Kapitel 18

Richard, der älteste und zuverlässigste meiner Brüder, trifft zwanzig Minuten zu früh bei mir ein. Wir begrüßen uns wie immer etwas verlegen, als hätten wir uns gerade erst kennengelernt – anders ist es bei meinem extrem schüchternen Bruder nicht möglich. Unsere halbe Umarmung wird dadurch noch schwieriger, dass Richard einen großen, schweren Werkzeugkasten in der Hand hält, und – schlimmer noch – dadurch, dass ich lediglich mit einem Badetuch bekleidet bin und tropfe, weil ich meine Dusche abbrechen, die Treppe runterhoppeln und ihn reinlassen musste. Dabei ist das Duschen mit Gips sowieso schon ein ziemliches Kunststück. Ich muss ihn ordentlich in Plastikfolie wickeln und oben und unten mit Gummiband verschließen, damit kein Wasser hineinläuft. Trotzdem wird das Jucken darunter immer schlimmer, und ich frage mich, ob ich womöglich nicht vorsichtig genug war. Zu allem Überfluss habe ich auch noch Kreuzschmerzen vom Krückenlaufen und kann nicht richtig schlafen. Allerdings bin ich nicht sicher, ob daran nur der Knöchel schuld ist oder auch meine ganze Situation ihren Beitrag leistet.

Da Richard einerseits den Werkzeugkasten nicht gegen mein Bein schlagen, andererseits meinen nassen Körper möglichst wenig berühren will, weiß er nicht, wohin er schauen und wie er sich verbiegen soll. Deshalb führe ich ihn schnell ins Wohnzimmer und beginne zu erklären, weshalb ich seine Hilfe brauche. Aber er kann sich nicht konzentrieren.

»Warum bringst du nicht erst … dich selbst in Ordnung?«

Ich verdrehe die Augen und mahne mich zur Geduld. Es stimmt schon, dass wir uns im Kontakt mit unseren Familienmitgliedern in Kindheitsversionen unserer selbst verwandeln, auf mich jedenfalls trifft es zu. Die meiste Zeit meiner Pubertät und sogar noch im frühen Erwachsenenalter habe ich über meinen komischen Bruder die Augen verdreht. Jetzt hüpfe ich wortlos zurück zur Treppe. Als ich trocken und bekleidet wieder herunterkomme und wir uns im Wohnzimmer wieder treffen, kann er mir ganz normal in die Augen sehen.

»Ich möchte gern diese Bilderrahmen entfernen, aber ich weiß nicht, sie scheinen irgendwie in die Wand geschraubt zu sein«, erkläre ich.

»In die Wand geschraubt«, wiederholt er und betrachtet die Rahmen.

»Ich kenne leider die Fachausdrücke nicht, aber sie haben nicht wie die anderen eine Schnur, die an einem Nagel hängt. Das meine ich. Der Fotograf hat sie damals für mich angebracht, und anscheinend hatte er Angst, dass sie beim nächsten Erdbeben von der Wand fallen, was ja nicht sehr wahrscheinlich ist.«

»Aber vor zwölf Jahren gab es doch ein Erdbeben der Stärke drei Komma zwei, nur siebenundzwanzig Kilometer vor der Küste von Wicklow in der Irischen See, in zehn Kilometer Tiefe.«

Er sieht mich an, und ich weiß, dass er fertig ist. Richard spricht meist in Statements und stellt sie in den seltensten Fällen zur Diskussion. Ich glaube nicht, dass ihm das klar ist, und wahrscheinlich wundert er sich manchmal, warum er keine Reaktion darauf bekommt. So funktionieren die Gespräche mit ihm: Ich liefere eine Information, dann lieferst du eine Information. Jeder ganz natürliche Querverweis, der vom Thema abzweigt, kann ihn in Verwirrung stürzen. In seinen Augen sind Abschweifungen vom Hauptthema absolut unerwünscht.

»Ach wirklich? Ich wusste gar nicht, dass es in Irland Erdbeben gibt.«

»Aus der Bevölkerung wurde nichts gemeldet.«

Ich lache, und Richard starrt mich verwirrt an. Er hat die Bemerkung nicht als Witz gemeint.

»Das stärkste Erdbeben hat Irland im Jahr 1984 erlebt, das Llyn-Peninsula-Erdbeben, bei dem ein Wert von 5,4 auf der Richterskala gemessen wurde. Das war auf dem irischen Festland das schlimmste Erdbeben seit Beginn der Aufzeichnungen. Dad sagt, er und Mum sind aufgewacht, weil ihr Bett über den Boden und gegen die Heizung gerutscht ist.«

Ich pruste vor Lachen. »Unglaublich, dass ich davon nichts wusste.«

»Ich habe Tee gemacht«, verkündet Richard daraufhin plötzlich und deutet zum Couchtisch. »Müsste noch warm sein.«

»Danke, Richard.« Ich setze mich auf die Couch und trinke einen Schluck. Der Tee ist perfekt.

Unterdessen studiert er die Wand und erklärte mir, welche Schrauben in ihr stecken und was er braucht, um sie zu entfernen. Ich höre zu, ohne wirklich etwas zu begreifen.

»Warum willst du die Bilder denn abnehmen?«, fragt er, und ich weiß, dass das keine persönliche Frage ist, sondern dass es ihm nur um die Wand geht, vielleicht auch um die Rahmen, jedenfalls um etwas, was unmittelbar und konkret mit dem Abnehmen zu tun hat. Mit irgendwelchen Gefühlen hat seine Frage nichts zu tun. Aber ich lebe und denke mehr in Gefühlen und nicht so sehr in Funktionen.

»Weil Leute das Haus besichtigen und ich meine Privatsphäre schützen will.« Obwohl ich mein Privatleben vor einem Publikum diskutiert und erlaubt habe, es online verfügbar zu machen, so dass jeder es sich anhören kann.

»Aber es waren doch schon Leute hier.«

»Ich weiß.«

»Hat die Maklerin dir dazu geraten?«

»Nein.«

Er schaut mich an und wartet auf weitere Infos.

»Es kam mir einfach unfair vor, dass ich, wenn Leute kommen, das Foto von Gabriel und mir in der Schublade verschwinden lasse, Gerry aber an der Wand bleibt. Ich finde, ich sollte sie beide wegtun«, erkläre ich, wohl wissend, wie absurd sich das für einen Menschen wie Richard anhören muss.

Er sieht zu dem Foto von Gabriel auf dem Kaminsims und sagt nichts, was ich eigentlich auch nicht erwartet habe. Wir führen für gewöhnlich keine Gespräche mit tiefer Bedeutung.

Schließlich steht Richard auf und macht sich an die Arbeit, während ich im angrenzenden Esszimmer, wo ich, wenn es keine Besichtigungstermine gibt, meine Wäsche staple, ein paar Sachen bügle.

»Ich habe gestern Abend mit Gabriel ein Bier getrunken«, sagt Richard plötzlich, während er mit langsamen, systematischen Bewegungen einen Bit im Akkuschrauber entfernt und durch einen anderen ersetzt.

»Ach wirklich?« Überrascht sehe ich ihn an.

Ich glaube nicht, dass Gerry und Richard in all den Jahren, die wir zusammen waren, jemals zusammen in die Kneipe gegangen sind. Jedenfalls nicht zu zweit. Und selbst wenn wir zu mehreren waren, fühlte Gerry sich immer eher zu meinem Bruder Jack hingezogen. Jack war mein cooler, entspannter, geselliger, hübscher Bruder, zu dem Gerry aufblickte, als wir Teenager waren, während Richard für mich genau wie für Gerry immer der Schwierige war – hölzern, etwas absonderlich und langweilig.

Nach Gerrys Tod änderte sich das, und Richard wurde wichtiger für mich. Da er damals gerade eine Scheidung durchmachte und sein stabiles, zuverlässiges Leben in die Brüche ging, konnte ich mich mit ihm besser identifizieren und gab ihm oft Tipps, wie er mit den unvermeidlichen Veränderungen umgehen konnte. Im Vergleich dazu erschien Jack dann plötzlich oberflächlich, unfähig zu der Tiefe, die ich brauchte oder erwartete. Wenn man trauert, erlebt man manchmal Überraschungen mit anderen Menschen. Dass man entdeckt, wer die wahren Freunde sind, stimmt meiner Erfahrung nach nicht, aber es ist richtig, dass sich ihr Charakter offenbart. Gabriel ist immer nett zu Jack, aber allergisch gegen Jacks schick gekleidete, schnöselige Geschäftsfreunde. Er sagt immer, er traut Männern nicht, die einen Regenschirm mit sich herumtragen. Richard dagegen riecht nach Gras, Moos und Erde, und solchen Menschen vertraut Gabriel.

»War Jack auch dabei?«

»Nein.«

»Declan?«

»Nein, nur Gabriel und ich, Holly.«

Er schraubt wieder, und ich warte ungeduldig.

Er stellt den Akkuschrauber aus, sagt aber nichts, als hätte er vergessen, worüber wir geredet haben.

»Wo wart ihr denn?«

»Im Gravediggers.«

»Ihr wart im Gravediggers?«

»Gabriel trinkt so gern Guinness, und im Gravediggers kriegt man das beste Guinness von ganz Dublin.«

»Wer hat das arrangiert?«

»Ich habe Gravediggers vorgeschlagen, aber vermutlich meinst du die Verabredung. Gabriel hat mich angerufen. Sehr nett. Schon seit Weihnachten wollten wir uns treffen, und er ist ein Mann, der zu seinem Wort steht.«

Er stellt den Akkuschrauber wieder an.

»Richard!«, rufe ich, und er schaltet sie wieder aus. »Geht es ihm gut?«

»Ja, schon. Ist wohl gerade etwas schwierig mit seiner Tochter.«

»Ja«, antworte ich abgelenkt. »Ging es darum? Scheidungsgespräche?« Richards Kinder sind überhaupt nicht wie Ava. Sie singen in verschiedenen Chören, spielen Cello und Klavier. Wenn man sie nach Sambuca fragen würde, würden sie nachfragen, in welcher Tonart sie es spielen sollen. Richards Exfrau hat ihm das Herz nach der Trennung noch weiter gebrochen, indem sie einen gemeinsamen Bekannten, einen Wirtschaftsprofessor, heiratete. »Oder ging es um den Unfall? Ich glaube, er hat damit größere Probleme als ich.« Am liebsten möchte ich ihn fragen, ob sie sich auch über den »P. S. Ich liebe Dich«-Club unterhalten haben. Das wäre ja naheliegend, aber wenn das kein Thema war, möchte ich es lieber nicht anschneiden. Beim Sonntagsessen hat Richard das Familiengespräch darüber verpasst, und soweit ich weiß, ist es nicht erneut zur Sprache gekommen.

»Ein bisschen von allem«, antwortet Richard. »Aber hauptsächlich macht er sich Sorgen, weil du dich mit diesem Club angefreundet hast.

»Ah, verstehe. Und was hast du ihm gesagt?«

»Dein T-Shirt verbrennt.«

»Was bedeutet das denn?«

»Dein T-Shirt, da, auf dem Bügelbrett«, erklärt er.

»Scheibenkleister!« Ich reiße das Bügeleisen weg und untersuche den Brandfleck. In Richards Gegenwart passieren mir fast immer irgendwelche Pannen, und ich benutze Ausdrücke, die aus einem Enid-Blyton-Buch stammen könnten. Ich bin nicht sicher, ob mir vielleicht auch sonst immer Pannen passieren, ich es aber nur merke, wenn Richard da ist, oder ob seine Anwesenheit daran schuld ist.

»Du solltest es sofort in kaltem Wasser einweichen und vierundzwanzig Stunden darin liegen lassen. Befeuchte den Fleck mit Wasserstoffperoxid und befeuchte ein sauberes weißes Tuch ebenfalls mit Wasserstoffperoxid, lege es auf den Fleck und bügle leicht darüber. Das müsste den Brandfleck entfernen.«

»Danke.« Allerdings habe ich nicht vor, irgendeine dieser Anweisungen zu befolgen. Das versengte T-Shirt erkläre ich einfach zum Schlafshirt.

Als Richard merkt, dass ich keine Anstalten mache, mit Wasserstoffperoxid zu hantieren, seufzt er tief. »Ich habe Gabriel gesagt, dass ich es sehr tapfer, großherzig und heldenhaft finde, was du tust.«

Ich lächle.

Er hebt den Bilderrahmen an und nimmt ihn ab. »Das habe ich ihm gesagt. Aber ich denke, du solltest echt vorsichtig sein. Alle scheinen zu befürchten, dass du dich selbst verlieren könntest, aber du solltest auch in Betracht ziehen, dass du dabei Gabriel verlieren könntest.«

Überrascht über diesen seltenen Moment emotionalen Durchblicks sehe ich ihn an, und dann wird mir klar, dass hinter meinem Rücken Gespräche über mich stattfinden. Alle machen sich Sorgen, dass ich mich selbst verliere. Was ist wichtiger – mich selbst zu finden oder Gabriel zu verlieren?

Dann ist der Augenblick vorüber, und Richard starrt wieder auf die Wand.

Sie ist durchsiebt von tiefen, hässlichen Löchern, wo Schrauben in der Wand gesteckt haben, die Farbe ist an den Stellen, wo die Bilderrahmen hingen, deutlich heller als darum herum. Obendrein sieht es ganz danach aus, als habe mein Fotograf mehrere vergebliche Versuche gemacht, die Schrauben in die Wand zu bekommen.

Sechs hässliche Narben in meiner Wand.

Ich stelle das Bügeleisen in der Halterung und stelle mich neben Richard.

»Das sieht ja scheußlich aus.«

»Offenbar kam der Fotograf mit deiner Wand nicht gut klar. Ein paarmal hat er die Lattung getroffen – die Holzlatten hinter der Wand.«

Noch vier weitere Rahmen sind zu entfernen, weil wir einfach keines der unendlich vielen Fotos, die an unseren herrlichen Hochzeitstag erinnern, aussortieren konnten.

»Die Löcher müssen ausgespachtelt, geschliffen und gestrichen werden. Hast du noch einen Rest von der Farbe?«

»Nein.«

»Möchtest du eine andere Farbe für die Wand?«

»Dann wäre sie anders als alle anderen, und wir müssten beide Räume neu streichen.«

»Die beiden Nischen vielleicht. Oder du könntest drübertapezieren.«

Ich rümpfe die Nase. Zu viel Mühe für ein Haus, das ich verkaufe und das von den neuen Besitzern ohnehin frisch gestrichen wird. »Die Käufer werden doch sowieso alles nach ihrem Geschmack ändern wollen. Hast du Spachtelmasse in deinem Werkzeugkasten?«

»Nein, aber ich könnte nachher welche kaufen und morgen noch mal kommen.«

»Aber heute Abend ist schon wieder ein Besichtigungstermin.«

Er überlässt mir die Entscheidung.

Ich schaue mir die Narben auf meiner Wand an, die unter unseren fröhlich lächelnden und faltenfreien Gesichtern verborgen waren, und seufze.

»Kannst du die Bilder vielleicht einfach wieder aufhängen?«

»Klar. Aber ich schlage vor, wir benutzen dafür nur jeweils einen Nagel. Ich möchte weder die Schrauben in diese Löcher schrauben noch neue bohren«, sagt er und streicht mit den Fingern über die riesigen Löcher.

Ich höre mit dem Bügeln auf und schaue zu, wie Richard die Fotos wieder in der Nische aufhängt – genauso wie vorher. Gerry und ich, wie wir strahlen und die Köpfe zusammenstecken. Wir posieren vor dem Meer am Portmarnock Beach, gegenüber von dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, neben dem Links Hotel, in dem der Hochzeitsempfang stattfand. Blicken uns tief in die Augen. Neben uns Mum und Dad. Mum grinst, Dad haben wir beim Blinzeln erwischt, das einzige Bild, auf dem er die Augen nicht vollständig geschlossen hat. Gerrys Eltern sind auch da, samt dem verkniffenen Lächeln seiner Mum und den plumpen Füßen seines Dad. Sharon und Denise als Brautjungfern. Die archetypischen Fotos so vieler Hochzeitsalben überall auf dem Globus, und dennoch glaubten wir, einmalig zu sein. Und das waren wir auch.

Schließlich tritt Richard einen Schritt zurück und betrachtet sein Werk. »Wenn du dir Sorgen wegen der Ausgewogenheit machst, Holly, dann könntest du doch Gabriels Foto einfach auf dem Kaminsims stehen lassen. Es wäre wesentlich leichter, als die anderen Bilder abzuhängen.«

Ich bin dankbar für seinen Vorschlag. Er denkt mit. »Dass ich mich an zwei verschiedene Männer schmiege, was sagt das wohl über mich aus, Richard?«

Eigentlich erwarte ich keine Antwort, sie war ja in der Frage enthalten. Aber mein Bruder überrascht mich.

Er schiebt sich mit dem Zeigefinger die Brille höher auf die Nase. »Die Liebe ist eine unsichere und exklusive Angelegenheit. Etwas, was man nicht schamvoll in einem Schrank verstecken, sondern schätzen, in Ehren halten und für jeden sichtbar präsentieren sollte. Du solltest deinen Kopf zwar nicht mit solchen Gedanken belasten, aber vielleicht sagen die Fotos der beiden Männer, dass du das ziemlich große Glück und die unzweifelhafte Ehre hast, nicht nur die Liebe eines Mannes, sondern die von zweien in deinem Herzen bewahren zu dürfen.«

Dann geht er auf die Knie und räumt seinen Werkzeugkasten ein.

»Ich habe keine Ahnung, wer du bist oder was du mit meinem Bruder angestellt hast, aber ich danke dir, du fremdes Wesen, dass du uns besucht und solch weise Worte aus der Hülle seines Körpers hervorgelockt hast.« Ich strecke ihm die Hand entgegen, fachkundig, geschäftsmäßig. »Bitte sei so nett, ihn in den Originalzustand zurückzuversetzen, bevor du wieder gehst.«

Richard belohnt mich mit einem seltenen Lächeln, das sein ernstes Gesicht in tausend Falten legt, und schüttelt den Kopf.

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Als ich später am Abend im Bett liege, höre ich ein Krachen. Mit dem Finger auf der Kurzwahltaste für Gabriels Nummer, voller Angst, dass jemand bei mir eingebrochen ist, packe ich meine Krücke, um sie gegebenenfalls als Waffe einzusetzen, und mache mich in der Dunkelheit so leise wie möglich auf den Weg die Treppe hinunter, was sehr schwierig und letztlich ziemlich laut ist, weil ich mich einigermaßen ungeschickt anstelle und die Krücke gegen die Holzsprossen des Geländers knallt. Als ich am Fuß der Treppe ankomme, bin ich ziemlich sicher, dass man meine detektivischen Bemühungen noch am anderen Ende der Straße gehört hat. Mit klopfendem Herzen knipse ich das Licht im Wohnzimmer an und entdecke sofort die Ursache des Krachs. Der Fotograf hatte offensichtlich gute Gründe für seine Schrauben, denn die dünne Schnur war viel zu schwach für das Gewicht von Rahmen und Glas.

Nun liegen Gerry und ich unter einer Schicht Glasscherben auf dem Boden. Aufgebrezelt, ich unter mehreren Schichten Make-up, total unnatürlich, in gestellten, bedeutsamen Posen. Meine Hand auf seinem Herzen, den Ring überdeutlich zur Schau gestellt, so blickt er mir, umgeben von unserer Familie, tief in die Augen. Wenn ich es noch einmal machen würde, dann ganz bestimmt nicht so. In Wirklichkeit waren wir viel realer, aber das ist auf diesen Fotos nicht zu erkennen.

Bei Gabriel und mir ist es anders. Entspannt, lachend, die Haare ins Gesicht geweht, wirken wir mit unseren Falten und Sommersprossen wesentlich natürlicher. Das Foto ist ein Selfie mit verschwommenem Hintergrund, ich habe es eingerahmt, weil es mir gefiel, wie glücklich wir darauf aussehen. Er strahlt mich vom Kaminsims an und scheint mich noch fester an sich zu drücken, offenbar sehr zufrieden mit seiner Eroberung.