Kapitel 6
«Nicht so viel Sauce, Frank!«, ruft Mum und will Dad die Sauciere wegnehmen. Aber da er wild entschlossen ist, seinen Braten in Sauce zu ertränken, hält er sie fest, und bei dem daraus resultierenden Tauziehen spritzt Sauce aus der Tülle des Kännchens auf die Tischdecke. Dad wirft Mum einen ärgerlichen Blick zu, wischt die dicken Saucentropfen mit der Hand auf und leckt sich die Finger ab, um seinen Protest deutlich zu machen.
»Sonst kriegen die anderen doch nicht genug«, erklärt Mum und reicht Declan das Kännchen.
Declan fängt die restlichen Tropfen von der Tülle mit dem Finger ab, leckt ihn ebenfalls gründlich sauber und will gleich noch einmal zulangen.
»Nachschlag gibt es aber nicht«, mischt Jack sich ein und nimmt den Krug an sich.
»Ich hatte doch noch gar nichts«, meckert Declan und versucht ihn zurückzuerobern, aber Jack verteidigt sich erfolgreich und gießt triumphierend einen Schwall Sauce über sein Essen.
»Jungs«, ermahnt Mum die beiden. »Also ehrlich, ihr benehmt euch wie kleine Kinder.«
Jacks Sprösslinge lachen.
»Lass noch was für mich übrig«, verlangt Declan und behält Jack im Auge. »Gibt es in London denn keine Bratensauce?«
»Jedenfalls nicht die von Mum«, erklärt Jack, zwinkert Mum zu, gießt dann Sauce auf die Teller seiner Kinder und reicht das Kännchen an Abbey, seine Frau, weiter.
»Ich mag keine Sauce«, nörgelt eins der Kinder.
»Her damit«, rufen Declan und Dad wie aus einem Munde.
»Am besten mache ich schnell noch mehr«, seufzt Mum, steht auf und flitzt in die Küche.
Inzwischen machen sich die anderen über das Essen her, als hätten sie seit Tagen gehungert; Dad, Declan, Mathew, Jack, Abbey und ihre Kinder. Mein großer Bruder Richard hat Chorprobe und kommt etwas später, Gabriel verbringt den Tag mit seiner Teenagertochter Ava. Da sie die meiste Zeit ihres Lebens sehr wenig mit ihm zu tun haben wollte, sind solche Besuche für ihn jetzt sehr wertvoll. Alle sind mit ihrem Essen beschäftigt, nur Ciara beobachtet mich verstohlen. Als unsere Blicke sich treffen, greift sie hastig nach dem Salatlöffel.
Kurz darauf kommt Mum mit zwei frischen Saucenkännchen aus der Küche zurück. Das eine stellt sie in die Mitte des Tischs, das andere neben Ciara. Jack tut so, als wollte er danach greifen, Declan wird panisch, fährt hoch und packt seinerseits den Krug.
Jack lacht.
»Jungs«, ermahnt Mum sie wieder, und die beiden sind fürs Erste still.
Die Kinder kichern.
»Setz dich doch, Mum«, sage ich leise.
Sie schaut in die Runde ihrer hungrigen Familie, die ordentlich zulangt, und nimmt tatsächlich neben mir an der Kopfseite des Tischs Platz.
»Was ist das denn für Sauce?«, fragt Ciara und schaut in den Saucenkrug.
»Vegane Bratensauce«, verkündet Mum stolz.
»Ah, Mum, du bist die Beste«, grinst Ciara, nimmt die Sauciere, und eine trübe wässrige Flüssigkeit, mit etwa der Konsistenz dünner Suppe, ergießt sich über ihren Teller. Unsicher sieht Ciara mich an.
»Mmm«, mache ich.
»Ich bin nicht sicher, ob ich alles richtig gemacht habe«, meint Mum entschuldigend. »Ist sie gut?«
Ciara probiert. »Köstlich.«
»Lügnerin«, erwidert Mum lachend. »Hast du keinen Hunger, Holly?«
Mein Teller ist praktisch leer, dabei habe ich noch nicht mal angefangen zu essen. Brokkoli und Tomaten, mehr konnte ich nicht ertragen.
»Ich habe groß gefrühstückt«, sage ich. »Aber dein Essen ist großartig, Mum, danke.«
Ich setze mich aufrecht hin und esse los. Oder versuche es zumindest. Mums Essen ist – abgesehen von der veganen Sauce vielleicht – wirklich sehr lecker. So oft es geht, lädt sie uns sonntags zum großen Familienessen ein, was wir alle sehr lieben. Aber heute habe ich überhaupt keinen Appetit. Genau genommen habe ich den schon seit ein paar Wochen nicht mehr.
Besorgt beäugt Ciara meinen Teller. Sie und Mum wechseln einen Blick, und ich ahne sofort, dass Ciara ihr die Sache mit dem »P.S. Ich liebe Dich«-Club verraten hat. Ich verdrehe genervt die Augen in ihre Richtung.
»Mir geht’s gut«, verkünde ich trotzig und stopfe mir zum Beweis ein ganzes Brokkoliröschen in den Mund.
Jack blickt auf und sieht mich an. »Warum, was ist denn los?«
Da ich den Mund voll habe, kann ich nicht antworten, aber ich verdrehe erneut die Augen und werfe ihm einen frustrierten Blick zu.
Jack schaut zu Mum. »Was ist los mit Holly? Warum tut sie so, als würde es ihr gutgehen?«
Ich grummle durch mein Essen und versuche schnell zu kauen, damit ich dieses Thema mit einem Rundumschlag ein für alle Male beenden kann.
»Mit Holly ist gar nichts los«, antwortet Mum währenddessen ganz gelassen.
Aber Ciara legt hastig in einer schrillen Wortsalve nach: »Eine Frau, die an Krebs gestorben ist, hat vor ihrem Tod mit anderen todkranken Leuten einen ›P. S. Ich liebe Dich‹-Club gegründet, und die wollen, dass Holly ihnen hilft, Abschiedsbriefe an ihre Lieblingsmenschen zu schreiben.« Im ersten Moment scheint sie erleichtert, dass sie diese Ansage losgeworden ist, aber dann sieht sie aus, als wäre ihr angst und bange vor den Folgen.
Inzwischen habe ich das Brokkoliröschen endlich fertig gekaut, ersticke beim Schlucken aber trotzdem fast. »Verdammt, Ciara!«
»Tut mir leid, ich musste das erzählen!«, verteidigt sie sich und hebt abwehrend die Hände.
Die Kinder kichern über meine unfeine Ausdrucksweise.
»Sorry«, entschuldige ich mich bei Abbey, ihrer Mum. »Leute«, verkünde ich dann und räuspere mich. »Mit mir ist alles in Ordnung. Ehrlich. Wechseln wir das Thema.«
Mathew schaut seine Frau, die alles verraten hat, missbilligend an. Ciara rutscht auf ihrem Stuhl ein Stück nach unten.
»Und wirst du diesen Leuten helfen, ihre Briefe zu schreiben?«, fragt Declan.
»Ich will nicht darüber reden«, antworte ich und fange an, eine Tomate zu zersäbeln.
»Mit wem jetzt, mit denen oder mit uns?«, fragt Jack.
»Mit niemandem!«
»Du willst den Leuten also nicht helfen?«, fragt Mum.
»Nein!«
Mum nickt mit undurchdringlichem Gesicht.
Schweigend essen alle weiter.
Ich hasse es, wenn Mum so ein undurchdringliches Gesicht macht.
Frustriert gebe ich nach. »Warum? Meinst du, ich sollte?«
Alle am Tisch, mit Ausnahme der Kinder und Abbey, die ihren Platz als Schwägerin kennt, antworten gleichzeitig, und ich verstehe keinen.
»Ich habe Mum gefragt.«
»Was ich denke, interessiert dich also nicht?«, ruft Dad beleidigt.
»Doch, natürlich interessiert es mich.«
Aber er ist eingeschnappt und widmet sich wieder seinem Essen.
»Ich glaube …«, beginnt Mum nachdenklich. »Ich glaube, du solltest das tun, was sich für dich richtig anfühlt. Ich mische mich nicht gern in die Angelegenheiten anderer Leute ein, aber da du gefragt hast – wenn es dich in einen solchen Zustand versetzt …« Sie schaut vielsagend auf meinen Teller, dann wieder in mein Gesicht. »Wenn es dich so mitnimmt, meine ich, dann ist es bestimmt keine gute Idee.«
»Sie hat doch gesagt, dass sie groß gefrühstückt hat«, verteidigt mich Mathew, und ich werfe ihm einen dankbaren Blick zu.
»Was hast du denn gegessen?«, fragt Ciara.
Ich verdrehe wieder die Augen. »Ein üppiges Frühstück mit Schweinefleisch und Schweineblut und Schinkenspeck von einer Kuh und Hühnereiern und allen möglichen anderen schmutzigen und fetttriefenden Tierprodukten. Und natürlich auch noch mit Butter von der Kuh.« Was alles nicht stimmt. Denn das Frühstück habe ich auch nicht runtergekriegt.
Ciara starrt mich wütend an.
Die Kinder lachen.
»Kann ich filmen, wenn du ihnen hilfst?«, fragt Declan mit vollem Mund. »Könnte doch eine gute Dokumentation werden.«
»Sprich bitte nicht mit vollem Mund, Declan«, ermahnt ihn Mum.
»Nein. Weil ich ihnen nicht helfen werde«, beantworte ich Declans Frage.
»Was hält Gabriel denn von der ganzen Sache?«, fragt Jack.
»Keine Ahnung.«
»Weil sie ihm nichts davon erzählt hat«, mischt Ciara sich wieder ein.
»Holly«, ermahnt Mum mich leise.
»Wenn ich es sowieso nicht machen will, muss ich es ihm doch nicht erzählen«, protestiere ich, obwohl ich weiß, dass ich Unrecht habe. Ich hätte längst mit Gabriel darüber sprechen sollen. Er ist kein Idiot, er spürt, dass etwas im Busch ist. Selbst ohne Joys Erläuterungen zu dem Club bin ich seit meinem Telefongespräch mit Angelas Mann nicht mehr ich selbst.
Wieder sind alle eine Weile still.
»Du hast mich immer noch nicht gefragt«, sagt Dad schließlich und schaut vorwurfsvoll in die Runde, als hätte jeder Einzelne von uns seine Gefühle verletzt.
»Und was ist nun deine Meinung, Dad?«, frage ich gereizt.
»Nein, nein, ich habe inzwischen verstanden, dass du sie nicht hören willst«, sagt er, greift sich die zweite Sauciere und ertränkt erfolgreich seinen Nachschlag.
Ich spieße aggressiv ein weiteres Brokkoliröschen auf. »Jetzt sag schon, Dad.«
Tatsächlich überwindet er sich. »Ich finde, diesem Club beim Briefeschreiben zu helfen, ist eine sehr einfühlsame, fürsorgliche Geste für Menschen in Not, und es könnte dir guttun.«
Jack scheint von Dads Meinung irritiert zu sein, während Mum wieder ihr undurchdringliches Gesicht aufsetzt. Sie betrachtet das Problem zuerst unter allen möglichen Gesichtspunkten, ehe sie uns ihre Ansicht mitteilt.
»Sie kann jetzt schon nicht mehr richtig essen, Frank«, sagt sie dann leise.
»Sie inhaliert doch praktisch ihren Brokkoli«, entgegnet Dad und zwinkert mir zu.
»Und sie hat diese Woche sechs angeschlagene Teetassen ins Verkaufsregal gestellt«, fügt Ciara hinzu und streut weiter Salz in meine Wunde. »Sie ist total durch den Wind, seit sie von der Existenz dieses Clubs erfahren hat.«
»Manche Leute mögen Tassen mit kleinen Macken«, verteidige ich mich.
»Wer denn zum Beispiel?«
»Die Schöne und das Biest«, ruft Mathew.
Die Kinder lachen.
»Stimmen wir doch einfach ab. Alle, die es für eine gute Idee halten, dass Holly diesen Leuten hilft, heben die Hand«, ruft Ciara in die Runde.
Die Kinder heben die Hände. Abbey holt sie alle wieder runter.
Dad streckt seine Gabel in die Luft. Declan ebenfalls. Mathew sieht aus, als würde er sie gern unterstützen, aber Ciara wirft ihm einen strengen Blick zu, dem er zwar standhält, aber die Hand trotzdem nicht hebt.
»Nein«, sagt Jack mit fester Stimme. »Ich finde es keine gute Idee.«
»Ich auch nicht«, pflichtet Ciara ihm bei. »Und ich will nicht daran schuld sein, wenn es Probleme gibt.«
»Es geht aber nicht um dich«, murmelt Mathew sehr frustriert.
»Ich weiß. Aber Holly ist meine Schwester, und ich möchte nicht verantwortlich sein für …«
»Hallo, ihr alle«, ertönt in diesem Moment vom Flur Richards Stimme, und kurz darauf steht er unter der Tür und schaut uns an. Er spürt natürlich, dass etwas in der Luft liegt. »Was ist los?«
»Nichts«, antworten wir alle wie aus einem Munde.
Ich bin allein im Laden, sitze hinter der Theke auf einem Hocker und starre ins Leere. Ciara und Mathew sind unterwegs, um von einer Familie in der Nähe, die dabei ist umzuziehen, ein paar Sachen abzuholen. Der Laden ist leer, keine Kundschaft, schon seit einer Stunde. Ich habe alle verfügbaren Tüten und Kisten ausgepackt, Wertgegenstände aussortiert und die erreichbaren Besitzer angerufen, um einen Abholtermin zu vereinbaren. Ich habe sämtliche Kleiderständer aufgeräumt, Sachen einen Zentimeter nach links oder einen Zentimeter nach rechts geschoben. Es gibt nichts mehr zu tun. Doch dann ertönt das Glöckchen an der Ladentür, und ein junges Mädchen kommt herein. Sie ist im Teenageralter, ziemlich groß und trägt auf dem Kopf einen aparten schwarz-goldenen Turban.
»Hallo!«, begrüße ich sie und bemühe mich, munter und freundlich zu klingen.
Das Mädchen lächelt schüchtern und verlegen, also schaue ich erst mal wieder weg. Manche Kunden möchten mit Aufmerksamkeit überhäuft, andere einfach nur in Ruhe gelassen werden. Aber ich beobachte die junge Frau aufmerksam, wenn sie gerade nicht hersieht. Sie hat ein Baby bei sich, das mit dem Gesicht nach vorn in einer Babytrage auf ihrem Bauch hängt und energisch mit den pummeligen, in eine Strumpfhose gezwängten Beinchen strampelt. Es ist höchstens ein paar Monate alt, und die Mutter – falls sie es tatsächlich ist, denn sie wirkt sehr jung – beherrscht meisterhaft die Kunst, sich so vor den Ständern zu platzieren, dass die Sachen außerhalb der Reichweite des Babys bleiben. Immer wieder schaut sie zu mir herüber und dann schnell wieder weg, tut so, als interessiere sie sich für die Klamotten, nimmt aber in Wirklichkeit nur mich unter die Lupe. Kurz frage ich mich, ob sie womöglich etwas klauen will – manchmal behalten Ladendiebe ja lieber mich im Auge als unsere Klamotten. Das Baby stößt einen Schrei aus. Die junge Frau nimmt seine Hand, und die winzigen Babyfinger legen sich um den viel größeren Erwachsenenfinger.
Früher einmal habe ich mir auch ein Baby gewünscht. Vor zehn Jahren. Ich wollte dieses Baby so sehr, dass mein Körper mich jeden Tag drängte, endlich schwanger zu werden. Doch als Gerry krank wurde, verschwand die Sehnsucht, denn jetzt stand sein Überleben an erster Stelle, und die ganze Wunschenergie konzentrierte sich darauf. Als er starb, starb auch meine Sehnsucht nach einem Kind. Ich hatte ein Baby mit ihm gewollt, und er war nicht mehr da. Doch als ich mir jetzt im Laden dieses wunderschöne kleine Wesen ansehe, wird in mir eine Saite zum Schwingen gebracht, eine Erinnerung an das, was ich mir einmal so sehr gewünscht habe. Ich bin siebenunddreißig Jahre alt, es ist also noch möglich. Wenn ich mit Gabriel zusammenziehe, könnte es passieren, aber ich glaube, wir sind beide nicht wirklich bereit dafür. Er ist zu sehr mit der Beziehung zu seiner Tochter beschäftigt.
»Ich will nichts klauen«, sagt die junge Frau auf einmal und reißt mich aus meiner Trance.
»Pardon?«
»Sie starren mich dauernd so an. Ich will aber nichts klauen«, wiederholt sie defensiv und verärgert.
»Sorry, das wollte ich auch nicht … ich habe nur vor mich hin geträumt«, erkläre ich und stehe auf. »Kann ich Ihnen irgendwie helfen?«
Sie sieht mich an, ein langer Blick, als versuche sie, mich einzuschätzen. »Nein«, sagt sie nach einer Weile entschieden.
Dann geht sie zur Tür, das Glöckchen ertönt, die Tür schließt sich hinter ihr. Ich starre ihr nach, und plötzlich fällt mir ein, dass sie schon einmal hier war. Vor ein paar Wochen, vielleicht sogar letzte Woche, vielleicht sogar schon ein paarmal. Jedenfalls hat sie immer dasselbe gemacht – sich mit ihrem Baby unsere Sachen angeschaut. Ich erinnere mich genau daran, weil Ciara ihr einmal ein Kompliment für den Turban gemacht und sich dann, inspiriert von dieser Mode, eine Woche lang einen roten Schal mit weißen Punkten um den Kopf gewickelt hat. Bisher hat das Mädchen nie etwas gekauft. An sich ist das nichts Besonderes, denn viele Leute schauen sich in Secondhandshops oft nur um, vielen gefällt es, sich anzuschauen, was einmal anderen gehört hat, zu überlegen, warum sie es weggegeben und wie sie wohl gelebt haben. Sachen, die einmal jemandem gehört haben, sind immer etwas Besonderes. Manche Leute finden sie wertvoller, andere glauben, gebraucht sei ein Synonym für schmutzig, und dann gibt es noch diejenigen, die einfach etwas für gebrauchte Gegenstände übrighaben. Aber die junge Frau hatte recht, ich habe ihr tatsächlich nicht über den Weg getraut.
Kurz darauf hält Mathews und Ciaras Van vor dem Laden. Ciara springt heraus, heute in einem paillettenbesetzten Jumpsuit aus den Achtzigern und Turnschuhen. Die beiden fangen an, den Kofferraum auszuräumen.
»Hallo, David Bowie.«
Ciara grinst. »Mann, wir haben echt tolle Sachen gefunden, die werden dir garantiert gefallen. Ist hier irgendwas Aufregendes passiert?«
»Nein, es war ziemlich ruhig.«
Mathew läuft mit zwei aufgerollten Teppichen unter dem Arm vorbei und ruft mit seinem dicken australischen Akzent: »Wir haben bald mehr Teppiche als ein kahler Mann Toupets.«
Ich muss an Angelas Perücken und die darunter für ihre Familie versteckten Briefe denken.
Ciara mustert mich. »Alles in Ordnung mit dir?«
»Ja, Ciara.« Zurzeit fragt sie mich das ungefähr alle zehn Minuten.
Als Mathew im Lager verschwindet, fügt sie noch hinzu: »Ich wollte dir nur noch mal sagen, dass es mir leidtut. Wirklich. Ich fühle mich immer noch verantwortlich für das, was passiert ist.«
»Hör auf, Ciara …«
»Nein. Wenn es dir wieder schlechter geht, weil ich Mist gebaut habe, dann tut es mir sehr leid. Bitte sag mir einfach, was ich tun kann, um es wiedergutzumachen.«
»Du hast nichts falsch gemacht. Solche Sachen passieren eben, du kannst nichts dafür. Aber wenn Joy oder sonst jemand von diesem Club vorbeikommt, dann richte ihnen bitte aus, dass ich kein Interesse habe. Okay?«
»Ja, klar. Ich habe diesem Typen gestern schon klargemacht, dass er nicht noch mal zu kommen braucht.«
»Welchem Typen denn?«
»Er hat gesagt, er ist auch von diesem Club. Sein Name war … na ja, ist ja egal, wie er hieß, er kommt sowieso nicht wieder. Ich habe ihm klipp und klar zu verstehen gegeben, dass er dich in Frieden lassen soll, vor allem hier bei der Arbeit, da passt es überhaupt nicht.«
Vor lauter Ärger habe ich Herzklopfen. »Dann kommen sie also tatsächlich hierher.«
»Sie?«
»Na, die Clubmitglieder. Vorhin war ein Mädchen da, ich habe sie schon öfter gesehen. Sie hat mich ganz komisch angestarrt und mir vorgeworfen, ich würde sie verdächtigen, dass sie klaut. Sie gehört bestimmt auch zu denen.«
»Nein …« Ciara mustert mich besorgt. »Ich meine, du kannst doch nicht bei allen Kunden, die dich mal komisch anstarren, gleich denken, dass sie zu diesem Club gehören.«
»Die Frau neulich hat doch gesagt, dass sie fünf Mitglieder hatten und jetzt noch vier übrig sind. Inzwischen hat mir nicht nur der Geist der vergangenen, sondern auch der gegenwärtigen und heute der zukünftigen Weihnacht seinen Besuch abgestattet. Sie werden mich nie mehr in Ruhe lassen, oder?«, frage ich, immer noch wütend über diese Übergriffe in mein nettes, normales, stabiles, glückliches Wiederaufbauleben. »Weißt du was – ich werde mich einfach mit ihnen treffen. Ich werde mich diesem kleinen Club stellen und den Mitgliedern unmissverständlich klarmachen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen. Wo ist denn die Nummer von dieser Frau?« Ich fange an, in den Schubladen zu wühlen.
»Du meinst die Nummer von Joy?«, fragt Ciara, immer noch besorgt. »Vielleicht solltest du sie lieber ignorieren, denn ich glaube, dass sie es irgendwann ganz von selbst kapieren werden.«
Aber ich habe den Zettel gefunden und greife nach meinem Telefon. »Entschuldige mich mal eine Minute.« Dann renne ich zur Tür. Dieses Gespräch muss ich an der frischen Luft führen.
»Holly!«, ruft Ciara mir nach. »Denk bitte dran, dass die Leute schwerkrank sind. Das sind keine fiesen Spinner. Sei nett zu ihnen.«
Aber ich bin schon draußen, ziehe die Tür hinter mir zu und entferne mich ein paar Schritte vom Laden, während ich Joys Nummer wähle. Ich werde diesem Club schon beibringen, mich ein für alle Mal in Ruhe zu lassen.