20.
Bratislava, 30. Mai 2007, 10:30 Uhr
Noch lange, nachdem das Schiff mit dem Horizont verschmolzen war, saß André im Schatten eines Cafés an der Uferpromenade. Er blickte auf das grüne Wasser, so wie er es früher immer getan hatte, wenn er hierher gekommen war, um nachzudenken. Er fühlte sich weder besser, noch hatte er das Gefühl, das Richtige getan zu haben. Es kam ihm so vor, als sei die innere Zerrissenheit nur noch größer geworden.
Seine Finger tasteten nach dem Glas Wodka, das der Kellner vor ihm abgestellt hatte. André nippte daran, ohne seinen Blick vom Wasser abzuwenden. Er folgte den sanften Wellen, die flussabwärts trieben, sich schäumend am Ufer brachen und dem Flussverlauf folgten, der ihr Schicksal darzustellen schien. Jedoch trat das Wasser manchmal über die Ufer und grub sich seinen eigenen Weg durch die Landschaft. Vielleicht war es an der Zeit, dass auch er sein vorbestimmtes Flussbett verließ und seinen Gefühlen nachgab.
Der Duft eines schweren, vertrauten Männerparfüms holte André in die Wirklichkeit zurück. An der Uferpromenade liefen Gerald Vermont und Mathis Leclerc, die nebeneinander den Weg entlang marschierten, zielgerichtet auf das Straßencafe zu.
„Es ist nicht einfach, Euch zu finden“, sagte Gerald.
Er rückte sich die Sonnenbrille zurecht, die seine lichtempfindlichen Augen vor dem grellen Tageslicht schützte.
„Wo ist das Mädchen?“, fragte Gerald.
„Wovon sprecht Ihr?“
„Es war ein Fehler, aus Paris abzureisen“, warf Mathis Leclerc ein. „Jemand hat Euch eine Falle gestellt.“
„Der Kampf mit dem Assassinen sollte mich von der Ratsversammlung fernhalten, ich weiß“, antwortete er.
Gerald schüttelte den Kopf. „Es ist noch schlimmer.“
Er setzte sich neben André und erzählte ihm von der Webcam und dem Eklat bei der Ratsversammlung.
Bestürzung und Fassungslosigkeit überkamen André.
„Was verbindet Euch mit ihr?“, fragte Leclerc. „Ich meine, ist es mehr als nur eine Liebschaft, ein Ausrutscher, eine Liebessklavin?“
André zerdrückte das Glas in der Hand, es zerfiel zu feinstem Puder. „Das ist meine Angelegenheit.“
„Seid vernünftig, wir müssen die Wahrheit wissen, André.“ In Geralds Blick lag ein Flehen und er faltete demonstrativ die Hände. „Die Sache ist ernst, ein Funke und alles fliegt in die Luft.“
„Wer immer dahinter steckt, wusste von Alessandra und meinen Gefühlen zu ihr“, sagte André schließlich und er berichtete von seinen Vermutungen über die getürkte Ausschreibung.
„Es gibt nur wenige, die von Euch und Alessandra wissen. Nicht einmal im Inneren Rat ist diese Geschichte allen bekannt“, meinte Gerald.
„Vielleicht irre ich mich auch.“ André zuckte mit den Schultern.
„Ihr müsst Euch von dieser Frau fernhalten“, beschwor ihn Leclerc. „André, wir stehen vor einem Krieg unter Vampiren und jede Unvorsicht führt zu einer Katastrophe …“
„Lasst das meine Sorge sein“, unterbrach ihn André.
„Denkt an die Jägerorden, wir mögen sie durch unser Schattendasein zerschlagen haben. Aber sie würden wieder erstarken. Ein, zwei Jahre und wir stehen einer neuen Bedrohung gegenüber.“
„Es steht zu viel auf dem Spiel, André.“
Gerald stellte sich damit auf Leclercs Seite. André nahm es seinem alten Freund nicht übel. Er wusste selbst, was er mit seiner Abwesenheit bei der Ratsversammlung losgetreten hatte.
Nachdem er Leclerc und Valmont besänftigt hatte, beschloss er, nicht mit ihnen nach Paris zurückzukehren, sondern fuhr zum Schloss. Den beiden Ratsmitgliedern hatte er aufgetragen, die Versammlung zu Ende zu führen und die neuen Gesetzesentwürfe solange auf Eis zu legen, bis der Unruhestifter gefunden war. Bartolomeos wartete in der Eingangshalle auf André. Gestützt auf einen Stock empfing er ihn und klopfte ihm besänftigend auf die Schulter.
„Ich habe von der Verschwörung gehört“, sagte er leise. „Gerald Vermont war vorhin bei mir, als er dich suchte.“
„Schlechte Nachrichten verbreiten sich schnell.“
Nebeneinander spazierten sie durch den Gang in den Salon, wo noch immer die beiden Bücher auf dem Tisch lagen.
„Sie glaubt, ich würde sie dieses Bildes wegen lieben.“ Er strich mit dem Finger über Alessandras Gemälde.
„Du scheinst eine Vorliebe für feuerrote Hexen zu haben, hm?“ Bartolomeos lachte leise. „Warum suchst du dir nicht eine Frau aus unserem Volk? Alyssa Blackrose beispielsweise, sie ist eine Schönheit und eine wunderbare Wahl. Eine Verbindung zu ihrem Clan würde auch den Barovs zugute kommen.“
André schaute auf das Buch. Er hätte es ihr nicht zeigen sollen.
„Verstehe.“
„Nichts verstehst du“, herrschte André seinen Vater an. „Ich verstehe es ja selbst nicht. Das ist keine harmlose Liaison, da ist mehr, eine … eine …“
„Verbindung.“ Bartolomeos nickte. „Du kämpfst gegen mächtige Gefühle an, mein Sohn. Als du vor Wochen zu mir kamst, dachte ich, es sei etwas, das man mit einem einfachen Blick in die Vergangenheit beenden könnte.“ Er tippte mit dem Stock auf das Buch. „Das hier war nur ein Jugendabenteuer“, sagte er.
„Ich habe es heute beendet.“
„Nein, das hast du nicht“, widersprach Bartolomeos. Sein Tonfall wurde energischer. „Du kannst dich nicht vor mir verschließen. Ich werde immer in deinem Geist und deinem Herzen lesen können und sehe, wie es im Moment in dir aussieht.“
André hatte nicht das Gefühl, einem kranken, alten Mann gegenüber zu sitzen, sondern dem mächtigen Vampirfürsten, der sein Vater einmal gewesen war.
„Es ist nicht die Liebe zu Natalie, die dich schwächt, sondern der Zwiespalt, dein Unvermögen eine Entscheidung zu treffen. Die Vampire brauchen einen starken Anführer. Trotz des Rates sehen sie noch immer den Fürsten in dir, dem nach dem Jahrtausende alten Gesetz das Recht zusteht, sie zu führen.“ Er klopfte erneut auf das Buch. „Damals hattest du noch keine Verantwortung. Aber heute musst du Entscheidungen treffen.“ Er deutete auf den Ring an Andrés Finger.
„Das weiß ich alles, Vater.“ André hatte das Gefühl, wieder der kleine Junge zu sein, der auf dem Schoß des Vaters saß und über seine Fehler belehrt wurde.
„Du musst endlich eine Entscheidung treffen.“
„Nur welche ist die Richtige?“
„Hast du jemals daran gedacht, mit Natalie über die Metamorphose zu sprechen?“
„Nein!“
„Ich weiß, wie du darüber denkst. Aber es ist die einzig vernünftige Möglichkeit mit ihr zusammen zu sein. Ansonsten musst du sie vergessen, auch wenn das bedeutet, dass du sie nicht mehr beschützen darfst.“
André schloss die Augen und massierte seine Schläfen. „Ich habe dich das nie gefragt, aber hast du Mutter geliebt?“
Ein Schatten huschte über das vernarbte Gesicht des alten Mannes. „Als wir vermählt wurden, kannten wir einander kaum. Sie stammte aus dem Marquez-Clan. Vielleicht erinnerst du dich nicht mehr an die Marquez, denn bis auf deine Mutter wurden sie alle Anfang des achtzehnten Jahrhunderts durch einen Überfall der Jäger getötet. Unsere Väter hatten, wie es damals üblich war, die Verbindung ausgehandelt. Anfangs war es schwierig, doch wir näherten uns an und allmählich wurde Zuneigung und Liebe daraus. Darum habe ich auch keine andere zur Frau genommen, als sie starb.“
„Warum hast du nicht einfach auch für mich eine Frau bestimmt?“
„Oh, das hatte ich. Doch der Vertrag kam nicht zustande.“
„Du hast nie darüber gesprochen.“
„Auch das geschah, noch bevor du geboren wurdest. Aber lassen wir das. Ich möchte jetzt nicht daran denken.“
„Wie du meinst.“
André berührte noch einmal Alessandras Bild. Kurz nach ihrem Tod hatte die bloße Berührung des kleinen Gemäldes noch an seinen Fingern gebrannt. Doch nach all den Jahren weckte es nur noch Erinnerungen und es schmerzte, wenn er die Augen schloss und in die Vergangenheit zurückkehrte.
„Du musst dich für einen Weg entscheiden und diesen mit aller Entschlossenheit und Willenskraft verfolgen. Wende dich von ihr ab oder stelle sie vor die Wahl. Nur so kannst du einen Krieg unter den Vampiren verhindern. Und ein Krieg würde unsere alten Feinde zu neuem Leben erwecken und alles zerstören, für das du die letzten Jahre gekämpft hast, mein Sohn.“