Kapitel 16

Im Schreibwarengeschäft starre ich in das Regal mit dem Briefpapier. So viele verschiedene Sorten – beschichtet, nicht beschichtet, Bütten, Postpapier und Leinen. Glänzend, seidenmatt, matt, glatt oder strukturiert. Pastell oder kräftig gefärbt. Welche Größe? Mit schwirrt der Kopf. Es ist doch alles bloß Papier, was spielt es denn für eine Rolle? Natürlich spielt es eine Rolle. Bert hat sechs Briefe für Rita entworfen. Eine Packung mit schicken Karten enthält vier. Warum vier? Warum nicht fünf? Also brauche ich zwei Packungen. Aber werden die extra zwei Karten für alle eventuellen Fehler genügen? Vielleicht sollte ich lieber drei Packungen kaufen. Die Umschläge gibt es in Packungen zu jeweils sieben Stück. Warum sieben? Und kann ich das Papier bedrucken?

Mit zitternden Händen durchsuche ich die Regale nach passenden Umschlägen. Selbstklebend oder geknickt – zwei Versionen meiner selbst. Eine Herausforderung, eine Mutprobe. Wenn ich mich entscheide, bin ich festgelegt. Aber was ist das Beste? Mich wieder zusammenkleben oder einknicken und einsehen, dass ich geschlagen bin?

Auch Gerry muss die kleinen Karten mit seinen Notizen und Briefen irgendwann gekauft haben und sich dabei bewusst gewesen sein, dass ich sie nach seinem Tod lesen würde. Hat er einfach irgendein Papier genommen oder etwas ganz Spezielles ausgesucht? War es wichtig für ihn? Oder ist er das Problem eher pragmatisch angegangen? Hatte er mit seinen Gefühlen zu kämpfen? Hat er um Hilfe gebeten oder war er sicher? Gut organisiert? Aufgeregt oder traurig?

Auf einmal ist mein Kopf voller Fragen. Hat er einfach den erstbesten Kartenstapel gekauft, den er in die Finger bekam? Hat er eine Übungsrunde gemacht und Sachen ausprobiert? Sind ihm Fehler unterlaufen, wurde er wütend und hat die Karten zerrissen? Hatte er andere Ideen, die es nie auf die Liste der zehn besten geschafft haben? Hat er überhaupt eine Liste gemacht? Wie lange hat er es geplant? Alles an einem Tag? War es eine spontane Entscheidung oder hat er sich Zeit genommen? In seinen Briefen waren keine Fehler, er muss in Ruhe gearbeitet und geübt haben. Aber ich habe keine Probebriefe gefunden. Er hat mit blauer Tinte geschrieben, hat er auch mit anderen Farben experimentiert? Hatte das Blau eine besondere Bedeutung für ihn? Hätte es auch für mich eine haben sollen? Hat es ihn überhaupt gekümmert, welche Farbe das Papier hatte? Ob er geahnt hat, dass ich jedes Detail genauestens analysieren würde?

Stand er womöglich genau hier, hat geweint und sich mühsam an seinem Stock aufrecht gehalten – genauso, wie ich es jetzt mit meinen Krücken mache, ein bisschen schwindlig von der Suche nach dem passenden Papier, das doch einfach nur blödes Papier ist? Hat er sich den Kopf zerbrochen, wie er kommunizieren soll, um dafür zu sorgen, dass er nicht vergessen wird? Hat er nach jedem Strohhalm gegriffen, um sein Leben zu verlängern, als alle Therapien versagten, voller Angst, dass man sich nicht an ihn erinnert? Immer in dem Bewusstsein, dass von seinem ganzen Leben nur dieser Moment übrig war, in dem er das Papier auswählte, das für seine letzten Worte an eine Person bestimmt war, die er nie wiedersehen würde?

»Alles okay mit Ihnen?«, fragt die Verkäuferin.

»Ja«, antworte ich ärgerlich und wische mir energisch die Augen trocken. »Sekundenkleber. Ich brauche noch Sekundenkleber.«

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Später rufe ich Joy an, entschuldige mich dafür, dass ich sie und die anderen Clubmitglieder im Stich gelassen habe, und mache meinen Sinneswandel deutlich. Sie ist freundlich und verständnisvoll, obwohl ich mich so lange nicht gemeldet habe und Zeit für alle Clubmitglieder doch so wichtig ist. Zum Clubtreffen erscheine ich vor den anderen in Joys Haus und bitte sie, mich einen Moment im Wintergarten allein zu lassen, damit ich alles vorbereiten kann.

Ich hole das Papier aus den Tüten, entferne die Verpackung und lege Briefpapier, Karten und Umschläge ordentlich auf den Tisch, stelle eine Blumenvase dazu und zünde zwischen den Stapeln ein paar Kerzen an und streue noch eine Handvoll Blütenblätter darum herum. Das Zimmer riecht nach Avocado und Limone. Als ich fertig bin, trete ich einen Schritt zurück. Was ich aufgebaut habe, kommt mir vor wie eine Opfergabe, ein handgeschriebenes Memorandum für das Leben.

Während ich damit beschäftigt war, sind die anderen mit Ausnahme von Bert ebenfalls eingetroffen und warten nun geduldig in der Küche. Ich habe länger gebraucht, und der Anblick ist eindrücklicher, als ich es mir je hätte träumen lassen. Jetzt erst merke ich, wie ergreifend dieser Moment ist, und ich möchte, dass er so schön ist wie irgend möglich. Ich rufe die Clubmitglieder, und Joy tritt als Erste ein. Als sie mein Arrangement sieht, bleibt sie wie angewurzelt stehen.

»Oh«, sagt sie nur und drückt die Hand aufs Herz.

Paul verschränkt die Arme, und seine Kiefermuskeln arbeiten heftig, um seine Gefühle in den Griff zu bekommen, während sein Blick über meine Installation wandert. Ginika drückt Jewel fest an sich.

Schließlich berührt Joy vorsichtig das Schreibpapier, geht langsam an der Tischkante entlang und lässt die Fingerspitzen sanft über die Blätter gleiten. Sie hebt eins davon an, betastet es, legt es wieder hin. Wie hypnotisiert beobachten wir sie. Paul und Ginika rühren sich nicht, keiner von uns will diesen Augenblick stören. Doch plötzlich stößt Joy ein Schluchzen aus und verliert die Fassung. Alle eilen sofort zu ihr, Paul fängt sie auf, und sie sinkt an seine Brust. Erschüttert trete ich ein paar Schritte zurück, während Ginika ihren freien Arm um Joys Schulter legt. Paul macht Platz für Jewel und schließt auch sie in die Umarmung ein.

Mir kommen die Tränen.

Sie alle haben nicht mehr viel Zeit, doch sie erleben es gemeinsam.

Als sie sich wieder voneinander lösen, wischen sie sich die Augen, lachen ein bisschen verlegen, putzen sich die Nase.

Ginika geht näher zum Tisch. »Welches davon möchtest du haben, Jewel?«, fragt sie leise und bückt sich ein bisschen, damit Jewel besser nach dem Papier greifen kann. Die Kleine schaut über den Tisch und betrachtet die hübschen Farben mit großem Interesse. Vor lauter Aufregung über all das Neue strampelt sie aufgeregt mit den Beinchen und streckt schließlich die Hand nach dem pinkfarbenen Papier aus, schlägt ein paarmal darauf wie auf eine Trommel, packt es dann mit einer raschen Bewegung, hält es in die Höhe und schüttelt es kräftig hin und her.

Ginika grinst. »Das gefällt dir richtig gut, was?«

Eine Weile studiert Jewel das Papier mit großen Augen, dann knüllt sie es zusammen und betastet neugierig seine Konsistenz.

»Wir haben eine Entscheidung getroffen«, verkündet Ginika.

»Auftrag erfüllt«, sagt Paul. »Gut gemacht, Jewel.«

Es ist nur Papier, und doch ist es so viel mehr. Es sind nur Worte, und doch so viel mehr. Die Zeit, die wir hier auf der Erde verbringen, ist so kurz, aber was wir aufschreiben, wird uns überleben. Das Papier wird unsere Gedanken und Gefühle, unsere Enttäuschungen und alles, was in unserem Leben ungesagt bleibt, hinausschreien, rufen, brüllen und singen. Das Papier wird als Botschafter dienen, damit unsere Liebsten all das lesen und anfassen können – Worte, entstanden aus den Gedanken in einem lebendigen Kopf, gesteuert von einem lebendigen Herzen. Worte sind Leben.