Epilog




Nach der Hochzeit waren sie im teuersten Hotel der Stadt abgestiegen und hatten in der Honeymoon Suite ihre kleine, private Feier abgehalten. Mit Sekt und Erdbeeren. Drei Flaschen Sekt. Sie liebten sich überall, um diesen besonderen Tag gebührend zu feiern.
Irgendwann im Morgengrauen räkelten sie sich träge auf dem riesigen Wasserbett. Erschöpft und etwas schläfrig lag Josh neben ihr, den Kopf auf ihrem flachen Bauch liegend, und sah sie verträumt an.
"Meine Ehefrau." Dann lächelte er, als wäre er über etwas hoch erfreut und vergrub sein Gesicht zwischen ihren Brüsten.
"Gönn mir etwas Ruhe. Sonst kann ich morgen nicht mehr das Zimmer verlassen." Er sah ihr tief in die Augen.
"Ist das ein Versprechen?" Sie schlug träge mit ihrer Hand gegen seine Schulter und er schmiegte sich an sie.
Nach einer Weile fragte er leise: "Möchtest du viele Kinder?" Cass versteifte sich und stützte sich auf ihre Ellbogen, damit sie ihn ansehen konnte.
"Josh. Du weißt, dass ich nicht..." Er schnitt ihr das Wort ab und fragte noch einmal: "Willst du Kinder?" Sie nickte und nach kurzem Überlegen fügte sie noch hinzu: "Aber erst einmal möchte ich unsere gemeinsame Zeit genießen. Ich will alles über dich wissen und außerdem musst du mir noch sehr viel über die Wölfe erzählen." Er küsste ihren Bauch immer wieder und fuhr mit seiner Zunge bis hoch zu ihrem Hals. Dann küsste er zärtlich ihre Lippen und sah ihr tief in die Augen.
"Das hat noch Zeit. Ich werde dir zu gegebener Zeit alles erzählen. Ich habe eine kleine Frage, mein Schatz." Cass sah ihn verdutzt an.
"Wie lange liegt deine letzte Periode zurück?" Sie wurde knallrot und stieß ihn weg.
"Warum willst du das wissen? Das geht dich nichts an. Das ist Frauenkram." Er zog sie wieder in seine Arme und drückte sie aufs Bett. Dann glitt er wieder zu ihrem Bauch und flüsterte ihm zu: "Sie ist manchmal etwas schwer von Begriff. Aber das werden wir schon hin bekommen." Dann streichelte er sanft darüber und legte sein Ohr auf den Bauch. Nach ein paar Sekunden hörte er, wie sie scharf Luft einzog.
"Ist das dein Ernst?" Josh sah zu ihr auf und nickte freudestrahlend.
"Ich würde sagen, unser Vorehelicher Sex ist nicht ganz ohne Folgen geblieben." Sie setzte sich auf und nahm sein Gesicht in ihre Hände.
"Wenn du mich veräppelst, bist du ein toter Wolf!" Er legte seine Hände auf ihre und sah sie mit einer Intensität an, die ihre Knie weich werden ließ.
"Über so ein wichtiges Thema würde ich nie Witze machen. Ich habe sein Herz gehört." Sie war sprachlos. Dann dachte sie genau über seine Worte nach.
"Sein Herz? Es könnte auch ein Mädchen sein." Er lachte laut los und drückte sie fest an sich.
"Nein, nein. Zwei von dir halte ich nicht aus. Es wird bestimmt ein kleiner Junge." Sie wand sich aus seinen Armen und ein Kissen traf ihn im Gesicht. Dann begann eine wilde Kissenschlacht.

In einem alten, verlassenen Haus am Stadtrand von Silver Spring trat Derek gegen einen Tisch, der unter der Wucht zusammen brach. Er hatte sein Rudel verloren, seine Hoffnung auf eine Zukunft in Reichtum und Macht.
Und das alles nur wegen dieser kleinen Schlampe.

Aber er würde seine Rache noch bekommen. Und er würde das Kind finden, dass den Krieg der Götter entscheiden sollte. Das Blatt würde sich schon bald wenden. Und dann würde er als Letzter lachen. Jetzt war er der getretene Hund, aber dann...
Für den Notfall, dass er irgendwann vor den Alexandria-Wölfen oder einem anderen Rudel fliehen musste, hatte er sich über die Jahre Barmittel und Waffen zur Seite gelegt. Es war ein leichtes daran zu kommen und unter falschen Namen ein Haus zu erwerben. Er würde sich mit dem Geld ein neues Rudel aufbauen und dann die Silver-Spring-Wölfe und die Alexandria-Wölfe vernichten. Jeden einzelnen von ihnen. Er würde der alleinige Anführer der beiden Reviere sein und er würde von Odin reich belohnt werden, wenn er erst das Kind gefunden hatte.

Die Sonne stand schon tief als drei Männer den schneebedeckten Wald durchforsteten. "Heute haben wir kein Glück." Robert sah sich noch einmal um und nickte dann zustimmend.
"Ich glaube, du hast recht. Lasst uns Heim gehen." Gerade als er sich umdrehen wollte, bemerkte er einen Raben, der ihn anstarrte. Sonderbar. Das schwarze Tier saß nur wenige Meter vor ihm auf einem Baum. Seine Augen zeugten von Intelligenz und seine Gestalt war größer, als bei normalen Raben. Er schien ihn ebenfalls zu mustern.
Der ältere Mann, der zusammen mit Robert und Michael auf die Jagd gegangen war, sagte erschrocken: "Das ist ein Zeichen!" Robert sah von dem alten Mann zu dem Raben. Dieser breitete mit einem Mal seine Flügel aus und flog Richtung Wald.
An der Stelle, wo er landete, lag etwas im Schnee. Ein zweiter Rabe wartete, wie ein Wachposten, auf den Ersten. Es war der Fuß eines ziemlich steilen Berges und normalerweise kam er hier nicht mit seinem Rudel vorbei. Robert zog die kalte Luft ein und hob dann seine rechte Hand.
"Bleibt zurück. Ich wittere Blut!" Nachdem er sich umgesehen hatte, um einen Hinterhalt auszuschließen, ging er vorsichtig zu der Stelle, an der die Raben saßen und sah eine nackte Frau im Schnee liegen.
"Oh mein Gott." Die beiden anderen Männer kamen sofort zu ihm und betrachteten das reglose Mädchen. Sie lag bewusstlos und zusammengerollt im Schnee. Der Blutgeruch kam von ihren Schenkeln. Scheiße! Das würde Vivien überhaupt nicht gefallen. Außerdem war ihr Körper mit blauen Flecken und Schürfwunden übersät.
"Wir müssen sie ins Warme bringen!" Robert zog seine Jacke aus und streifte sie dem Mädchen über. Sie war so kalt und blass, atmete aber noch. Als er sie hoch hob, regte sie sich leicht. Ihre Augenlider flatterten und als sie langsam die Augen öffnete, konnte er den Himmel auf Erden sehen. Wie gebannt blieb er stehen und betrachtete die Schönheit in seinen Armen. Ihre blonden, schulterlangen Haare waren wie flüssiges Gold und ihre Lippen waren einladend, hatten aber durch die Kälte eine blaue Färbung. So eine Schönheit hatte er noch nie gesehen. Die beiden Männer räusperten sich und Robert setzte sich wieder in Bewegung. Der Kopf des Mädchens sank gegen seine Brust und sie schien wieder das Bewusstsein verloren zu haben.
"Wir bringen dich in Sicherheit." Der ältere Mann sah sich noch einmal um und entdeckte die Raben ein Stück entfernt auf einem Baum. Er machte eine tiefe Verbeugung vor den schwarzen Tieren und murmelte: "Habt Dank, Hugin und Munin!"