Kapitel 2
«Bist du bereit?«, fragt meine Schwester Ciara mich leise, als wir unter dem Gemurmel des erwartungsvollen Publikums unsere Plätze ganz vorn im Laden einnehmen. Wir sitzen auf Sitzsäcken im Schaufenster von Ciaras Vintage- und Secondhandshop namens Magpie, in dem ich seit drei Jahren ebenfalls arbeite. Wieder einmal haben wir den Laden in eine Eventlocation verwandelt, wo ihr Podcast »Wie sprechen wir über …?« vor Publikum aufgenommen wird. Doch heute Abend stehe ich nicht an meinem üblichen sicheren Platz hinter dem Wein- und Cupcake-Tresen. Seit Monaten hat mich meine Schwester bestürmt, bis ich mich ihrem Wunsch gebeugt habe, als Gast in der Folge mit dem Titel »Wie können wir über den Tod sprechen?« mitzumachen. Die Zusage war noch nicht ganz aus meinem Mund, als ich sie schon bereute, und jetzt, wo ich vor unserer kleinen Zuhörerschaft sitze, hat meine Reue astronomische Ausmaße angenommen.
Wir haben alle Ständer und Auslagen mit Klamotten und Accessoires an die Wand geschoben, und jetzt füllen fünf Reihen mit jeweils sechs Klappstühlen die Ladenfläche. Damit Ciara und ich etwas erhöht sitzen, haben wir das Schaufenster leergeräumt, und die Leute, die draußen von der Arbeit nach Hause eilen, mustern im Vorübergehen neugierig die beiden lebendigen Schaufensterpuppen auf ihren Sitzsäcken.
»Danke, dass du das für mich tust«, sagt Ciara leise und drückt meine feuchtkalte Hand.
Ich lächle schwach und versuche abzuschätzen, wie schlimm es wäre, einfach aufzustehen und davonzulaufen. Ich komme zu dem Schluss, dass es sich nicht lohnt zu kneifen. Schließlich war es meine Entscheidung, und ich muss zu ihr stehen.
Ciara streift die Schuhe ab und zieht die nackten Füße unter sich auf den Sitzsack. An diesem Ort fühlt sie sich wie zu Hause. Ich räuspere mich, und das Geräusch verbreitet sich durch die Lautsprecher im ganzen Laden. Dreißig erwartungsvolle, neugierige Gesichter starren mich an. Ich drücke meine schwitzigen Hände aneinander und schaue auf die Notizen, die ich akribisch wie eine fleißige Studentin zusammengetragen habe, seit Ciara mich zu diesem Auftritt genötigt hat. Gedankenfragmente, hastig aufs Papier gekritzelt, wenn die Inspiration mich überkam, die mir im Moment vollkommen sinnlos erscheinen. Ich sehe weder, wo ein Satz anfängt, noch, wo er aufhört.
In der vordersten Reihe sitzt Mum, ein paar Plätze weiter meine Freundin Sharon, direkt am Gang, wo sie einigermaßen Platz für ihren Doppelbuggy hat. Unter der Decke lugt ein Paar winziger Kinderfüße hervor, an denen sich mit letzter Kraft eine Socke festklammert, während die andere den Kampf bereits aufgegeben hat. Auf dem Schoß hält Sharon ihr sechs Monate altes Baby, neben ihr sitzt ihr sechsjähriger Sohn Gerard, die Augen gebannt auf sein iPad gerichtet, die Ohren unter Kopfhörern verborgen, während sein vierjähriger Bruder demonstrativ seine Langeweile auslebt und auf seinem Stuhl so weit nach unten gerutscht ist, dass er praktisch auf der Sitzfläche liegt. Vier Jungs in sechs Jahren – ich bin sehr dankbar, dass Sharon gekommen ist. Jeden Morgen steht sie in aller Herrgottsfrühe auf, und ich weiß, wie lange es dauert, mit vier Kindern das Haus zu verlassen, und wie nervig es ist, wenn man dreimal zurückrennen muss, weil man etwas vergessen hat. Trotzdem ist sie heute hier, meine kampferprobte Freundin, und lächelt mir ermutigend zu. Am Rande der Erschöpfung und trotzdem für mich da.
»Willkommen, liebe Gäste, ich begrüße euch alle zur vierten Folge des Magpie-Podcasts«, beginnt Ciara. »Einige von euch sind ja inzwischen Stammgäste hier – danke, Betty, dass du uns immer so nett mit deinen leckeren Cupcakes versorgst, und danke, Christian, für den Käse und den Wein.«
Ich blicke über die Gäste und suche Gabriel, aber ich bin eigentlich sicher, dass er nicht da ist. Schließlich habe ich ihm ausdrücklich verboten zu kommen – obwohl es gar nicht nötig gewesen wäre. Als Mensch, der seine Intimsphäre lieber für sich hat und seine Gefühle unter Kontrolle hält, war es ihm unbegreiflich, dass ich bereit bin, mein Privatleben vor wildfremden Menschen auszubreiten. Natürlich haben wir lange darüber debattiert, aber in diesem Moment bin ich mehr denn je seiner Meinung.
»Ich bin Ciara Kennedy, die Eigentümerin von Magpie, und habe vor kurzem beschlossen, dass es eine gute Idee wäre, eine Reihe von Podcasts zum Thema ›Wie sprechen wir über …‹ zu machen, und dabei die Wohlfahrtsorganisationen vorzustellen, die prozentual an den Erlösen dieses Ladens beteiligt sind. Heute werden wir über den Tod reden, vor allem über Trauer und Verlust. Zu Gast bei uns ist Claire Byrne von Bereave Ireland. Außerdem begrüße ich einige der Menschen, denen die wunderbare Arbeit dieser Trauerhilfeorganisation zugutekommt. Die Einnahmen aus dem Ticketverkauf und die großzügigen Spenden gehen direkt an Bereave. Später werde ich mit Claire über ihre unermüdliche und so wichtige Arbeit sprechen, bei der sie diejenigen unterstützt, die einen geliebten Menschen verloren haben. Aber zuerst möchte ich euch meinen speziellen Gast vorstellen, nämlich Holly Kennedy, die zufällig meine Schwester ist. Endlich bist du hier!«, ruft Ciara, und das Publikum applaudiert.
»Stimmt.« Ich lache nervös.
»Schon seit dem ersten Podcast letztes Jahr liege ich meiner Schwester in den Ohren, sie soll mitmachen, und ich bin sehr froh, dass sie sich dazu durchgerungen hat. Danke, Holly.« Sie greift nach meiner Hand und hält sie fest. »Deine Geschichte hat mein Leben zutiefst berührt, und ich bin sicher, dass sehr viele Menschen davon profitieren werden, wenn sie von der Reise hören, die du hinter dir hast.«
»Danke, ich hoffe es.«
Ich merke, dass die Notizen in meiner Hand zittern, und lasse Ciara los, um die Hand besser stillzuhalten.
»Wie können wir über den Tod sprechen? Das Thema ist alles andere als einfach. Über unser Leben zu reden, darüber, wie wir leben, wie wir besser leben können, fällt uns nicht schwer, aber oft ist es uns unangenehm, ja beinahe peinlich, über den Tod zu sprechen. Deshalb lassen wir meist lieber die Finger davon. Doch ich kenne niemanden, mit dem ich dieses Gespräch über die Trauer lieber führen würde. Holly, bitte erzähle uns doch von deiner Begegnung mit dem Tod.«
Ich räuspere mich und beginne: »Vor sieben Jahren habe ich Gerry, meinen Mann, durch eine Krebserkrankung verloren. Er hatte einen Hirntumor und ist mit dreißig Jahren gestorben.«
Ganz gleich, wie oft ich darüber spreche, ich habe immer einen Kloß im Hals. Dieser Teil der Geschichte ist noch immer real, er brennt in mir, hell und heiß. Hilfesuchend schaue ich zu Sharon, die dramatisch die Augen verdreht und gähnt. Ich grinse. Ja, ich schaffe das.
»Wir sind hier, um über Trauer zu sprechen, aber was soll ich euch darüber erzählen? Ich bin nichts Besonderes, der Tod betrifft uns alle, und viele von denen, die heute hier sind, wissen aus eigener Erfahrung, wie komplex Trauer ist. Wir können sie nicht kontrollieren, im Gegenteil. Meistens fühlt es sich an, als habe sie uns fest im Griff. Das Einzige, was wir beeinflussen können, ist die Art, wie wir mit ihr umgehen.«
»Du meinst, du bist nichts Besonderes«, sagt Ciara, »aber die persönliche Erfahrung jedes Einzelnen ist doch etwas Besonderes, und wir können viel voneinander lernen. Für den Schweregrad eines Verlusts gibt es natürlich keine Rangfolge, aber kannst du dir vorstellen, dass du den Verlust vielleicht stärker erlebt hast, weil Gerry und du zusammen aufgewachsen seid? Schon seit ich klein war, gab es Holly nicht ohne Gerry und Gerry nicht ohne Holly.«
Ich nicke und erzähle, wie Gerry und ich uns kennengelernt haben. Um es mir leichter zu machen, sehe ich nicht ins Publikum, sondern tue so, als würde ich mit mir selbst sprechen, genau so, wie ich es zu Hause unter der Dusche einstudiert habe. »Wir sind uns in der Schule begegnet, als ich vierzehn war. Von da an war ich immer Gerry und Holly. Gerrys Freundin. Gerrys Frau. Wir sind zusammen aufgewachsen, wir haben voneinander gelernt. Mit neunundzwanzig Jahren habe ich ihn verloren und wurde Gerrys Witwe. Und ich habe nicht nur ihn und auch nicht nur einen Teil meiner selbst verloren, sondern ich hatte wirklich das Gefühl, dass ich mich verloren hatte. Ich wusste gar nicht, wer ich war. Ich musste mich komplett neu aufbauen.«
An einigen Stellen wird genickt. Die meisten Leute wissen Bescheid, und diejenigen, die es noch nicht wissen, werden es bald erfahren.
»Kack-a«, sagt eine Stimme aus dem Buggy und kichert. Sharon bringt ihr Krabbelkind zum Schweigen, greift in ihre riesige Tasche und holt eine Reiswaffel mit Erdbeerjoghurt-Glasur heraus. Die Waffel verschwindet im Buggy. Das Kichern verstummt.
»Wie hast du es geschafft, dich wieder aufzubauen?«
Weil es mir seltsam vorkommt, Ciara etwas zu erzählen, das sie mit mir durchlebt hat, wende ich mich dem Publikum zu und konzentriere mich auf diejenigen, die nicht dabei waren. Als ich in die Gesichter blicke, legt sich in meinem Inneren ein Schalter um. Hier geht es nicht um mich. Gerry hat etwas Besonderes getan, und das werde ich diesen wissbegierigen Menschen um seinetwillen erklären. »Vor allem hat Gerry mir dabei geholfen. Bevor er gestorben ist, hat er heimlich einen Plan ausgeheckt.«
»Trommelwirbel, Tusch, tadadaa!«, ruft Ciara und erntet lautes Gelächter. Auch ich grinse und schaue wieder in die erwartungsvollen Gesichter.
Ich werde immer noch ein bisschen aufgeregt, wenn ich davon erzähle, denn es ist jedes Mal eine Erinnerung daran, wie einzigartig das Jahr nach Gerrys Tod war, auch wenn die Bedeutsamkeit im Lauf der Zeit in meinem Gedächtnis etwas verblasst ist. »Er hat mir zehn Briefe hinterlassen, die ich in den Monaten nach seinem Tod öffnen sollte, und jeder davon war unterschrieben mit ›P. S. Ich liebe Dich‹.«
Die Zuhörer sind sichtlich bewegt, schauen einander an, fangen an, miteinander zu flüstern – das gespannte Schweigen ist gebrochen. Sharons Baby fängt an zu weinen. Sie versucht es zu beruhigen, wiegt es im Arm, klopft leise auf seinen Schnuller, einen fernen Ausdruck in den Augen.
Ciara spricht etwas lauter, um das Babygeschrei zu übertönen. »Als ich dich gebeten habe, bei diesem Podcast mitzumachen, Holly, da hast du sehr deutlich gemacht, dass du dich nicht auf Gerrys Krankheit konzentrieren, sondern über das Geschenk reden möchtest, das er dir gemacht hat.«
Ich nicke nachdrücklich. »Richtig. Ich möchte heute nicht über Krebs reden, nicht über die Qualen, die Gerry durchmachen musste. Wenn ihr meinen Rat hören mögt – versucht, euch nicht so auf die Dunkelheit zu fixieren. Davon gibt es mehr als genug. Ich möchte lieber über die Hoffnung sprechen.«
Ciara sieht mich an, und ihre Augen leuchten stolz. Mum presst die Hände ineinander.
»Ich habe mich irgendwann entschieden, den Fokus darauf zu richten, was Gerry mir geschenkt hat. Dadurch, dass ich ihn verloren habe, habe ich mich selbst gefunden. Ich fühle mich nicht minderwertig, und ich schäme mich auch nicht zuzugeben, dass ich nach Gerrys Tod zusammengebrochen bin. Aber seine Briefe haben mir geholfen, mich selbst wiederzufinden. Um einen Teil von mir selbst zu entdecken, den ich bisher nicht kannte, musste ich ihn erst verlieren.« Inzwischen bin ich richtig in Fahrt, ich will sagen, was ich zu sagen habe. Diese Menschen hier müssen es erfahren. Wenn ich vor sieben Jahren im Publikum gesessen hätte, hätte ich es auch gebraucht. »Zu meiner großen Überraschung fand ich eine Stärke in mir, die ich vorher nie erwartet hätte. Sicher, ich fand sie an einem dunklen, einsamen Ort. Aber ich habe sie gefunden – leider finden wir die meisten Schätze unseres Lebens ja an genau solchen Stellen. Wenn wir lange genug in Schmutz und Dunkelheit gewühlt und gegraben haben, stoßen wir endlich auf etwas Handfestes. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ein Tiefpunkt tatsächlich auch ein Sprungbrett sein kann.«
Angeführt von Ciara applaudiert das Publikum begeistert.
Inzwischen nörgelt Sharons Baby nicht mehr, sondern brüllt, ein ohrenbetäubendes, hohes, schrilles Kreischen. Das Krabbelkind wirft seine Reiswaffel nach ihm. Sharon steht auf, schaut entschuldigend in unsere Richtung, nimmt das Baby auf den Arm, lässt die beiden älteren Jungen in der Obhut meiner Mutter zurück und versucht, mit der freien Hand den Zweierbuggy durch den Gang zur Tür zu bugsieren. Dabei kracht sie jedoch gegen einen Stuhl, mäht in den Gang ragende Taschen nieder, und die Räder des Buggys verfangen sich in Trageriemen und Henkeln. Verzweifelt rangiert sie zurück und steuert den Buggy hektisch und Entschuldigungen murmelnd weiter zum Ausgang.
Ciara wartet mit der nächsten Frage, bis Sharon draußen ist.
Doch bei dem Versuch, die Tür zu öffnen, rammt Sharon den Buggy dagegen. Ciaras Mann Mathew eilt ihr zu Hilfe und will ihr die Tür aufhalten, aber der Doppelbuggy ist zu breit, und in ihrer Panik knallt Sharon mehrmals gegen den Türrahmen. Das Baby kreischt wie am Spieß, der Buggy malträtiert den Türrahmen, bis Mathew endlich dem Ganzen ein Ende bereitet und den Riegel unten an der Tür löst. Mit gequältem Gesicht schaut Sharon zu uns herüber, aber als ich ihr Augenrollen und Gähnen von vorhin imitiere, lächelt sie dankbar und ergreift dann die Flucht.
»Diesen Teil können wir später rausschneiden«, scherzt Ciara. »Holly, kannst du uns sagen, ob du Gerrys Anwesenheit außer durch die Briefe, die er dir hinterlassen hat, auch noch an anderen Punkten gespürt hast?«
»Du meinst, ob ich seinen Geist gesehen habe?«
Ein paar Gäste kichern, andere warten vermutlich gespannt auf ein Ja.
»Seine Energie«, erklärt Ciara. »Wie immer man es nennen möchte.«
Ich denke einen Moment nach und beschwöre das Gefühl in mir herauf. »Seltsamerweise hat der Tod tatsächlich eine körperliche Präsenz. Manchmal fühlt es sich an, als wäre der Verstorbene im Zimmer. Die Lücke, die ein geliebter Mensch hinterlässt, seine Abwesenheit, ist zweifellos sichtbar. Es gab Augenblicke, in denen Gerry mir lebendiger erschien als die Menschen um mich herum.« Ich rufe mir die einsamen Tage und Nächte in Erinnerung, in denen ich zwischen Realität und innerer Wahrnehmung gefangen war. »Erinnerungen können übermächtig sein. Manchmal sind sie eine wunderbare Fluchtmöglichkeit, ein schöner, tröstlicher Ort. Die Erinnerungen an Gerry haben ihn zu mir zurückgebracht. Aber man sollte vorsichtig sein – manchmal werden sie auch zu einem Gefängnis. Ich bin dankbar, dass Gerry mir die Briefe hinterlassen hat, denn er hat mich aus all diesen schwarzen Löchern herausgeholt und wurde wieder lebendig. Dadurch konnten wir gemeinsam neue Erinnerungen erschaffen.«
»Und jetzt? Sieben Jahre später? Ist Gerry immer noch bei dir?«
Wie ein hypnotisiertes Kaninchen im Scheinwerferlicht starre ich meine Schwester an. Ich habe den Boden unter den Füßen verloren und kann die Frage nicht beantworten. Ist Gerry noch bei mir?
»Ich bin sicher, dass Gerry immer ein Teil von dir bleiben wird«, sagt Ciara schließlich leise. »Er wird immer bei dir sein«, fügt sie hinzu, als ahne sie meine Unsicherheit, als müsste sie mir etwas in Erinnerung rufen, das ich vergessen habe.
Asche zu Asche, Staub zu Staub. Zerfallene, verstreute Partikel umgeben mich.
»Absolut«, antworte ich mit einem gezwungenen Lächeln. »Gerry wird immer bei mir sein.«
Der Körper stirbt, die Seele, der Geist bleibt zurück. Im Jahr nach Gerrys Tod gab es Tage, an denen ich seine Energie in mir spürte. Sie baute mich auf, stärkte mich, verwandelte mich in eine Festung. Ich war zu allem fähig. Ich war unberührbar.
An anderen Tagen spürte ich seine Energie und löste mich in eine Million Einzelteile auf. Es war die Erinnerung an das, was ich verloren hatte. Ich kann nicht. Ich will nicht. Das Universum hat mir den wichtigsten Teil meines Lebens geraubt, vielleicht wird es mir bald auch noch den Rest entreißen. Und mir wird klar, wie kostbar all diese Tage waren, denn jetzt, sieben Jahre später, habe ich überhaupt nicht mehr das Gefühl, dass Gerry bei mir ist.
Versunken in die Lüge, die ich soeben ausgesprochen habe, frage ich mich, ob meine Behauptung ebenso leer geklungen hat, wie sie sich anfühlte. Zum Glück bin ich fast fertig. Ciara lädt das Publikum ein, Fragen zu stellen, und ich entspanne mich ein bisschen, weil ich weiß, dass das Ende in Sicht ist.
Die erste Frage kommt von einer Frau in der dritten Reihe, fünfter Platz vom Gang, zerknülltes, zusammengerolltes Taschentuch in der Hand, verschmierte Mascara um die Augen.
»Hi, Holly, ich bin Joanna. Mein Mann ist vor ein paar Monaten gestorben, und ich wünsche mir so, er hätte mir auch solche Briefe hinterlassen. Können Sie uns erzählen, was in seinem letzten Brief stand?«
»Mich würde interessieren, was in allen zehn drinstand«, ruft jemand anderes, und es gibt zustimmendes Gemurmel.
»Wir haben genug Zeit, über alle zehn zu sprechen, wenn Holly dazu bereit ist«, sagt Ciara und sieht mich fragend an.
Ich hole tief Luft und atme langsam aus. Über den Inhalt der Briefe habe ich schon lange nicht mehr nachgedacht. Als Idee, als Gesamtkonzept schon, aber nie im Einzelnen, der Reihe nach, präzise. Wo soll ich anfangen? Bei der neuen Nachttischlampe, dem neuen Outfit, dem Karaokeabend, den Sonnenblumenkernen, der Geburtstagsreise mit meinen Freundinnen …? Wie sollen diese Leute einschätzen können, wie wichtig diese scheinbar unwichtigen Dinge für mich waren? Aber der letzte Brief …
Ich lächle. Der letzte ist leicht. »In Gerrys letztem Brief stand: ›Hab keine Angst davor, dich wieder zu verlieben.‹«
Ein wunderschönes Beispiel, damit können alle etwas anfangen. Ein gutes und mutiges Ende von Gerrys Seite. Doch Joanna ist nicht so gerührt wie die anderen. Ich sehe Enttäuschung und Verwirrung in ihren Augen. Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit. Sie steckt noch tief in der Trauerphase, sie will das jetzt nicht hören. Sie hält ihren Mann noch fest, warum sollte sie darüber nachdenken, ihn loszulassen?
Ich weiß ganz genau, was sie denkt. Es ist völlig ausgeschlossen, jemals wieder jemanden zu lieben. Jedenfalls nicht so.