Kapitel 35

Ich lehne mein Fahrrad an die rote Backsteinwand, gehe die paar Schritte zur Haustür, meine Beine sind schwer, und meine Turnschuhe fühlen sich an wie aus Blei. Ich habe eine lange Tour hinter mir, weil ich einen klaren Kopf kriegen wollte, aber ich kann mich kaum an den Weg hierher erinnern. Ich drücke auf die Klingel.

Gabriel öffnet die Tür und schaut mich überrascht an.

»Hi«, sage ich leise und schüchtern.

»Hi«, antwortet er. »Komm rein.«

Ich folge ihm den schmalen Korridor entlang zum Wohnzimmer, und die vertrauten Gerüche verstärken die Schmetterlinge in meinem Bauch. Gabriel schaut sich nach mir um, wahrscheinlich muss er sich vergewissern, dass ich noch da bin – für den Fall, dass ich es mir doch anders überlegt habe und wieder weggelaufen oder vielleicht gar nicht echt bin. Er hat etwas Jazziges auf dem Plattenspieler, an der Wand hängt ein großer Flachbildschirm.

»Du kannst wieder laufen«, stellt er fest, als er merkt, dass ich keinen Gehstiefel mehr trage.

»Du hast einen Fernseher«, bemerke ich. »Einen großen.«

»Den habe ich für dich gekauft, er stand monatelang im Schuppen«, sagt er, ein bisschen verlegen. Nervös. »Damit wollte ich dich beim Einzug überraschen«, erklärt er und ruft scherzhaft, aber etwas schwach: »Überraschung!« Ich lache.

»Tee? Kaffee?«

»Kaffee, bitte.« Ich war die ganze Nacht wach, zusammen mit Denise und Tom, wir haben geweint, gelacht und uns Geschichten von Ginika erzählt, die Beerdigung besprochen und uns überlegt, wann ein geeigneter Zeitpunkt ist, um Jewels biologischen Vater zu kontaktieren. Die großen und die kleinen Themen fließen sanft in-, über- und untereinander. All die Wenns und Abers. Natürlich waren wir alle erschöpft, aber keiner konnte schlafen. Ich beneide die beiden nicht um den ihnen bevorstehenden anstrengenden Tag mit Jewel, aber ich weiß, dass sie jede Sekunde des Geschenks, das Ginika ihnen hinterlassen hat, auskosten werden.

Kaffeeduft erfüllt den Raum, als Gabriel Wasser über die frisch gemahlenen Bohnen gießt. Angezogen vom Morgenlicht wandere ich in den Wintergarten. Es hat sich nicht viel verändert, abgesehen von dem Schreibtisch in der Ecke, der früher im Gästezimmer stand, wo jetzt Ava wohnt. Obwohl ich es nicht für möglich gehalten hätte, passt er gut hier herein – als würden Häuser sich problemlos den Wünschen ihrer Eigentümer fügen. Ich sollte mir davon eine Scheibe abschneiden. Nachdenklich schaue ich hinaus auf den Kirschbaum, grüne Blätter, die sich langsam golden verfärben. Die Blüten haben ihren Auftritt im Frühling, und ich erinnere mich daran, wie ich letztes Jahr ungeduldig auf sie gewartet habe. Doch als sie endlich da waren, wurden sie praktisch über Nacht von einem Frühlingssturm weggeblasen. Zuerst bedeckten sie die Steine mit einem weichen rosa Teppich, dann verwandelten sie sich in glitschigen Matsch. Wie gern würde ich zuschauen können, wenn der Baum wieder aufblüht.

Gabriel gesellt sich zu mir und bringt mir einen Becher Kaffee. Unsere Finger berühren sich.

»Danke, dass du meinen Becher repariert hast«, sage ich. Er bleibt stehen, den Becher in der einen Hand, die andere in der Tasche seiner Jeans.

Er zuckt die Achseln, vielleicht ist es ihm peinlich. »Du meinst Gerrys Becher, richtig? Ich weiß ja, dass du kein Star-Wars-Fan bist. Du hast mal gesagt, du würdest ihn wegwerfen, aber ich weiß, dass du eher dazu neigst, kaputte Dinge aufzuheben. Vielleicht hätte ich den Becher so lassen sollen, wie er war. Vielleicht wolltest du ihn selbst flicken. Vielleicht habe ich einfach zu viel über ihn nachgedacht.«

Ich lächle. Er hat völlig recht, ich hebe tatsächlich oft kaputte Dinge auf, aber ich flicke sie nie. Gerrys Becher habe ich im Schrank stehen lassen, zur Strafe und zur Erinnerung daran, was ich einmal besessen und verloren habe. Aber ich sollte die Menschen festhalten, nicht irgendwelche Dinge.

»Bist du immer noch im Club involviert?«, fragt Gabriel.

Ich nicke.

»Und wie geht es dir?« Seine blauen Augen durchbohren mich, als könnten sie meine Seele röntgen.

Auf einmal ist mir nach Weinen zumute. Gabriel sieht es kommen, stellt schnell den Becher weg, geht vor in die Hocke und umarmt mich. Während er mit den Fingern durch meine Haare streicht, lasse ich alles raus und lasse alles los. Die Erschöpfung übernimmt die Kontrolle, meine Tränen setzen alles frei, was sich in diesen Monaten voller Arbeit, Sorgen, Hochs und Tiefs angestaut hat.

»Ich hatte solche Angst, dass so etwas passiert, Holly«, flüstert er in meine Haare.

»Das war eine der besten Erfahrungen meines ganzen Lebens«, sage ich mit unnatürlich hoher Stimme, unterbrochen von einem schlecht getimten Schluchzer.

Er lässt mich los, setzt sich ein Stück zurück und mustert mich, lässt die Finger aber weiter hypnotisch durch meine Haare wandern. »Ernsthaft?«

Ich nicke nachdrücklich durch meine Tränen, obwohl es für ihn sicher schwer zu glauben ist, wenn er mich in diesem Zustand vor sich sitzen sieht.

»Gestern habe ich eine Freundin verloren. Ginika. Sie war siebzehn. Ihre Tochter ist ein Jahr alt, Denise und Tom haben die Betreuung übernommen. Und ich habe Ginika Lesen und Schreiben beigebracht.«

»Wow, Holly«, sagt er und wischt mir die Tränen ab. »Du hast das tatsächlich durchgezogen?«

Ich nicke. Bert ist tot, Ginika ist tot. Für Paul kann ich nichts mehr tun. Obwohl das Album mit Joys Geheimnissen für Joe fertig ist, halte ich weiterhin Kontakt zu Joy. »Ich möchte nicht, dass es aufhört.«

Gabriel überlegt, sieht mich wieder an, hebt dann zärtlich mein Kinn mit den Fingern ein bisschen an, damit wir einander in die Augen schauen können. »Dann sorg dafür, dass es nicht aufhört.«

»Aber wie?« Ich wische mir über mein nasses Gesicht.

»Such dir noch mehr solche Menschen. Halte die Sache am Laufen.«

Überrascht starre ich ihn an. »Aber du hast immer gesagt, es wäre ein Fehler, mich auf so etwas einzulassen.«

»Und ich habe mich geirrt. Nicht nur dabei übrigens. Wenn du sagst, es war die beste Erfahrung deines Le bens …«

»Eine der besten«, verbessere ich ihn lächelnd.

»Ich habe versucht, dich zu beschützen. Du hattest mir gesagt, ich soll nicht zulassen, dass du weitermachst, und ich dachte ganz ehrlich, dass ich das Richtige tue. Deshalb habe ich nicht einmal abgewartet, um zu sehen, was passiert.«

»Ich weiß, und du hattest recht. Ein bisschen jedenfalls. Ich kann dir nicht die Schuld in die Schuhe schieben, Gabriel. Ich habe mich wirklich verloren. Ich habe den Club an die erste Stelle gesetzt, dabei wäre das dein Platz gewesen.«

»Ich habe dir praktisch keine andere Wahl gelassen. Ich glaube, wir haben beide den gleichen Fehler gemacht. Statt uns an die erste Stelle zu setzen, haben wir einem bestimmten Teil unseres Lebens diesen Platz eingeräumt. Ich vermisse dich so sehr«, fügt er hinzu.

»Ich vermisse dich auch.«

Wir lächeln uns an, er sieht hoffnungsvoll aus, aber ich bin noch nicht fertig. Ich greife wieder nach meinem Kaffee, trinke einen Schluck und versuche mich zu fassen. »Wie geht es mit Ava?«

»Gut«, sagt er, zieht einen Stuhl neben meinen, dreht ihn aber so, dass wir uns gegenübersitzen. Unsere Beine berühren sich, seine Hand liegt auf meinem Oberschenkel, alles so vertraut. »Sie ist viel ruhiger geworden. Wir sind dabei, Lösungen zu finden. Aber ich habe eine richtig schlechte Entscheidung getroffen, es war ein Riesenfehler, dich gehen zu lassen, Holly.«

»Ich habe überreagiert«, gestehe ich.

»Ich habe dich nicht unterstützt. Krieg ich eine zweite Chance? Bist du immer noch bereit, zu mir zu ziehen? Zu mir und Ava?«

Ich schaue ihn an und überlege, aber ich bin es so leid, dauernd nachzudenken. Doch ich weiß, was sich richtig anfühlt. Verzeihen zu können ist ein großes Geschenk. Und ich bin so froh und erleichtert, dass er es noch einmal mit uns versuchen will.

»Wir haben sogar einen Fernseher«, fügt er noch hinzu.

Ich grinse, lasse meinen Kopf an seine Schulter sinken, und Gabriel küsst mich sanft.

Ich möchte Ginika erzählen, was passiert ist. Dass sie wieder einmal recht hatte. Wieder strömen mir die Tränen übers Gesicht, bittersüße Tränen.