24.
Ohne Ziel lief Natalie durch den ersten Bezirk. Vor ihrem inneren Auge sah sie immer noch die Szenen des Kampfes, die sich in einer Endlosschleife abspielten. Das Bild des geliebten, gutaussehenden Junggesellen vermischte sich mit dem der Bestie. Es verwirrte sie, denn sie hatte weder Angst noch Gräuel vor ihm empfunden. In ihrem tiefsten Innern hatte sie sogar genossen, von ihrem Vampirfürsten gerettet zu werden, der seine Gesetze brach, um für sie zu kämpfen.
Wie von allein trugen ihre Beine sie bis zum Dom, der vom Scheinwerferlicht umhüllt Sicherheit ausstrahlte. Obwohl um diese Uhrzeit die Tore normalerweise verschlossen waren, stand eins einen Spalt breit offen und sie beschloss, hier Zuflucht zu suchen, bis der Tag hereinbrach. Der weiche Duft von Weihrauch schlug ihr entgegen. Mit Ehrfurcht tauchte sie die Finger in das Weihwasserbecken, bekreuzigte sich und schlich auf den Hauptaltar zu. Sie war nicht die Einzige, die den offenen Eingang bemerkt hatte. Vereinzelt saßen Menschen betend auf den Bänken. Niemand nahm Notiz von ihr. Sie sank auf die Knie, bekreuzigte sich erneut und setzte sich schließlich auf eine Bank. Ihr letzter Besuch in einer Kirche lag eine Weile zurück. Seit dem Tod ihrer Eltern, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, hatte Natalie dem katholischen Glauben den Rücken gekehrt. Sie war damals neunzehn Jahre gewesen, alt genug, um allein zu leben. Ihre Eltern hatten gut für sie vorgesorgt. Doch da sie sonst keine Verwandtschaft hatte, war sie in den ersten Jahren sehr einsam gewesen. Vielleicht war das der Grund, dass sie die Fehltritte ihres Ex-Freundes einfach übersehen hatte, bis Tina in ihr Leben getreten war und ihr die Augen geöffnet hatte.
Sie war so sehr in ihren Gedanken versunken, dass sie André erst bemerkte, als er plötzlich neben ihr auf der Bank saß. Einen kurzen Moment fragte sie sich, wie er heiligen Boden betreten konnte. Aber das war sicher albern. Was hatte sie erwartet? Dass er vor ihren Augen zu Staub zerfiel? Sie wusste nichts über diesen Mann, seine Art, sein wahres Ich.
André schüttelte den Kopf und schmunzelte. Konnte er auch noch ihre Gedanken lesen?
„Aberglaube“, antwortete er.
Anscheinend konnte er es. Nichts an seinem Erscheinungsbild deutete daraufhin, dass er eben noch wie ein Berserker gekämpft hatte.
„Alles nur Aberglaube. Ich liebe diese alten Gemäuer, die Stille, den Duft und die Magie, die über all dem liegt.“
„Wie hast du mich gefunden?“ Von seinen Reißzähnen war nichts mehr zu sehen und ihr wurde bewusst, dass sie ihn die ganze Zeit anstarrte.
André zuckte mit den Schultern. „Ich kann deine Nähe spüren.“
„Ich konnte es nicht mit ansehen“, gestand sie ihm. Sie hatte das Bedürfnis sich zu entschuldigen, ihn mit den drei Vampiren allein gelassen zu haben. „Vielleicht hatte ich auch einfach nur Angst.“
„Sie hätten dir nichts mehr getan“, sagte er. Seine Stimme und die Erinnerungen an den Kampf überzeugten Natalie, dass es so war. Sie musste es ihm aber erklären.
„Es waren nicht die Vampire. Es war … ich weiß auch nicht, diese Art von Gewalt.“
Andrés Blick verfinsterte sich. „Es tut mir leid, dass du es mitansehen musstest.“ Er strich eine Haarsträhne aus seinem Gesicht. „Aber es werden andere kommen und sie werden dich nicht in Ruhe lassen.“ Er machte eine kurze Pause und atmete tief durch. „Und es ist alles meine Schuld. Ich hab dich verdammt noch mal zwischen die Fronten dieses Krieges getrieben.“
„Krieg?“ Das Wort kroch wie ein kalter Schauer über ihren Rücken. Sie war anscheinend mit mehr konfrontiert, als sie sich ausmalen konnte.
„Ein Streit unter Vampiren.“ Er blickte sich in der Kirche um. „Aber wir sollten woanders darüber reden.“ Er lächelte sie an. „Ich kenne da eine schicke Wohnung nicht weit von hier.“
Unwiderstehlich. Er mochte ein Vampir sein, und sie in mehr verstrickt, als sie momentan erfasste, aber sie konnte nicht anders als ihm zu folgen.
Obwohl seit dem Tag, als sie Andrés Penthaus fluchtartig verlassen hatte, einige Wochen vergangen waren, konnte sie die Spuren des Überfalls an der Wand und an den Vertäfelungen noch sehen. Die Eingangstür war erneuert worden und die Möbel standen wieder an ihrem Platz. Jedoch fehlten an den Wänden einige Bilder und in den Regalen, die einst mit CDs und Schallplatten gefüllt waren, klafften große Löcher.
„Manche davon waren Unikate“, sagte André mit wehmütigem Ton, nachdem er ihre fragende Miene bemerkt hatte.
Er bot ihr einen Platz an und ging zur Küchenzeile, um Wasser für Tee aufzustellen. Ihr fiel ein, dass sie Tina allein im Lokal zurückgelassen hatte und wahrscheinlich hatte bereits jemand die Handtasche entdeckt, die sie auf der Toilette hatte liegen lassen. Natalie entschuldigte sich für einen Augenblick, um eine Beruhigungs-SMS zu tippen. Glücklicherweise hatte sie seit dem Überfall auf der Eröffnungsfeier immer ihr Handy bei sich. Später saßen sie gemeinsam auf dem Sofa und sie erzählte André von der Begegnung in der Bar.
„Es war schwer für mich zu glauben, dass du ein Vampir bist, ja dass es so etwas wie Vampire überhaupt gibt.“
Er goss Tee in die Tassen. „Die meisten von uns setzen auch alles daran, um ihre wahre Existenz im Verborgenen zu halten.“
„Die drei von heute abend halten anscheinend wenig davon.“ Natalie atmete den Duft des grünen Tees ein.
André nickte. „Der Kampf mit dem Assassinen blieb nicht unbemerkt.“ Er schilderte Natalie, was bei der Ratsversammlung vorgefallen war. „Die Halbblüterin hat dich wiedererkannt.“
„Was bedeutet Halbblüterin?“
Sie hatte den Ausdruck schon einmal in diesem Buch über Clans in England gelesen. Sie erinnerte sich an die Stammbäume mit den unmöglichen Lebensspannen, die plötzlich einen Sinn ergaben.
„Es ist die Art, wie wir zu Vampiren wurden und oft auch welche Stellung wir in der Gesellschaft der Vampire und in unseren Familien einnehmen.“ Er trank einen Schluck Tee und schnippte mit dem Finger. Mit einem leisen Summen nahm der CD-Player die Arbeit auf, erfüllte den Raum mit sanften Klaviertönen. Beeindruckend.
„Manche sind reinblütig gezeugt von einem Vampir und geboren aus dem Leib einer Vampirin.“
Sie spürte den Stolz in seinen Worten, der schon beinahe überheblich wirkte und verdeutlichte, dass André sich selbst zu den Reinblütern zählte, ohne dass er es aussprach.
„Vampire die einen direkten menschlichen Vorfahren haben oder durch Metamorphose zu einem unseres Volkes mutierten, nennen wir Halbblüter. Wobei das Kind, das durch einen Rein- und Halbblüter gezeugt wird, immer als reinblütig angesehen wird. Dann gibt es noch jene, die tierische Gene in sich vereinen, sogenannte Bastarde. Du bist einem von ihnen begegnet, dem Assassinen.“
Sein Stolz kehrte sich ins Negative und in seinen Augen las Natalie die Abscheu, die André dem Assassinen gegenüber empfand. In Natalies Kopf formte sich das Bild einer Hierarchie, wie die Kasten des Hinduismus.
„Und Reinblüter und Halbblüter bekämpfen einander?“
André schüttelte den Kopf. „Nein. Reinblüter, Halbblüter oder Bastarde bezeichnet nur die genetische Abstammung. Die meisten von uns gehören einem Clan an, dem sie treu sind.“
„Dann kämpfen also die Clans gegeneinander?“ Sie betrachtete sein Gesicht, folgte den Linien, dem kantigen, wild erscheinenden Kinn.
„Vor etwa fünfzig Jahren wurde mein Vater bei einem Kampf mit einem Vampirjäger schwer verwundet. Daraufhin hat er mir die Verantwortung übertragen, den Barov-Clan zu führen. Damals, nach den beiden großen Weltkriegen, herrschte Chaos unter den Vampiren. Jede Familie lebte für sich und die Vampirjäger waren durch die Entwicklung der Waffentechnologien während der Kriege, sehr stark geworden.“ Er goss erneut Tee nach. „Nach uralten Gesetzen obliegt den Barovs das Recht über die Vampire zu herrschen, der Blutfürsten-Ring bezeugt dieses Recht.“
André hob seine Hand mit ausgestreckten Fingern. Das Licht spiegelte sich in dem roten Jaspis.
„Wie mein Vater habe ich von diesem Recht jedoch niemals direkt Gebrauch gemacht. Doch ich wollte diese Macht auf eine andere Weise nutzen und mit dem Einfluss des Ringes etwas Neues aufbauen. In einem Zeitraum von zwanzig Jahren nach dem zweiten Weltkrieg waren sehr viele von uns gestorben. Einige starben im Kampf mit Jägern, andere durch Streitigkeiten unter den Familien und noch mehr gingen an der neuartigen Krankheit Aids zugrunde. Aids brach unter den Vampiren bereits als Seuche aus, als die Menschen noch kaum davon wussten. Wir waren unserem Untergang nahe, unfähig noch weitere Jahre zu überstehen, sollte sich nicht etwas ändern.“
„Ich dachte immer, Vampire sind unsterblich oder untot.“
André lachte und schüttelte den Kopf. „Nein, wir sind nicht unsterblich, keineswegs. Unser Dasein ist Fluch und Segen zugleich. Der Körper eines Vampirs braucht Blut, um zu leben. Durch das menschliche Blut nehmen wir Lebensenergie in uns auf, wodurch einige von uns sehr alt werden können. Aber ohne Blut sterben wir.“
„So wie das Insulin für einen Zuckerkranken …“
„Ja, so in etwa“, antwortete André. „Aus medizinischer Sicht könnte man sagen, unsere Körper produzieren keine roten Blutkörperchen, weshalb das Blut eines Vampirs, der lange nicht getrunken hat, wässrig aussieht.“
Das Blut der Vampirin kam Natalie in den Sinn.
„Die meisten der Mythen über Vampire sind nichts weiter als Mythen. Ich mag zwar keinen Knoblauch, aber er vertreibt mich nicht.“ Ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Auch Silber richtet nicht mehr oder weniger Schaden an, als jede andere Waffe, die meinen Körper durchdringt. Aber um zu meiner Geschichte zurück zu kehren: Nachdem ich die Herrschaft übernommen hatte und das Chaos anwuchs, suchte ich die Familienoberhäupter der fünf mächtigsten Vampirfamilien auf und wir schlossen Frieden. Daraufhin gründeten wir den Vampirrat, dem sich zwei weitere Familien anschlossen. Gemeinsam schmiedeten wir Pläne für Gesetze, nach denen unsere Familien leben sollten, um den drohenden Untergang abzuwenden. Bald wurden auch andere Familien in unser Vorhaben eingeweiht und der Rat wuchs. Noch heute bilden die acht Gründerfamilien den Inneren Rat, eine Art Ministerium.“
„Und was veränderten diese Gesetze?“, fragte Natalie.
„Sehr viel. Aufgrund dieser Regeln traten wir endgültig in den Schatten. Wir konzentrierten uns darauf, mehr Einfluss in der Welt der Menschen zu erringen. Unser Blut erhielten wir von nun an aus den Blutbanken der Welt, durch Kontaktleute. Auf diese Weise wurden wir für unsere alten Feinde, die Vampirjäger, unsichtbar und jene, die für unseren Tod bezahlten, drehten den Geldhahn zu. Wir sind praktisch zu Aliens geworden. Einem Mythos, dessen reale Existenz aus den Köpfen der Menschen nahezu verschwunden ist und nur noch in Büchern und Geschichten lebt. Auf diese Weise konnten wir das Schlimmste abwenden.“
„Wer sind diese Jäger?“
„Menschen, ausgebildete Kämpfer. Sie wurden einst von Organisationen wie den Kirchen dafür bezahlt uns zu jagen. Doch dank des Rates und unserer Gesetzte haben sich die Jägerorden aufgelöst.“
„Ich verstehe nun einiges besser. Aber was hat das alles mit mir zu tun, außer dass ich Ähnlichkeiten mit einem vor zweihundertunddreißig Jahren verstorbenen Mädchen habe?“
Sie sah einen Schatten über sein Gesicht huschen. „Der Rat und seine Gesetze sind besonders unter den jüngeren Halbblütern nicht sonderlich beliebt. Diejenigen, die in der Zeit des nahenden Untergangs noch nicht gelebt haben, verstehen die Wichtigkeit dieser Gesetze nicht“, erklärte er mit Wehmut. „Natürlich wissen wir, dass beispielsweise die Blutkonserven den Durst nie ganz stillen und besonders die Kräfte der Halbblüter schwächen. Viele meinen, dass wir über die Menschen herrschen sollten, dass wir vom Schicksal dafür auserkoren sind.“ Er seufzte tief. „Viele Gegner der neuen Gesetze haben noch nie gegen einen Vampirjäger gekämpft. Sie wissen nicht, wovon sie reden.“
In seiner Stimme schwang unterdrückte Wut und an seinen Worten erkannte Natalie, wie ähnlich die Vampire doch den Menschen waren.
„Wie ich dir in Bratislava erzählt habe, versucht jemand den Rat zu bekämpfen und wir wissen nicht wer es ist. Er agiert aus dem Untergrund, betreibt Propaganda gegen die Gesetze und schürt Unruhe und Zwietracht unter den Vampiren. Er ruft zum Widerstand auf und sammelt Mitstreiter um sich. Vindicto e bellum. Bevor ich dich zum ersten Mal traf, arbeiteten wir an neuen, noch strengeren Gesetzen, die dafür sorgen sollten, dass jeder Vampir sich an die Regeln des Rates halten muss. Und es verstößt gegen genau diese Gesetze, dass ich eine Menschenfrau liebe.“
Das letzte Wort hatte er nur noch geflüstert.
„Und deshalb können wir auch nicht zusammensein, sosehr ich es mir auch wünsche, weil sie meine Liebe zu dir gegen mich und gegen mein Volk verwenden.“
Natalie wusste nicht, was sie zu diesem schweren Dilemma sagen sollte. Er sah sie lange an, bevor er weitersprach.
„Sie würden es nur akzeptieren, wenn du zu einem Vampir werden würdest.“
Sie schluckte schwer. „Durch Metamorphose?“
„Ja. Aber das würde ich nicht zulassen. Es ist gefährlich.“
Eine Gänsehaut lief über Natalies Rücken. Der Gedanke daran, wie ihre Lippen ein mit Blut gefülltes Glas berührten, bereitete ihr Übelkeit. Doch dann fiel ihr Blick auf André, wie er gezeichnet vom inneren Kampf am Fenster lehnte. Sie stand auf, ging zu ihm hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter. Mit der anderen Hand strich sie über seinen Nacken und seine Wangen, so als wolle sie ein Raubtier besänftigen.
„Es tut mir leid, dass ich aus Bratislava abgereist bin. Ich glaube ich verstehe nun, was du mir im Schloss deiner Vorfahren wirklich sagen und zeigen wolltest.“
Seine Miene war wie versteinert, aber Natalie spürte, wie sein Verlangen tief in ihm eine Schlacht gegen die Vernunft schlug. Seine Hand umfasste ihren Nacken.
„Es kann kein Morgen für uns geben.“
Er küsste sie. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit umfing sie. Wie auf einer Wolke aus Tausenden Händen versank die Welt in Nichtigkeit. Für einen Moment schloss Natalie die Augen und als sie sie wieder öffnete, sah sie, dass er sie ins Schlafzimmer getragen hatte. Ihr Kopf fiel auf ein weiches Kissen. Andrés Atem berührte ihre Brüste und nun, da sie es wusste, konnte sie seine Fänge spüren, wie sie behutsam ihre Haut berührten und der Gedanke von einem Vampir geliebt zu werden war mit einem Mal verführerisch und durchflutete jede Faser ihres Körpers mit Verlangen.
André fühlte sich unwohl. Er war ein junger, unerfahrener Vampir von gerade mal zwanzig Lebensjahren und schielte zu seinem Vater. Dieser nickte und Alessandra zuckte nur kurz mit den Lippen, als die Frauen die Pulsadern an ihren Handgelenken mit Nadeln perforierten. Entspannt lag sie auf der Liege, während ihr Blut in einem dünnen Strom über die Marmorrinnen floss und in die beiden Tonschalen tropfte. Auf ihrem Gesicht ruhte ein Lächeln. Sie schaute in Andrés Augen und er konnte das tiefe Vertrauen spüren, das sie ihm entgegenbrachte. Eine dritte Frau trat an das Podest, reichte André einen goldenen Dolch. Seine Finger umschlossen das Metall. Die Frau kniete nieder, schöpfte mit einem Kelch Blut aus den Tongefässen und reichte André auch diesen. Er führte den Kelch an seine Lippen, trank das warme Blut. Erneut füllte die Frau den Becher und dieser Vorgang wiederholte sich so lange, bis nur noch die gebrannte Oberfläche der Tongefäße von Alessandras Blut benetzt wurde. André fühlte ihre Lebensenergie durch seine Adern fließen. Mit gemischten Gefühlen beobachtete er, wie Alessandra allmählich schwächer wurde. Ihr Lächeln verlor an Kraft und ihr Herzschlag wurde langsamer. Sie schloss die Augen und ihr Kopf fiel zur Seite.
Mit einer raschen Handbewegung drückte André den Dolch gegen seine Pulsader und schnitt tief hinein. Behutsam öffnete er Alessandras Mund, hielt sein Handgelenk über ihre Lippen. Sein Blut tropfte in ihren Rachen. Ihre Augenlieder bewegten sich, ihre Arme und Beine zuckten. André sah, wie sich ihr Körper gegen das Blut und die Metamorphose wehrte.
Diejenigen, die zu der Versammlung gekommen waren, um die Wiedergeburt Alessandras zu bezeugen, bildeten einen engen Kreis um die Liege. Andrés Vater stimmte ein leises Lied in lateinischer Sprache an und die anderen begleiteten seinen Gesang mit melodischem Summen. Es klang wie das Heulen des Windes, der sich im Raum ausbreitete und in der Kuppel über ihren Köpfen kreiste.
Alessandras Körper bäumte sich unter Schmerzen auf. Ihre Augen waren plötzlich weit geöffnet, starrten durch André hindurch. Ihr Schrei erschütterte das Gewölbe. Für einen Moment kam der Gesang ins Stocken und in diesem Augenblick wusste André, dass etwas nicht stimmte. Er blickte zur Seite, schaute in das besorgte Gesicht seines Vaters, dessen dunkle Pupillen auf Alessandra gerichtet waren. Erneut erschütterte ein Schrei das Gewölbe. Der schmächtige Leib des Mädchens bewegte sich noch ein letztes Mal und sackte schließlich leblos in sich zusammen.
Schweißgebadet erwachte André aus dem tranceartigen Zustand des Vampirschlafs. Natalie, die neben ihm lag, murmelte Worte im Schlaf. Er strich über ihr Haar, zog seine Hand sofort wieder zurück. Sein Herz hämmerte. Immer wieder sah er Alessandras leblosen Körper und dann sah er Natalie auf der Liege, regungslos, mit bleichem Gesicht.
Mit zittrigen Händen wischte er den Schweiß von der Stirn. Nein, das durfte nicht noch einmal passieren.