10.
Wien, 14. Mai 2007
Erschrocken öffnete Natalie die Augen. Dunkelheit. Mit dem Kopf in ihrem Kissen lag sie weich gebettet in kuscheligen Daunen und die Decke bis zum Hals gezogen. Ein Geräusch hatte sie geweckt. Es klang wie das Flattern einer Flagge im Wind. Ihr Herz hämmerte schnell und hart, wie nach einem Alptraum. Sie konnte sich aber nicht erinnern, schlecht geträumt zu haben. Sie hob ihren Kopf, um sich umschauen zu können. Ihre Schlafzimmermöbel wirkten wie dunkelgraue Bauklötze und an der Wand, die der Balkontür gegenüber lag, zeichnete sich der übliche schwache Lichtschein der Straßenbeleuchtung ab. Jedoch stimmte in dieser Nacht mit dem rechteckigen, weißen Lichtschein, der für gewöhnlich nur von der Gittermusterung des Balkongeländers unterbrochen wurde, etwas nicht. Sie musste zweimal hinsehen, bis ihr Verstand den Umriss einer Gestalt akzeptierte, deren Schatten sich wie ein Scherenschnitt an der Wand abzeichnete.
Kalt lief es ihr über den Rücken. Das alles konnte nur ein Wachtraum sein, ein Hirngespinst, das mit der Realität verschmolzen war. Sobald sie das Licht einschaltete, würde auch dieser Schatten verschwinden. Natalie tastete nach dem Schalter. Die Lampe auf dem Nachttisch erfüllte den Raum mit Licht. Tatsächlich verschwand der Umriss, genau wie auch das Muster des Balkongeländers. Das flatternde Geräusch konnte sie aber immer noch hören und es sorgte dafür, dass sie sich kein bisschen besser fühlte.
Um dem Spuk endgültig ein Ende zu bereiten, stieg sie aus dem Bett und machte auch das Licht auf dem Balkon an. In dem Moment als das Licht aufblitzte, stand die Bestie vor ihr. Natalie wich zwei Schritte zurück, ohne ihren Blick abzuwenden. Ein eisiger Schauer floss durch ihre Venen. Sie wollte Schreien, doch ihre Stimme erstarb in einem leisen Keuchen. Hätte die Kreatur in diesem Augenblick die Scheibe durchbrochen und sich auf sie gestürzt, sie hätte sich nicht dagegen wehren können. Die Gestalt war in schwarze Lumpen gehüllt und Natalie konnte eine abscheuliche Fratze sehen. Ein unförmiges Etwas, eine Mischung aus Mensch, Ratte und Wolf, mit blutunterlaufenen Augen und einer angedeuteten Schnauze. Das breite Maul war weit aufgerissen und mit spitzen Zähnen gespickt. Eine Weile starrte Natalie das Wesen an, das abgesehen von den flatternden Lumpen keine Regung zeigte, als wäre es nur ein großes Stück Stoff, das der Wind auf den Balkon getragen hatte. Sie blinzelte und als sie die Augen wieder öffnete, war die Kreatur verschwunden. Die Anspannung fiel ab von ihr und sie sank wie eine leblose Hülle zu Boden, die Balkontür noch immer im Auge behaltend.
Wurde sie allmählich verrückt?
Wahrscheinlich raubten ihr die Erlebnisse seit der Eröffnungsfeier langsam den Verstand. In den vergangenen Wochen hatte sie, mit Ausnahme von André und dem Kommissar, weder mit Tina noch mit einer anderen Person darüber gesprochen. Stattdessen hatte sie versucht, das alles zu verdrängen, um ihr gewohntes Leben weiterzuführen. Sie stand auf und schaltete das Licht auf dem Balkon ab. Der schwarze Umriss erschien nicht wieder.
Sie machte sich Tee und setzte sich auf die Couch. Über die dampfende Tasse hinweg betrachtete sie das Foto ihrer Mutter.
„Was in Gottes Namen war das?“, flüsterte sie. „War es wirklich nur Einbildung?“
Die Antwort blieb das Bild ihr schuldig. Dafür klingelte es an der Tür, was sie beinahe zu Tode erschreckte. Ihre Nerven lagen blank. Es klingelte nochmals, und dieses Mal hörte sie André ihren Namen rufen. Schnell lief sie zur Tür und riss sie auf. André schob sich an ihr vorbei und lief geradewegs durch die Wohnung in ihr Schlafzimmer.
„Wo ist er?“
Andrés Stimme war ein tiefes Knurren. Einigermaßen verblüfft folgte sie ihm. Sein schwarzer Ledermantel, sein offenes Haar, das ihm ins Gesicht fiel und der finstere, konzentrierte Blick verliehen ihm etwas dunkles, beinahe Angst einflößendes. Zweifellos war er aufgebracht und wütend.
„Verschwunden“, antwortete Natalie. „Aber woher weißt du von der Kreatur auf meinem Balkon?“
André antwortete nicht, sondern öffnete die Balkontür und blickte nach draußen. Seine Fäuste waren geballt und es schien, als suche er jeden Zentimeter des Balkons ab, als habe sich die Kreatur in einem Riss im Beton verkrochen. Er blickte auch über das Geländer in die Tiefe, schaute nach oben, stieg auf die stählerne Konstruktion und Natalie traute ihren Augen kaum, als er sich nach oben zog, um auch den Balkon über ihr zu inspizieren.
Ohne ein Wort zu sagen sprang André vom Geländer, kam wieder rein und schloss die Tür, dabei schaute er noch mal auf den Balkon.
„André, woher wusstest du davon?“, fragte sie, dieses Mal lauter. Die Gewissheit, dass die Gestalt kein Hirngespinst war, machte ihr Angst. „Was geht hier vor?“ Ihre Stimme nahm einen leicht hysterischen Ton an.
Endlich schien André sie wahrzunehmen, kam auf sie zu und nahm sie in die Arme. Seine kräftigen Arme legten sich schützend um sie. Für den Moment vergaß Natalie ihren Stolz, ihre Fragen, ihre Angst und Unsicherheit. Zaghaft legte sie ihren Kopf an seine Brust und die ganze Anspannung und unterdrückten Gefühle brachen plötzlich aus ihr heraus. Tränen füllten ihre Augen und verschleierten ihren Blick. Er strich sanft durch ihre Haare.
„Es tut mir leid“, flüsterte er.
Der Stoff seines schwarzen Hemdes war warm und samtig. Sie atmete seinen angenehmen Duft ein und wurde unwillkürlich an Sandelholz und die verführerische Süße gebrannter Mandeln erinnert, der sich mit dem Ledergeruch seines Mantels und einem würzigen, herben Aroma verband, das ihm etwas Geheimnisvolles verlieh. Nach einer Weile war der erste Tränenfluss versiegt und sie schaute ihm in die Augen, in denen noch immer dieser nachdenkliche, finstere Blick lag. Er wich ihr nicht aus und es war ein zeitloser Moment, in dem ihre Seelen sich zu berühren schienen. Vorsichtig hob Natalie ihre Hand, berührte das glatt rasierte Gesicht, strich eine Haarsträhne von seiner Stirn. Er ließ es geschehen. Seine Nähe wirkte so vertraut auf sie, als würden sie sich schon viele Jahre kennen und nicht erst seit wenigen Tagen. Für den Moment vergaß sie ihre Unsicherheit und dass er neulich so mir nichts, dir nichts, verschwunden war. Und es schien als würden die Barrieren, die sie in den letzten Jahren um ihre Seele errichtet hatte, in diesem Augenblick wegschmelzen. Vielleicht war es die Nachwirkung der Angst, des Adrenalins und die Überraschung, ihn zu dieser Nachstunde bei sich zu wissen, vielleicht war es aber einfach nur er. Sie wollte diesen Mann. Sie wollte ihn ganz und für sich, ihn spüren und schmecken. Jetzt.
Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. Ein rauschender Gebirgsstrom von Gefühlen durchflutete ihren Körper, als sie Andrés Mund berührte. Zuerst war er überrascht von ihrem Kuss, und sie zweifelte für den Bruchteil einer Sekunde, ob es das Richtige war was sie tat, doch dann öffneten sich seine Lippen und er antwortete mit aller Leidenschaft. Seine kräftigen Hände glitten über ihre Schultern, ihren Nacken, durch ihr Haar, um es dann mit einem kräftigen Griff in Besitz zu nehmen. Sie versank in seinem Kuss, genoss das Ziehen auf ihrer Kopfhaut. Behutsam führte er sie Schritt für Schritt durch das Zimmer, ohne sich von ihr zu lösen. Seine freie Hand wanderte über ihr Pyjamaoberteil, öffnete es Knopf für Knopf. Die Hitze, die von ihm ausging, war beinahe übernatürlich. Seine harte Erregung, die im Moment des Kusses zum Leben erwachte und sich an ihren Bauch presste, allerdings sehr menschlich. Während er ihr den Stoff von den Schultern strich, sank sie aufs Bett, schob sich nach hinten und wartete darauf, dass er zu ihr kam. Sein Atem hatte fast den Klang eines Fauchens oder Knurrens, und weckte ungeahnte Gefühle in ihrem Bauch und tiefer. Sein Blick hatte sich verändert, strahlte Begierde und Verlangen aus. Auf allen Vieren kam er über sie und sie nutzte die Gelegenheit sein Hemd zu öffnen und ihm über die angespannten Brustmuskeln zu streichen. Die Haut, die sich über die gleichmäßigen Wellen seines durchtrainierten Bauches spannte, fühlte sich wie Seide an. Er küsste ihr Kinn, wanderte tiefer zu ihrem Hals. Sie spürte seine Lippen und etwas Spitzes, dass über ihre Haut kratzte. Ein angenehmes Prickeln überzog ihren gesamten Körper. Endlich umfasste er ihre Brüste, kreiste mit dem Daumen über die Knospen und saugte daran. Ein elektrischer Blitz schien von seinem Kuss direkt in ihren Schoß zu fließen. Seine Hände erforschten weiter ihren Körper. Er streifte ihr letztes Kleidungsstück ab, glitt mit den Fingern über die Innenseite ihrer Schenkel, tiefer über ihre Kniekehlen. Sie schloss die Augen, sank mit dem Kopf ins Kissen, als Andrés Lippen über ihren Bauch wanderten, sein Atem ihren Nabel umspielte. Er schob seine Hände unter ihren Po, als wollte er sie festhalten. Als seine Zungenspitze, die sich fordernd zwischen ihre Schamlippen schob, langsam nach oben glitt, bis sie die verborgene Perle entdeckte, meinte sie auf der Stelle zu explodieren.
André atmete Natalies betörenden Duft ein, schmeckte ihre Erregung, ihr Verlangen. Seine Fänge hatten sich weit aus dem Kiefer geschoben, pochten heftig und als er Natalie mit der Zunge verwöhnte, drang die Spitze eines Reißzahnes in die Haut ihres Schamhügels. Das war nicht so geplant und es war auch nicht mehr als der Stich einer Nadel. Sie schien es nicht bemerkt zu haben. Der einzelne Blutstropfen, der aus der Wunde quoll, benetzte seine Lippen. Ein Grollen entwich seiner Kehle, er konnte es nicht verhindern. Sie war einzigartig. Süß und würzig, durchdrungen von Adrenalin und dem Geschmack einer erregten Frau, der sich so schnell verflüchtigte, dass kein Blutbeutel und keine Phiole der Welt ihn aufzufangen vermochten. Sein Blutdurst erwachte mit einer Wucht, die ihn schwindelig machte, verlangte nach mehr. Mit allem was er an Widerstand mobilisieren konnte widerstand er der Versuchung, kämpfte dagegen an. Als die Wellen ihres Höhepunktes durch ihren Körper flossen, krallten sich ihre Finger in sein Haar. André gönnte ihr einen Moment der Entspannung, lehnte sich über sie und küsste sie.
„Ich will dich spüren“, sagte sie, während ihre Hände seine Gürtelschnalle öffneten. Sie umschloss ihn mit den Händen, massierte ihn gefühlvoll. Dann geleitete sie ihn zu seinem Ziel und André drang tief in sie ein. Die sanften Wellen ihres verklingenden Höhepunktes empfingen ihn, als sich ihr Fleisch um seinen Schaft schloss. Natalie nahm jeden Zentimeter der harten Erregung in sich auf. Eng spannte sich die seidene Haut über sein Geschlecht, ließ es bei jeder Bewegung noch mehr anschwellen. Er hörte seinen eigenen scharfen Atem und Natalies genüssliches Seufzen. Seine Fänge schoben sich bis zum Anschlag aus dem Kiefer. André wandte seinen Kopf ab, damit sie sein Gesicht in diesem Moment der Entblößung nicht sehen konnte. Kräftig und rhythmisch stieß er in sie, trieb seine Hüften gegen ihr Becken. Sein Gaumen schrie nach Blut. Doch er hielt diesem Verlangen stand, wagte kaum noch, sie am Hals zu küssen. Stattdessen nahm er sie, tröstete seinen Körper mit der Befriedigung der körperlichen Lust, stieß immer wieder zu. Natalies Stöhnen, das nach mehr forderte, ließ ihn noch wilder werden. Er fühlte ihre Hitze, ihre Nässe, labte sich an ihren Düften, und während Natalies Körper mit ihrem aufkeimenden Höhepunkt erzitterte, spürte André, wie sich seine Muskeln zusammenzogen, der Blick verschleierte sich vor seinen Augen und in einem letzten, tiefen Stoß ergoss er sich in ihr.
Während er Natalie geliebt hatte, war ihm jegliches Zeitgefühl verloren gegangen. André konnte nicht mehr sagen, ob es Stunden waren oder nur wenige Minuten, in denen sie ganz ihm gehört hatte. Nun lag sie neben ihm. Sie hatte sich an seine Brust geschmiegt und er konnte noch spüren, wie ihr Körper sanft vibrierte. Doch mit der abklingenden Lust kehrten auch seine Sinne zurück und er bemerkte die Kälte, die durch die Balkontür ins Schlafzimmer kroch. André sah das Wesen in dem Moment, als auch der Assassine zu spüren schien, dass seine Anwesenheit nicht mehr unbemerkt war.
André hütete sich vor einer allzu raschen Bewegung, um Natalie nicht zu verunsichern. Noch ehe er in den Geist der Bestie eindringen konnte, ergriff der Assassine die Flucht. Wie ein Fächer schwang sich der Mantel des Bastards auf und stürzte über das Geländer.
Wie hatte er nur so leichtsinnig sein können? Ruckartig setzte er sich auf. Natalie blickte ihn fragend an. Er stieg aus dem Bett und griff nach seinen Sachen.
„Ich muss weg“, sagte er.
Natalie stand auf und streckte ihre Hand nach ihm aus, doch er wich einen Schritt zurück. Er durfte es nicht noch schlimmer machen.
„Was hast du?“, fragte sie.
„Es war ein Fehler.“
Er konnte fühlen, wie hart seine Worte sie in diesem Moment trafen und verletzten. Am liebsten hätte er sie in den Arm genommen, ihr gesagt, wie leid es ihm tat und wie dumm er doch war. Stattdessen eilte er aus der Wohnung.
Reglos hockte Natalie am Bettrand und betrachtete die Tür zum Flur. Sie verstand die Welt nicht mehr. Was hatte sie falsch gemacht? Zuerst liebte er sie und dann packte er seine Sachen und verschwand, ohne ihr den Grund zu erklären. Hatte sie sich so in ihm geirrt? Hatte er sie nur benutzt wie ein billiges Flittchen oder eine Mätresse? Seufzend sank sie auf ihr Bett zurück und dachte über den Abend nach. Sie fragte sich, woher André von dem Wesen wusste. Er hatte ihr nicht auf ihre Fragen geantwortet und das verwirrte sie.
Ein eisiger Schauder lief über ihren Rücken, als sie an die Kreatur auf dem Balkon dachte. Sie tastete nach ihrem Handy, überlegte ob sie Tina anrufen sollte, um mit irgendwem darüber zu reden, doch sie verwarf diesen Gedanken. Tina würde sie wahrscheinlich für verrückt halten.
Zacharias legte das Buch beiseite, in dem er gerade las, und nahm den schweren Hörer des klingelnden Telefons von der Gabel.
„Es gibt interessante Neuigkeiten“, sagte eine keuchende Stimme.
„Ich höre“, antwortete Zacharias und als der Assassine ihm von Andrés Verbindungen zu Natalie Adam berichtete, huschte ein seltenes Lachen über seine alten Gesichtsfalten. „Barov wird sie bewachen lassen. Aber ich möchte, dass Ihr die Frau weiter beobachtet. Ihr soll nichts geschehen. Wir werden diese Trumpfkarte erst ganz zum Schluss ausspielen.“