Kapitel 33

Als ich Ginika von unserem Unterricht nach Hause fahre, ruft sie plötzlich: »Bieg hier ab!« Es klingt panisch.

Ich setze den Blinker und fahre schwungvoll nach rechts in die Drumcondra Road, weil ich denke, ihr ist übel. Womöglich muss sie sich übergeben, oder sie wird ohnmächtig.

Ich halte an. »Bist du okay? Hier, trink einen Schluck Wasser.«

»Nein, mir geht’s gut«, sagt sie leise. »Fahr weiter.«

Ich habe nicht mal gemerkt, wo wir sind, ich dachte nicht, dass es wichtig wäre, aber als wir weiterfahren, erkenne ich, dass wir beim Stadion des HomeFarm FC sind. Verwirrt manövriere ich das Auto auf den Platz, auf den sie zeigt, direkt am Fußballfeld, auf dem ein Team trainiert. Ich sehe sie an und warte auf eine Erklärung, aber es kommt keine. »Hier habe ich mal gespielt«, sagt sie schließlich.

»Ach wirklich?«, frage ich und freue mich, dass sie sich öffnet. »Ich wusste gar nicht, dass du Fußball gespielt hast.«

»Ich war Stürmerin«, erklärt sie, ohne den Blick von den Jungs auf dem Feld abzuwenden.

»Na klar.«

Ein kleines Lächeln erscheint auf ihren Lippen.

Auf dem Rücksitz fängt Jewel an zu weinen, ich drehe mich um und hebe die Reiswaffel auf, die ihr aus der Hand gerutscht ist. Mit einem freundlichen »Ta-ta«, nimmt sie die Waffel entgegen und stopft sie sich in den Mund, um weiter daran zu lutschen. Die eine Hand an der Reiswaffel, die andere am großen Zeh, zieht sie Letzteren nun ebenfalls zum Mund, um herauszufinden, was besser schmeckt.

»Siehst du den Typ da drüben?«, sagt Ginika und deutet auf einen großen, gutaussehenden Cotrainer. »Er ist Jewels Dad.«

»Was?«, rufe ich so laut, dass Jewel erschrickt. »Sorry, Baby«, entschuldige ich mich sofort, streichle ihren Fuß, und sie beruhigt sich. Einen kurzen Moment zittert ihre Unterlippe, dann widmet sie sich wieder der Reiswaffel.

»Sei bloß leise, verdammt, sonst hört er dich noch!«, schimpft Ginika und gibt mir einen Klaps aufs Bein.

»Sorry. Aber ich kann gar nicht glauben, was … was du mir erzählst. Das ist er also.« Ich beuge mich übers Steuer und starre ihn an. »Er sieht toll aus.«

»Tja. Er heißt Connor. Weil du einfach nicht lockerlassen konntest und dauernd nach ihm gefragt hast – hier ist er.«

So oft habe ich sie gar nicht nach Jewels Dad gefragt, aber Ginika verändert sich, ist sehr nachdenklich geworden, plant für das Ende. Den Übergang. Mein Herz wird schwer.

»Jetzt können wir wieder fahren.« Sie nickt zum Lenkrad, damit ich mich beeile, vielleicht befürchtet sie, dass ich hier eine Szene mache.

»Nein, warte. Wir gehen noch nicht«, entgegne ich und beobachte den jungen Mann weiter, diesen mysteriösen Typen, über den ich schon so lange so viel wissen möchte.

»Aber wir steigen nicht aus.«

»Okay. Machen wir nicht.« Ich schaue ihn mir an, wie er mit den Kleinen trainiert. »Wie alt ist er?«

Sie überlegt. »Achtzehn. Inzwischen.«

Ich schaue zu Jewel, dann zu Connor. So nah waren die beiden sich womöglich noch nie.

»Tu es nicht«, warnt mich Ginika. »Ich wusste doch, dass es ein Fehler war, mit dir herzukommen.«

»Ach was, ich werde gar nichts tun«, erwidere ich mit fester Stimme. »Aber sag mir wenigstens, ob er Bescheid weiß. Dass es Jewel gibt.«

Ginika schüttelt den Kopf. »Ich konnte und wollte ihn nicht in Schwierigkeiten bringen. Sein Leben versauen. Connor ist nett, weißt du. Erst hab ich gemerkt, dass ich schwanger bin, und kurz darauf, dass ich Krebs habe. Ich hab die Schule hingeschmissen. Das alles konnte ich ihm nicht erzählen.«

»Ich verstehe das, Ginika, es ist okay.«

»Wirklich?« Sie wirkt überrascht. »Ich dachte, du verurteilst mich deswegen.«

»Wer bin ich denn, dass ich über andere urteilen könnte?«

»Na ja, weißt du, du bist …«

»Was?«, frage ich leise.

»Dein Haus, dein Leben, du bist so perfekt.«

»Ginika!« Ich sehe sie einigermaßen verdutzt an. »Ich bin nicht mal ansatzweise perfekt.«

»Von hier sieht das aber anders aus.«

»Hm, danke, aber … ich bin verdammt verkorkst.«

Sie lacht tatsächlich. Und ich lache mit. So sitzen wir nebeneinander im Auto und teilen diesen emotionalen, verrückten Moment miteinander.

»Weshalb sind wir eigentlich hier?«, frage ich schließlich. »Was soll ich tun?«

»Keine Ahnung«, antwortet Ginika achselzuckend. »Ich weiß es nicht. Vielleicht danach, vielleicht, wenn ich … du weißt schon … wie auch immer. Vielleicht kann er es dann erfahren. Vielleicht möchte er es wissen, vielleicht auch nicht. Aber dann bin ich nicht mehr da, und was passiert, passiert eben.« Sie schaut mich an. »Niemand weiß, dass er Jewels Dad ist. Ich dachte bloß, ich sollte es jemandem sagen. Und dir vertraue ich.«

»Scheiße«, sage ich und atme aus.

Überrascht sieht sie mich an und fängt wieder an zu lachen. »Ich habe dich anfangs nie fluchen hören, und jetzt schon das zweite Mal.«

»Okay.« Ich versuche, die Situation in den Griff zu bekommen. »Denken wir mal nach. Da wir schon mal am Reden sind, können wir richtig reden?«

Ginika wappnet sich. »Klar, aber können wir bitte erst mal hier weg?«

Wir fahren zu Ginikas Kellerwohnung. Unauffällig begutachte ich die beiden Durchgangszimmer, Küche und Schlafzimmer, das schmale Bett und das Kinderbettchen. Neben dem Bett eine rosa Lampe, rosa Kissen und Bettwäsche, rosa Feenlichter ums Kopfende des Bettes. Niemals hätte ich Ginika eine Vorliebe für Rosa zugetraut. Der Raum wirkt jung und feminin und macht Ginikas und Jewels Situation umso trauriger. Als ich einen Blick durch die geschlossenen Vorhänge werfe, sehe ich eine langgestreckte Wiese, die seit Jahren keinen Rasenmäher mehr gesehen hat. Ideale Bedingungen, um darin die durchnässte Matratze, den alten Herd, das kaputte, verrostete Fahrrad und die Autoteile zu verstecken, die frühere Bewohner oder auch die Vermieter selbst hier abgeladen haben.

»Nicht das, was man einen Palast nennt«, meint Ginika verlegen.

Doch schuld an Verfall, Schimmel und Modergeruch ist schlicht Vernachlässigung, und die hat Ginika ganz sicher nicht zu verantworten. Sie hat die Wohnung liebevoll und wesentlich mehr nach Jewels Bedürfnissen eingerichtet als nach ihren eigenen – was einmal mehr die Qualitäten ihrer Persönlichkeit verrät. Ihre Tochter hat immer erste Priorität. Jetzt setzt sie die Kleine in einen Hochstuhl und greift nach einem der zahlreichen Babygläschen auf dem offenen Regal.

»Darf ich sie füttern?«, frage ich.

»Klar, aber mach dich darauf gefasst, dass sie alles tun wird, um sich den Löffel zu grapschen.«

Tatsächlich greift Jewel sofort nach dem Löffel, wir rangeln eine Weile, aber Jewel ist stärker, als ich dachte, und ein Teil der Löffelladung landet irgendwo in der Umgebung. Am Ende gelingt es mir zwar, den Löffel zu behalten, aber ich nehme mir fest vor, das nächste Mal reaktionsschneller zu sein.

»Also«, sagt Ginika nervös, verschlingt die Finger ineinander und wartet offensichtlich darauf, dass ich das Gespräch dort wieder aufnehme, wo wir es auf dem Parkplatz abgebrochen haben.

Da die quirlige Jewel ihr Essen schneller verdrückt, als ich den Löffel beladen kann, benötige ich für das Füttern meine volle Konzentration, und es dauert einen Augenblick, bis ich auf das Thema umschalten kann, weswegen wir eigentlich hergekommen sind.

»Ich schiebe dieses Gespräch schon lange, wahrscheinlich zu lange vor mir her, weil ich fand, es geht mich nichts an«, beginne ich etwas zögernd. »Aber jetzt ist es anders. Ich betrachte dich als meine Freundin, Ginika, und als deine Freundin würde ich meine Sache nicht gut machen, wenn ich dir in diesem Punkt verschweige, was ich denke. Oder mir zumindest anhöre, was du denkst. Ich möchte dir keine Ideen in den Kopf setzen oder deine Pläne durcheinanderbringen und auch nicht …«

»O Mann ey, hör auf mit den Ausschlussklauseln, ich hab’s kapiert«, fährt Ginika dazwischen und verdreht genervt die Augen. »Mach schon, spuck es aus. Du findest, dass Connor das Sorgerecht für Jewel kriegen sollte, stimmt’s?«

»Nein, eigentlich nicht«, entgegne ich erstaunt. »Na ja, es ist nicht so, dass ich das nicht schon gedacht habe, aber jetzt hatte ich etwas anderes im Kopf. Jemand anderes. Ich habe mich gefragt, ob du mal über Denise nachgedacht hast.«

»Denise!« Sie reißt die Augen auf und ist einen Moment sprachlos. »Denise«, wiederholt sie dann leise. »Du magst Dee-Nee, stimmt’s, Baby?«

Jewel hat den Mund aufgesperrt und beugt sich, so weit sie kann, dem gefüllten Löffel entgegen, den ich beim Sprechen in der Luft gestoppt habe. Grinsend füttere ich sie und schiebe gleich den nächsten Löffel nach, was Ginika ein bisschen Zeit zum Nachdenken gibt.

»Genaugenommen Denise und Tom«, ergänze ich.

»Haben die sich nicht getrennt?«

»Das wird nicht von Dauer sein.« Ich überlege, wie viel ich erzählen soll und was Denise bereits erzählt hat. »Sie wollen unbedingt ein Baby, aber sie tun sich schwer. Mit dem Schwangerwerden, meine ich.«

»Oh.« Ginika wirkt interessiert, ganz auf die Sache fokussiert.

»Wahrscheinlich sollte ich nicht mehr darüber sagen, es ist deine Sache, mit ihnen darüber zu sprechen. Und mit deiner Sozialarbeiterin natürlich, mit der Pflegefamilie und mit allen, die sonst noch Bescheid wissen müssen. Ich dachte nur, ich möchte dich darauf aufmerksam machen, dass diese Möglichkeit besteht und es wert ist, darüber nachzudenken. Zumindest hat Denise keinen Bauernakzent«, füge ich grinsend hinzu.

»Stimmt«, erwidert Ginika ernst. »Und ihr Typ?«

Ich lache und füttere Jewel weiter.

»Ich müsste ihn vorher mal kennenlernen.«

»Na klar.«

»Eigentlich habe ich gedacht, du wolltest mir beichten, dass du Jewel haben möchtest.«

»Ich?«

Meine überraschte Reaktion zeigt ihr, dass sie mit ihrer Vermutung ziemlich daneben lag.

»Ich mag Jewel sehr, aber …« Es ist mir extrem unangenehm, dieses Gespräch in Jewels Anwesenheit zu führen, denn ich bin ziemlich sicher, dass die kluge Kleine alles genau mitbekommt. »Ich bin nicht … ich würde nicht … ich weiß nicht, wie …«

»Aber du wärst eine tolle Mutter«, sagt Ginika leise.

Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, und schaufele verlegen die nächste Löffelladung Essen in Jewels Mund.

»Du bist ungefähr im gleichen Alter wie meine Ma. Und du siehst doch, wie gut du mit mir umgehen kannst. Ich will damit nicht sagen, dass ich denke, du bist wie meine Ma, aber du weißt bestimmt, was ich meine. Du bist für mich da, du hilfst mir – wie eine Mutter. Ich wette, du warst super mit der Tochter von deinem Typ.«

Leider nicht. Ich hätte es sein sollen. Auf einmal wird mir klar, dass ich dazu in der Lage wäre.

»O Mann, heulst du jetzt etwa?«

»Habe nur Babynahrung ins Auge gekriegt«, behaupte ich und blinzle die Tränen weg.

»Komm her, du Weichei«, sagt Ginika und nimmt mich in die Arme.

Hinter meinem Rücken grapscht Jewel sich das Gläschen und den Löffel, schüttelt beides begeistert, bis sie den Rest des Breis auf ihrem Gesicht, ihren Haaren und auf dem ganzen Tisch verteilt hat.

»Genau genommen«, fügt Ginika in ihrem üblichen trockenen Ton hinzu, »bist du schon ein bisschen bekloppt.«

Ich lache.

Beim Saubermachen fragt Ginika: »Was hast du eigentlich vor, wenn wir alle nicht mehr da sind?«

»Ginika«, sage ich kopfschüttelnd. »Darüber möchte ich nicht sprechen. Jetzt bist du noch da.«

»Ich rede ja auch nicht über mich, sondern über dich. Was willst du machen, wenn wir drei nicht mehr da sind?«

Ich zucke die Achseln. »Dann arbeite ich weiter im Laden meiner Schwester. Verkaufe das Haus. Finde eine Wohnung.«

»Ziehst bei deinem Kerl ein.«

»Nein, das ist vorbei. Habe ich dir doch erzählt.«

Sie mustert mich aufmerksam. »Nee«, sagt sie und schubst mich in die Rippen. »Ist es nicht. Er ist ein klasse Typ. Sag ihm«, lacht sie, »sag ihm, er soll dich als Baum betrachten. Er arbeitet doch mit kranken Bäumen, richtig?«

»Ja, irgendwie schon.«

»Sag ihm, er soll aufhören, dich dauernd zu beschneiden, und dir lieber beim Heilen und Wachsen helfen.« Sie kichert. »Ich schau mir seit einiger Zeit jeden Morgen diesen Dr. Phil an, ich glaube, das ist ansteckend.« Sie sieht mich an. »Der labert nur Scheiße, oder? Jedenfalls meistens, aber manchmal findet eben auch ein blindes Huhn ein Körnchen Wahrheit«, verkündet sie und schwenkt den Löffel mit großer Gebärde. »Ruf deinen Baumkerl an, du Idiotin.«

Ich lache. »Mal sehen, Ginika.«

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Auf der Heimfahrt denke ich über Ginikas Frage nach, und es tut mir weh, mir eine Welt ohne Ginika, Paul und Joy vorzustellen. Mir nicht dauernd Gedanken um sie zu machen. Ich sage mir, dass ich bis dahin noch viel Zeit habe, aber Ginikas Krankheit schreitet in ihrem eigenen Tempo voran, und gerade mal zwei Wochen, nachdem ich in ihrer Küche gesessen und mit ihr gelacht, gescherzt und über die Zukunft geredet habe, entscheidet ihre Zukunft, schneller auf sie zuzukommen und sie sich genauer anzuschauen.

Ich sitze an Ginikas Krankenhausbett. Wenn sie früher Feuer war, so ist sie jetzt Glut, aber sie glimmt und verströmt Wärme, Beweis ihres Feuers, Symbol des Lebens.

»Gestern Abend habe ich meinen Brief für Jewel geschrieben«, sagt sie. Unter ihren Augen sind dunkle Ringe.

»Wie schön.« Ich nehme ihre Hand.

»Es war so still hier. Die Krankenschwestern waren zwar in der Nähe, aber es war trotzdem ganz still. Erst habe ich einen Videoanruf bei Paul gemacht. Hast du ihn schon gesehen?«

Ich nicke.

»Er sieht beschissen aus. Aufgedunsen. Sagt, auf dem linken Auge kann er nichts sehen. Danach konnte ich nicht schlafen, ich habe an ihn gedacht – und an alles andere auch. Da sind mir die Sätze einfach so in den Sinn gekommen, und ich hab angefangen zu schreiben.«

»Soll ich es für dich durchlesen?«

Sie schüttelt den Kopf. »Du hast deine Arbeit erledigt. Danke, Frau Lehrerin«, versucht sie zu scherzen, aber ihr Schwung ist nicht mehr der gleiche.

Mir kommen die Tränen, und diesmal sagt sie mir nicht, ich soll aufhören zu heulen. Sie sagt auch nicht, dass ich ein Dummerchen bin oder ein Softy, denn sie weint ebenfalls.

»Ich habe Angst«, flüstert sie so leise, dass ich sie nur mit Mühe verstehe.

Ich nehme sie in den Arm und halte sie fest. »Ich weiß. Ich bin für dich da. Joy ist da. Paul ist da. Denise ist da. Wir sind alle für dich da. Du bist nicht allein.«

»Hatte dein Mann auch Angst am Ende?«, fragt sie, die Tränen strömen ihr übers Gesicht, mein Hals wird nass.

»Ja«, flüstere ich. »Er wollte, dass ich seine Hand halte, die ganze Zeit. Aber dann ist irgendetwas passiert, und er ist einfach weggeglitten. In aller Stille. Ganz ruhig.«

»Friedlich?«

Ich nicke unter Tränen. »Ja«, schluchze ich. »Ganz, ganz friedlich, Ginika.«

»Okay«, sagt sie, schnieft und macht sich los. »Danke.«

Ich greife nach den Taschentüchern an ihrem Bett, gebe ihr eins davon und nehme mir auch selbst eines.

»Ginika Adebayo, du bist eine wundervolle, großartige Frau, und ich empfinde nichts als Respekt und Liebe für dich.«

»Oh, danke, Holly. Das beruht auf Gegenseitigkeit«, sagt sie. Zu meiner Überraschung nimmt sie meine Hand und drückt sie. »Danke für alles. Du hast so viel getan, das hat keiner von uns erwartet.« Dann schaut sie zur Tür, und ihr Gesicht verändert sich. Sie lässt meine Hand los. »Verdammt, sie sind da, und ich sehe furchtbar aus.«

»Tust du nicht.« Ich nehme noch ein Taschentuch und wische ihr behutsam die Tränen vom Gesicht.

Sie richtet ihren Turban, streicht die Bettdecke glatt und setzt sich langsam und unter Schmerzen auf. Dann greift sie in die Nachttischschublade und holt einen Umschlag heraus. Es ist der, den sie und Jewel an dem Tag ausgesucht haben, als ich in Joys Haus das Briefpapier ausgelegt habe. Wieder füllen sich meine Augen mit Tränen, ich habe meine Gefühle nicht unter Kontrolle. Ginika gibt mir den Umschlag, und unsere Blicke treffen sich.

»Jetzt musst du gehen. Los, verschwinde, tschüs«, sagt sie und scheucht mich weg.

»Viel Glück«, flüstere ich noch.

Ich muss mich daran erinnern, dass es für jedes »Tschüs« auch ein »Hallo« gegeben hat. Und es gibt nichts Schöneres als ein Hallo von einem Menschen zum anderen. Der Klang von Gerrys Stimme, wenn er das Telefon abgenommen hat. Wenn er morgens die Augen öffnete. Wenn ich von der Arbeit nach Hause kam. Wenn ich auf ihn zuging und er mich beobachtete und mir das Gefühl gab, ich sei das Allerwichtigste in seinem Leben, sein Ein und Alles. So viele wunderschöne »Hallos« und nur ein winziges echtes »Tschüs« am Ende.

Ginika hat heute viel zu tun, sie regelt, was sie kann, bereitet die Welt auf die Lücke vor, die sie hinterlassen wird, und macht sich bereit für den Abschied von der Person, die ihr auf dieser Welt die Wichtigste ist.

Jewels Pflegemutter ist mit Jewel gekommen, und Ginika hat darum gebeten, dass auch Denise und Tom anwesend sind. Zusammen mit ihrem Anwalt warten sie schon vor dem Zimmer. Ginika muss ein Testament schreiben und Jewels Betreuer bestimmen. Normalerweise sind im Krankenhaus nur zwei Besucher gleichzeitig gestattet, aber unter diesen besonderen Umständen hat man Ginika erlaubt, dass alle notwendigen Parteien anwesend sein dürfen. Als sie sich versammelt haben, verlasse ich das Zimmer, allerdings nicht ohne meinen Abgang ein bisschen hinauszuzögern – ich bleibe, um zuzuschauen, wie Ginika die ganze schwindende Energie ihres Körpers aufbietet, um Jewel aus Bettys Armen zu nehmen und sie in die von Tom zu legen. Ein großartiges »Hallo«.

Wenn Gerry doch nur wüsste, was er damals in die Wege geleitet hat.

Natürlich werde ich nie erfahren, was er gedacht hat, als er die zehn Briefe für mich geschrieben hat, aber ich habe eines gelernt: Er hat sie nicht nur für mich geschrieben, wie ich damals glaubte. Sie waren auch ein Versuch, sein eigenes Leben zu verlängern, als alle anderen Möglichkeiten erschöpft waren und der Tod näher rückte. Der Versuch, den Sturz aufzufangen. Es war seine Art, nicht nur mir, sondern der ganzen Welt zu sagen: Vergesst mich nicht. Denn letztlich ist das alles, was wir uns wünschen: nicht verlorenzugehen, nicht zurückgelassen und vergessen zu werden, sondern für immer zu den Augenblicken zu gehören, die wir selbst nicht mehr erleben. Uns in der Erinnerung zu verewigen.