19.
Bratislava, 30. Mai 2007 5:21 Uhr
Das abrupte Anhalten des Wagens ließ Natalie hochfahren. Ihr Blick fiel auf ein schmiedeeisernes Gitter, das sich wie ein Theatervorhang öffnete und den Weg zu einem prunkvollen Barockschloss freigab.
„Wo sind wir?“
Ihr Mund fühlte sich trocken an. Sie hatte immer noch höllische Schmerzen, aber anstatt in einem Krankenwagen, kauerte sie, nur notdürftig in ihren Morgenmantel geschlungen, auf dem Beifahrersitz. Mit verdrehten Gliedern und vor sich hin blutend
„Ist das eine Art Privatklinik oder ein Sanatorium?“
Sie musste vor Schmerzen ohnmächtig geworden sein. Sie hatte nicht gemerkt, dass André sie in sein Auto getragen hatte. Nach allem, was sie in der vergangenen Nacht erlebt hatte, war dieser Schlaf erholsam gewesen und nicht einmal durchtränkt von der Fratze dieser Bestie. Vielleicht war es aber auch einfach nur eine Ohnmacht gewesen und ihr Verstand hatte schlichtweg abgeschaltet. So richtig klar denken konnte sie immer noch nicht. Die Gedanken kamen und gingen. André hatte ihren Angreifer einen Assassinen genannt. Seltsamer Name für ein Wesen, das sie am ehesten als Werwolf bezeichnet hätte.
Der Weg zum Schloss führte durch einen gepflegten Park. Vom Wald, der die Liegenschaft wie ein grüner Mantel umgab, drängte Bodennebel, der durch die Gitterstäbe des Zaunes quoll und die Grundstücksgrenzen in weiche Watte bettete. Als wären der Park und das Schloss eine eigene Welt, die auf Wolken schwebte. André parkte auf dem Platz vor dem Schloss. Er lief um den Wagen herum und öffnete ihr die Autotür.
„Willkommen auf dem Anwesen meiner Familie“, sagte er und sie hörte Stolz im Klang seiner Stimme.
An jedem anderen Tag hätte sie die Architektur des alten Barockschlosses bewundert. Aber zu ihren Schmerzen gesellte sich nun noch ein Gefühl der Unzulänglichkeit. Ihr war nur zu sehr bewusst, wie verschieden ihrer beider Welten waren. Diese Erkenntnis nahm ihr ein weiteres Stück der stillen Hoffnung, dass André jemals ihr gehören würde. Vielleicht war dies der Grund, weshalb er so hin und her gerissen war und er hatte sie nur hierher gebracht, um ihr das Schloss und das Anwesen zu zeigen, damit sie verstand, weshalb er nicht bei ihr sein konnte. Vielleicht tat sie ihm auch Unrecht. Sie war einfach zu verwirrt und hatte das Gefühl, vor lauter Watte im Kopf nicht richtig denken zu können.
„Es ist schön, aber ehrlich André, was soll ich in diesem Schloss?“ Selbst das Sprechen kostete Kraft und strafte sie mit Übelkeit. „Kannst du mich nun bitte endlich in ein Krankenhaus bringen?“
Er seufzte tief, beugte sich vor und berührte ihre Schläfen. Sein trauriges Lächeln war das Letzte, was Natalie sah, bevor sie wieder in tiefe Dunkelheit sank.
Mühelos hob André den regungslosen Körper aus dem Wagen und trug ihn zum Schlosstor hinauf. Dabei strömte ihr süßer Duft in seine Nase, berührte einen Teil seiner Seele, den er längst vergessen glaubte, und schürte die Angst um sie. Die Schlosstore öffneten sich und sein Vater kam ihm entgegen.
„Du bringst sie hierher?“, fragte Bartolomeos verwundert. Sein Blick huschte über Natalies Gesicht. „Mein Gott, du hattest recht. Sie sieht fast so aus wie Alessandra.“
„Ich brauche deine Hilfe.“ André erzählte von dem Assassinen. „Wir müssen uns beeilen, ehe sich das Trugbild noch tiefer in ihren Verstand frisst.“
Bartolomeos hielt André die Tür auf. Sie brachten Natalie in einen kleinen Salon. André legte sie vorsichtig auf einen Diwan.
„Lass mich sehen.“ Bartolomeos beugte sich über Natalie. Seine knochigen Finger berührten ihre Schläfen. „Sie hat einen starken Geist“, sagte sein Vater. Mit geschlossenen Augen konzentrierte er sich ganz auf eine Verbindung. André sah, wie viel Kraft es Bartolomeos kostete und sein Körper vor Anspannung zuckte. „Ich sehe den Assassinen, sein Gesicht. Ich kenne ihn, es ist Jorog.“ Bartolomeos öffnete die Augen. Besorgnis spiegelte sich darin wieder. „Jorog gehört zu den ältesten unter den Assassinen, geboren aus dem Leib einer Wölfin. Du musst dich vor ihm in Acht nehmen.
„Er hat bereits Romain Valmont getötet“, sagte André.
Ein Schatten huschte über Bartolomeos Gesicht. „Dann ist er noch mächtiger als ich dachte, und er folgt den Befehlen deines Feindes, aus welchen Motiven auch immer.“
Er wandte sich wieder Natalie zu und drang in ihren Geist ein.
„Sie kommt zu sich“, hörte Natalie eine Stimme flüstern.
Sie spürte einen festen Druck auf ihren Schläfen. Langsam öffnete sie die Augen, sah zuerst noch helles Licht, dann starrte sie in ein entstelltes Gesicht und schrie, als sie glaubte, der Assassine sei zurückgekehrt.
„Du musst keine Angst haben.“
Die Stimme klang ruhig. André trat hinter dem entstellten Mann hervor, der über ihr gebeugt saß und ihre Schläfen massierte.
„Das ist Bartolomeos, mein Vater.“
Natalie bewegte ihre Gliedmaßen. Die Schmerzen waren verschwunden und die Brüche wie durch ein Wunder geheilt.
„Aber … aber … wie ist das möglich?“
„Es war nur ein Trugbild, das der Assassine in deinen Kopf gepflanzt hat“, erklärte der alte Mann. „Ich habe es aus deinem Geist gelöscht. Nun lasse ich euch beide allein. Meine Kräfte sind erschöpft.“
Natalie sah, wie er einen besorgten Blick mit André tauschte. Nachdem Bartolomeos verschwunden war, setzte sich André zu ihr.
„Es tut mir leid, dass du meinetwegen leiden musstest.“
Natalie betrachtete ihren Körper und staunte. Die Schmerzen waren nur noch ein Echo in ihrer Erinnerung. Doch fast noch mehr als die abgeklungenen Schmerzen, quälte sie eine Frage.
„André, ich muss es wissen. Ich will, dass du mir die Wahrheit sagst. Wer oder was bist du?“
André nickte. „Ich halte mein Versprechen.“ Er zog einen Tisch herbei, auf dem ein Teegedeck stand. Natalie roch den feinen Duft von Jasmin- Tee. Neben den Tassen lagen zwei in Leder gebundene Bücher, auf deren Rücken in goldenen Ziffern die Jahreszahlen 1752 und 1772 eingeprägt waren. „Du erinnerst dich an die Worte des Assassinen?“ Er goss Tee in die Tassen.
Natalie nickte stumm und blickte auf den speckigen Ledereinband der Bücher.
„Die Bestie hatte recht, als sie sagte ich sei ein Vampirfürst.“
Natalie merkte, wie schwer es ihm fiel, darüber zu reden.
„Ich bin ein Vampir“, wiederholte er und während er das Wort Vampir aussprach, drehte er den klobigen Ring an seinem Finger.
Hätte er ihr das vor zwei Wochen erzählt, hätte sie ihn für verrückt gehalten. Auch jetzt noch klang es phantastisch und wie eine der einfallsreichsten Ausreden, die sie je aus dem Mund eines Mannes gehört hatte. Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Es machte sie weder wütend, noch empfand sie Angst. Nach alldem in letzter Zeit machte sich eine gewisse Abgestumpftheit in ihrem Inneren breit.
„Du glaubst mir nicht“, fuhr er leise fort und griff nach dem Buch mit der Jahreszahl 1752. Er klappte es auf. „Ich wurde am sechzehnten Januar 1752 in Bratislava als Vampir geboren.“
„Als Vampir … 1752 … Das heißt du bist … 255 Jahre alt?“
Sie stellte die Tasse auf den Tisch und schöpfte nach Atem.
„Du weißt, wie unglaublich das klingt?“
Dabei verschwamm das Bild vor ihren Augen, als die anfängliche Emotionslosigkeit einem Feuerwerk aufkommender Gefühle wich. Ihr wurde schwindelig und ihr Magen krampfte sich zusammen, als würde sie mit einer Achterbahn in die Tiefe sausen. Aus dem Mund des Assassinen hatte es nach Spott geklungen. Doch diese Bestie war real gewesen, so wie Death und seine Schlägertruppe. Warum also sollte André sie belügen? Sie nahm das Buch in die Hand, als müsse sie fühlen, ob es real war. Behutsam strich sie mit den Fingern über das vergilbte Papier. Auf der Buchseite waren sämtliche Familienereignisse des 16. Januar eingetragen, so auch die Geburt von André Barov. Konnte sie diesem Buch Glauben schenken? Das konnte genauso gut irgendein André Barov sein. Sie betrachtete Andrés Hände, sein Gesicht, das nicht älter wirkte als fünfunddreißig, vielleicht vierzig.
„Es ist die Wahrheit, auch wenn sie für dich schwer zu verstehen ist“, bekräftigte er seine Worte. Er blickte ihr tief in die Augen, sprach mit entschlossener Stimme. „Seit dem Abend, an dem ich dich getroffen habe, muss ich an dich denken und diese Gefühle machen mich wahnsinnig.“
Ein warme Welle und ein eisiger Schauer breiteten sich zugleich in ihr aus, als die Achterbahn in ihrem Innern durch die Senke schoss, eine Steigung hinaufrollte, um erneut in die Tiefe zu stürzen.
„Weil wir zu verschieden sind?“, fragte Natalie und ihr Verstand kämpfte gegen ihr Herz, das sich nach der Nähe dieses Mannes sehnte.
„Nein, Natalie. Da ist noch mehr. Es sind unsere Gesetze, die es mir verbieten, mit dir zusammen zu sein, dich zu lieben.“
Er schaute ihr in die Augen und sie fühlte sich von seinem Blick durchbohrt. Erstmals bemerkte sie sein ungewöhnliches Gebiss, sah die Eckzähne, die spitz zusammenliefen und ein wenig länger waren als der Rest. Aber sie waren nicht so ausgeprägt, dass man ihn sofort für einen Vampir halten konnte. Er sah ihren Blick.
„Sie schieben sich aus dem Kiefer“, erklärte er. „Aber die Zeiten haben sich geändert. Wir klettern nicht mehr durch Fenster, um Menschen in den Hals zu beißen.“ Er verzog keine Miene.
„Wovon ernährst du dich?“ Bei dem Gedanken, dass er Blut trank, wurde ihr ein wenig übel.
„Von Blutkonserven und gewöhnlichem Essen“, sagte er ohne seinen Blick abzuwenden. „Aber ich möchte jetzt nicht darüber sprechen. Natalie, ich habe dich in große Gefahr gebracht. Es gibt da einen anderen Vampir, der dich benutzt hat, um mich in eine Falle zu locken. Heute Nacht ist ihm das gelungen. Und es war nicht das erste Mal, denn der Überfall nach der Feier war genauso geplant wie der heutige Abend. Jemand benutzt dich als Köder, um mir zu schaden, und das hat bereits mit der Ausschreibung von WBS-Soft begonnen.“
Das war hart. „Ich dachte wir haben gewonnen, weil wir das beste Projekt abgeliefert haben.“
André wich ihrem Blick aus. „Eure Arbeit war wunderbar. Aber es gab noch andere, gleichwertige Projekte. Ich weiß, dass ihr ausgewählt wurdet, weil es jemand so wollte.“
„Und was hat diese Ausschreibung mit uns beiden zu tun und mit den Überfällen? Warum ich?“ Das Ganze ergab überhaupt keinen Sinn.
André blätterte in den Seiten des Buches. „Ich war jung, unerfahren, gerade mal zwanzig“, sagte er gedankenverloren. Seine Finger schienen sich zu versteiften, je näher er dem kam, was er ihr in dem Buch zeigen wollte. „Damals habe ich mich in ein Mädchen verliebt, einen Menschen, ihr Name war Alessandra.“ Er schlug eine Seite im hinteren Teil des Buches auf und zeigte sie ihr. „Sie ist gestorben, weil sie mit mir zusammensein wollte.“
Natalie las einen Eintrag vom vierten Dezember 1772. Tod des Mädchens durch Metamorphose. Sie wollte André danach fragen, doch die Worte entglitten ihr plötzlich, als sie auf ein handgemaltes Bild schaute, das unter dem Bericht klebte. Ein junges Mädchen schaute ihr aus ernsten Augen entgegen. Feurig rotes Haar und grüne Augen. Für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde sie in ihr eigenes Gesicht schauen. Enttäuschung, Wut und ein Gefühl von Hilflosigkeit stieg in ihr hoch. Sie suchte nach den richtigen Worten.
„War es die ganze Zeit über nur Alessandra, die du in mir gesehen hast?“
„Am Anfang war es so, ja, doch dann …“ Er klappte das Buch zu. „Ihr seid sehr verschieden.“
„Ich weiß nicht, was ich sagen oder glauben soll, André.“
„Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich auch noch dich auf diese Weise verlieren würde“, sagte André.
Mit einem Mal kroch Wut in ihr hoch. „Ach, du könntest es nicht ertragen? Ist das nicht auch meine Entscheidung?“
Sie war jetzt richtig sauer und das gab ihr neue Kraft. „Du stehst plötzlich nachts vor meiner Tür, wir lieben uns, dann verschwindest du, tauchst Tage nicht mehr auf.“
„Versteh mich doch …“
„Das kann ich nicht, obwohl ich es möchte. André, wie soll ich dich verstehen, wenn ich nicht weiß, wer du wirklich bist, wenn du mir keine Chance gibst?“
Sie stand auf. Auf erstaunlich festen Beinen ging sie zur Tür. Sie hielt kurz inne, denn bei dem Gedanken, erneut in die Hände des Assassinen zu fallen, kroch die Angst zurück in ihre Knochen. Doch im Moment waren Wut und das Gefühl der Verletzung stärker. Auch wenn sie wusste, dass sie ihnen beiden jetzt die Gelegenheit nahm darüber zu sprechen ob es vielleicht je ein Uns geben würde, wollte sie einfach nur hier raus.
„Ich sehe in dir nicht Alessandra.“
„Woher weiß ich, dass ich dir glauben kann?“ Sie öffnete die Tür und trat auf den Gang.
„Warte“, forderte sie André auf.
„Ich möchte nach Hause“, antwortete Natalie. „Bitte.“ Doch etwas hinderte sie daran, ihr Körper reagierte nicht mehr auf sie. Wie festgebunden stand sie da und hatte keine andere Wahl als ihm zuzuhören.
„Der Assassine wird wiederkommen und wenn nicht er, dann wird es ein anderer Vampir sein.“
Natalie fühlte sich wie in einem Alptraum. Sie wollte aus diesem Schloss fliehen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht.
„Ich bitte dich nur, hier zu bleiben. Nur ein paar Tage, vielleicht eine Woche.“
„Bin ich jetzt deine Gefangene?“
„Wenn es nötig ist, um dich zu schützen.“
Für einen kleinen Moment ließ die Lähmung in ihrem Körper nach. Sie stolperte zwei Schritte vorwärts und stürzte.
„Lass mich bitte gehen.“
Jedes Mal, wenn sie versuchte sich zu bewegen, machte er eine kleine Bewegung mit seinem Zeigefinger. Ein Grollen entwich ihrer Kehle und brach über ihre Lippen, hallte durch den Gang.
„Hör auf damit.“
Die unsichtbaren Fesseln lösten sich. Sie wich drei, vier Schritte von André weg, der ein wenig aussah als wären ihm seine Schultern zu schwer.
„Bitte bleib“, sagte er mit ruhiger Stimme.
„Ich kann nicht“, antwortete Natalie.
André seufzte tief. „Dann lass mich dich wenigstens nach Wien bringen, bitte.“
„Ich dachte, du bist ein Vampir? Draußen ist es hell.“
„Ich zerfalle nicht zu Staub. Das sind nur Geschichten.“
Natalie nahm es achselzuckend hin. Sie hatte keine Lust mehr, über Legenden, Lügen und die Realität nachzudenken.
„Okay. Dann fahr mich bitte in die Stadt zum Hafen. Ich werde das Schiff nach Wien nehmen.“