Kapitel 31
Da ich unmöglich noch mehr von meiner Arbeit freinehmen kann, beschließe ich, früher aufzustehen. Es ist sieben Uhr, Samstag, und ich freue mich auf meine nächste Mission mit Paul. Auf einem leeren Parkplatz in einer Gewerbe- und Einkaufsgegend warte ich auf ihn – keine Ahnung, warum wir hier verabredet sind. Über Pauls Ideen habe ich keine Kontrolle, ich bin nur die Kamerafrau, mehr verlangt er nicht von mir. Ich frage mich, ob ich mehr sein sollte, ob er mir irgendwann mehr Raum geben wird.
Endlich biegt ein Auto auf den Parkplatz ein, und ich muss lachen. Es ist nicht Pauls übliches Auto, sondern ein flaschengrüner Morris Minor. Ich filme seine Ankunft und lache dabei lautlos in mich hinein, während ich meine Hand stillzuhalten versuche. Paul parkt hinter mir, kurbelt das Fenster herunter, was eine Weile dauert, die Sache aber noch lustiger macht.
»Hi, Casper«, sagt er zur Kamera. »Du bist jetzt sechzehn. Siehst gut aus, bestimmt mögen die Mädchen dich. Das hier ist das Auto, mit dem ich von meinem Vater, deinem Granddad Charlie, Fahren gelernt habe. Hüpf rein«, sagt er augenzwinkernd.
»Was ist?«, fragt er und schaut mich unsicher an. »War es nicht gut? Ich weiß nicht, ob du es gespürt hast.«
»Es war großartig!«, entgegne ich und zementiere ein Lächeln auf mein Gesicht. Aber ich mache mir Sorgen. Er hat ein paar Bemerkungen gemacht, die meiner Meinung nach in sechzehn Jahren keinerlei Bedeutung mehr haben, und ich glaube nicht, dass Paul das richtig durchdacht hat. Er tut so, als finde die Fahrstunde für seinen zweijährigen Sohn morgen statt, er erwähnt Caspers aktuelle Freundschaften, erzählt alles aus der Sicht der Jetztzeit oder spricht von Dingen, die man unmöglich vorhersagen kann. Ich sage nichts, weil ich Paul nicht die Stimmung verderben will. Sein Wunsch ist mir Befehl, und es ist schön, mit ihm zusammen zu sein, wenn er so fröhlich ist. Die Briefe und Filmchen vorzubereiten, hüllt uns nicht in Dunkelheit, wie man es vielleicht erwarten würde und wie Gabriel es befürchtet hat. Alles ist positiv und fröhlich und zukunftsorientiert. Ich wünsche mir, Gabriel könnte mich jetzt sehen, wie ich lache und die Zeit mit jemandem genieße, von dem er dachte, er würde mich tief in eine Depression reißen.
»Ist alles klar mit Evas Videos morgen?«, fragt Paul. Er wirkt energiegeladen, aber ein bisschen nervös, als mache er sich Sorgen, dass ich nein sagen könnte.
»Ja, alles ist organisiert.«
»Super«, sagt er. »Dann sind wir fast fertig. Bis nächste Woche will ich alles zusammenhaben.«
Wenn ich mit Paul fertig bin, sind nur noch zwei Clubmitglieder übrig. Was mache ich dann? »Warum nächste Woche?«
»Dann ist der Termin für die Kraniotomie.«
Zweifellos gehört jede Operation am menschlichen Gehirn zu den gefährlichsten chirurgischen Eingriffen. Bei einer Kraniotomie wird der Schädel geöffnet, um einen Tumor zu entfernen, ist dies nicht vollständig möglich, wird er zumindest verkleinert – eine Prozedur, die als Debulking bezeichnet wird. Zu den Risiken einer solchen Operation gehören Infektionen, Blutgerinnsel, Hirnschwellungen, Krampfanfälle. Bei Patienten mit niedrigem Blutdruck kann es zu Schlaganfällen kommen.
»Mein Mann hatte diese Operation auch.«
»Es ist meine dritte. Der Chirurg hat angedeutet, dass es diesmal zu einer linksseitigen Lähmung kommen könnte.«
»Sie müssen die Patienten immer auf das Schlimmste vorbereiten.«
»Ich weiß. Aber ich möchte alle Botschaften fertig haben, für den Fall des Falles. Für Claire habe ich einen Brief geschrieben, wir haben Dutzende Videos, die du alle griffbereit hast, nicht wahr?« Seine Beine bewegen sich nervös unter dem Lenkrad.
»Ja, ich habe sie an die Mailadresse geschickt, die wir für Casper und Eva eingerichtet haben«, antworte ich ruhig und hoffe, ihn mit meinem Ton beeinflussen zu können.
»In dem Brief habe ich Claire auch erklärt, was sie für die Kinder tun soll«, sagt er.
Ich nicke. Hoffentlich findet Claire die Idee gut, sonst könnte es sie für den Rest ihres Lebens belasten, ihren heranwachsenden Kindern Mails zu schicken. Ich überlege, Paul danach zu fragen, aber stattdessen erkundige ich mich: »Darfst du denn überhaupt fahren?«
Meine Frage nervt ihn.
»Ich frage das nur, weil ich mir Sorgen mache.« Fast vier volle Jahre drehte sich mein Leben um das, was Paul jetzt durchmacht. Ich weiß Bescheid über Doppelbilder, Krampfanfälle, Immobilisation. Gerry musste seinen Führerschein abgeben.
»Nur noch diese Woche, dann fahre ich nicht mehr. Dann mache ich vieles nicht mehr. Danke für deine Hilfe, Holly.«
Das ist deutlich, mir ist sofort klar, dass ich aussteigen soll.
Im gleichen Moment wird an das Beifahrerfenster geklopft, und ich fahre zusammen vor Schreck.
Paul blickt auf und flucht leise.
Vor dem Fenster steht eine junge Frau, ungefähr in meinem Alter, eine Yogamatte auf der Schulter, und späht mit wütendem Gesicht zu uns herein.
»Scheiße«, flüstere ich und schaue zu Paul, der ganz blass geworden ist. »Ist das Claire?«
Aber Paul setzt ein breites Grinsen auf und steigt aus.
»Paul«, zische ich, und mein Herz klopft wie wild.
»Mach einfach mit«, flüstert er mir zu und lächelt weiter.
Claire weicht von meinem Fenster zurück.
»Hi, Schatz«, höre ich Pauls Stimme, sehr charmant – und verlogen, finde ich.
»Scheiße, scheiße, scheiße«, knurre ich in mich hinein, hole tief Luft und öffne die Autotür.
Claire weigert sich, ihren Mann zu umarmen, ihre Körpersprache ist sehr abweisend.
»Was zur Hölle macht ihr beiden hier?« Sie schaut mich an. »Wer sind Sie überhaupt? Was machen Sie mit meinem Mann?«
»Das ist Holly, Schatz«, erklärt Paul ihr. »Schau mich an. Das ist Holly. Sie ist eine Freundin von Joy und gehört auch zum Buchclub.«
Claire mustert mich von oben bis unten, aber ich kann ihr nicht ins Gesicht blicken. Eine grässliche Situation, vor solchen Verwicklungen habe ich mich immer gefürchtet. Ich hasse mich. Hätte ich Gerry trotz meiner aufopfernden Pflege eine Woche vor einer großen Operation im Auto mit einer anderen Frau erwischt, hätte ich sie wahrscheinlich beide erwürgen wollen. Das ist nicht gut.
»Du hast gesagt, du willst für die Kids Spielsachen bei Smyths kaufen«, sagt Claire. »Du darfst eigentlich nicht mal fahren, und ich habe dich trotzdem gehen lassen. Aber dann habe ich mir solche Sorgen gemacht und habe dich angerufen. Ich habe doch gleich meinen Kurs und musste Mum alarmieren, damit sie kommt und auf die Kinder aufpasst. Herrgott nochmal, Paul, was hast du dir bloß dabei gedacht? Und warum hast du die alte Karre von deinem Dad genommen?«
Der Frust quillt ihr aus allen Poren, und ich bin voll auf ihrer Seite.
»Tut mir leid, ich habe deinen Kurs vergessen. Ich fahre sofort nach Hause und übernehme die Kinder, damit deine Mum wieder gehen kann. Und du hast ganz recht, ich hätte nicht fahren sollen. Ich bin Holly bei Smyths begegnet, und weil ich mich nicht so gut fühlte, habe ich sie gefragt, ob sie so nett wäre, mich heimzufahren. Nichts Ernstes, bloß ein bisschen Kopfweh, und mir ist ein bisschen schwindlig, aber ich wollte mich nicht hinters Steuer setzen, deshalb habe ich ihr gezeigt, wie die Karre funktioniert. Das ist alles.«
Paul redet viel zu schnell, er ist nicht sonderlich glaubhaft, aber es ist schwierig, ihn zu unterbrechen und zu argumentieren. Claire schaut mich an. Ich trete einen Schritt zur Seite und mache mich bereit zu gehen.
»Sie hat mir nur geholfen, weiter nichts«, beteuert Paul und sieht mich an. »Mir einen Riesengefallen getan. Stimmt’s?«
Ich sehe ihn an. »Ja.«
Paul ist noch lange nicht aus dem Schneider, aber ich möchte nicht länger bleiben, ich möchte nicht lügen und betrügen müssen.
»War nett, Sie kennenzulernen, Claire«, sage ich entschuldigend und verunsichert. »Pass auf dich auf, Paul«, füge ich mit starrem Gesicht hinzu.
Ich habe mich anheuern lassen, um zu helfen, nicht um zu lügen oder als Punchingball benutzt zu werden. Selbst wenn es Paul helfen würde, bekäme ich von jedem Schlag blaue Flecken.
Als ich am Ende meines Arbeitstages mit Ginika am Tisch sitze, bin ich ziemlich erschöpft. Wir setzen Buchstaben und Laute zu Wörtern zusammen. Ich habe einen Sonnenschirm aufgestellt, damit wir draußen sitzen können, die Bienen tanzen laut summend um uns herum und laben sich an Richards farbenfrohen Blumen. Die Gartenmöbel sind abgestaubt, geschliffen und lackiert, gerade rechtzeitig für die zweiwöchige Hitzewelle, die uns fest im Griff hat. Denise rollt mit Jewel auf einer Decke herum, singt und lacht, deutet auf Vögel und Bienen und Blumen, und Jewels kleiner feister Zeigefinger ist ständig in Bewegung.
Ihr Lieblingswort ist »Wow«, und momentan ist die ganze Welt »wow«.
»Schau, Jewel, ein Flugzeug!«, ruft Denise, legt sich auf den Rücken und deutet nach oben, wo ein einzelner Flieger über den blauen Himmel zieht und einen weißen Streifen hinter sich zurücklässt.
»Wow«, sagt Jewel, stets bereit, den Zeigefinger einzusetzen.
Während Denise der kleinen Jewel die Augen für die Welt um sie herum öffnet, bin ich dankbar für die ebenso aufmerksame Ginika, die ihre Seite unserer Abmachung sehr ernst genommen und strikt eingehalten hat. So unbesonnen sie als Schülerin gewesen sein mag, ist sie das jetzt ganz sicher nicht mehr. Engagiert, pünktlich, immer gut vorbereitet, mit Leib und Seele bei der Sache, als hinge ihr Leben davon ab, Lesen und Schreiben zu lernen.
»S-c-h- …«
»Die drei Buchstaben gehören zusammen, man spricht sie als einen einzigen Laut.« Ich lege den Finger an die Lippen, um ihr einen Hinweis zu geben.
»Sch«, sagt sie, und ich lächle stolz.
»Sch-i-s-s.« Sie spricht die Laute getrennt. Dann runzelt sie die Stirn und sagt sie noch einmal. »Schiss«, ruft sie und schaut mich an. »Schiss.«
Ich grinse.
»Ich wollte, in der Schule wäre es auch so lustig gewesen«, sagt sie und lacht.
»Nächstes Wort.«
»P-i-s-s. Piss. Piss!« Sie lacht.
»Sch-w-ei-n. Schwein.«
»Genau!« Triumphierend stoße ich die Faust in die Luft. »Das E und das I gehören auch zusammen, du hast sie nicht getrennt.« Ich halte die Hand hoch, um ihr High Five zu geben.
Sie verdreht die Augen und schlägt etwas matt ein – Lob ist ihr immer peinlich. »Du bist echt witzig – Schiss, Piss und Schwein«, liest sie noch einmal. »Warum bist du denn so angepisst?«
»Manche Wörter werden anders geschrieben, als sie gesprochen werden«, erkläre ich, ohne auf ihre Frage einzugehen.
Ginika schnalzt mit der Zunge.
»Ich weiß, irgendwo taucht immer ein neues Problem auf, wenn wir gerade das Gefühl haben, dass wir es in den Griff kriegen.«
»Krebs zum Beispiel.«
»Ginika!«
Sie lacht boshaft.
»Leider sind viele dieser Wörter ganz alltäglich, das macht sie manchmal so knifflig.«
Ginika verdreht die Augen und krempelt die Ärmel auf. »Na gut. Lass mich sehen.«
Ich lächle. »Zum Beispiel diese beiden Wörter. Sehen ganz leicht aus.« Ich schreibe sie auf. »Jetzt lies mal.«
»V-a-t-e-r. Vater. V-a-s-e. Fase?« Sie stutzt.
»Die Vase sieht aus wie der Vater, aber man spricht sie, als würde da ein W. stehen. Und die Phase, also den Zeitraum, buchstabiert man ganz anders.« Ich schreibe es auf.
»P-h-a-s-e. Phase. Oje.«
»Ja, stimmt, das muss man sich merken.«
»Oh verdammt, was soll das denn? Können die das nicht einfach alles mit einem F schreiben? Und die Vase mit W? Wie soll sich ein normaler Mensch da zurechtfinden?« Sie wirft den Stift in die Luft, er landet auf dem Tisch, und die Spitze hinterlässt eine Kerbe im frischen Lack. Aber ich tue so, als wäre der Ausbruch nicht passiert, es ist ja auch nicht das erste Mal.
»Ginika«, sagt Denise. »Sorry, dass ich unterbreche.« Ihr Ton ist seltsam, fast nervös. »Eine Freundin von mir sortiert gerade Babysachen aus, ihre Kinder brauchen sie nicht mehr, und sie wollte den Buggy einfach wegwerfen. Ich habe ihn genommen, weil ich dachte, vielleicht wäre er gut für Jewel. Du musst ihn ja nicht benutzen, wenn du nicht willst …«
»Jewel hasst Buggys, das weißt du doch. Sie mag es, wenn man sie trägt«, sagt Ginika, ohne von ihrer Buchseite aufzublicken.
»Natürlich, du bist ihre Mum, du weißt es am besten. Aber ich dachte einfach, ich nehme ihn, bevor er auf dem Müll landet. Warte kurz, ich zeige ihn dir.« Schon rennt sie ins Haus, und wir schauen Jewel so lange zu, die auf dem Bauch liegt, einen Grashalm fixiert, ihn vorsichtig berührt und … ihn packt und an ihm zerrt. Im nächsten Moment ist Denise mit dem Buggy wieder da.
Er sieht keineswegs alt aus. Sondern nagelneu.
Verstohlen schiele ich zu Ginika, die den Buggy ausdruckslos anstarrt. Wahrscheinlich gehen ihr eine Million Gedanken durch den Kopf.
»Ich könnte Jewel zur Probe ein bisschen herumfahren, nur um den Block, wir gehen nicht weit«, bietet Denise ganz entspannt und unverbindlich an. »Damit sie ein bisschen was anderes sieht.«
Ich halte mich raus und schaue mit gesenktem Kopf auf mein vorbereitetes Blatt.
Ginika schweigt. Wenn man sie unter Druck setzt, explodiert sie gern, vor allem, wenn es um ihre Tochter geht. Aber ihre Reaktion überrascht sowohl Denise als auch mich.
»Okay.«
Jewel strampelt, als Denise sie in den Buggy setzt, lässt sich aber blitzschnell von den – ebenfalls nagelneuen – Spielsachen ablenken, die Denise vor ihr ausbreitet. Auch eins ihrer Lieblingsbücher ist dabei, und Jewel ist glücklich.
Nachdem sie weg sind, ist Ginika auf einmal ganz still. Sie wendet sich von unseren Lehrbüchern ab und schaut auf die leere Spielmatte im Gras. Auf einmal wirkt sie müde. Wahrscheinlich ist sie das auch. Sie hat dunkle Ringe um die Augen und viel Gewicht verloren, denn der Krebs hat sich in Leber und Darm ausgebreitet. Langsam beugt sie sich zu ihrer Tasche hinunter, und ich hebe sie schnell auf. Sie kramt in einer Packung und holt einen Lutscher heraus. Aber ich weiß, dass es sich nicht um eine Süßigkeit handelt. Es ist ein Fentanyl-Lutscher, für plötzlich auftretende starke Schmerzen.
»Lass uns eine Pause machen«, schlage ich vor. »Möchtest du reingehen? Vielleicht ist es zu heiß hier draußen.«
»Ich will aber keine Pause«, faucht sie.
»Okay. Kann ich dir irgendwas bringen?«
»Nein.«
Schweigen.
»Danke«, fügt sie etwas freundlicher hinzu.
Um ihr Zeit zu geben, rücke ich meinen Stuhl aus dem Schatten und entspanne mich ein bisschen, lehne mich zurück, schließe die Augen, hebe mein Gesicht dem Himmel entgegen, lausche dem fröhlichen Zwitschern der Vögel und dem Summen der Bienen und wackle im warmen Gras mit den Zehen. Mein beschissener Tag verabschiedet sich langsam.
»Hat dein Mann die auch benutzt?«, fragt Ginika plötzlich.
Ich öffne die Augen und sehe, dass sie ihren Lutscher durch die Luft schwenkt. »Nein«, antworte ich. »Er war auf Morphium. Intravenös.«
»Das hier ist stärker«, sagt sie und lutscht wieder. »Von Morphium wird mir schlecht.«
Immer wieder staune ich, wie anders sie geworden ist, seit wir uns kennen, aber nicht auf eine offensichtliche Art. Sicher, ihr Körper verändert sich auch, aber vor allem ihr Denken. Ihr Körper wird schmaler, doch ihr Denken wird breiter. Sie spricht persönlicher, wenn sie nicht gerade darauf erpicht ist, sich hinter ihrer Mauer zu verschanzen, und wir unterhalten uns öfter. Sie ist selbstbewusst, sie weiß, was sie will. Natürlich wusste sie das schon immer, aber jetzt bringt sie ihre Meinungen und Gefühle ganz anders rüber. Sie hat zugegeben, wie sehr sie sich freut, dass sie das Etikett auf Jewels Hustensaft lesen kann. Jeden Abend liest sie ihrer Tochter eine Gutenachtgeschichte vor. Das Lesen gibt ihr Sicherheit, sie fühlt sich weniger verloren und verwirrt von der Welt.
»Ich glaube, in deinem Haus spukt es. Deine Fotos hängen dauernd woanders.«
Ich folge ihrem Blick durch die offene Terrassentür zum Wohnzimmer. Vermutlich meint sie den Kaminsims, auf dem das Foto von Gabriel und mir aus glücklicheren Zeiten stand und jetzt verschwunden ist, ersetzt durch das heruntergefallene Bild von Gerry und mir in einem kleineren Rahmen. Als sie gekommen ist, habe ich gemerkt, dass es ihr gleich aufgefallen ist, und habe schon gewartet, dass sie danach fragt. Aber zu meiner Überraschung hat sie sich zurückgehalten.
»Gabriel und ich haben uns getrennt.«
Überrascht blickt sie auf. »Warum? Hat er dich betrogen?«
»Nein. Er hat eine Tochter, die ihn braucht, und letztlich war sie ihm wichtiger.« Sofort habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Gabriel als den Bad Guy darstelle. Dabei weiß ich sehr wohl, dass Ava nicht der eigentliche Grund für unsere Trennung war. Die angenehme Wirkung des Leugnens lässt immer mehr nach.
»Wie alt ist sie?«
»Ungefähr so alt wie du«, antworte ich und bringe die beiden zum ersten Mal in Verbindung. Ginika wirkt um Lichtjahre älter.
»Warum braucht sie ihn dann? Ist sie krank?«
»Nein, ich würde sagen, sie hat Probleme. Ärger in der Schule, da spielt sie verrückt. Trinkt, raucht, macht Party. Kommt nicht mit ihrer Mum und ihrem zukünftigen Stiefvater zurecht. Gabriel dachte, es wäre das Beste, wenn sie bei ihm einzieht.«
»Statt dir?«
»So ungefähr.« Ich seufze. »Ja.«
»Weil seine Tochter Probleme macht, hat er dich abserviert?«
»Sie braucht Stabilität.« Ich versuche, nicht zynisch zu klingen. »Und er hat mich auch nicht abserviert. Ich war es, die Schluss gemacht hat.« Ich bin es leid, sie mit Informationsbröckchen zu füttern. Das macht sie oft genug mit mir, und wenn wir das nicht ändern, kommen wir nie auf einen grünen Zweig. Ich stütze die Ellbogen auf den Tisch und beuge mich vor, damit mein Gesicht im Schatten ist. »Ich hatte genug davon, auf ihn zu warten, Ginika. Und er hat mich nicht bei dem unterstützt, was ich jetzt mache.«
»Eifersucht«, meint sie mit einem verständnisvollen Nicken und schaut zu der leeren Decke, wo noch Jewels Spielzeug liegt.
»Nein«, erwidere ich und runzle verwirrt die Stirn. »Warum meinst du, es ist Eifersucht?«
»Das ist doch offensichtlich. Dein Mann hat was Tolles gemacht, und jetzt versuchen andere Menschen, es ihm nachzumachen. Er hat was ziemlich Weltbewegendes erfunden. Und dein Freund kann mit einem toten Ehemann nicht mithalten, oder? Ganz egal, wie gut er im Bäumefällen oder sonst was ist. Also sagt er sich, wenn sie Zeit mit ihrem Exmann verbringt, dann lasse ich lieber meine Tochter bei mir einziehen. Dann schauen wir mal, wie sie das findet.«
Ich starre Ginika völlig entgeistert an. Aus dieser Perspektive habe ich das Ganze noch nie betrachtet. Vielleicht war das dumm.
Könnte Gabriel tatsächlich auf Gerry eifersüchtig sein? Das macht Sinn, ich habe mich in puncto Wiedervereinigung mit seiner Tochter ja genauso gefühlt. »Ginika, du bist wirklich eine der klügsten Personen, die ich kenne.«
»Ich kann ja nicht mal ›klügste‹ buchstabieren«, schnaubt sie, denn so ein Lob ist ihr wie immer unbehaglich.
»Ich glaube nicht, dass das die Definition von Klugheit ist.«
»Was ist denn die Definition von Klugheit?«
»Keine Ahnung«, antworte ich trocken.
»Ich würde seine Tochter innerhalb von fünf Minuten zur Vernunft bringen«, sagt Ginika, als wollte sie mich beschützen. »Vielleicht habe ich nicht mehr so viel Energie wie früher für ’n Einlauf, aber ich könnte ihr diesen Lutscher in den Arsch rammen.«
»Danke, Ginika, das ist wirklich rührend, aber du musst aufhören, immer die Streberin zu geben.«
Sie zwinkert. »Ich stehe hinter dir, Frau Lehrerin.«
»Und dein Vorhaben ist auch sehr rücksichtsvoll. Du würdest ihr weh tun und den Schmerz gleichzeitig lindern.«
Sie lacht laut, tief aus dem Bauch heraus, und ihr Gesicht strahlt.
»Darf ich dich nach Jewels Dad fragen … noch mal?« Auf einmal habe ich das Gefühl, es passt.
»Ich möchte nur den Brief schreiben.«
»Sorry.« Ich greife wieder nach dem Buch.
»So war das nicht gemeint«, entgegnet sie und legt die Hand auf das Buch, damit ich es nicht aufschlagen kann. »Ich meine, ich möchte, dass Jewel einen Brief bekommt, von mir. Ich brauche von dir keine Unterstützung für eine Wiedervereinigung, wie du sie bei Berts Frau und ihrer Schwester in die Wege geleitet hast.«
»Okay.« Es ist, als hätte sie mich blitzschnell durchschaut. Weiß sie etwa Bescheid? Testet sie mich? Hat ihr Dad Kontakt zu ihr aufgenommen? Ich kann das nicht auf sich beruhen lassen. »Was das angeht, Ginika«, beginne ich nervös. »Ich habe am Wochenende deinen Vater gesehen.«
Ihre Augen werden schmal, und ich spüre ihren stechenden Blick. »Wie bitte?«
»Ich hatte das Gefühl, ich tue nicht genug, ich …«
»Was hast du gesagt? Wo bist du ihm begegnet?«
»Ich habe die 66A genommen. Du hast mir ja gesagt, das ist seine Route. Ich habe mich in den Bus gesetzt und bin von der ersten bis zur letzten Haltestelle mitgefahren«, erkläre ich hastig. »Und als ich ausgestiegen bin, habe ich ihm gesagt, dass ich dich kenne, dass du ein wunderbarer Mensch bist, unglaublich tapfer und eine der inspirierendsten Personen, denen ich je begegnet bin. Und dass er sehr stolz auf dich sein muss.«
Ginika verzieht das Gesicht und betrachtet mich prüfend, um festzustellen, ob ich ihr die Wahrheit sage. »Was noch?«
»Nichts. Das war alles, ehrlich. Ich möchte, dass deine Eltern wissen, dass du großartig bist.«
»Was hat er dazu gesagt?«
»Nichts. Ich habe ihm nicht die Chance gegeben, etwas zu sagen, ich bin einfach ausgestiegen.«
Ginika wendet sich ab, und ich hoffe, dass ich nicht alles kaputt gemacht und unsere Beziehung beendet habe. Jetzt erst wird mir richtig klar, dass sich zwischen uns eine echte Freundschaft entwickelt hat, und zwar eine, die ich nicht verlieren will. Aber ich habe definitiv eine Grenze überschritten und kann nur hoffen, dass sie es mir verzeiht. Bei Paul habe ich nicht genug getan. Und bei Ginika zu viel. Ich muss die goldene Mitte finden.
»Wann hast du ihn gesehen?«
»Samstagmorgen. Um halb elf.«
»Wie sah er aus?«, fragt sie leise.
»Er hat nicht viel gesagt, er war beschäftigt mit seiner Arbeit. Konzentriert. Er …« Ich zucke die Achseln.
Sie schaut mich sehr aufmerksam an. »Alles klar mit dir?«
»Nein, ich mach mir gerade ins Hemd, weil ich Angst habe, dass du mich umbringen wirst.«
Ginika grinst. »Könnte schon passieren. Aber nein. Ich meine, bist du total irre? Du hast den Samstagmorgen damit verbracht, bei meinem Dad im Bus zu sitzen? Warum? Für mich?«
Ich nicke.
»O Mann, echt.«
»Sorry.«
Sie schweigt einen Moment und antwortet dann: »Danke, für das, was du ihm gesagt hast. Ich glaube, so was hat er noch nie über mich gehört.« Sie setzt sich aufrechter hin, stolzer. »Hast du auch mit meiner Ma gesprochen?«
»Nein!« Ich hebe abwehrend die Hände. »Du hast mir auch nicht gesagt, wo sie arbeitet.«
»Gott sei Dank.«
Wir grinsen.
»Übrigens hat dein Dad ein Foto von dir direkt neben dem Lenkrad. Ein Schulfoto. Graue Uniform, rote Krawatte, freches kleines Lächeln.«
»Ja«, sagt sie und duckt sich wieder ein bisschen. »Die Version mag er lieber.«
»Und welche magst du lieber?«
»Was?«, fragt sie und runzelt die Stirn.
»Ich habe neulich darüber nachgedacht, dass Gerry mich überhaupt nicht so kennt, wie ich jetzt bin, er ist dieser Person nie begegnet. Ich mag sie lieber, aber ich habe mich nur so entwickelt, weil ich ihn verloren habe. Wenn ich die Macht hätte, alles ungeschehen zu machen, würde ich diese Person nicht wieder zurückschicken wollen.«
Ginika lässt es sich durch den Kopf gehen. »Ja, ich weiß, was du meinst. Ich mag mich jetzt auch lieber.«
Und was hat Ginika alles durchgemacht, um so zu werden.
»Es tut mir leid, wenn ich übergriffig war. Ich verspreche dir, dass ich deinen Dad nie wieder kontaktiere.«
»Ja, das war übergriffig«, stimmt sie sofort zu und lutscht an ihrem Lutscher. »Aber es war trotzdem nett – wenn auch verdammt sinnlos.«
Ehe sie die Mauer wieder hochfährt, fahre ich schnell fort: »Ich dachte an Jewel, an ihre Zukunft, wo sie leben und wer sie versorgen wird. Ich weiß, du hast schon eine Pflegefamilie, aber vielleicht kennst du auch Leute, von denen du dir vorstellen kannst, dass sie für Jewel sorgen könnten. Natürlich hast du das ganz allein zu bestimmen, du solltest es nur nicht vergessen in deinem …«
»Was?«
»… in deinem Testament.«
Ihre Augen werden schmal. »Hast du jemanden im Auge?«
»Ich meine, ich …« Ich zögere. Es ist ein heikles Thema, ich möchte Ginika bei einer so wichtigen Entscheidung nicht unzulässig beeinflussen. Also lenke ich ab. »Na ja, zum Beispiel Jewels Dad. Weiß er, was los ist? Weiß er Bescheid über Jewel? Und dass du krank bist?«
Sie sieht mich wütend an.
»Sorry.« Ich rudere sofort zurück. »Ich dachte, der Moment wäre passend.«
»Ich würde eher sagen, im Moment tickst du nicht richtig. Machen wir uns lieber wieder an die Arbeit.«
Wir schlagen unsere Bücher auf und machen dort weiter, wo wir vorhin aufgehört haben.
»Hast du dir jemals gewünscht, dein Mann hätte dir andere Briefe geschrieben?«, fragt Ginika plötzlich mitten in einer Schreibübung des Wortes Liebe. Ich wähle Worte aus, die sie für den Brief an Jewel brauchen kann.
Ich werde nervös. »Wie meinst du das?«
»Wie ich es gesagt habe«, antwortet sie barsch.
»Nein.«
»Du lügst.«
Irritiert lasse ich die Bemerkung auf sich beruhen.
»Weißt du schon, was du in deinen Brief an Jewel schreiben möchtest?«, frage ich stattdessen.
»Ich arbeite daran«, antwortet sie mit gesenktem Kopf, wieder ganz auf ihre Schreibarbeit konzentriert. Schatz, Schatz, Schatz, Schatz, Schatz, Schatz. »Ich weiß aber, dass ich nicht so was will wie Paul«, fügt sie hinzu, als die Zeile voll ist.
»Warum nicht?«, frage ich verblüfft.
»Im Ernst?« Wieder mustert sie mich eindringlich. »Wie es sich anhört, hat Paul jede Sekunde im Leben seiner Kinder schon unter Kontrolle. Die Geburtstage, die Fahrstunden, die Hochzeiten, die ersten Schultage, das erste Mal, dass sie sich selbständig den Hintern abputzen. Als ob er genau weiß, was aus ihnen wird. Aber was passiert, wenn sie nicht so werden? Ich kenne Jewel besser als sonst irgendjemand auf der ganzen Welt. Aber nicht mal ich weiß, was sie in fünf Minuten machen wird, schon gar nicht am nächsten Tag. Es wird komisch für Pauls Kinder, meinst du nicht?« Sie schaudert beim Gedanken an die Zukunft der beiden. »Deshalb habe ich dich nach den Briefen von deinem Mann gefragt. Vielleicht hat er irgendwas falsch verstanden, und es hat dir nach seinem Tod nicht gepasst.«
Wieder schaut sie mich an. Was sie gesagt hat, trifft etwas in mir, meine Gedanken rasen.
»Denn wenn es einen Brief gibt, den du nicht mochtest oder so, dann solltest du das vielleicht Paul erzählen. Nicht dass er darauf hören würde, unser Mister Ich-krieg-das-alles-alleine-hin. Männer, echt. Er und Bert. Wenn sie ihre Briefe nur abliefern lassen wollten, hätten sie doch einen Kurierdienst anheuern können. Aber ich? Ich brauche wirklich deine Hilfe.«
»Ich weiß nicht, Ginika«, seufze ich, und wieder gerät alles, was ich bisher dachte, ins Wanken. »Manchmal frage ich mich, wer hier eigentlich wem etwas beibringt.«