27.
Wien, 11. Juni 2007
Tina war bereits gegangen, als Natalie das Büro verließ und hinter sich abschloss. Die Arbeit hatte ihr gut getan. Sie hatte neue Projektangebote gesichtet und so ein wenig Abstand vom Streit mit André bekommen. Müde und mit einem schmerzhaften Pochen hinter den Schläfen ging sie die Treppe hinunter. Sie tippte eine SMS an Tina, dass sie ihr Angebot auch diesen Abend in Anspruch nehmen und in einer halben Stunde mit etwas zu Essen vor ihrer Tür stehen würde.
Ein Schatten schoss so schnell aus der Ecke, dass sie nicht reagieren konnte. Dreckige Lumpen hüllten sich um sie und als sie in das Gesicht des Assassinen starrte, brüllte sie sich die Seele aus dem Leib. Ein harter Schlag gegen den Kopf traf sie so, dass sie ins Stolpern geriet und nach hinten fiel. Sie knallte mit dem Kopf gegen eine Wand und Dunkelheit umfing sie.
Es war wie ein Blitzschlag, der seinen Körper durchzuckte und ihn aus dem tranceartigen Zustand riss. Einen Moment schaute er sich verwirrt in seinem Schlafgemach um. Er wusste nicht sofort, was ihn aus dem Schlaf gerissen hatte. Erst als die Bilder in seinem Geist aufblitzten und er durch Natalies Augen in das Gesicht des Assassinen starrte, begriff André, was geschehen war. Er spürte den Schmerz, als die Faust des Assassinen Natalies Kopf traf. Erneut wurde ihm bewusst, wie stark seine mentale Bindung zu Natalie tatsächlich war. Denn er vermochte zwar durch fremde Augen zu blicken und in den Geist eines anderen zu dringen, doch er hatte noch nie Schmerzen über diesen Weg am eigenen Leib gespürt. Es war etwas Mystisches, Unbeschreibliches, über das er in den Büchern gelesen hatte. Niemand hatte je vermocht eine derartige Verbindung zu erklären. Dennoch gab es Gelehrte, die von der einen Seele sprachen, die für einen bestimmt war. Laut diesen alten Texten gab es nur wenige, denen das Glück zuteil wurde diesen Seelenpartner zu finden. André hatte noch nie an Derartiges geglaubt, doch nun traf ihn die Erkenntnis wie ein Schlag. Er setzte sich auf, massierte die Schläfen. Dann griff er zum Telefon. „Der Assassine hat Natalie Adam in seiner Gewalt“, sagte er zu Gerald.
„Seid Ihr Euch sicher?“
„Ja.“ André stand auf und zog sich mit einer Hand an. „Habt Ihr eine Idee, wohin der Assassine Natalie bringen wird?“
„Ich kann nur vermuten. Vielleicht zu sich nach London, in das Haus der Greys?“
„Sichert die Gegend um das Haus ab, ich werde mich darum kümmern.“
„Es könnte eine weitere Falle sein.“
„Davon gehe ich aus.“
„Dann überlasst es meinen Leuten.“
„Nein. Dieser Kerl scheint es auf mich abgesehen zu haben und ich werde mich ihm stellen, ihn vernichten und anschließend trete ich als Ratsmitglied zurück“, sagte André.
„Was ist mit den Gesetzen? Auch wenn alles darauf hindeutet, dass Zacharias der Drahtzieher ist, hat er ein Recht auf eine Anhörung vor dem Rat.“
„Vielleicht habt ihr recht, Gerald. Aber überlasst das mir.“