7.
Wien, 21. April 2007
Lange saß Natalie einfach nur auf ihrer Couch und starrte den schwarzen Bildschirm des Fernsehapparates an. Ihre angewinkelten Beine mit den Armen umschlossen, wippte sie vor und zurück, wie eine Schaukel im Wind, während sie leise vor sich hin summte.
Sie kämpfte gegen die Bilder an, die immer wieder in ihren Gedanken aufblitzten. Einmal sah sie den entstellten Leichnam, dann schaute sie in Death’ grinsende Fratze, die blutverschmiert war. Wie konnten die drei nur einen so grausamen Mord begehen?
Ihrem Versprechen an die tote Simona, die Polizei zu verständigen, sobald sie sich in ihrer eigenen Wohnung in Sicherheit wiegte, war Natalie gefolgt. Der Kommissar von der zuständigen Kriminalabteilung hatte sie bisher nur telefonisch vernommen. Er hatte sie darum gebeten, die Sache unter allen Umständen geheim zu halten, da es sich bei André Barov um eine Person öffentlichen Interesses handelte und dieser Fall daher Top Secret war.
Es verstrichen weitere Stunden und es wurde bereits dunkel, als Natalie allmählich aus ihrer Trance erwachte. Der Schock ließ nur langsam nach und wandelte sich in ein betäubendes Gefühl, das jegliche Emotion verbannte und ihren Körper mit Leere füllte.
Sie schlurfte ins Bad, zog sich den Hosenanzug aus und drehte das Wasser in der Dusche auf. Eine Minute stand sie einfach nur da, fühlte den scharfen Strahl, der Tausende winziger Tropfen auf ihre Haut prasseln ließ und sie langsam ins Leben zurückholte. Nachdem sie eine halbe Stunde geduscht und eine weitere halbe Stunde damit verbracht hatte, ihren Körper mit duftendem Kokosöl einzureiben, ging sie in die Küche. Sie liebte gutes Essen über alles, aber sie war keine begnadete Köchin. Deshalb wagte sie erst gar nicht den Versuch, irgendetwas in einer Pfanne zusammenzupanschen und begnügte sich stattdessen mit einer Packung chinesischer Instant-Nudeln. Diese gehörten seit ihrem Studium zur Standardküchenausstattung und hatten bereits während der Nächte vor den Prüfungen als Stärkung gedient. Hoch leben die Geschmacksverstärker, hallte Tinas Stimme in Natalies Ohren und sie musste das erste Mal seit Stunden ein bisschen lächeln. Um den kulinarischen Defiziten des Fertiggerichts entgegen zu steuern, setzte Natalie Wasser für Jasmintee auf.
Das Tablett mit dem Tee und den dampfenden Nudeln brachte sie zum Couchtisch. Während sie aß, surfte sie eine Weile durch die Fernsehkanäle und schaltete das Gerät mit der letzten Nudel, die aus der Porzellanschüssel in den Mund wanderte, wieder ab. Interesse konnte sie für keines der Programme entwickeln.
Mit der wärmenden Teetasse in den Händen saß sie im Schneidersitz auf der Couch, trank den duftenden Tee in kleinen Schlucken und betrachtete die Gesichter ihrer Eltern, die ihr aus Bilderrahmen über dem Fernsehapparat entgegen lachten. Sie vermisste ihre Eltern heute umso mehr. Sie vermisste die ruhige Stimme ihrer Mutter, die ihr immer zugehört hatte. Natürlich gab es auch genügend Streit, wie das zwischen Müttern und pubertierenden Töchtern so ist, aber dennoch hatte Natalie zu ihrer Mutter ein gutes Verhältnis gehabt. Was ihren Vater betraf, so sehnte sich Natalie nach seinen kräftigen Armen, die sich schützend um sie geschlossen hatten, wenn sie mit aufgeschlagenen Knien vom Spielen nach Hause gekommen war. Doch die Bilder und die Erinnerungen waren alles, was ihr von ihren geliebten Eltern geblieben war.
Wie sollte sie den Mord an Simona nur jemals vergessen können? Draußen begann es zu regnen. Sie mochte das Geräusch, wenn die Tropfen gegen die Fensterscheiben klopften. Ein einzelner Blitz erhellte den Nachthimmel. Der Donner blieb aus. Ende April war es noch zu früh für ein ordentliches, reinigendes Gewitter. Natalie dachte an den Duft des Regens am Abend eines heißen Sommertages. In New York hatte sie das immer vermisst. Dort hatte der Regen für sie wenig Romantisches gehabt und trug allerhöchstens den Gestank der Kanalisation durch die Stadt, nicht aber jenes Aroma von Gräsern und Kräutern, das den Parklandschaften Schönbrunns entströmte.
Ein Klopfen an ihrer Wohnungstür ließ sie jäh aufschrecken. Die Tasse schlingerte. Der heiße Tee schwappte über den Tassenrand, lief über ihre Finger und tropfte auf die Couch. Behutsam stellte sie den Tee auf den Tisch und schlich in den Flur. Erneut klopfte es. Mit Pfefferspray bewaffnet näherte sie sich der Tür. Sie schob die Abdeckung des Spions beiseite. Ihr nächtlicher Besucher hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Licht anzuknipsen. Natalie sah nur graue Umrisse. Mit dem nächsten Klopfen gab sich der Mann zu erkennen.
„Natalie, ich bin es, André. Ich weiß, dass Sie da sind. Bitte machen Sie auf, ich muss mit Ihnen reden.“
Zögernd schloss Natalie die Tür auf, von einer Unsicherheit durchdrungen, ob sie ihren Sinnen nach den Erlebnissen in Andrés Wohnung noch trauen konnte. Aber als sie in Andrés Gesicht blickte, war es, als fiele die ganze Anspannung von ihr ab.
„Du …verzeihen Sie … ich meine, Sie sind es wirklich.“
„Schon gut“, sagte André. Er schaute in ihre Augen und konnte den Schmerz und ihre Verwirrung spüren.
„Ich musste mit dir reden. Was heute passiert ist, tut mir schrecklich leid. Wenn ich gewusst hätte …“
„Du kannst doch nichts dafür“, sagte Natalie.
Doch, aber das waren Dinge, die er ihr nicht erklären konnte. Er zog die Geldbörse aus der Sakkotasche und reichte sie ihr.
„Die brauchst du wohl nicht mehr?“, sagte er und legte ein Lächeln in seine Stimme.
„Nein, deshalb hab ich sie auch weggeworfen.“ Auch Natalie schien sich an einem Lächeln zu versuchen, doch so recht überzeugen konnte sie nicht. Sie nahm ihr Portemonnaie entgegen und legte es auf die Kommode. „Ich … ich hab die Polizei verständigt.“
„Mach dir keine Sorgen“, sagte André und versuchte, ermutigend zu klingen. „Ich kümmere mich um alles. Niemand wird dich in die Sache reinziehen.“
Obwohl das eine Lüge war, denn Natalie steckte schon mitten drin, ob er das wollte oder nicht. Und je länger er vor ihrer Tür stand, desto tiefer zog er sie in seine Probleme. Ein Moment des Schweigens verstrich, in dem sie einander ansahen. Er spürte, dass sie mit den Tränen kämpfte. Wut auf die Halbblüter strömte durch seine Venen und er schwor sich, jeden einzelnen von ihnen zu suchen und zu vollenden, was er vergangene Nacht begonnen hatte.
„Hast du Zeit für eine Tasse Tee oder Kaffee?“, fragte sie.
„Wenn es dir keine Umstände macht.“
Er hörte wie sich ihr Puls beschleunigte, als sie ihm die Tür aufhielt und sah wie ihr Blick über die Möbel huschte, als schäme sie sich für ihre Einrichtung. Dabei war es ihm egal. Im Wohnzimmer nahm sie ein Tablett vom Couchtisch und eilte damit in die Küche. Andre ging durch das Zimmer, betrachtete die Bilder über dem Fernsehapparat und ihre Bücher im Regal. Er spürte ihren Blick. Warum war er ihrer Einladung gefolgt? Die Macht, die sie auf ihn ausübte, war ihm neu. Ihr Duft, der jeden Winkel dieses Raumes durchflutete, beschleunigte seinen Puls und machte es unmöglich, in ihrer Nähe einen vernünftigen Gedanken zu fassen und das, obwohl sie nur ein Mensch war. Er hatte sich vorgenommen von hier zu verschwinden, sobald das Portemonnaie überbracht war, doch er war schwach geworden. Selbst jetzt wagte er kaum zu atmen, aus Angst seine irrationalen Gefühle nicht mehr kontrollieren zu können, die nun noch viel stärker auf ihn eindrangen, als beim Frühstück. Warum quälte er sich überhaupt? Weshalb kämpfte er gegen dieses Verlangen an? Niemand würde es merken, niemand würde oder konnte ihn daran hindern, wenn er es wirklich wollte. Wenn er sie wollte. Seine Fänge pochten, schoben sich ein Stück aus dem Oberkiefer. Die Kehle fühlte sich trocken an, rau wie Sandpapier, erinnerte daran, wie lange es her war, dass er Blut aus einer Ader getrunken hatte.
Mit beladenem Tablett kehrte Natalie ins Wohnzimmer zurück, stellte es auf den runden Esstisch und bot ihm einen Platz an. Er blickte nicht sofort zu ihr, sondern nickte nur. Er mahnte sich zur Vorsicht, verdrängte das Verlangen, bis das Pochen nachließ und sich seine Eckzähne langsam wieder zurück schoben. Danach erst folgte er Natalies Bitte.
„Wie trinkst du deinen Kaffee?“
„Schwarz“, antwortete er und seine Stimme klang wie das Krächzen eines Raben. Er räusperte sich.
„Was hast du der Polizei gesagt?“, fragte sie ihn.
„Nur das Nötigste“, antwortete er knapp.
Dabei strich sein Blick über ihre Hände, folgte den Unterarmen, bis hoch zu ihren Schultern und ihrem Hals. Der Stoff ihres Pyjamas floss über ihre Brüste und ihre harten Knospen. Wieder erwachte das Pochen in seinem Kiefer, doch dieses Mal war es nicht das Einzige, das zum Leben erwachte und nach mehr verlangte.
Sie sprachen eine Weile über Simona und währenddessen kostete es ihn seine ganze Konzentration, seine innere Bestie zu verbergen, die sich immer wieder in die Ketten stürzte, seinem selbst auferlegten Käfig entfliehen wollte.
„André, was wollten die von dir? Ich meine, erst der Überfall nach der Eröffnungsfeier, dann gestern. Zuerst dachte ich, sie wollten mich vergewaltigen, aber jetzt?“
„Ich weiß es nicht“, antwortete er.
Er hatte keine Ahnung ob es einen Zusammenhang zwischen dem Überfall auf Natalie und dem Eindringen in seine Wohnung gab, oder ob die drei einfach nur ihren Durst an Natalie stillen wollten, nachdem sie ihn auf der Feier beobachtet hatten.
„Aber ich könnte nun dringend eine Innenarchitektin brauchen.“ Es klang selbst in seinen Ohren wie ein verzweifelter Versuch, das Thema zu wechseln.
„Wir werden sehen“, sagte sie und berührte dabei mit ihrer Hand seine Finger.
Es war mehr eine unbewusste, tröstende Geste, als eine zärtliche Berührung. André zog jedoch reflexartig seine Hand zurück, als er spürte, welche Gefühle in ihm explodierten. Seine Knöchel schlugen gegen die Kaffeetasse und stießen sie vom Tisch. Einen Moment später zerbarst das Porzellan und überschwemmte den Boden mit schwarzem Kaffe und weißen Scherben.
„Verdammt“, stieß er hervor.
„Das macht doch nichts“, sagte sie und stand auf. „Ich hole etwas zum Aufwischen.“
Einen Augenblick starrte er auf die Schweinerei, die er angerichtet hatte, dann sprang er auf und eilte zur Tür, die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus. Emotionen durchfluteten ihn, wie eine Explosion aufgestauter Energien. So sollte sie ihn nicht sehen, mit glühenden Augen und Reißzähnen, die er nicht mehr einfach verbergen konnte. Regen peitschte kalt in sein Gesicht. Mit schnellen Schritten lief er durch die Nacht, weit weg von Natalies Wohnung. Sein Abgang hatte wenig Gentlemanhaftes an sich. Wahrscheinlich stand Natalie nun vor der Kaffeelache und fragte sich, ob er noch recht bei Sinnen war. Aber er konnte nicht anders. Er musste diese Gefühle verdrängen, durfte ihnen nicht nachgeben.
In einer Gasse, von der Dunkelheit verborgen, lehnte er sich mit den Händen gegen eine Wand. Er hob den Kopf zum Himmel als fände er dort oben eine Antwort auf seine Fragen. Doch wie sollte er gegen das Verlangen ankämpfen? Jeder seiner Sinne sehnte sich nach ihr. Wütend schlug er mit den Fäusten gegen die Hauswand und brüllte seine Verzweiflung in die Nacht. Das Klingeln seines Handys hätte er beinahe überhört. Mit regennassen Händen fischte er es aus der Sakkotasche.
„Ja?“
„Mein Bruder Romain hat mich eben angerufen“, erklang Geralds Stimme. „Es soll eine Underground Party heute Nacht stattfinden, bei der auch die Kerle erscheinen könnten, die in Euer Penthaus eingedrungen sind.“
„Wo?“
„Ich werde Euch die Adresse per SMS schicken.“
Kurz nachdem Gerald das Gespräch beendet hatte, vibrierte das Handy erneut und die Adresse leuchtete auf dem Bildschirm auf. Es war Zeit, Rache zu nehmen.
Natalie holte ein Handtuch aus dem Badezimmer, um den Kaffee aufzuwischen. Sie betrachtete ihr Gesicht im Spiegelschrank. Was hatte sie sich bloß dabei gedacht ihn einfach zu berühren? Gar nichts. Es war eine gewohnte Handbewegung, etwas, was sie schon Hunderte, wahrscheinlich Tausend Male bei anderen Menschen gemacht hatte, eine Geste des Trostes. Nur eine dumme Angewohnheit.
Mit dem Handtuch kehrte sie zurück ins Wohnzimmer. Doch André war verschwunden. Die Tür zu ihrer Wohnung stand offen und sie konnte seine Schritte noch im Treppenhaus hören. Natalie lief zur Tür und blickte über das Treppengeländer in die Tiefe, hörte aber nur noch die schwere Haustür ins Schloss fallen. Tiefe Enttäuschung breitete sich in ihr aus. Wieso lief er einfach so davon?