden aus Handtaschen gekramt und durch die Bänke weitergereicht.
»Also, meine lieben Jungs«, fährt Angela fort, »ihr seid mir die liebsten Menschen auf der ganzen weiten Welt, und ich bin noch nicht bereit, mich endgültig von euch zu verabschieden. Deshalb habe ich unter jede Perücke auf diesen Puppenköpfen einen Briefumschlag geklebt. Ich möchte, dass ihr jeden Monat einen Kopf herunterholt, die Perücke aufsetzt, den Umschlag öffnet und an mich denkt. Ich bin immer bei euch. Ich liebe euch alle und danke euch für das glücklichste, erfüllteste Leben, das eine Frau, Ehefrau, Mutter und Großmutter sich nur wünschen könnte. Danke für alles.«
Sie hält kurz inne und fügt dann mit einer Kusshand hinzu: »P. S. Ich liebe euch.«
Ciara packt meinen Arm und dreht sich langsam zu mir um. »Ach du meine Güte …«, flüstert sie.
Der Bildschirm wird schwarz, alle weinen, selbst diejenigen, die ihre Tränen bisher zurückgehalten haben. Ich kann mir kaum vorstellen, wie sich Angelas Familie nach diesem Abschied fühlt. Und ich kann Ciara nicht ansehen. Mir ist übel, mir ist schwindlig, ich kriege keine Luft mehr. Niemand schenkt mir die geringste Aufmerksamkeit, aber mir ist das alles so peinlich, als wüsste jeder Bescheid über mich und über das, was Gerry für mich getan hat. Wäre es unhöflich, wenn ich die Kirche jetzt verlasse? Ich sitze so nahe bei der Tür, und ich muss unbedingt an die Luft, ins Licht, raus aus dieser beengenden Szenerie. Sonst ersticke ich. Leise stehe ich auf, halte mich kurz an der Rückenlehne der Bank fest, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen, und gehe zur Tür.
»Holly?«, flüstert Ciara hinter mir.
Endlich bin ich draußen und kann tief Luft holen, aber es reicht nicht, ich will weg von hier, nur weg.
»Holly!«, ruft Ciara, die mir gefolgt ist. »Ist alles in Ordnung mit dir?«
Ich bleibe stehen und schaue sie an. »Nein. Gar nichts ist in Ordnung mit mir.«
»Scheiße, das ist meine Schuld. Tut mir echt leid, Holly. Ich habe dich so gedrängt, bei meinem Podcast mitzumachen, obwohl du nicht wolltest. Ich habe dich praktisch dazu gezwungen, und das tut mir so leid. Alles ist meine Schuld. Kein Wunder, dass du Angela aus dem Weg gegangen bist. Jetzt verstehe ich es endlich. Und es tut mir total leid, ehrlich.«
Irgendwie schaffen ihre Worte es, mich wieder einigermaßen ins Gleichgewicht zu bringen – ich kann wirklich nichts dafür, dass ich mich so fühle. Ich habe das alles erlebt. Es ist nicht meine Schuld. Es ist unfair.
Ciara nimmt mich in den Arm, und ich lehne meinen Kopf an ihre Schulter, fühle mich so schwach und verletzlich und traurig wie früher. Aber das gefällt mir nicht. Ich will damit aufhören. Mit einem Ruck hebe ich den Kopf.
»Nein.«
»Was nein?«
Ich wische mir energisch die Augen und renne zum Auto. »So bin ich nicht mehr.«
»Wie meinst du das? Holly, schau mich an, bitte«, bettelt sie und versucht mich dazu zu bringen, ihr in die Augen zu sehen, während ich mich hektisch umschaue und mich anstrenge, meinen Blick zu schärfen und die Dinge aus der richtigen Perspektive zu betrachten.
»Das passiert mir nicht noch mal. Ich gehe zurück in den Laden. Zurück in mein Leben.«
Als die Zeitschrift, für die ich gearbeitet habe, damals Pleite machte und ich bei meiner Schwester im Laden anfing, entdeckte ich ein ganz neues Talent an mir: Ich kann echt gut sortieren. Während Ciara ein Händchen für alles Ästhetische hat, den Shop wunderschön dekoriert und jedes Stück genau an die richtige Stelle platziert, verbringe ich den Tag am liebsten im Lager und packe die Kartons und Müllsäcke aus, in denen uns die Leute ihre aussortierten Sachen bringen. Bei dieser Arbeit kann ich mich völlig verlieren, und vor allem in den Tagen direkt nach Angela Carberrys Begräbnis wirkt die Beschäftigung wie eine Therapie auf mich.
Als Erstes entleere ich alle Behältnisse auf den Boden, dann setze ich mich dazu, kontrolliere, ob etwas in den Taschen vergessen worden ist, und trenne Wertvolles von Ramsch. Schmuck poliere ich, bis er blitzt und blinkt, ich putze Schuhe, bis sie glänzen, und befreie alte Bücher von Staub. Was sich nicht zum Verkauf eignet, wird gleich aussortiert, zum Beispiel schmutzige Unterwäsche, einzelne Socken, gebrauchte Stoff- und Papiertaschentücher. Je nachdem, wie viel ich zu tun habe, erlaube ich mir gelegentlich, meiner Neugier freien Lauf zu lassen. Ich studiere Bons und Notizzettel, versuche festzustellen, wann der Gegenstand zum letzten Mal benutzt worden ist, und male mir das Leben der Person aus, der er gehört hat. Dann kommen die Klamotten in die Waschmaschine, durchlaufen ein komplettes Wasch- und Spülprogramm. Zerknitterte Teile behandle ich mit dem Dampfglätter. Alles von Wert bewahre ich auf – Geld, Fotos, aber auch Briefe, die an den Absender zurückgehen müssen. Wenn möglich, erstelle ich detaillierte Listen, wem was gehört. Wenn Leute ihren Kram einfach nur loswerden wollten, bringen sie ihre Kartons und Tüten in den Laden, ohne ihre Kontaktdaten zu hinterlegen, und in diesen Fällen ist eine Wiedervereinigung mit dem Besitzer natürlich nicht möglich. Aber manchmal gelingt es mir tatsächlich, etwas zuzuordnen. Wenn wir das Gefühl haben, ein Teil nicht verkaufen zu können, oder wenn etwas nicht in Ciaras Konzept passt, wir es aber auch nicht zurückgeben können, packe ich es wieder ein und leite es an eine Wohltätigkeitsorganisation weiter.
So verwandle ich Alt in Neu und werde belohnt mit dem Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun. Heute ist genau der richtige Tag, mich in einen Pappkarton mit Habseligkeiten zu vertiefen, die jemand in dem Augenblick, als er sie loswerden wollte, eingepackt und sie damit für uns zu einer Ware gemacht hat. Kurz entschlossen schleppe ich eine Bücherkiste aus dem Lager hinüber in den Laden. Ich setze mich neben sie auf den Boden und fange an, Buchcover abzustauben, Eselsohren zu glätten und zu prüfen, ob sich zwischen den Seiten irgendwo interessante Buchzeichen versteckt haben. Manchmal finde ich alte Fotos, die als Lesezeichen gedient haben. Meistens finde ich nichts, aber alles, was ich finde, ist wichtig. So bin ich ganz in die Welt des Sortierens versunken, als das Glöckchen über der Ladentür klingelt.
Ciara kämpft in einer anderen Ecke des Ladens mit einer arm- und kopflosen Schaufensterpuppe und bemüht sich, ihr ein gepunktetes Teekleid überzuziehen.
»Hallo«, begrüßt sie die Kundin trotzdem sehr freundlich.
Sie ist viel besser um Umgang mit den Kunden als ich. Wenn ich die Wahl habe, konzentriere ich mich lieber auf die Ware, während für Ciara der Kontakt mit den Menschen am wichtigsten ist. Vor fünf Jahren haben Mathew und sie den Laden eröffnet, nachdem sie das Haus in der St. George’s Avenue in Drumcondra, einem Stadtteil im Norden Dublins, gekauft hatten. In der Vorderfront war bereits ein großes Fenster, denn zuvor war hier ein Süßwarenladen gewesen, und die beiden wohnen in der Wohnung über dem Laden. Als Secondhandshop in einer ruhigen Wohnstraße ziehen wir nicht viel Laufkundschaft an, aber die Leute kommen gezielt hierher. Außerdem verschafft uns die Uni viele studentische Kunden, angelockt von den günstigen Preisen und dem Coolnessfaktor der Vintagekleidung. Ciara ist der Star des Ladens, sie organisiert Abendveranstaltungen, geht zu Messen, verfasst gelegentlich Zeitschriftenbeiträge oder tritt im Frühstücksfernsehen in einer Modesendung auf, in der sie die aktuelle Auswahl des Ladens zeigt. Wenn sie das Herz des Shops ist, dann ist Mathew, der die Buchhaltung, die Online-Präsenz und die technischen Aspekte des Podcasts managt, das Gehirn, und ich bin der Bauch des Ganzen.
»Hallo«, erwidert die Kundin Ciaras Gruß.
Ich kann sie nicht sehen, denn ich sitze auf dem Boden hinter einem Auslagenregal, deshalb halte ich mich raus und überlasse Ciara das Verkaufsgespräch.
»Ich glaube, ich kenne Sie«, sagt Ciara. »Sie haben bei Angelas Begräbnis die Trauerrede gehalten.«
»Ach, Sie waren auch da?«
»Ja, selbstverständlich, zusammen mit meiner Schwester. Angela hat den Laden immer phantastisch unterstützt, und wir werden sie sehr vermissen. Sie war eine echte Powerfrau.«
Jetzt bin ich ganz Ohr.
»Ihre Schwester war also auch da, sagen Sie?«
»Ja. Meine Schwester Holly. Aber momentan ist sie … sehr beschäftigt.« Zum Glück fällt Ciara gerade noch rechtzeitig ein, dass ich mich nach der Trauerfeier vor zwei Wochen strikt geweigert habe, über den Vorfall zu sprechen, und ganz sicher kein Interesse haben werde, mich mit dieser Frau zu unterhalten.
Ich habe genau das getan, was ich angekündigt habe – ich bin in den Laden und in mein Leben zurückgekehrt. Mit dem Versuch, die Beerdigung einfach zu vergessen, bin ich allerdings komplett gescheitert – ich kann gar nicht aufhören, an sie zu denken. Offensichtlich hat Angela sich von meinem Bericht über Gerrys Briefe inspirieren lassen, in ihren letzten Lebenswochen für ihre Familie etwas Ähnliches zu tun. Dafür habe ich Verständnis, aber die Sache mit der Visitenkarte ist mir unbegreiflich. Was in aller Welt kann sie mit diesem ›P. S. Ich liebe Dich‹-Club beabsichtigt haben? In den letzten Wochen habe ich mir darüber den Kopf zerbrochen, wollte es gleichzeitig wissen und doch lieber nicht wissen, und jetzt sitze ich hier, will nicht gesehen werden, aber trotzdem alles mithören.
»Hat Holly …?«, setzt die Frau an, lässt ihre Frage aber unvollendet und sagt stattdessen: »Ich heiße übrigens Joy, freut mich, Sie kennenzulernen. Angela hat diesen Laden hier geliebt. Wussten Sie, dass sie in diesem Haus aufgewachsen ist?«
»Nein! Das hat sie nie erwähnt. Nie. Unglaublich.«
»Ja, hier hat sie als Kind gelebt. Sieht ihr ähnlich, dass sie nie darüber gesprochen hat. Sie und ich waren Schulfreundinnen, ich habe um die Ecke gewohnt. Wir haben erst vor kurzem wieder Kontakt zueinander aufgenommen, aber ich weiß, dass Angela sich immer gefreut hat, ihre Sachen hierher bringen zu können, wo sie ihre Kindheit verbracht hat – nicht dass wir damals so schicke Sachen besessen haben. Ich kann mir so etwas bis heute nicht leisten.«
»Wow. Ich kann es immer noch nicht glauben«, sagt Ciara, die wahrscheinlich spürt, dass diese Frau nicht zum Stöbern hergekommen ist, denn sie fügt mit ihrer für gewöhnlich bewundernswerten, für mich in diesem Fall allerdings störenden Gastfreundlichkeit hinzu: »Hätten Sie gern einen Tee oder einen Kaffee?«
»Oh, Tee wäre wunderbar, danke. Mit einem Tropfen Milch bitte.«
Ciara geht ins Hinterzimmer. Ich höre Joy im Laden umhergehen und schicke ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie mich nicht entdeckt, obwohl mir völlig klar ist, dass sie mich über kurz oder lang finden wird. Ihre Schritte nähern sich. Halten inne. Ich blicke auf.
»Sie müssen Holly sein«, sagt Joy. Sie hat einen Stock.
»Hallo«, sage ich so unverbindlich, als hätte ich kein Wort von der Unterhaltung zwischen ihr und Ciara mitbekommen.
»Ich bin Joy. Eine Freundin von Angela Carberry.«
»Mein Beileid.«
»Danke. Es ging sehr schnell, sie hat am Ende rapide abgebaut. Ich frage mich, ob sie noch Gelegenheit hatte, mit Ihnen zu sprechen.«
Wäre ich höflich, würde ich jetzt aufstehen, damit die Frau mit dem Stock sich beim Reden nicht dauernd zu mir herunterbeugen muss. Aber ich habe gar keine Lust, höflich zu sein.
»Worüber denn?«
»Über ihren Club.« Joy greift in die Tasche und zieht eine Visitenkarte heraus. Die gleiche, die Gabriel mir gezeigt hat.
»Sie hat mir auch eine Visitenkarte geschickt, aber ich habe keine Ahnung, was sie bedeuten soll.«
»Angela – oder eigentlich wir beide zusammen haben eine Gruppe gegründet, und alle Mitglieder sind Fans von Ihnen.«
»Fans von mir?«
»Wir haben Ihren Podcast gehört, und was Sie gesagt haben, hat uns sehr berührt.«
»Danke.«
»Wären Sie vielleicht bereit, sich bei Gelegenheit einmal mit uns zu treffen? Ich möchte das, was Angela begonnen hat, gerne weiterführen …« Auf einmal hat sie Tränen in den Augen, entschuldigt sich aber sofort dafür. »Oh, tut mir leid.«
In diesem Moment kommt Ciara mit dem Tee zurück. »Alles in Ordnung mit Ihnen, Joy?« Sie wirft mir einen entsetzten Blick zu – da steht eine Frau am Stock und weint, und ich sitze völlig unbeteiligt mit einem Buch in der Hand auf dem Boden. Wie kaltherzig!
»Doch, doch, alles in Ordnung, danke. Tut mir sehr leid, ich bin wirklich eine Zumutung. Ich glaube, ich … ich muss mich nur ein bisschen sammeln.«
»Ruhen Sie sich lieber noch eine Weile bei uns aus«, entgegnet Ciara und führt Joy zu dem Sessel neben der Umkleidekabine, in einer Ecke mit einem Spiegel und tollen Vorhängen, immer noch in meinem Blickfeld. »Verschnaufen Sie hier doch einfach ein bisschen, bis es Ihnen wieder bessergeht. Hier ist Ihr Tee. Ich hole noch schnell ein Taschentuch für Sie.«
»Oh, das ist wirklich nett von Ihnen«, sagt Joy schwach.
Aber ich bleibe auf dem Boden sitzen. Erst als Ciara weg ist, frage ich: »Worum geht es denn bei diesem Club eigentlich?«
»Hat Angela Ihnen das nicht erklärt?«
»Nein. Sie hat lediglich hier die Visitenkarte für mich hinterlassen. Aber wir haben nie darüber geredet.«
»Tut mir leid, dass sie es Ihnen nicht erklärt hat. Bitte lassen Sie es mich nachholen. Als Angela von Ihrem Vortrag zurückkam, hat sie mir voller Begeisterung die Idee mit dem Club unterbreitet, und wenn Angela Carberry sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, war sie unnachgiebig. Sie konnte extrem hartnäckig sein, und nicht immer auf die richtige Art. Sie war es gewohnt, zu bekommen, was sie wollte.«
Ich muss daran denken, wie Angela mich am Arm gepackt und ihre Fingernägel in meine Haut gebohrt hatte. Mit einer Dringlichkeit, die ich falsch ausgelegt habe.
»Angela und ich sind zusammen zur Schule gegangen, aber dann haben wir uns aus den Augen verloren. Wie das eben so ist. Vor ein paar Monaten sind wir uns zufällig über den Weg gelaufen, und ich glaube, weil wir beide krank waren, wurde unsere Beziehung enger, als sie vorher je gewesen war. Nach Ihrem Vortrag hat sie mich angerufen und mir alles erzählt. Ihre Geschichte hat mich genauso sehr inspiriert. Deshalb habe ich noch ein paar anderen Menschen davon erzählt, weil ich dachte, sie könnten auch davon profitieren.«
Als Joy innehält, um Luft zu holen, merke ich plötzlich, dass ich den Atem anhalte. Mir ist eng um die Brust, mein Körper fühlt sich stocksteif an.
»Wir sind zu fünft – na ja, jetzt natürlich nur noch zu viert. Ihre Geschichte hat uns mit Hoffnung erfüllt. Wissen Sie, Holly, wir haben uns getroffen, weil wir etwas haben, das uns verbindet.«
Meine Finger umklammern das Buch so fest, dass es sich fast biegt.
»Bei uns allen wurde eine unheilbare Krankheit diagnostiziert. Wir sind nicht nur wegen der Hoffnung zusammen, die Sie in uns geweckt haben, sondern auch, weil wir ein gemeinsames Ziel verfolgen. Wir wollen für unsere liebsten Menschen Briefe schreiben, genau wie es Ihr Mann für Sie gemacht hat. Aber dafür brauchen wir dringend Ihre Hilfe, Holly. Uns fehlen nämlich die Ideen, und …« Sie holt Luft, als würde sie ihre Energie zusammenkratzen. »Und wir haben leider nicht mehr viel Zeit.«
Schweigen. Ich kann mich nicht von der Stelle rühren, während ich mich bemühe, das, was sie gesagt hat, zu verarbeiten. Mir fehlen die Worte, ich bin fassungslos.
»Jetzt habe ich Ihnen die Pistole auf die Brust gesetzt, das tut mir leid«, meint Joy verlegen. Dann versucht sie aufzustehen, die Teetasse in der einen, den Stock in der anderen Hand, und ich kann ihr nur benommen zuschauen. Ich bin so überwältigt, dass ich nichts mehr spüre, ich bin wie betäubt von der Traurigkeit, die Joy und die anderen Clubmitglieder empfinden müssen. Wenn überhaupt, dann bin ich verärgert, weil sie diese Themen wieder in mein Leben bringt.
»Warten Sie, ich helfe Ihnen!«, ruft Ciara, läuft zu ihr, nimmt ihr den Tee ab und streckt ihr den Arm hin.
»Vielleicht könnte ich Ihnen meine Telefonnummer dalassen, Holly, und wenn Sie wollen …« Sie schaut mich an, damit ich ihren Satz vollende, aber ich tue es nicht. Ich bin grausam und warte.
»Ich hole Stift und Papier«, kommt Ciara uns zu Hilfe.
Joy gibt Ciara ihre Kontaktdaten, und als sie geht, rufe ich ihr zum Abschied immerhin ein »Auf Wiedersehen« zu.
Dann klingelt das Glöckchen, die Tür schließt sich, Ciaras Vierzigerjahre-Peep-Toes – kombiniert mit Netzstrümpfen – klackern über den Holzfußboden und halten direkt neben mir an. Meine Schwester starrt mich an, studiert mich, und ich bin ganz sicher, dass sie gelauscht und alles gehört hat. Ich schaue weg und stelle das Buch ins Regal. Hier. Ja, ich glaube, das sieht gut aus.