22. Kapitel




Die Tage und Wochen vergingen und Cassandra fühlte sich immer noch leer und verlassen. Obwohl Josh wirklich alles versuchte, um sie wieder aufzumuntern.
Eines Abends kam Cassandra ins Fernsehzimmer und beobachtete Evan, der den riesigen DVD-Schrank durchsuchte.
"Hey Evan. Was schauen wir uns heute an?" Sie ließ sich mit einer kleinen Plastikflasche Wasser auf das Sofa fallen und sah Evan fragend an.
"Eigentlich den Diesel. Aber er ist verschwunden." Sie hob fragend die Augenbrauen.
"Diesel?" Evan hob den Kopf und sah sie mit einem schrägen lächeln an.
"Sag nicht, du kennst Vin Diesel nicht? The Fast and the Furious? Klingelts?"
"Der Kahlkopf mit den Muckis? Babynator, richtig?" Evan stöhnte theatralisch und verdrehte die Augen.
"Genau der." Dann wurde sein Gesicht etwas ernster. Er kam zu ihr und setzte sich neben sie auf die Couch.
"Hör mal. Wir hatten bis jetzt noch keine Gelegenheit mal allein zu reden." Cass runzelte die Stirn. Was würde jetzt kommen? Hatte Evan Bedenken wegen ihrer Beziehung zu Josh?
"Um dich damals aufzuspüren musste ich in deinen Traum schauen."
"Okay!?" Er wand sich förmlich unter ihrem Blick.
"Was ist? Schieß los." Er sah überall hin, nur nicht in ihre Augen.
"Ich bin ausgerechnet in den Traum gestolpert, indem du dir an allem die Schuld gibst, was bisher mit deiner Familie passiert ist." Sie musste tief Luft holen. Das hatte er also gesehen. "Weißt du, ich kenne dich zwar noch nicht so gut, aber ich habe gesehen und gefühlt, dass dir Josh sehr am Herzen liegt und das du unglaubliche Verlustängste hast."
Oh ja. Evan war definitiv in ihrem Traum gewesen und hatte ALLES mitbekommen.

"Eigentlich wollte ich dir nur sagen, dass du eine wunderbare Frau bist und ein glückliches Leben verdient hast." Sie musste schmunzeln.
Er war wirklich süß.

"Wenn du mal eine Schulter zum ausheulen brauchst, bin ich gerne da." Sie konnte einfach nicht anders. Sie schloss ihn in die Arme und flüsterte an seinem Ohr: "Danke. Das bedeutet mir sehr viel." Von der Tür kam ein räuspern und als Cass auf sah, bemerkte sie Mark, der in der Tür stand.
"Störe ich?" Cass löste sich von Evan, dem die Umarmung anscheinend sehr gefallen hatte und lächelte Mark an.
"Nein, nein. Komm rein. Ich hab mich nur eben bei Evan bedankt." Hinter ihm kamen noch Lydia und Emily ins Zimmer. Cass wurde sich sofort Lydias abweisenden Blickes bewusst und drehte sich zu Emily um. Obwohl sie noch nicht lange beim Rudel war, wurde sie von allen, bis auf Lydia, sehr gut aufgenommen. Die Männer schienen ihre sportliche Aktivität zu bewundern und Emily war wie eine Schwester zu ihr.
Mittwochs war beim Rudel immer Filmabend. Jeder durfte sich aus der riesigen Sammlung eine DVD aussuchen, wobei danach darüber abgestimmt wurde, was angesehen werden sollte. Während die Männer noch diskutierten, stand die Frauen etwas abseits und schenkten sich Wein ein. Emily lächelte Cass an und sagte verschwörerisch: "Ich finde es toll, dass du jetzt hier bei uns bist. Josh wird bestimmt bald um deine Hand anhalten." Lydia stieß ein ungläubiges "Ha" aus und sah Cass abwertend an.
"Ich kenne Josh schon seit Jahrzehnten und er wird sich nie mit nur einer Frau zufrieden geben. Was glaubst du, warum er dich noch nicht geheiratet hat oder zumindest einen Termin festsetzt?" Cass packte Lydia am Arm und zerrte sie in eine Ecke.
"Wenn du versuchst ihn zu verführen, werde ich dich zerfleischen!" Sie erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder, die vor Gift und Galle nur so tropfte. Aber Lydia schien unbeeindruckt.
"Du könntest noch so viele Männer erproben und einen anderen finden, der besser zu dir passt. Lass Josh in Ruhe." Sie klopfte sich auf die wohl geformte Hüfte.
"Außerdem braucht er Kinder. Ich könnte sie ihm schenken."
Woher zum Teufel wusste sie das?
Ausgerechnet diese Frau, die hinter ihrem Josh her war, warf ihr eine solche Frechheit an den Kopf. Cass sah bei diesen Worten rot und gab Lydia eine Ohrfeige. Diese wehrte sich und stieß Cass zu Boden, um sich im nächsten Moment auf sie zu setzten und an ihren Haaren zu zerren. Cass stemmte sich mit einem Bein vom Boden ab und warf Lydia auf den Rücken, sodass sie nun oben auf saß.
"Du hinterhältige Schlampe." Sie griff nach Lydias Händen, die immer noch an ihren roten Locken zerrten. Dann stieß ihr Lydia ihr Knie in die Seite und Cass keuchte vor Schmerz. Sie holte aus und verpasste ihr dieses Mal einen härteren Schlag. Mit geschlossener Hand. Lydias Lippe sprang auf und begann sofort heftig zu bluten. Aber dieses Miststück gab nicht auf. Mit ihren fein säuberlich manikürten Fingernägeln krallte sie sich in Cassandras Schulter und versuchte, sie von sich zu drücken, aber Cass bewegte sich keinen Zentimeter. Dann biss sie die Zähne zusammen und ihr Kopf schnellte nach vorn um Cass an der Stirn zu treffen. Das hatte gesessen und Cass musste mehrmals blinzeln um Lydia wieder klar zu sehen. Deren Faust hatte sie nicht kommen sehen. Lydia traf Cass an der Schläfe und sie fiel zur Seite. Aber die Benommenheit währte nur kurz. Gerade als sich Cass wieder auf Lydia stürzen wollte, wurde sie am Arm zurück gerissen. "Cassandra! Was zum Teufel tust du da?" Wutentbrannt und noch immer vom Kampf erhitzt sah sie ihn an und stieß ihn von sich. An Lydia gewandt sagte sie im tötlich ruhigen Ton: "Das nächste Mal rettet er dich nicht. Ich würde an deiner Stelle aufpassen was ich sage!" Damit stürmte sie aus dem Fernsehzimmer. Zurück blieb eine Gruppe verwunderter Männer, eine leichenblasse Emily und eine blutende Lydia, die insgeheim Rache schwor.

Annika stellte zwei Tassen Kaffee auf den Tisch und sah in Cassandras ramponiertes Gesicht. "Wolltest du nicht eigentlich aufhören, dich zu prügeln?" Cass sah ihre beste Freundin an und lachte kurz auf.
"Das klingt ja so, als würde ich mich jeden Tag mit einer Nebenbuhlerin schlagen. Meine letzte Prügelei ist schon mindestens zehn Jahre her, wenn nicht sogar schon länger." Annika schüttelte amüsiert den Kopf.
"Jetzt erzähl mal. Warum hast du das arme Ding verhauen?" Cass schnaubte abfällig.
"Du kennst sie nicht. Lydia ist ganz sicher kein armes Ding. Sie macht sich an Josh ran, obwohl sie weiß, dass er mit mir zusammen ist." Sie rieb sich über die Schläfe.
"Und sie hat einen verteufelten rechten Haken." Ann schob ihr einen Teller mit Schokokeksen vor die Nase und schüttelte dann lachend den Kopf.
"Wie lange ist diese Lydia schon bei Josh?" Cass zuckte mit den Schultern.
"Sie sagte, etwas über Jahrzehnte." Ann warf ihr eine Blick zu, der sagte, dass sie zwischen den Zeilen lesen sollte.
"Wenn Josh wirklich scharf auf sie wäre, denkst du nicht, er hätte sie schon längst gevögelt?" Die Kaffeetasse wanderte zu Cassandras Lippen und Ann konnte ihr förmlich ansehen, wie es in ihrem Kopf arbeitete. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihren Lippen aus.
"Du hast völlig Recht! Diese kleine Schlampe hat keine Chance gegen mich." Ann nickte zustimmend und holte zwei Stück Torte aus dem Kühlschrank.
"Woher kommen eigentlich diese ganzen Kalorienbomben?" Ihre beste Freundin zuckte mit den Schultern.
"Jeanettes neuer Lover ist Konditor und versorgt uns und die Mädchen mit Süßem." Annika grinste.
"Ich hatte letzte Woche Wäschedienst und hab ihre Bettwäsche gewaschen. Alles voller Sahne und Schokolade." Cass hob die Hände.
"Ich will es gar nicht wissen." Beide lachten. Sie mochte diese Gespräche mit Ann wirklich. Und sie hatten ihr gefehlt, als sie in Seattle war. Jesikas Hochzeit hatte sie auch verpasst, was sie mächtig ärgerte. Aber die Fotos waren wirklich schön gewesen. Und erst dieses traumhafte Kleid.
Als sie später in der Nacht wieder nach Hause kam, waren schon alle in ihren Zimmern. Josh wartete natürlich auf sie.
"Wo hast du gesteckt? Und warum hast du dein Handy nicht mitgenommen?" Cass verdrehte sie Augen.
"Bitte. Ich bin doch kein Kind mehr." Er packte ihren Arm.
"Derek könnte draußen auf dich lauern. Und ich hätte dich nicht mal per Handy orten können! Es hätte sonst was passieren können." Sie lächelte ihn selig an.
"Warum grinst du so? Das ist ein ernstes Gespräch und keine Spaßveranstaltung!" Er schrie schon fast.
"Tut mir Leid." Sie grinste immer noch. Mit seiner freien Hand fuhr er sich durch die Haare.
"Warum hast du dich heute mit Lydia geschlagen?" Sie zuckte mit den Schultern.
"Das ist eine Sache zwischen ihr und mir." Sie streichelte über seine Wange.
"Zerbrech dir nicht dein hübsches Köpfchen darüber." Nun musste auch er grinsen.
"Willst du mir nun endlich sagen, wo du warst?" Er schnupperte an ihrem Hals und dann versank sein Gesicht in ihren Haaren. In letzter Zeit trug sie es wieder offen und er schien es zu lieben.
"Ich war bei Annika. Wir haben Kaffee getrunken und Kuchen gegessen." Sie wusste nicht, ob er ihre Antwort überhaupt gehört hatte, aber er knabberte schon eine Weile genüsslich an ihrem Hals und seine Hände waren zu ihrem Hintern gewandert.
"Kann ich dir eine Frage stellen?" Ein zustimmendes Brummen war zu hören.
"Hast du das eigentlich ernst gemeint mit dem Antrag?" Er hielt mit den Liebkosungen auf und sah sie nachdenklich an. Nach einer Ewigkeit trat er unbehaglich von einem Bein aufs andere.
"Du nimmst ihn aber jetzt nicht zurück, oder?" Ihre Stimme war etwas verwundert und auch gereizt.
"Nein. Ich dachte, du willst vielleicht erst einmal etwas Zeit. Wegen Charly und Carla und so." Cass sah ihn gerührt an. Er war so süß.
"Das ist der Grund warum ich dich so sehr liebe. Du bist mein Lichtblick in dieser ganzen schwierigen Zeit."

Josh nahm sie in die Arme und drückte sie fest an sich.
"Außerdem haben wir noch eine Ewigkeit Zeit. Wir müssen nichts überstürzen." Das er nicht unbedingt an einer Ehe interessiert war, sagte er ihr lieber nicht. Unter normalen Umständen würde er sie sofort heiraten, aber er hatte sich noch nie fest binden wollen. Zumindest nicht, bevor er Cass kennengelernt hatte. Er liebte Cassandra, dass war keine Frage, aber konnte er sich vorstellen, bis an sein Lebensende mit ihr zusammen zu leben? Wollte er sein Junggesellenleben aufgeben? Noch vor ein paar Wochen war er nicht mehr von der fixen Idee einer Hochzeit abzubringen gewesen. Aber nun, nachdem wieder Alltag eingekehrt war und er sich ihrer sicher sein konnte, brauchte er keine Hochzeit mehr. Sie gehörte ihm. Jeder im Rudel wusste das und würde es nicht wagen, sich ihm in die Quere zu stellen.