18.

 

Paris, 30. Mai. 2007 2:55 Uhr

 

Zacharias beobachtete aus der hintersten Reihe des Versammlungssaales, wie sich die letzten Plätze des ehemaligen Kinos allmählich füllten. Nur ein Platz an der ihnen zugewandten Seite der Tafel, an der die acht Mitglieder des inneren Rats saßen, blieb unbesetzt. Wie erhofft war André Barov abgereist und nicht wieder zurückgekehrt. Auch wenn die Mitglieder des Inneren Rates Andrés Abwesenheit noch vor einer Stunde abgestritten hatten. Der erste Teil seines Planes hatte funktioniert. Er betrachtete die Leinwand hinter den hohen Ratsmitgliedern. Das Kino war zwar seit mehr als zwanzig Jahren geschlossen und der Saal soweit umgebaut worden, dass er einem Parlamentssaal glich, jedoch war die Leinwand nach wie vor in Betrieb und wurde während der Besprechungen genutzt, um Bilder und Statistiken an die Wand zu projizieren. Dies geschah mithilfe eines digitalen Projektors, der hoch über Zacharias Kopf an der Decke hing und mit dem Internet verbunden war. Da Zacharias so gut wie nichts von diesen modernen Dingen verstand, war er auf einen Techniker angewiesen, dessen Clan sich dazu entschlossen hatte, Zacharias Plan zu unterstützen. Der junge Techniker gehörte zu einer neuen Generation Vampire, die danach strebten, als Freaks getarnt an der Seite der Menschen zu leben. Sie besuchten die Universitäten, feierten Partys unter Menschen, tranken massenhaft Alkohol und mischten sich unter die Versammlungen menschlicher Möchtegernvampire, um ihren Blutdurst auf natürliche Weise zu stillen. Zacharias verabscheute diese jungen Vampire genauso, wie er das hochnäsige Gehabe der Reinblüter verachtete. Aber im Moment war er auf jede Unterstützung angewiesen. Es war ein außerordentlich genialer Schachzug von Jorog gewesen, das weltweite Netzwerk zu nutzen, das diese jungen Halbblüter aufgebaut hatten. So war es Zacharias gelungen, globale Unruhe zu stiften, ohne dass der Verdacht auf ihn fiel. Die Agenten, die Gerald Vermont befehligte, waren auf diese Weise beschäftigt. Für Zacharias bedeutete das mehr Spielraum, um seinem Plan zu folgen und den Schürhaken noch tiefer in die Glut zu stoßen. Natürlich wusste er, dass sein Vorhaben auf einem wackligen Gerüst stand. Sobald das Feuer einmal brannte und der Keil zwischen Halbblüter und Reinblüter getrieben war, würde dies zu einem Krieg unter den Vampirfamilien führen. Ein Krieg, der auf den Straßen dieser Welt ausgetragen werden und letztendlich die Aufmerksamkeit des alten Feindes auf sie ziehen würde. Doch Zacharias war bereit, dieses Risiko einzugehen, um André Barov zu stürzen und sich an ihm zu rächen.

Pünktlich um drei Uhr erhob Mathis Leclerc in Vertretung von André Barov das Wort und entschuldigte die Abwesenheit des Ratsvorsitzenden mit dem Vorwand, André Barov habe unaufschiebbare Dinge zu erledigen.

Mit Genugtuung nahm er das aufgeregte Raunen der Menge wahr. Flüchtig schielte er hoch zum Projektor. Noch machte das Gerät nicht den Anschein, als täte sich etwas.

Die nächste Stunde verstrich mit langwierigen Berichten über die weltweiten Unruhen. Lucia Luego und Javier Alfaro sprachen von ersten Vampirjäger-Orden, die zusammengekommen waren, um den Berichten in den Tageszeitungen und Fernsehnachrichten auf den Grund zu gehen. Wie erwartet, schien es der Innere Rat für eine Verschwörung revolutionärer Gegner der neuen Ordnung zu halten. Aber Gerald Vermont berichtete auch über einen im Hintergrund agierenden Drahtzieher, der zu feige war, seine Meinung vor dem Rat kundzutun. Zacharias kämpfte gegen den Zorn an, den Geralds Worte in ihm entfachten. Mit Feigheit hatte sein Kampf wenig gemein. Zacharias verglich es mit taktischer Kriegsführung, Partisanenkämpfen gegen einen übermächtigen Feind, der keine Kritik duldete. Dieser Rat war eine Farce, eine Bühne, auf der sich die Reinblüter als die einzig wahren Vampire darstellten. Als die Beschützer der gesamten Schattenwelt, in der die Vampire lebten und sich wie Ratten vor den Menschen verbargen. Dass die meisten im Rat beschlossenen Gesetze nur Halbblüter betrafen und sie in ihrer Freiheit und ihren Kräften beschnitten, darum scherten sich die alten Familien einen Dreck. Acht Familien gehörten diesem Inneren Rat an, zweiunddreißig weitere hatten das Recht im Großen Rat zu stimmen und die restlichen der insgesamt anwesenden vierundsiebzig Clanoberhäupter, seine eigene Familie eingeschlossen, hatten nur die Möglichkeit ihre Meinung zu sagen, ohne an den Abstimmungen beteiligt zu sein.

Eine Stimme im Kreis der Auserwählten musste man sich verdienen, mit Gesetzestreue und einem entsprechenden Stammbaum.

Der Innere Rat beendete die Berichte über Unruhen und ging zum eigentlichen Thema der Pariser Versammlung über. Den neuen Gesetzesentwürfen. Diese sahen härtere Strafen für Gesetzesüberschreitungen vor, besonders nachdem sich die Kerker füllten und die Heilanstalten, in denen sie die menschlichen Opfer der Blutorgien und Vampirangriffe verwahrten, aus allen Nähten platzten.

Es waren Mathis Leclerc und Lorenzo de Angelos, die gemeinsam anstelle von André Barov die neuen Bestimmungen präsentierten und die Notwendigkeiten der strengeren Bestimmungen mit den Ausschreitungen der vergangenen Tage und Wochen bekräftigten.

Eine wilde Diskussion entbrannte, die besonders durch die Stimmen der hinteren Reihen genährt wurde und zum Lärmpegel eines Sportstadions heranwuchs. Zacharias enthielt sich der Diskussion und verschmolz mit dem Hintergrund zu einem amüsierten Beobachter. Vor allem die drakonischen Strafen, die über Tod und Leben entscheiden sollten, sobald ein Gesetzesbruch der Vampirgemeinschaft Schaden zufügte, erregten die Gemüter. Doch schließlich verstummten die Stimmen und eine unheimliche Stille legte sich über den Saal.

Mit leisem Summen hatte sich der Projektor eingeschaltet. Die silbergraue Leinwand hinter dem Inneren Rat war zum Leben erwacht, formte ein Bild von einem Zimmer. Die Aufnahmen zeigten eine auf einem Bett liegende Frau und einen Assassinen, der die Frau durch Gedankenkontrolle folterte, ohne sie zu berühren. Doch der Frau kam jemand zu Hilfe. André Barov. Der Rat wurde Zeuge eines erbitterten Kampfes, zwischen dem Assassinen und Barov. Doch der Film endete abrupt, als Jorog durch das Zimmer flog und sein flatternder Umhang die Webcam vom Bildschirm stieß.

Zacharias fluchte innerlich, als der Projektor abschaltete und die Diskussion im Saal von neuem entfachte. Dieser kurze Filmausschnitt allein würde nicht genügen, um Andrés Handeln entscheidend infrage zu stellen.

„Ich bitte um Ruhe“, sagte Gerald Vermont mit erhobener Stimme. „Wir haben keine Ahnung, was diese Bilder zu bedeuten haben.“

Zacharias sah seinen Moment gekommen und erhob sich von seinem Platz. „Sie zeigen André Barov, wie er unserer Versammlung fern bleibt, um eine Menschenfrau zu beschützen.“ Er sprach ruhig und laut.

„Seid Ihr Euch so sicher?“, fragte Gerald. Er bückte sich zu Mathis Leclerc, der ihm etwas ins Ohr flüsterte. „Wie ich bereits sagte, wir wissen nicht, was dieser Film zu bedeuten hat und wer dahinter steckt. Aber André Barov ist abgereist, den Assassinen zu stellen, der vor wenigen Stunden meinen Bruder Romain Valmont getötet hat.“

Die Ratsmitglieder reagierten mit Verblüffung auf Geralds Botschaft. Einige wollten mehr über den Tod des Agenten erfahren, andere nahmen die Neuigkeit mit besorgter Miene hin.

„Wir werden der Sache auf den Grund gehen“, mischte sich Mathis Leclerc ein. „Es war dieser Assassine, der gemordet hat und den André Barov suchte. Ob er diese Frau schützen wollte, wissen wir nicht.“

Die meisten in dem Saal wussten um die seit Jahrhunderten andauernde Freundschaft zwischen den Barovs und dem Valmont-Clan, von daher war die Erklärung schlüssig.

Hatte sein Plan versagt? Zacharias sank noch tiefer in seinem Stuhl, starrte auf die schwarze Leinwand und als hätte er es durch seinen Blick heraufbeschworen, nahm der Projektor noch einmal seine Arbeit auf. Die Kamera hing nun offenbar vom Schreibtisch. Das Bild war verzerrt und stand auf dem Kopf. Doch es zeigte das Bett und jeder im Saal konnte erkennen, was sich im Zimmer abspielte.

André Barov saß am Bettrand, streichelte das Gesicht der jungen Frau. Die Bilder allein genügten, damit die Samen der Zwietracht, die Zacharias gesät hatte, endlich gediehen. Kaum war der zweite Teil des Films zu Ende, wurde der Saal von zornigen Ausrufen erschüttert. Zacharias nutzte den Moment und erhob erneut die Stimme.

„Werden wir nun André Barov zum Tode verurteilen?“, fragte er mit sarkastischem Unterton und spielte damit auf jene Gesetzesentwürfe an, die den Vampiren jeglichen intimen Kontakt zu einem Menschen verbieten sollten.

Mathis Leclerc ignorierte seine Worte und beschloss, die Sitzung um einige Stunden zu vertagen.