Kapitel 9

Ich schaue zu, wie das Schild »Zu verkaufen« in die Erde des Vorgartens gehämmert wird.

»Ich freue mich, dass es endlich geklappt hat«, unterbricht die Maklerin meine Gedanken.

Im Januar habe ich beschlossen, das Haus zu verkaufen, jetzt ist es April. Ich habe den Termin schon ein paarmal verschoben, was ziemlich genau das hin und her schwingende Ying-Yang-Pendel meiner wankelmütigen Geistesverfassung widerspiegelt. Gabriel habe ich erzählt, die Maklerin sei diejenige, die ständig unsere Termine über den Haufen geworfen hat. Als er schließlich damit drohte, ihr ordentlich die Meinung zu sagen, musste ich ihm das Handy mit Gewalt entreißen. Der Grund für mein Zögern war nicht etwa, dass ich es mir anders überlegt hätte, sondern dass ich anscheinend die Fähigkeit verloren habe, mich auf alltägliche Verpflichtungen zu konzentrieren. Allerdings nehme ich, als ich sehe, welchen Aufruhr das Schild in den friedlichen Narzissenbeeten anrichtet, durchaus zur Kenntnis, dass es vielleicht doch kein ganz normales Ereignis ist.

»Tut mir leid, Helen, mein Terminplan hat sich ständig geändert.«

»Das kann ich gut verstehen, wir haben ja alle immer so viel zu tun. Die gute Nachricht ist, dass ich eine ganze Liste mit Interessenten habe – das Haus ist ja ideal als erstes eigenes Heim. Ich melde mich dann in Kürze bei Ihnen wegen der Besichtigungstermine.«

Mein erstes eigenes Heim.

Ich schaue aus dem Fenster zu dem Schild. Den Garten werde ich bestimmt vermissen, zwar nicht die harte körperliche Arbeit, die ich sowieso an meinen Bruder Richard, den Landschaftsarchitekten, delegiert hatte, aber den Ausblick und die Möglichkeit, mich zurückzuziehen. Hier konnte ich verschwinden, wenn ich es brauchte. Auch Richard wird den Garten vermissen, und ich außerdem die Verbindung, die wir durch den Garten haben. Gabriels Haus hat einen Innenhof mit einem wunderschönen rosa blühenden Kirschbaum. Ich sitze oft im Wintergarten, um ihn zu bewundern, und wenn es kalt und grau ist, versuche ich, ihn mit Gedankenkraft zum Blühen zu bringen. Ich überlege, ob ich neue Pflanzen anschaffen soll, ob Gabriel sich wohl mit Sonnenblumentöpfen anfreunden könnte, wenn ich der jährlichen Tradition treu bleibe, die ich mit Gerrys Sonnenblumenkernen begonnen habe.

Ist mein erstes eigenes Heim sozusagen die Vorspeise und Gabriels Haus der Hauptgang? Oder gibt es noch einen weiteren Gang, auf den ich mich freuen kann, mit ihm oder jemand anderem?

Helen starrt mich an. »Darf ich Sie etwas fragen? Es ist wegen des Podcasts. Er ist wunderbar und unglaublich bewegend. Ich wusste gar nicht, was Sie durchgemacht haben.«

Ich ärgere mich und bin nicht bereit für dieses unvermittelte Umschwenken auf mein Privatleben und meine privaten Gedanken, ausgerechnet in einem solchen Moment.

»Der Mann meiner Schwester ist gestorben. Herzinfarkt, ganz plötzlich. Er war erst vierundfünfzig.«

Also hat er vierundzwanzig Jahre länger gelebt als Gerry. Früher habe ich öfter ausgerechnet, wie viel länger andere Leute mit ihren Liebsten zusammen sein durften, als ich es mit Gerry geschafft hatte. Eine kühle Kalkulation, mit der ich die Bitterkeit nährte, die gelegentlich in mir aufkeimte und alles Hoffnungsvolle zunichtemachte. Anscheinend kehre ich zu alten Gewohnheiten zurück.

»Das tut mir sehr leid.«

»Danke. Ich habe mich gefragt … haben Sie inzwischen jemand anderes kennengelernt?«

Ich bin sprachlos.

»In seinem letzten Brief hat Ihr Mann Ihnen doch seine Zustimmung, seine Erlaubnis gegeben, eine neue Beziehung einzugehen. Ich finde das so … ungewöhnlich. Von meinem Schwager könnte ich mir etwas Derartiges überhaupt nicht vorstellen. Allerdings kann ich mir von meiner Schwester auch nicht vorstellen, dass sie mit jemand anderem zusammen ist. Xavier und Janine. Das geht einem so leicht von der Zunge, wissen Sie.«

Das ist nicht ganz richtig. Genau darum geht es doch, oder nicht? Menschen, die nicht zusammenpassen, tun es plötzlich doch, und irgendwann kann man sich dann keinen anderen Partner mehr vorstellen. Äußere Umstände und Zufälle treffen zusammen, synchronisieren zwei Menschen, die sich bisher abgestoßen haben, so dass sie plötzlich in ein neues Magnetfeld geraten. Das ist Liebe, so natürlich wie die Kontinentalverschiebung, und wie sie mit weltbewegenden Folgen.

»Nein«, beantworte ich die Frage der Maklerin schließlich.

Offensichtlich ist es ihr nun doch unbehaglich, dass sie gefragt hat, denn sie rudert zurück. »Vermutlich gibt es ja nur eine wahre große Liebe, und Sie hatten Glück, dass Sie mit Ihrem Mann zusammen sein konnten – sei es auch nur für kurze Zeit«, platzt sie heraus. »Zumindest meint das meine Schwester. Okay, dann bringe ich jetzt den Verkauf ins Rollen und rufe Sie an, sobald ich die Besichtigungstermine arrangiert habe.«

Vielleicht klingt es wie eine Lüge, vielleicht bin ich in Gabriels Augen eine Verräterin, aber es war nicht meine Absicht, diese Frau glauben zu lassen, ich hätte keine neue Liebe gefunden. Ich habe nur ein Problem mit ihrer Interpretation von Gerrys letztem Brief. Gerry hat mir nämlich keineswegs seine Erlaubnis gegeben, mich wieder zu verlieben. Ich brauchte sie auch gar nicht, denn ich kann – und konnte schon immer – selbst bestimmen, wen ich liebe und wann ich liebe. Schließlich ist das ein Menschenrecht. Gerry hat mir seinen Segen gegeben, und als ich wieder mit Männern auszugehen begann, war ausgerechnet dieser Segen die lauteste der ängstlich-hektischen Stimmen in meinem Inneren. Gerrys Segen gab einem Wunsch Nahrung, der schon vorher in mir existiert hatte. Menschen sind unersättlich in ihrem Verlangen nach Reichtum, Status und Macht, aber vor allem sehnen sie sich nach Liebe.

»In welchem Zimmer war es?«, fragt die Maklerin etwas unvermittelt.

»Meinen Sie, in welchem er gestorben ist?«, antworte ich verdutzt mit einer Gegenfrage.

»Nein, nein!«, ruft sie erschrocken. »Ich meine, in welchem die Briefe geschrieben wurden. Oder entdeckt oder gelesen. Ich dachte, das könnte uns helfen, wenn wir Interessenten durchs Haus führen – es ist immer schön, wenn man dabei eine kleine Geschichte erzählen kann. In diesem Zimmer wurden die wunderbaren ›P. S. Ich liebe Dich‹-Briefe verfasst«, erklärt sie, ganz die versierte Verkäuferin.

»Im Esszimmer«, behaupte ich aufs Geratewohl, denn ich habe keine Ahnung, wo Gerry die Briefe geschrieben hat. Gelesen habe ich sie überall, dauernd, immer wieder. »Da ist er auch gestorben. Das können Sie den Leuten noch dazu erzählen.«

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Sein Atem, heiß an meinem Gesicht. Die eingefallenen Wangen, die bleiche Haut. Sein Körper stirbt, aber seine Seele ist noch da.

»Wir sehen uns auf der anderen Seite«, flüstert er schwach. »In sechzig Jahren. Lass es dir nicht entgehen!«

Er versucht immer noch, Witze zu machen, das ist für ihn die einzige Methode, mit der Situation klarzukommen. Meine Finger auf seinen Lippen, meine Lippen auf seinen. Ich atme seinen Atem ein, ich atme seine Worte ein. Worte bedeuten, dass er lebt.

Noch nicht, noch nicht. Geh noch nicht.

»Ich finde dich überall.« Meine Antwort.

Und die letzten Worte zwischen uns.