Kapitel 36

An einem schönen Freitagabend fahre ich direkt von der Arbeit zur Eccles Street, schließe mein Fahrrad an einem Fahrradständer an, atme Sonne, frische Sommerluft und das geschäftige Treiben ein, das wie immer hier beim Mater Hospital und der Mater Privatklinik herrscht. Doch mein Ziel liegt gegenüber, bei der einst von wohlhabenden Bürgern erbauten georgianischen Häuserreihe. Einst prächtige Villen, wurden sie später als Mietskasernen genutzt – Nummer 7 erlangte Berühmtheit als das fiktive Wohnhaus von Leopold und Molly Bloom. Heute sind in den hübschen Häuschen die Büros von Psychologen, Fachärzten und diverse Ambulanzen untergebracht. Über der Stadt liegt, wie oft an einem Freitag, eine positive, entspannte Aura, das bevorstehende Wochenende verbreitet überall Feierstimmung, denn wieder einmal ist eine harte Arbeitswoche überstanden. Auch für die nächsten Tage sagen die Meteorologen warmes Altweibersommerwetter voraus und prophezeien gute Chancen zum Grillen. In den Supermärkten wird man sich um die Frikadellen und Würstchen reißen, auf den Küstenstraßen werden sich musikdröhnende Kabrios auf dem Weg zum Strand stauen, in den Wohnvierteln wird das hypnotische Geklimper der Eiswagen ertönen, wer einen Hund hat, wird ihn ausführen, und in den Parks wird es viel nacktes Fleisch zu bewundern und dehydrierte Betrunkene zu versorgen geben. Natürlich sind für Montagmorgen Katzenjammer und Krankmeldungen absehbar, aber jetzt, am Freitag um 18 Uhr, kribbelt die Luft von freudiger Erwartung und ausgelassenen Plänen, denn jeder sieht eine Welt voller Möglichkeiten vor sich.

»Hi, Holly«, begrüßt mich Maria Costas in ihrem Büro mit professioneller Herzlichkeit und schüttelt mir freundlich die Hand.

Sie schließt die Tür hinter uns und führt mich zu den beiden Sesseln am Fenster. Das Zimmer ist ruhig und hell, ein Ort der Geborgenheit, an dem Menschen ihre Seele offenbaren. Wenn diese Wände reden könnten … würden sie der Psychologin Maria ein Vermögen schulden. Ich betrachte den Kaktus, der auf dem Tisch in der Mitte des Raums steht.

Die Therapeutin folgt meinem Blick. »Das ist Olivia. Meine Schwester hat sie mir geschenkt«, erklärt sie. »Ich habe festgestellt, dass die Gefahr, dass ich meine Pflanzen umbringe, nicht so hoch ist, wenn ich ihnen Namen gebe.«

Ich lache. »Ich hatte mal eine Pflanze namens Gepetto, die leider gestorben ist – wie sich herausstellte, hätte sie Wasser nötiger gehabt als einen Namen.«

Maria kichert. »Wie kann ich Ihnen helfen, Holly?«

»Danke, dass Sie sich Zeit für mich nehmen. Wie ich Ihrer Assistentin schon erklärt habe, geht es nicht um einen persönlichen Besuch.«

Sie nickt. »Ihr Name ist mir ein Begriff. Ich kenne Ihr Podcast-Interview und habe es schon einigen meiner Klienten empfohlen. Sowohl denen, die trauern, als auch denen mit einer lebensbedrohlichen Krankheit.«

»Ich habe mit einigen Ihrer Klienten gearbeitet – Joy Robinson, Paul Murphy, Bert Sweeney und«, ich schlucke schwer, denn ich traure noch um meine Freundin, »mit Ginika Adebayo. Kürzlich habe ich erfahren, dass sie in einer Gruppentherapiesitzung bei Ihnen von meiner Geschichte erfahren haben. Diese Geschichte hat diese Menschen dazu inspiriert, ihren Lieben Briefe zu schreiben, und sie sind auf mich zugekommen, damit ich ihnen dabei helfe und sie anleite.«

»Für diese Zumutung entschuldige ich mich«, sagt Maria und runzelt die Stirn. »Joy hat so positiv auf Ihre Geschichte reagiert und konnte gar nicht aufhören, davon zu sprechen, als sie das nächste Mal zur Gruppe kam. Es gab ein großartiges Gespräch darüber, wie man sich am besten darauf vorbereiten kann, seine Lieben zu verlassen. Ich habe die Gruppe ermutigt, miteinander in Kontakt zu bleiben, was manche getan haben und andere nicht. Erst bei Berts Totenwache habe ich erfahren, dass er Briefe hinterlassen hat, und ich dachte, es wäre eine einmalige Sache, bis ich vor kurzem mit Joy gesprochen habe.«

»Sie waren bei Berts Totenwache?«, frage ich erschrocken.

»Ja«, antwortet sie lächelnd. »Dieser kleine Junge hat Ihnen ganz schön zugesetzt.«

Ich bekomme heiße Wangen. »Ich habe meinen Auftrag aber auch sehr stümperhaft erledigt.«

»Es war viel verlangt von Ihnen, einen Umschlag in Berts kalte tote Hände zu legen, aber von ihm überrascht mich das nicht.«

Wir lachen, und als wieder Stille einkehrt, sagt Maria: »Ich war traurig, als ich von Ginikas Tod erfahren habe. Sie war eine tolle junge Frau, ihr konnte man nichts vormachen – ich habe es immer sehr genossen, ihre Ansichten zu hören. Ich wünschte, es würde in dieser Welt mehr von ihrer Art geben.«

»Das Original würde mir reichen«, entgegne ich mit einem traurigen Lächeln.

»Und ihre kleine Tochter?«

»Sie ist bei sehr liebevollen Pflegeeltern untergebracht. Bei Freunden von mir, und ich habe sie gerade erst gestern Abend besucht.«

»Ach wirklich?« Maria mustert mich aufmerksam. »Geht es also weiter mit dem Briefeschreiben?«

»Genau deshalb bin ich hier. Das Briefeschreiben hat einen Namen«, erkläre ich. »Angela Carberry hat die Gruppe ›P. S. Ich liebe Dich‹-Club getauft, und ich möchte ihr und den anderen vier ursprünglichen Mitgliedern gern die Ehre erweisen, diesen Club in ihrem Namen weiterzuführen. Ich möchte todkranken Menschen helfen, ihren Lieben Botschaften zukommen zu lassen, und ich habe gehofft, Sie könnten mich mit Leuten bekannt machen, die auf diese Art von Unterstützung Wert legen.«

Gabriels Unterstützung und Ermunterung, einfach weiterzumachen, hat mich angespornt, und von Joy habe ich von Maria Costas erfahren. Da sie die Wurzel des Ganzen ist, dachte ich, es wäre das Natürlichste, die Sache von hier aus in Gang zu bringen.

»Haben Sie finanzielle Gewinne durch den Club?«

»Wie bitte? Nein«, sage ich ein bisschen gekränkt. »Nichts dergleichen. Ich habe einen Vollzeitjob, für den Club arbeite ich in meiner Freizeit.« Da ich mich missverstanden fühle, füge ich hinzu: »Mir ist schon klar, dass das Konzept mit den Briefen nicht jedermanns Sache ist, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es viele Menschen gibt, die den Wunsch haben, nach ihrem Tod etwas zu hinterlassen. Mein Mann gehörte dazu. Anfangs, vor ziemlich genau sieben Jahren, dachte ich noch, die Briefe, die mein Mann geschrieben hat, wären alle nur für mich, aber inzwischen habe ich begriffen, dass es mindestens ebenso sehr um ihn selbst ging. Abschiednehmen gehört zu unserer Lebensreise, es ist die Vorbereitung auf das Ende. Teils, weil man seine Angelegenheiten ordnen möchte, teils, weil man nicht vergessen werden will. Ich arbeite nicht nach Schema F; die Briefe müssen immer individuell bleiben. Um herauszufinden, wie diese den geliebten Menschen am besten helfen, musste ich Zeit mit den Betreffenden verbringen und ihre Beziehungen beobachten. Ginika beispielsweise war bis zu dreimal pro Woche mit mir zusammen, manchmal noch mehr. Wenn Sie sich Sorgen hinsichtlich meiner Absichten machen, möchte ich Sie wissen lassen, dass sie absolut ehrlich sind.«

»Nun«, antwortet Maria fröhlich. »Offensichtlich mangelt es Ihnen weder an Ehrlichkeit noch an Leidenschaft. Schauen Sie, Ihre Idee müssen Sie mir nicht verkaufen, ich habe Joy ja ermuntert, sie mit den anderen Gruppenmitgliedern zu teilen, erinnern Sie sich? Sie sprechen hier die Palliativphase an, also die Frage, wie man in dem Wissen lebt, dass die verbleibende Lebenszeit begrenzt ist, und ich glaube, das ist ein unumgänglicher Teil des Weges. Mir gefällt es, dass Sie sowohl an die Bedürfnisse der Patienten als auch an die ihrer Lieben denken, aber aus Datenschutzgründen kann ich Ihnen meine Klientenliste natürlich nicht zugänglich machen. Ich habe allerdings kein Problem damit, den Menschen, die ich berate, Ihren Podcast ans Herz zu legen«, sagt sie.

»Aber?«

»Aber«, fährt sie behutsam fort, »todkranke Menschen sind verletzlich, konfrontiert mit dem unmittelbar bevorstehenden Ende ihres Lebens. Psychisch gestörte Patienten sind sensibel und müssen entsprechend einfühlsam behandelt werden.«

»Ich habe die letzten sechs Monate damit verbracht, einfühlsam mit todkranken Menschen umzugehen, mir ist bewusst, wie und was sie denken. Wenn Sie wüssten, was ich mit der Gruppe durchgemacht habe, ganz zu schweigen von meiner Erfahrung mit meinem Mann, um den ich mich während seiner langen Krankheit gekümmert habe …«

»Holly«, unterbricht Maria mich sanft. »Ich greife Sie nicht an.«

Ich hole tief Luft und atme langsam wieder aus. »Sorry. Ich wünsche mir so sehr, dass es weitergeht.«

»Das verstehe ich. Aber ich glaube, wenn Sie weitermachen wollen, wäre es ratsam, eine klarere Strategie zu verfolgen. Eine Struktur für den Club zu finden, Regeln, Richtlinien aufzustellen. Für sich selbst und für die anderen. Sie sollten die Kontrolle haben darüber, wie Sie diesen Menschen helfen«, sagt sie mit fester Stimme. »Nicht nur den anderen zuliebe, auch für Sie selbst. Ich kann mir kaum vorstellen, wie Sie es geschafft haben, ganz allein vier Todkranke durch diese Zeit zu begleiten. Es muss überwältigend gewesen sein.«

Ich entspanne mich ein bisschen. »Ja, schon.«

Maria lehnt sich zurück und lächelt leise. »Bevor Sie noch mehr Leuten helfen, sollten Sie dafür sorgen, dass Sie sich selbst in einer sicheren Position befinden.«

Als ich die Praxis verlasse, bin ich fix und fertig. Ernüchtert, frustriert, aber auch sehr nachdenklich – habe ich bei Paul, Bert, Joy und Ginika Fehler gemacht? Sie schlecht beraten? Womöglich ihnen oder ihren Lieben geschadet? Natürlich war nicht alles perfekt, aber ich glaube, ich habe verdammt gute Arbeit geleistet. Meine Motive könnten nicht ehrlicher sein. Ich bin nicht auf Geld aus. Ich tue dies für die Menschen, die von meiner Arbeit profitieren können, aber natürlich tue ich es auch für mich selbst.

Ein Auto hupt mich an, und ich erschrecke so sehr, dass ich sofort an den Rand fahre und vom Rad steige. Ich lege es auf den Boden und entferne mich hastig von ihm, als wäre es eine tickende Zeitbombe, das Herz hämmert in meiner Brust. Ich war unkonzentriert, um ein Haar hätte ich wieder einen Unfall gehabt.

»Alles in Ordnung, Liebes?«, fragt eine Frau, die an der Bushaltestelle steht und alles mit angesehen hat.

»Ja, danke, ich wollte nur kurz Luft holen«, antworte ich und setze mich auf einen Stuhl vor einem Café direkt daneben. Ziemlich aufgewühlt.

Mir bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder gehe ich in die Defensive, ändere nichts an meiner Rolle im Club, mache weiter wie bisher und fahre alles an die Wand. Oder ich bin realistisch und nehme Maria Costas’ Rat an. Sie hat nämlich recht. Mein Privatleben wäre um ein Haar aus den Fugen gegangen, und das will ich nicht noch einmal riskieren.

Will ich den Geist von Gerry wieder in meinem Leben haben oder den lebendigen, realen Gabriel?

Ich entscheide mich für Gabriel.